Selbstmord kommt vor dem Fall

Ed McBain
Selbstmord kommt vor dem Fall

(87. Polizeirevier, Bd. 15)

Originaltitel: Like Love (New York : Simon and Schuster 1962)
Übersetzung: Lieselotte Julius
Deutsche Erstveröffentlichung: August 1965 (Rowohlt Verlag/RoRoRo-Thriller 2077)
126 S.
[keine ISBN]
Neuauflage: 1974 (Ullstein Verlag/Ullstein Kriminalroman 1606)
125 S.
ISBN-10: 3-548-01606-5
Neuauflage: 1989 (Ullstein Verlag/Ullstein Kriminalroman 10640)
125 S.
ISBN-13: 978-3-548-10640-3

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Das geschieht:

Frühling in Isola. Für die Männer vom 87. Polizeirevier beginnt er alltäglich, d. h. hässlich: Ein Pechvogel von Vertreter wird durch eine Gasexplosion in Stücke gerissen. In den Trümmern der verwüsteten Wohnung findet man zwei weitere Leichen: Der junge Tommy und die noch jüngere Irene haben offenbar den Gashahn aufgedreht; ein Abschiedsbrief, der ihre unmögliche Liebe beklagt, wird gefunden.

Routine also für Steve Carella und Cotton Hawes, die mit dem Fall betraut werden. Doch die erfahrenen Beamten stoßen bei ihren Nachforschungen auf seltsame Widersprüche. So schildern die Familien ihre Verstorbenen keineswegs als lebensmüde Zeitgenossen. Im Gegenteil: Irene schöpfte gerade neuen Lebensmut, nachdem sie sich entschlossen hatte, den ungeliebten Gatten Michael Thayer für besagten Tommy zu verlassen. Dieser wird wiederum von seinem jüngeren Bruder Amos als Ausbund schierer Lebensfreude geschildert.

Folgerichtig gerät Thayer ins Fadenkreuz der Ermittlungen. Doch es finden sich keine echten Verdachtsmomente. Neue Fälle drängen, deren Aufklärung realistischer erscheint. Der pflichtbewusste Carella muss den Doppeltod schließlich widerwillig zu den Akten legen, kann ihn aber nicht vergessen.

Als er eines Tages wieder einmal Amos Barlow befragen möchte, wird er vor dessen Haustür von einem Unbekannten angegriffen und übel zusammengeschlagen. Kaum ist Carella halbwegs genesen, wird die Attacke wiederholt. Ist der Polizist einer unerfreulichen Lösung ein Stück zu nahe gekommen? Die Wahrheit ist eine Überraschung. Vor allem ist sie jedoch traurig und banal – eine Miniatur-Tragödie, ein modernes Großstadtdrama, dessen Aufklärung den chronisch überlasteten Beamten des 87. Reviers wenig Befriedigung bringt …

Mord versaut die Statistik

Ihr fünfzehnter Fall stürzt die Männer vom 87. Revier wieder einmal mitten in die traurige Welt des banalen Alltagsverbrechens. Sie bekommen es mit einem Mörder zu tun, der nicht genial ist, sondern in erster Linie von der ‚Unwichtigkeit‘ seiner Opfer profitiert: Eigentlich interessiert es niemanden, was wirklich geschehen ist. Ein Selbstmord käme den Behörden sogar ganz gut gelegen, denn neue Fälle drängen bereits.

Im Mittelpunkt steht weniger die Suche nach dem Täter, sondern der recht triste Alltag überarbeiteter Polizisten. Steve Carella und seine Kollegen sind durchaus fähig und guten Willens, aber sie haben fast kapituliert vor der Flut ihrer Aufgaben. Lässt sich ein Verbrechen nicht praktisch auf Anhieb klären, gerät es zwar nicht in Vergessenheit, aber es wandert in den Schrank mit den ungelösten Fällen. Dort ist es für einen Übeltäter wunderbar aufgehoben.

