Signal 32

MacKinlay Kantor
Signal 32

Originaltitel: Signal Thirty-Two (New York : The Random House, Inc. 1950)
Übersetzung: Fritz Moeglich
Deutsche Erstveröffentlichung: 1962 (Heyne Verlag/Kriminalroman 1072)
153 S.
[keine ISBN]

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Das geschieht:

Spanish Harlem gilt in New York City als das gefährlichste, heruntergekommenste Viertel der Stadt. Der Ausländeranteil ist hoch; besonders „Spiks“ – so der Schimpfname für die Einwanderer aus Puerto Rico – und „Neger“ haben sich hier angesiedelt. Sie alle sind potenzielle Verbrecher, arbeitsscheu, notorisch geil, pflegen ein verdächtig enges Familienleben und müssen daher von der Polizei scharf beobachtet und hart angefasst werden.

Dem 23. Revier wurde diese schwere Aufgabe übertragen. Joe Shetland ist ein typischer Beamter dieser Institution. Seit 16 Jahren fährt er Streife, ein redlicher, abgebrühter Mann, der alles gesehen und erlebt hat. Das macht ihn zum idealen Lehrer für seinen neuen Partner. Dan Mallow kommt gerade frisch von der Polizeischule. Für ihn ist das Diensthandbuch noch die Bibel seines Berufes. Doch in Spanish Harlem gelten ungeschriebene Gesetze.

Pack schlägt sich, Pack verträgt sich: Das ist nur eine Erkenntnis, die Mallow auf die harte Tour lernen muss. Der Alltag auf den Straßen ist alles andere als heroisch, es regieren Armut, Gewalt, Alkohol, Prostitution, Inzest – die Liste ist endlos. Das Gesetz droht zu kapitulieren. Also haben sich Shetland und seine Kollegen den Verhältnissen angepasst: Sie üben Selbstjustiz.

Verdächtige werden mit dem Gummiknüppel ‚verhört‘, kleinere Vergehen mit harter Faust gleich vor Ort geahndet. Mallow erweist sich als guter Schüler. Schlecht ergeht es dagegen „Blondie“ Dunbar. Statt den Job von der Pike auf zu lernen, sucht er nach krummen Abkürzungen. Aber die Strafe folgt: in der Welt des MacKinlay Kantor sichern nur Bescheidenheit, Monogamie und harte Arbeit den Seelenfrieden, während Schlauköpfe und Hallodris mindestens doppelt so tief fallen, wie sie steigen …

Böse, rohe, kalte Welt

Die Verrohung des Polizisten M.: So ließe sich die Handlung dieses Romans zusammenfassen. Verfasser Kantor würde sich allerdings gegen diese Interpretation sträuben. Er war sich sicher, einen Roman geschrieben zu haben, der nichts als die traurigen Tatsachen präzise in Worte fasste. Dabei wusste er die Kritik auf seiner Seite.

Heute sollte oder muss man differenzieren. Weiterhin gibt es eindeutig positive Aspekte. MacKinlay Kantor ist zweifellos ein Pionier des „Police Procedural“, jenes Krimi-Subgenres, das die Arbeit der Polizei so exakt widerspiegelt, wie dies für die Handlung nötig ist. Die entsprechenden Passagen lesen sich weiterhin aufregend, zumal sich in Sachen Streifendienst seit 1950 eine Menge geändert hat. Nicht umsonst hatte Kantor vor der Niederschrift vor Ort recherchiert, um Erfahrungen und Kenntnisse aus erster Hand zu erwerben.

