Sherlock Holmes und die Riesenratte von Sumatra

Rick Boyer
Sherlock Holmes und die Riesenratte von Sumatra

(Sherlock-Holmes-Serie)

Originaltitel: The Giant Rat of Sumatra (New York : Warner Books 1976)
Deutsche Erstausgabe (unter dem Titel „Die Riesenratte von Sumatra“): 1979 (Deutsche Verlags-Anstalt)
Übersetzung: Ingo Golembiewski
271 S.
ISBN-10: 3-421-01892-8
Neuausgabe: Dezember 2006 (Bastei-Lübbe-Verlag/TB Nr. 15601)
Übersetzung: Stefan Bauer
269 S.
ISBN-13: 978-3-404-15601-6

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Das geschieht:

Im Spätsommer des Jahres 1894 brütet Meisterdetektiv Sherlock Holmes über dem Fall einer im fernen Indien entführten Adelstochter, als ausgerechnet in der Baker Street die Leiche eines Seemanns entdeckt wird. Der unglückliche Raymond Jenard wurde auf dem Dach eines Lagerhauses mit einem malaiischen Dolch erstochen und anschließend auf die Straße geworfen.

Natürlich nimmt sich Holmes auch dieses Falles an, doch die Ermittlungen sind schwierig. In der Wohnung des Opfers wurde Feuer gelegt, sämtliche Hinweise sind vernichtet. Die Befragung der Segelkameraden bringt eine seltsame Geschichte zutage: Vor der Küste der Insel Borneo hat das Frachtschiff „Matilda Briggs“ vier seltsame Passagiere an Bord genommen: den zwielichtigen ‚Missionar‘ Ripley, seinen Freund Jones, den unheimlichen Diener Wangi – und eine Ratte, groß wie ein Kalb!

Das stößt in London verständlicherweise auf Unglauben. Doch als Holmes und Watson sich unter Deck der „Matilda Briggs“ begeben, finden sie dort die Leiche von Kapitän James MacGuinness: Er wurde von riesigen Nagezähnen grausam zerfleischt! Die Kreatur ist wie Ripley, Jones und Wangi spurlos verschwunden. Holmes versucht Ripley aus der Reserve zu locken, nachdem er bemerkt hat, dass dieser sich offenbar mit ihm, dem berühmten Detektiv, messen will.

Neue Entwicklungen im Fall der entführten Tochter (s. o.) führen dazu, dass Holmes und Watson getrennte Wege gehen. Ersterer ist weiterhin in London aktiv, während Letzterer mit Lord und Lady Allistair, den besorgten Eltern, in ihr einsam gelegenes Landhaus reist, wo ein Lösegeld hinterlegt werden soll. Watson merkt, dass dieses Anwesen beobachtet wird. Dann beginnen die Anwohner auch noch von einem Ungeheuer zu raunen, das in den Wäldern umgeht und eine dreizehige Klauenspur hinterlässt …

Sherlock Holmes macht immer weiter

Mathilda Briggs war nicht der Name einer jungen Frau, Watson“, sagte Holmes mit erinnerungsschwerer Stimme. „Sie war ein Schiff, das im Zusammenhang mit der Riesenratte von Sumatra eine Rolle spielte – eine Geschichte, für die diese Welt noch nicht bereit ist.“

Also sprach Sherlock Holmes in der klassischen Story „Der Vampir von Sussex“ (veröffentlicht 1924), doch sein geistiger Vater Arthur Conan Doyle ließ ihn nie mehr auf besagte Ereignis zurückkommen. Weil Holmes & Watson nicht einfach nur nostalgisch angestaubte Gestalten aus der Frühgeschichte der Kriminalliteratur, sondern ebenso prägende wie weiterhin präsente Kultfiguren sind, haben sich ihre zahllosen Leser oft gefragt, welches Geheimnis sich hinter Holmes‘ bedeutungsschwangeren Worten verbirgt. (Eine geradezu wissenschaftliche Deutung liefert z. B. Alan Saunders unter dem Titel „The Sumatran Devil“.

Glücklicherweise wurde die Laufbahn unseres kriminalistischen Duos auch durch Doyles Tod im Jahre 1930 keinesfalls in Mitleidenschaft gezogen. Noch während Doyle lebte, entstanden die ersten Holmes-Pastiches: weitere Abenteuer, verfasst von anderen Autoren, die sich entweder bemühten, den Originalton so genau wie möglich zu treffen, oder die Holmes und Watson in völlig neue Richtungen lenkten.

Rick Boyer gehört zu den Traditionalisten. In seinem ersten Roman überhaupt bemühte er sich 1976, dem Regelwerk des „Kanons“ zu entsprechen. Der Kanon – das sind die vier Romane und 56 Originalstorys aus Doyles Feder, in denen dieser zwischen 1887 und 1927 seinen Meisterdetektiv auftreten ließ.