Dass Carella, Meyer, Kling oder Hawes ihren Instinkt den Sachzwängen nicht unterwerfen möchten, beschert ihnen viele Überstunden und ein schwieriges Privatleben. Aber auch im Job dürfen sie nicht mit Zuspruch rechnen. Die guten Bürger von Isola lieben ihre Polizei nicht, sondern nehmen sie als notwendiges Übel hin, nutzen sie gern als Sündenbock oder treten ihr offen feindselig gegenüber.

Job ohne Feierabend

Polizeiarbeit: Das bedeutet ständiges Pflaster- und Treppentreten, vergebliche Anrufe, ins Leere laufende Nachforschungen, Druck von Angehörigen, Vorgesetzten, unwilligen Zeugen, den Medien – und oft genug dann, wenn man am wenigstens damit rechnet, ein Schlag aus dem Hinterhalt oder Schüsse durch geschlossene Türen. Kein Wunder, dass diese Polizisten auch nach Feierabend nur bedingt abschalten können. Den Schlüssel zur Auflösung findet Cotton Hawes ausgerechnet im Bett seiner Lebensgefährtin, die daraufhin die Liebesnacht vergessen kann: Ihr Galan stürzt, die Hose noch in der Hand, zurück ins Revier; er kann nicht anders.

Die Erklärung des ‚Selbstmords‘ ist denkbar simpel. Der Mörder ist nicht der Hellste, besonderes Fachwissen hat er bei seiner Tat nicht an den Tag gelegt. Als sich die Polizei endlich auf den doppelten Todesfall konzentriert, dauert es nur kurze Zeit, bis die Profis den Fall knacken. Es hätte aber auch anders kommen, der Mörder entkommen können.

Ed McBain zeichnet scheinbar ein düsteres Bild des Polizeialltags in einer Großstadt der frühen 1960er Jahre. Das ist nur teilweise seine Absicht. Primär zeigt er seine Sicht der Realität, gesehen durch den Filter eines spannenden, unterhaltsamen Kriminalromans. Die dem Geschehen innewohnende Tragik wird immer wieder durch trockenen, manchmal schwarzen Humor gebrochen. In den späteren Episoden um das 87. Revier scheut McBain auch vor Absurditäten nicht mehr zurück: Die Welt ist ein Tollhaus, in dem die Polizei mühsam ihren Teil dazu beiträgt, den Wahnsinn im Zaum zu halten. Dass dieser mehr oder weniger abfärbt, kann da nicht ausbleiben.

Die Jagd hört niemals auf

Noch verhalten aber schon deutlich bricht McBain in „Selbstmord kommt vor dem Fall“ mit der Tradition, dass Krimis stets abgeschlossene Geschichten erzählen. Stattdessen montiert er mehrere Handlungsstränge, die im Finale nicht gänzlich zusammenlaufen, sondern durchaus offen bleiben bzw. in späteren Romanen der Serie aufgegriffen werden können. Diese überlappende Erzählweise ist im heutigen TV-Serienkrimi Standard aber noch gar nicht so alt.

Die Romane um das 87. Revier werden nicht von einem Genie-Cop und seinen willigen Wasserträgern getragen, sondern von einem Ensemble gleichberechtigter Darsteller. Obwohl sie im Laufe vieler Jahrzehnte nie alterten, repräsentieren die Männer (später stießen auch Frauen zu ihnen) des wohl berühmtesten Polizeireviers der Krimiwelt den normalen Polizisten, der seine Pflicht tut und dessen Tätigkeit die dafür gebührende Anerkennung bereits in sich birgt. Zwar gibt es in den späteren Romanen um das 87. auch korrupte, faule oder rassistische Cops, aber solche ‚Abweichungen‘ betreffen nie das Kernteam um Steve Carella. Der ist seiner taubstummen Göttergattin Teddy in glühender Liebe zugetan und ansonsten absolut unbestechlich.

Im Jahre 1962 war diese Sicht auf die Polizei noch üblich. Das Wissen um durchaus existente Missstände wurde der Illusion einer “reinen” Bruderschaft pflichtbewusster Ordnungshüter geopfert – und zwar wissentlich. (Davon hat sich McBain übrigens niemals lösen können. Die Skandale späterer Jahre, die Korruption, Rassismus und ähnliche beklagenswerte Polizeisünden offenbarten, werden nicht wirklich von ihm thematisiert.)

