Spanische Dukaten

Bill Knox
Spanische Dukaten

Originaltitel: Sanctuary Isle (London : John Long 1962)
Übersetzung: Heinz Otto
Deutsche Erstausgabe: 1963 (Goldmann Verlag/Goldmanns große Kriminal Romane K 360)
181 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: 1963 (Goldmann Verlag/Goldmanns Taschen-Krimi 1226)
181 S.
[keine ISBN]

knox-spanische-dukaten-coverTitel bei Booklooker.de
Titel bei Amazon.de


Das geschieht:

Inspektor Colin Thane und Sergeant Phil Moss von der Millside-Außenstelle der Kriminalpolizei Glasgow verschlägt es in ihrem aktuellen Fall an die schottische Westküste. Auf Sanctuary Island, einer nur von seltenen Seevögeln bewohnten Insel, wurde Lewis Tineman, der Vogelschutzwart, tot am Strand gefunden. Der Kapitän im Ruhestand wurde mit Akonitin vergiftet; mit der tödlichen Substanz hatte der Mörder Tinemans Whisky versetzt, was bei dem stets durstigen Seebären unweigerlich zum Tode führen musste.

Die Städter Thane und Moss geraten unter kernige Fischer, die es als Schwarzbrenner und Wilderer mit dem Gesetz nicht sehr genau nehmen. Giftmord ist hier allerdings nicht an der Tagesordnung; Streitigkeiten werden mit den Fäusten oder dem Bootshaken ausgetragen. Zu dem Mord muss es eine bisher unbekannte Vorgeschichte geben.

Verdächtig sind: Willie MacPherson, Schiffer und Schwarzbrenner, der auch Kapitän Tineman mit seinem im Ort berühmten Whisky versorgt hat; Finn Preston, Seehund- und Haifischjäger, der Geld verlor, weil er Sanctuary Island nicht mehr anlaufen durfte; Royan Sonders, ein südafrikanischer ‚Geschäftsmann‘, der mit seiner Jacht selten dort zu finden ist, wo man ihn finden möchte.

Eigentlich gehört auch Edgar Hollis, ein Repräsentant jener Gruppe, die Sanctuary Island als Schutzgebiet erwarb, zum Kreis der Verdächtigen; er scheidet aus, als man ihn mit zertrümmertem Schädel aus der See fischt. Allmählich wird deutlich, dass es um viel Geld geht: Womöglich ist Sanctuary Island der Ort, an dem 1588 ein Schatzschiff der Spanischen Armada versank. Hat Kapitän Tineman einen Hinweis entdeckt, der ihn das Leben kostete, weil er im Suff den Mund nicht halten konnte? Nur so lange der Schatz noch nicht gehoben ist, werden die Verdächtigen am Ort des Verbrechens bleiben. Eile ist also geboten, will die Polizei den Mörder fassen …

Modernes Goldfieber & altmodische Mordlust

Ian Rankin, Stuart MacBride, Ken Bruen … Angesichts des erst aktuell kopfstarken Auftretens dieser Autoren auf dem (deutschen) Buchmarkt könnte man meinen, der schottische Kriminalroman existiere erst seit wenigen Jahren. Dabei gibt es durchaus eine Tradition nordenglischer Autoren, auf deren Liste Bill Knox eine prominente Position einnimmt.

In seinen zahlreichen Krimis findet man bereits alles, was den „tartan noir“ berühmt und beliebt gemacht hat: Spannung, markante Figuren, trockener Witz. Hinzu kommt jene schlanke Erzählweise, die in der Gegenwart vielhundertseitiger Seifenoper-Krimis zu Unrecht ausgestorben ist. Als Sahnehäubchen gibt es in „Spanische Dukaten“ die wildromantische Kulisse der westschottischen Atlantikküste dazu.

Bill Knox kannte Land und Leute, mit der zeitgenössischen Polizeiarbeit kannte er sich ebenfalls aus, und schreiben konnte er auch. Kein Wunder, dass ein eigentlich altmodischer Krimi, der kein schnurriger „Whodunit“, sondern ein ökonomisch entwickelter, zu seiner Zeit durchaus moderner Thriller ist, seinen Unterhaltungswert bewahren konnte.

Das Meer löscht nicht alle Spuren

Schon die Einleitung ist eine Lektion für allzu ausschweifende Autoren. Knox integriert die Vorstellung des Schauplatzes in die Handlung. Beschreibungen finden die Leser dort, wo etwas geschieht und die beiden Hauptfiguren agieren. Kein Wunder, dass „Spanische Dukaten“ ein Roman ohne Leerlauf ist.

Der Fall ist nicht nur deshalb interessant, weil die abgelegene, menschenleere, von tückischen Klippen umgebene Insel Sanctuary eine ganz besondere Variante des von innen verschlossenen Mordzimmers darstellt. Hier ist „Spanische Dukaten“ doch ganz „Whodunit“, denn der Mord an Kapitäne Tineman ist offensichtlich eine nicht unmögliche aber raffiniert eingefädelte Übeltat.

Überraschend aber stimmig ist der historische Hintergrund, der in der zweiten Hälfte dem Geschehen einen Rahmen gibt. Die Abwehr der in jeder Hinsicht überlegenden Spanischen Armada Anno 1588 ist nicht nur ein stets präsentes Ruhmesblatt der englischen Geschichte. Dieses Ereignis führte auch dazu, dass nicht nur im mittelamerikanischen Schlick, sondern auch in den Untiefen der britischen Küstengewässer zahlreiche Wracks spanischer Galeonen ruhen, deren Ladung Anlass zu goldreichen Spekulationen bieten.

