Mordfall für Tallulah Bankhead

George Baxt
Mordfall für Tallulah Bankhead

(Jacob-Singer-Serie, Bd. 3)

Originaltitel: The Tallulah Bankhead Murder Case (New York : St. Martin’s Press 1987)
Übersetzung: Gertraude Krueger
Deutsche Erstausgabe: 1993 (Haffmans Verlag)
265 S.
ISBN-10: 3-251-30017-2
Neuausgabe: 1994 (Heyne Verlag/Haffmans Kriminalromane 05/62)
265 S.
ISBN-13: 978-3-453-07297-8

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Das geschieht:

New York, 1952: Die Hexenjagd des paranoiden US-Senators Joseph McCarthy ist auf ihrem Höhepunkt. Sie richtet sich gegen „Kommunisten“, echte oder eingebildete, die sich vor dem „House Committee on Unamerican Activities“ (HUAC) zu ihren „unamerikanischen Aktivitäten“ äußern müssen. Befindet sie dieses Tribunal für schuldig, werden sie bestraft, finden sich auf einer Schwarzen Liste wieder und erhalten praktisch Berufsverbot.

Die Künstlerwelt ist dem HUAC schon lange ein Dorn im Auge. Sie gilt als Stall allzu freidenkender Salon-Kommunisten, den es endlich auszumisten gilt. Um ihre Pfründen bangend schlagen sich die großen Filmstudios in Hollywood, aber auch Radiostationen, Theater und sogar Nachtclubs im ganzen Land auf die Seite der Hexenjäger. Diese zwingen ihre Opfer unter Androhung hoher Strafen dazu, Namen von „Kommunisten“ zu nennen. Die Folge: ein blühendes Denunziantentum.

Unschuldige Schauspieler, Autoren, Sänger stehen vor dem Nichts, geraten in tiefe Not, begehen verzweifelt Selbstmord. Wer sich dem Terror widersetzt, gerät sofort selbst in die HUAC-Mühlen. Das muss sogar die große Tallulah Bankhead lernen. Die exzentrische Schauspielerin hasst die McCarthy-Clique aus tiefstem Herzen. Weil sie immer wieder versucht, die Schwarze Liste zu unterlaufen, ist sie selbst ins Visier der Hexenjäger geraten. Trotzdem kuscht sie nicht und hilft sogar der Polizei, als ein Unbekannter damit beginnt, McCarthy-Knechte und Denunzianten umzubringen. Jacob Singer von der Mordkommission zeigt zwar wenig Begeisterung über den Feuereifer seiner selbst ernannten Assistentin, aber gegen Tallulah kommt er nicht an. Das bringt die prominente Hobby-Detektivin nicht nur einmal in Lebensgefahr, als sie dem Mörder zu nahe kommt …

Schwarzer Humor vor düsterem Hintergrund

Ungewohnt ernste Töne schlägt die dritte Episode der „### Murder Case“/„Jacob Singer“-Serie an. Zwar wimmelt es wieder von skurrilen und überzeichneten Figuren, die in der Kunst des flotten Wortwitzes wohl bewandert sind. Aber Autor Baxt erzählt seinen schnurrigen Krimi vor ernstem Hintergrund. In kurzen, intensiven Episoden schildert er Durchschnittsmenschen, die von der HUAC in den Tod getrieben werden. Das ist tatsächlich geschehen, wie überhaupt die McCarthy-Ära zu den großen Schandflecken der modernen US-Geschichte gehört.

Baxt kennt sich aus; in diesem Roman tritt er sogar persönlich auf. In den 1950er arbeitete er als Theateragent in New York. Dass er weiß, über wen und worüber er schreibt, merkt man seinem Buch an. Es wird deutlicher als sonst, dass die Baxt-Thriller nicht die eindimensionale Unterhaltung sind, für die man sie zunächst hält. Der Verfasser veranschaulicht, was die McCarthy-Hexenjagden bedeuteten: die Zerstörung von Leben, wobei Opfer und Denunzianten gleichermaßen betroffen sind.

Mordgedanken mögen in dieser düsteren Zeit vielen Betroffenen durch den Kopf gegangen sein. Sie blieben unverwirklicht. Baxt greift sie nachträglich auf formt daraus einen Plot, der nicht besonders originell gerät, aber durch die fabelhaft gelungene Verklammerung mit der historischen Realität und die beachtliche Figurenzeichnung seine Wirkung nicht verfehlt.

