Seminar für Mord

Barbara M. Gill
Seminar für Mord
(Inspector-Maybridge-Serie, Bd. 2)

Originaltitel: Seminar for Murder (London : Hodder & Stoughton 1985)
Übersetzung: Edith Massmann
Deutsche Erstausgabe: 1987 (Rowohlt Verlag/rororo-Thriller 2775)
157 Seiten
ISBN-10: 3-499-42775-3
Neuausgabe: Juli 1992 (Rowohlt Verlag/rororo-Thriller 2775)
157 Seiten
ISBN-13: 978-3-499-42775-6

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Das geschieht:

Weil seine Dozentin-Gattin einen längeren Studien-Urlaub unternimmt, langweilt sich Detective Chief Inspector Maybridge daheim in Bristol. Deshalb nimmt er kurzfristig die Einladung zu einem Treffen von Kriminalschriftstellern an. Vor dem „Golden Guillotine Club“ soll er über wahre Verbrechen referieren, um so den Anwesenden Anregungen für zukünftige Werke zu liefern.

Nachdem Maybridge die Tagungsstätte St. Quentin’s – das Studentenwohnheim der Universität Bristol – erreicht hat, merkt er rasch, dass er in ein wahres Schlangennest geraten ist. Eingeladen hat Sir Godfrey Grant, und seine Gäste sind 30 deutlich weniger erfolgreiche Autorenkollegen – eine Tatsache, die Grant gern und oft anklingen lässt.

Auch sonst herrscht wenig Freundschaft unter den Mitgliedern dieses „Clubs“, dem Grant nicht nur vorsitzt: Er hat auch die „Goldene Guillotine“ ausgelobt, einen Preis, dessen Gewinner/in mit einem erheblichen Popularitätsschub rechnen darf. Nur deshalb tanzen die Anwesenden lustlos nach Grants Pfeife, ohne alte und neue Animositäten zu unterdrücken. So bringt Bonny Harper Baby Ulysses mit nach St. Quentin’s. Der ehebrecherische Grant hat es gezeugt, zeigt aber kein Interesse an seinem Sohn.

Mindestens fünf weitere Gäste haben sowohl private als auch berufliche Motive, Grant zu hassen, was zu einem Problem wird, als dieser mit einem Fleischspieß im Hals tot aufgefunden wird. Der Mörder – oder die Mörderin – hat einen Zettel an der Leiche hinterlassen: „Mord. Finden Sie den Fehler, Chief Inspector Maybridge, wenn Sie können!“

Zwar übernimmt offiziell Detective Superintendent Claxby den Fall, aber selbstverständlich kann Maybridge dieser Herausforderung nicht widerstehen! Nun kämpft Schriftstellerlist gegen Ermittlungserfahrung. Da es unter der Oberfläche gärt und rumort, bleiben Gefühlsausbrüche, gegenseitige Anschuldigungen und ein weiterer Mord nicht aus …

Spezialisten unter sich

Sie nehmen einander meist nur oberflächlich wahr oder gar ernst: Vor allem Polizisten u. a. im Ermittlungsalltag Tätige spotten mehr oder weniger offen über Super-Detektive, die nach dem Willen ihrer literarischen Schöpfer jeden Fall mit Bravour und in Windeseile lösen. Die Realität sieht anders aus, weshalb Chief Inspector Maybridge die Gelegenheit, einen Saal voller Autoren mit Fakten und schauerlichen Tatortfotos zu blamieren und zu erschrecken, voller Wonne nutzt; offenbar kann Autorin Barbara Gill entweder auf entsprechende Kritik zurückgreifen oder sich mitfühlend in die Rolle eines geplagten Profis versetzen.