Tragisch, banal, mörderisch

Dennoch weigert sich McBain, die Stadt als heile Welt zu schildern, in der Verbrechen die Ausnahme bilden, die stets rasch von der Polizei aufgeklärt werden. Stattdessen gehen desillusionierte Männer einem beinharten Job nach. Carella & Co. sind vom Sinn ihres Tuns zwar insgesamt noch überzeugt. Im Detail haben sie jedoch längst Federn gelassen. Für einen überführten Täter tauchen zwei Nachfolger auf. Der Job ist meist eine elende Tretmühle, die Ermittlungsarbeit wird von Sparzwängen und Vorschriften erschwert, an die sich die Verbrecher nie halten müssen.

Aber noch halten die Ritter vom 87. Revier die Stellung. (Und noch gibt es – s. o. – keinen Fat Ollie Weeks, Isolas Polizei-Geißel des 21. Jahrhunderts: faul, reaktionär, verlogen – McBains Symbol für gewisse Negativelemente seiner geliebten Polizei.) Sie opfern ihre Gesundheit, das Privatleben dem Dienst. Trotzdem sind sie nie Roboter einer vorgegaukelten Ideal-Realität, sondern sympathische Durchschnittsfiguren, deren Denken und Handeln man jederzeit nachvollziehen kann und mag.

Parallel dazu sind McBains Schurken weder Helden noch tragische Opfer. Sie schliddern wie Amos Barlow mit erschreckender Beiläufigkeit in ein Verbrechen. Der McBainsche Übeltäter ist zudem nie übermenschlich schlau noch vor entlarvenden Zufällen gefeit. (Eine Ausnahme gibt es: den charismatischen „Tauben“, nie gefasster Super-Verbrecher, der dem 87. Revier gleich mehrfach arg zu schaffen macht.) Nicht die personifizierte Gerechtigkeit – eine Chimäre besonders rechtskonservativer Kreise – entlarvt sie, sondern in der Regel eigenes Ungeschick sowie die harte Arbeit der Polizei.

Autor

Ed McBain wurde als Salvatore Albert Lombino am 15. Oktober 1926 geboren. Dies war in den USA in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg kein Name, der einem ehrgeizigen Nachwuchsschriftsteller hilfreich gewesen wäre. Also ‚amerikanisierte‘ sich Lombino 1952 zu Evan Hunter und schrieb Literatur mit Botschaft und Anspruch, darüber hinaus Kinderbücher und Drehbücher.

Da sich der Erfolg in Grenzen hielt, wählte Vollprofi Hunter ein neues Pseudonym und verfasste als „Ed McBain“ den ersten der von Anfang an als Serie konzipierten Kriminalromane um das 87. Polizeirevier. Schnelles Geld sollten sie bringen und ohne großen Aufwand zu recherchieren sein. Deshalb ist Isola mehr oder weniger das Spiegelbild von New York, wo Lombino im italienischen Ghetto East Harlems groß wurde. Aber Hunter bzw. McBain kochte nicht alte Erfolgsrezepte auf Er schuf ein neues Konzept, ließ realistisch gezeichnete Polizisten im Team auf ‚echten‘ Straßen ihren Job erledigen. Das „police procedural“ hat er nicht erfunden aber entscheidend geprägt.

1956 erschien „Cop Hater“ (dt. „Polizisten leben gefährlich“). Schnell kam der Erfolg, es folgten bis 2005 54 weitere Folgen dieser Serie, der McBain niemals überdrüssig wurde, obwohl er weiter als Evan Hunter publizierte und als McBain die 13-teilige Serie um den Anwalt Matthew Hope verfasste. Mehr als 100 Romane umfasste das Gesamtwerk schließlich – solides Handwerk, oft genug Überdurchschnittliches, geradlinig und gern fast dokumentarisch in Szene gesetzt, immer lesenswert –, als der Verfasser am 6. Juli 2005 einem Krebsleiden erlag.

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