Wohltuend ist auch der Verzicht auf ein Friede-Freude-Eierkuchen-Amerika. Kantors New York ist ganz sicher nicht das Paradies auf Erden, das seine Einwanderer unter der Freiheitsstatue willkommen heißt. Die Realität ist grausam und wird keineswegs beschönigt. Allerdings geht das Böse stets von den ‚Fremden‘ aus: „Niemand konnte die braunhäutigen Männer und Frauen am Kommen hindern. Sie waren … Stimmvieh für skrupellose Agitatoren, sie trugen Messer und Rasierklingen, verkauften ihre Frauen und Schwestern an Seeleute, … schlugen in dunklen Hauseingängen harmlose Geschäftsleute zusammen und leerten ihnen die Taschen.“ (S. 51) Ohne sie, so muss man Patrolman Shetlands/Kantors Worte deuten, ginge es Amerika bedeutend besser: eine falsche, hässliche, niederträchtige Sicht!

Ritter an einer hart umkämpften Grenze

Müde aber pflichtbewusste Männer halten Wache an den Pforten der Hölle, die Spanish Harlem heißt. Sie dürfen die dort eingepferchten Dämonen nicht aus- und über die Welt der braven Bürger hereinbrechen lassen. Dieser Dienst ist schwer, er hat sie geprägt und Spuren hinterlassen aber auch erfinderisch gemacht. Das ist die wohlwollende Einschätzung, eine Erklärung für Faustrecht, Polizeiterror und „Signal 32: Polizeibeamter in Gefahr benötigt Hilfe!“

Mehr als fünf Jahrzehnte später gibt das Menschenbild, das Kantor vermittelt, arg zu denken. Joe Shetland ist nicht der Schutzmann von nebenan, an den man sich vertrauensvoll wendet, sondern ein Soldat, der an einem Grenzposten der Zivilisation wacht, die von wilden Tieren, Indianern und anderen Unholden belagert wird. In dieser permanenten Ausnahmesituation ist er Gesetzeshüter, Richter und Vollstrecker in Personalunion. Das muss er nach Kantor auch sein, um das Grauen in Schach zu halten, das die kaum menschlichen, triebhaften, primitiven „Spiks“, „Neger“ und andere Fremdlinge über Amerika bringen.

Geborene Verbrechen sind es im Grunde alle, nein – „die biblische Plage unserer Zeit“ (S. 22) sogar, wie Shetland es ausdrückt. Sind sie keine Strolche, dann sind sie zumindest ungebildet, dumm, kindlich naiv, anfällig für kommunistische Propaganda. Unverhohlener Rassismus wird hier gepredigt, der nur in Ansätzen nach den Ursachen der beklagten Kriminalität fragt. Armut, Ausbeutung, Analphabetismus und Ausgrenzung finden zwar Erwähnung, sind aber stets nur Unrecht, das sich die Verdammten dieser Erde selbst zufügen.

Unfreiwilliger Chronist einer hässlichen Vergangenheit

Aber darf man MacKinlay Kantor überhaupt einen Rassisten schimpfen? Nach den Maßstäben seiner Zeit war er es nicht zwangsläufig, ein Weltbild wie das seine durchaus verbreitet und salonfähig. Hier stehen wir, die fleißigen, ehrlichen, weißen, ‚richtigen‘ Amerikaner, und dort die faulen, sich karnickelhaft vermehrenden, uns überrennenden Fremdlinge. Zu denen möchte man in den realen USA des Jahres 1950 wahrlich nicht gehört haben! Und da es durchaus Stimmen gab, die schon damals gegen die Rassentrennung sprachen, steht Kantor letztlich doch sehr schlecht da.

Unklar bleibt, ob und in welchem Maße die deutsche Übersetzung den unangenehmen Nachgeschmack verstärkt. Der ‚Slang‘ von Spanish Harlem ebnet alle ethnischen Eigenheiten ein; die Bewohner radebrechen sämtlich wie die schwarzen „Wilden“ in den Tarzan-Filmen dieser Zeit. „Ich gegen Tisch fallen, Tisch umstürzen, Tisch treffen mein Gesicht, machen Schmerz.“ – Also ‚spricht‘ Dorothea Milaflores auf Seite 41 – und die deutsche Ausgabe von „Signal 32“ erschien 1962!