Früh macht Gill deutlich, dass sie hier nicht ‚nur‘ eine Kriminalgeschichte erzählt, sondern mit dem Genre spielt. Immer wieder reflektiert sie zwischen Realität und Fiktion und greift dabei zweifellos auf eigene Erfahrungen zurück, weshalb ihre Figuren ungemein plastisch wirken. Auch – oder gerade – Autoren sind Menschen, wie wir lernen. Sie haben ihre Träume, sie haben Ehrgeiz – und sie können neidisch und nachtragend sein. Als Maybridge im Finale den Täter (oder die Täterin) ungläubig fragt, wieso er (oder sie) unbedingt ein Buch veröffentlichen wolle, obwohl er (oder sie) reich und gesellschaftlich angesehen ist, lautet die Antwort: „Ich gäbe … alles, was ich besitze, her, um meine Romane gedruckt zu sehen … Aber das begreifen Sie nicht.“ (S. 147)

Da dies zutrifft, begreift Maybridge erst (zu) spät, wie bitterernst die Mitglieder des „Golden Guillotine Clubs“ ihre Profession und ihre Zusammenkünfte nehmen. Hier werden eben nicht freundschaftliche Tipps ausgetauscht, hier rücken verletzte Egos auf ein Schlachtfeld aus, auf dem es durchaus Tote geben kann. Abermals muss man Gill für die Anschaulichkeit loben, mit der sie die Wucht nur verbrämter Enttäuschungen darzustellen vermag.

Klassische Szene – moderne Allgegenwart

Der „Whodunit“ gilt als einerseits klassisches, aber andererseits altmodisches Subgenre des Kriminalromans. Dabei wurden seine Grenzen, wie sie u. a. Ronald Knox, eines der Gründungsmitglieder des „Detection Clubs“, 1929 in seinen „Zehn Regeln für einen fairen Kriminalroman“ fixierte, meist eher als Vorgaben genutzt, die es möglichst einfallsreich auszuhebeln galt; manche schreibenden Kolleg/inn/en – darunter immerhin Agatha Christie – ignorierten sie sowieso.

Also griff man das Positive des „Whodunits“ auf und kombinierte es mit dem ‚modernen‘ Krimi, der mehr und mehr das Schwergewicht auf die psychologische Seite des Verbrechens legte. Nach wie vor konnte und kann die Jagd nach dem Täter das Publikum fesseln. Es ist wie ein Spiel, dessen tatverdächtige Teilnehmer die Wahrheit nach Bedarf und ihren Bedürfnissen auslegen und verbiegen, während der Ermittler ihnen ähnlich trickreich auf die Schliche/n zu kommen sucht. Falsche Spuren, Irrtümer und Fallen münden schließlich im „Großen Finale“: In Anwesenheit sämtlicher Verdächtiger wird der oder die Schuldige entlarvt.

Selbstverständlich rekrutiert er oder sie sich aus dieser Runde. Von dieser Regel weicht auch Barbara Gill nicht ab, während sie ihr Garn mit zwischenmenschlichen Konflikten anreichert. Auch darauf verzichtete der klassische „Whodunit“ nicht, ohne jedoch das Schwergewicht darauf zu legen: So mochte ein Mörder ‚Gründe‘ für seine Tat/en gehabt haben, doch die wurden eher beiläufig eingeflochten. Das hat sich geändert: Der Mord an Sir Godfrey Grant wird zwar durch den Fleischspieß und die schriftliche Herausforderung im Stil eines Rätsel-Krimis gewürzt, doch die Auflösung benötigt zwingend das Wissen um die Gemütsverfassung der Verdächtigen.

Das Handwerk – oder die Kunst – der Ökonomie

„Seminar für Mord“ ist das Musterbeispiel für ein offenbar ausgestorbenes Talent: Auf 160 (zugegeben eng bedruckten) Seiten brennt die Autorin ein Feuerwerk aus Spannung, Dramatik und Witz ab. Man muss konzentriert lesen, was gar nicht so einfach ist, wenn man unter allzu vielen der modernen Schwall-und-Blubber-Thriller gelitten hat, die man auch im Halbschlaf ‚lesen‘ und ganze Seiten überspringen kann, ohne den Anschluss an die Handlung zu verlieren. Gill bleibt hart am roten Faden, was nicht heißt, dass kein Raum für Abschweifungen bleibt. Dies sind jedoch Bonmots – humorvolle, sarkastische, auf jeden Fall prägnante Anmerkungen, die das Geschehen unterstreichen, statt ein unnötiges Eigenleben zu entwickeln.