Die unnachahmliche Tallulah

Tallulah Bankhead (1902-1968): eine vielleicht nicht begnadete aber außerordentlich vielseitige Künstlerin vor der Kamera, auf der Bühne, hinter dem Mikrofon, vor allem jedoch eine Selbstdarstellerin, deren Privatleben weitaus mehr Aufsehen erregte als ihre Karriere. In Deutschland kennt sie kaum jemand, was schade ist. Wenn man nicht der Tallulah-Interpretation von George Baxt trauen möchte, verrät der Blick auf die wahre Biografie, dass er wohl nicht übertrieben hat. (Eine schöne Rückschau auf Tallulahs Leben präsentiert z. B. diese Website.)

Diese Frau hat die Kerze wahrlich an beiden Enden angezündet und ist trotzdem relativ alt geworden. Kompromisse hat sie niemals schließen wollen, über gesellschaftliche Konventionen setzte sie sich elegant hinweg, und sie hatte ihr Leben dennoch so gut im Griff, dass sie viel betrauert und anders als viele ihrer Weggenossinnen als reiche Frau starb. (Tallulahs „Kodein! Bourbon!“-Schlachtruf auf dem Totenbett fehlt in keiner Sammlung berühmter letzter Worte.)

George Baxt schreibt vorsichtshalber über die mittelalte Tallulah, die noch im Vollbesitz ihrer körperlichen und geistigen Kräfte ist. Die Schicksalsschläge in dieser Geschichte treffen nicht die Hauptdarstellerin, sondern Unglückswürmer wie Dorothy Parker oder die zahlreichen echten und tragischen Schurken dieses Spiels.

Wer sind hier eigentlich die Bösen?

Jacob Singer ist mehr denn je der „Kriminalbeamte der Stars“, ein Polizist, der in einem Thriller nun einmal nötig, aber in den „Mordfall für …“-Krimis eigentlich nur Randfigur ist. Ein bisschen härter als sonst kommt er einmal vor, aber er wird ja auch älter und abgebrühter. (Interessanterweise hielt Baxt diese Veränderung durch, obwohl er seine Serie keineswegs in chronologischer Reihenfolge schrieb, sondern wüst zwischen den 1920er bis 1950er Jahren sprang.)

Zudem muss auch Singer sich der Frage stellen, wie er sich in den Dienst einer Regierung stellen kann, die eine juristische Perversion wie das HUAC duldet oder sogar fördert. McCarthys Umtriebe gelten u. a. auch als Beleg dafür, dass in den USA die Menschen frei sind – so frei, dass sich eben auch Rattenfänger und Blender etablieren können, wenn sie über zahlen- und finanzstarken Rückhalt entsprechend gepolter Interessengruppen verfügen. Dass diese Argumentation nicht zieht, weil auf diese Weise echtes und nachträglich als solches bestätigte Unrecht geschieht, vermag Baxt ebenfalls unterhaltsam aber eindringlich deutlich zu machen.

Autor

George Baxt wurde am 11. Juni 1923 in New York, Stadtteil Brooklyn, geboren. Der Überlieferung nach war er ein Wunderkind, dessen erste Geschichte bereits 1932 veröffentlicht wurde. Auch am Theater versuchte sich das Multi-Talent; sein erstes Stück wurde gespielt, als Baxt gerade 18 war – und nach einem Tag abgesetzt.

Baxt erweiterte unverdrossen die Palette seiner Aktivitäten, schrieb für Bühne, Film und Fernsehen, arbeitete als Theateragent und für die Presse und lernte dabei viele der Künstlerinnen und Künstler kennen, die er später in seinen Thrillern auftreten ließ. In den 1950er Jahren zog Baxt nach England. Dort schrieb er eine Reihe von Drehbüchern für Horrorfilme wie „Circus of Horrors“, „Horror Hotel“ oder „Burn, Witch, Burn“: solide, trashige B-Movie-Ware, die noch heute gern im Nachtprogramm finanzschwacher TV-Sender gezeigt wird.

Seltsamerweise schrieb Baxt erst 1966 seinen ersten Roman („A Queer Kind of Death“). Der Titel verrät es: Hier startete die für ihre Zeit noch ungewöhnliche (insgesamt zehnbändige) Serie um den homosexuellen Privatdetektiv Pharoah Love. Weniger konträr, sondern für das breite Publikum verfasst war die „###- Murder-Case“-Serie, die Baxt 1984 begann; für das “###” ist jeweils der Name eines berühmten (weiblichen oder männlichen) Künstlers (meist Filmstars) einzutragen. (Band 4 bildet die einzige Ausnahme.) Als Ermittler trat in allen diesen Romanen Detective Jacob Singer auf.

Mit großem Erfolg führte George Baxt die Reihe über 13 Bände fort. Mit „The Clark Gable and Carole Lombard Murder Case“ verabschiedete er sich 1997 von Jacob Singer und trat in den Ruhestand. Am 28. Juni 2003 starb George Baxt kurz nach seinem 80. Geburtstag in New York City.

Copyright © 2014/2017 by Michael Drewniok (md)

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