Damit bietet dieser Roman heute entweder eine zwiespältige oder ein doppelt interessante Lektüre: Die ungefilterten Vorurteile einer mit sich im Reinen befindlichen Vergangenheit sind ebenso interessant wie die rasante Handlung, die daraus erwächst. Der politisch korrekte Zeitgenosse mag da anders denken. Die Fakten lassen sich jedoch nur verdrängen, nicht jedoch tilgen. Dieser Aspekt sichert Romanen wie „Signal 32“ auch – oder gerade – heutzutage eine Aufmerksamkeit, die sie aufgrund ihrer Krimi-Handlung längst verloren haben.

Autor

Benjamin MacKinlay Kantor wurde am 4. Februar 1904 in Webster City im US-Staat Iowa geboren. Er wuchs in eine Karriere als Journalist und Schriftsteller praktisch hinein, denn seine Mutter war die Herausgeberin einer örtlichen Tageszeitung. Hier begann Kantor 1921 seine Laufbahn. Ein erster Versuch als Romancier („Diversey“) endete 1928 mit einem Misserfolg. Kantor verdingte sich erneut für diverse Zeitungen in Iowa.

Erst 1934 gelang ihm der Durchbruch, „Long Remember“ wurde ein Bestseller. Hollywood erwarb die Filmrechte und heuerte Kantor gleich als Drehbuchautor an. Der II. Weltkrieg stoppte diese verheißungsvolle Karriere. Als Kriegskorrespondent schrieb Kantor über den Luftkrieg in Europa. 1945 veröffentlichte er „Glory for Me“, der ein Jahr später als „The Best Years of Our Lives“ (dt. „Die besten Jahre unseres Lebens“) verfilmt wurde – ein mit sieben “Oscars” ausgezeichnetes Meisterwerk. Kantor ging zwar leer aus, denn er hatte sein Buch dieses Mal nicht selbst adaptiert, aber er profitierte trotzdem vom Ruhm dieses Films. Zehn Jahre später wurde er selbst geehrt. Für „Andersonville“, einen Roman über den amerikanischen Bürgerkrieg, gewann er den Pulitzer-Preis.

Der ‚andere‘ Kantor war ein Pionier der „Pulp“-Magazine, für die er schnelle, spannungsreiche, wenig anspruchsvolle aber unterhaltsame Kriminalgeschichten verfasste. Dabei bevorzugte er den Blick auf Amerika „von unten“. Kleine, vom Schicksal gebeutelte Leute in bedrohlichen Situationen waren seine Spezialität. Kantors Krimis verraten den Journalisten, der sich gern an Fakten hielt und Abläufe beschrieb, die er recherchiert hatte. Schon in den frühen 1930er Jahren wurde er zum Miterfinder des „Police Procedural“ – viele Jahre vor Ed McBain.

Auch dem Thriller-Autoren Kantor verdankt die Filmgeschichte einen Klassiker: Sein Roman „Gun Crazy“, der sich lose an der Geschichte von Bonnie & Clyde orientiert, wurde 1949 von Joseph H. Lewis unter diesem Titel (dt. „Gefährliche Leidenschaft“) in großartige, pechschwarze und zeitlose Bilder umgesetzt.

MacKinlay Kantor starb am 11. Oktober 1977 in Sarasota, Florida. Er hinterließ ein Werk, das 32 Romane und unzählige Kurzgeschichten, Essays, Gedichte und Artikel umfasst.

Anmerkung

Aus „Signal Thirty-Two“, dem Roman, wurde später ein Drehbuch für die in der TV-Steinzeit entstandene Serie „Studio One“. Die Episode Nr. 185 wurde am 19. Januar 1953 ausgestrahlt – und zwar live, wie es damals üblich war! Unter den Gaststars: die spätere (Möchtegern-) Skandal-Autorin Jacqueline Susann („Das Tal der Puppen“, „Die Liebesmaschine“).

Copyright © 2009/2016 by Michael Drewniok (md)

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