Obwohl Doyle mit Zahlen und Fakten unbekümmerter umging, als es dem strengen Holmes & Watson-Chronisten lieb ist, lassen sich diverse biografische ‚Fakten‘, aber auch Manierismen und Verhaltensmuster aus seinen Werken destillieren, die jeder Fan des Duos kennt und in einer Holmes-Story erwartet. Dazu gehört natürlich Bespiele für Holmes‘ unerhörte Fähigkeit, aus kleinsten Hinweisen wie durch Zauber Ereignisse zu rekonstruieren, während meist Watson, aber auch Inspektor Lestrade oder andere Vertreter des Lesers mit offenem Mund zuhören und staunen.

Originelle Kopie oder nur kopiertes Original?

Boyer bemüht sich wie gesagt um Authentizität. Originalität ist ihm dagegen weniger wichtig; „Die Riesenratte von Sumatra“ weist inhaltlich enge Parallelen zum „Hund der Baskervilles“ auf, was der Verfasser nicht verschweigt, sondern Holmes sogar selbst erwähnen lässt. Aber auch Anklänge an die „Studie in Scharlachrot“ lassen sich finden, wenn der Detektiv durch die Straßenschluchten von London streift. Im Finale stellt sich natürlich heraus, dass der Fall der Riesenratte von Sumatra weit über die Klärung einiger bizarrer Morde hinausgeht und geradezu internationales Format besitzt: ein Format freilich, das logisch nur im Kontext jener Disneyland-Version des britischen Empires erscheint, die vor allem der späte Doyle präsentierte. Selbst im 19. Jahrhundert war die Welt schon ein bisschen komplizierter, als dass ein Sherlock Holmes allein sie für Königin & Vaterland hätte retten können.

Der Ton macht die Musik, und der stimmt in diesem Fall. Holmes benimmt sich wie Holmes und spricht wie Holmes, auch Watson fügt sich in seine Rolle. Als Hintergrundchor treten ebenfalls bekannte Figuren oder besser Chargen auf – klobige Seebären, treuherzige Arbeiter, vornehm schwachnervige Ladys, noble Lords mit energischem Kinn, theatralische Schurken, finstere ‚Wilde‘; die Liste lässt sich fortsetzen.

Für die Lösung des rattigen Rätsels musste Boyer sich auf einen Kompromiss einlassen. Conan Doyle lehnte übernatürliche Phänomene in seinen Holmes-Storys strikt ab. Der Detektiv war Rationalist und behielt Recht damit. Boyer lehnte sich daran an und konnte folglich kein fantastisches Fabeltier literarische Realität werden lassen. Die Wörter „Riesenratte“ und „Sumatra“ boten ihm indes einen Ausweg, der zwar ein wenig holprig wirkt aber seinen Zweck erfüllt. (Die Lösung wird hier selbstverständlich nicht verraten; wer sich ein wenig in der Fauna unseres Planeten auskennt, wird sicher selbst darauf kommen, was da nach England geschmuggelt wurde.)

Was die Bösewichte in diesem Spiel angeht, so treffen wir einen schlechten alten Bekannten wieder. Dies ist ein (meist überflüssiges) Merkmal vieler Holmes-Pastiches, auf das sich Doyle nur sehr selten gestützt hat. Er dachte sich lieber ‚frische‘ Schurken aus. (Der wenig ehrenwerte Prof. Moriarty ist selbstredend die große Ausnahme.)

Widerwärtige Eingeborene aus den wilden Ecken des Empire sind heute politisch nicht mehr wohlgelitten; dieses Klischee wurde zu Doyles Zeiten ohne schlechtes Gewissen eingesetzt. Wiederum passt sich Boyer dem an und greift die zeitgenössische Auffassung auf, der gesellschaftliche Stand und/oder das Wesen eines Menschen spiegle sich in seiner Gestalt, seinen Gesichtszügen oder sogar in seiner Kleidung wider.

Unter den Holmes-Pastiches zählt Boyers „Riesenratte von Sumatra“ zu den gelungenen Werken. (Nicht verwechselt werden darf es übrigens mit dem identisch betitelten Holmes-Roman von Alan Vanneman aus dem Jahre 2002, der auch ins Deutsche übersetzt wurde. Zwei Jahre später legte Lauren Steinhauer ihre Version vor.) Dem ist zuzustimmen, wenn man die einzelnen Elemente höher schätzt als die Gesamtgeschichte. Freilich ist dieses Phänomen nicht neu: Vor allem der originale Holmes-Roman „Das Tal der Furcht“ ist ganz und gar kein Lesespaß. Das lässt sich über die „Riesenratte von Sumatra“ jedenfalls nicht sagen, und so hat wenigstens einmal der Lehrling (Boyer) den Meister (Doyle) übertroffen.

Autor

Richard L. Boyer wurde 1943 in Evanston, US-Staat Illinois, geboren. Er studierte Englisch an der Denison University sowie Kreatives Schreiben an der University of Iowa. Anschließend lehrte er an einer Highschool und arbeitete für den Verlag Little, Brown & Co. Seit 1988 ist Boyer als Dozent für Englisch an der Western Carolina University tätig.

Als Schriftsteller hat Boyer seit 1976 mehr als zwanzig Romane und Sachbücher veröffentlicht. Für seine Serie über den detektivisch tätigen Zahnarzt Doc Adams wurde er mit dem „Edgar Allan Poe Award“ ausgezeichnet.

Copyright © 2010/2017 by Michael Drewniok (md)

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