Dazu kommen Figurenzeichnungen, die sich auf das Notwendige beschränken. Dies gilt vor allem für Chief Inspector Maybridge, der eher unauffällig bleibt und bleiben kann, da ihn mehr als genug Exzentriker umgeben. Diese profitieren von Gills Insiderwissen; tatsächlich findet man mehrfach versteckte Hinweise auf die Biografie der Autorin. (Ein Autor ist Lehrer, Sir Godfrey arbeitete in seiner Jugend für die Fischereibehörde, Mrs. Lardsbury ist eine Autorin schon älteren Jahrgangs.)

Die typische Idylle einer verschlafen-verschrobenen englischen Universität sorgt für den wiederum typischen = von der Außenwelt isolierten Tatort, wird aber keineswegs nostalgisch verklärt. Überhaupt spielt diese Geschichte definitiv in der Gegenwart (des Jahres 1985, wie man anmerken muss: Maybridge benutzt zur Illustration seines Vortrags „Dias“; die Jüngeren können und müssen diesen Begriff womöglich googeln). Colin Dexter (Inspektor-Morse-Serie), Reginald Hill (Dalziel/Pascoe-Serie) oder Ruth Rendell (Inspektor-Wexford-Serie) sind drei mit Bedacht gewählte, weil kriminalliterarisch gewichtige Autoren, mit denen Gill durchaus in einer Liga schreibt. Sollte es uns also wundern, dass Gill sogar die Königsdisziplin des Genres meistert und einen wirklich überraschenden Epilog-Twist zustande bringt? Somit sind genug Anreize genannt, zu einem Werk dieser zu Unrecht vergessenen Verfasserin zu greifen!

Autorin

„B. M. Gill“ wurde als Barbara Margaret Trimble am 21. Februar 1921 in Holyhead, einem Ort auf der walisischen Insel Anglesey, geboren. Über ihr Privatleben ist nicht viel bekannt. Sie arbeitete u. a. als Sekretärin für die Leuchtturmbehörde Trinity House in Holyhead und später als Lehrerin in Bristol.

Als Autorin wurde Trimble in den 1960er Jahren und dem Pseudonym „Margaret Blake“ bekannt. Sie schrieb Kurzgeschichten bzw. scriptete für die BBC und das Irische Radio. Ein erster (Liebes-) Roman erschien 1967; weitere Romantic Thriller – einige unter dem Pseudonym „Barbara Gilmour“ – folgten, ehe sich Trimble als „B. M. Gill“ neu erfand und ab 1977 Kriminalromane schrieb, die von der Kritik gut angenommen wurden: Zwischen 1977 und 1991 veröffentlichte Gill neue Krimis, von denen drei für den renommierten „Edgar Allan Poe Award“ der „Mystery Writers of America“ nominiert worden. Gewonnen hat Gill 1984 einen „Gold Dagger Award“ der britischen „Crime Writers‘ Association“ (für „The Twelfth Juror“; dt. „Der zwölfte Geschworene“).

Ab 1991 erschienen keine neuen Bücher. Was Trimble verstummen ließ, ist nicht bekannt. Gestorben ist sie offenbar 1995; obwohl sich dieses Datum nirgendwo sicher belegen lässt, hat es sich selbstständig gemacht und geistert durch das Internet. Die Krimis von B. M. Gill sind sämtlich in Deutschland erschienen, vielen wurden mehrfach aufgelegt, was darauf hindeutet, dass sie auch hierzulande ihr Publikum fanden – zu Recht, denn obwohl sich Gill klassischer Genre-Motive und Plots bedient, sind ihre Krimis nostalgiefrei und gänzlich im Hier und Jetzt angesiedelt. Deshalb ist es schade, dass die Werke dieser Autorin in Vergessenheit geraten sind.

Copyright © 2018 by Michael Drewniok (md)

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