Der Kreis schließt sich, weil Goldfieber als Mordmotiv zeitlos ist. Hinzu kommt in England eine Gesetzgebung, die Schatzgräber in die Illegalität zwingt, da an den Staat fällt, was gefunden wird – eine Regel, die Knox für einen hübschen Schlussgag nutzt.

Romantik mit Widerhaken

Historisch ist auch eine maritim geprägte Alltagswelt, die Knox ohne falsche Romantisierung schildert. Der Leser zuckt heute unwillkürlich zusammen, wenn Finn Preston wieder einen Seehund oder einen Riesenhai mit Schrotflinte oder Harpune erlegt: Seehunde galten vor gar nicht langer Zeit tatsächlich als Schädlinge, auf die sogar Kopfprämien ausgesetzt wurden, während aus der Leber des Riesenhais ein sehr feines Öl zur Schmierung empfindlicher Maschinen gewonnen wurde. Kein Wunder, dass beide Tierarten heute mit Nachdruck geschützt werden müssen!

Das Leben an der Nordseeküste ist einfach und hart. Knox geht immer wieder auf die Probleme einer Gesellschaft ein, die noch ohne Einnahmen aus dem Tourismus ihren Lebensunterhalt dem Meer förmlich entringen muss. Willie MacPherson hat mindestens vier Jobs, um über die Runden zu kommen, und der Bestatter hat sich einen Krankenwagen angeschafft, um seine Auftragssituation zu verbessern: „Nun, es konnte nicht schaden, gleich einmal Maß zu nehmen – für den Fall, dass doch ein Sarg gebraucht wurde. Dazu war an der Bahre eine unauffällige Messskala angebracht.“ (S. 157) Solche Details sind nicht nur urkomisch, sie ersetzen auch tausend beschreibende Worte.

Markante Figuren im Serieneinsatz

Als Bill Knox 1957 mit „Deadline for a Dream“ (dt. „Aus sicherer Quelle“) seinen ersten Kriminalroman schrieb, wurde dieser nur zufällig der erste einer Serie, die mehr als vier Jahrzehnte lief und 24 Bände umfasst. Knox wollte als Schriftsteller seinen Lebensunterhalt verdienen. Er ging dies schottisch-pragmatisch an. Als der genannte Roman sich gut verkaufte, ging Knox in die Serienproduktion. Dabei verhielt er sich überaus ökonomisch. So formte er seine beiden Hauptfiguren nur vage aus und beschränkte sich auf einige grundsätzliche Charakterzüge, die zukünftig immer wieder Erwähnung fanden.

So ist Colin Thane vor allem Polizist; ein entschlossener Ermittler, hinter dessen ruhiger Fassade die Ungeduld nicht immer im Zaum gehalten bleibt. Privat ist Thane verheiratet und Vater, Besitzer eines kleinen Eigenheims mit Garten, zu dessen Pflege die Freizeit niemals reicht. Sergeant Phil Moss ist Wasserträger und Ratgeber seines Chefs und Freundes; er ist außerdem für humorvolle Einlagen zuständig, die sich primär aus seinem Doppelstatus als Junggeselle und Hypochonder speisen.

Mit romanübergreifenden Handlungssträngen, die mit den Jahren zu einer privaten Parallelgeschichte der Hauptfiguren zusammenfließen, hält Knox sich dagegen zurück. Die Ära der ‚menschelnden‘ Verbrecherjäger, deren außerberuflicher Stress mindestens ebenso stark ausgeprägt wie der Druck im Dienst ist, erlebte er zwar noch mit, ohne sich ihr jedoch stärker als nötig zu beugen. Das macht seine Romane heute zum Tipp für Krimi-Freunde, die ihre Lieblingslektüre knapp und ohne künstliche Zusätze wünschen.

Autor

William Knox wurde 1928 im schottischen Glasgow geboren. Mit 16 Jahren wurde er jüngster Reporter der Stadt und spezialisierte er sich auf Kriminal- und Gerichtsfälle. Später war er Schottland-Korrespondent einer englischen Sonntags-Zeitung und arbeitete in der Nachrichtenzentrale der schottischen Fernsehgesellschaft „Scottish Television“ (STV).

In der zweiten Hälfte der 1950er Jahre begann Knox Kriminalromane zu schreiben. 1957 startete seine Serie um das Polizisten-Gespann Colin Thane und Phil Moss, die in Glasgow und Umgebung mit jeder möglichen Form des Verbrechens konfrontiert wurden. Die Kenntnis der realen Polizeiarbeit half Knox in Kombination mit seiner Ortskenntnis beim Entwurf solider Plots. Thane & Moss ermittelten in 24 Fällen.

Trotz eines enormen Arbeitstempos schrieb Knox spannende und zudem gut recherchierte Geschichten. Er reiste gern, was sich in einer weiteren Reihe niederschlug: Jonathan Gaunt ist Finanzinspektor für das königliche Schatzamt und als solcher oft in Europa unterwegs, das er in elf abenteuerlichen Kriminalfällen zwischen 1970 und 1990 durchquerte. Für die schottische Fischereibehörde gingen Webb Carrick und William „Clapper“ Bell ab 1964 auf Patrouillenfahrt durch schottische Gewässer. Diese Serie lief bis 1991 in 15 Bänden.

Knox war ein beliebter und bekannter Autor, was sich in den 1970er Jahren das Fernsehen zu Nutze machte. Er moderierte „Crime Desk“, eine Sendung, die sich mit ungeklärten Kapitalverbrechen in Schottland beschäftigte. Zwölf Jahre stand Knox der Sendung vor. Parallel dazu präsentierte er „Tales of Crime“, eine Serie, die große Kriminalfälle der schottischen Geschichte aufrollte.

Insgesamt schrieb Bill Knox mehr als 60 Kriminalromane. Im März 1999 ist er über der Arbeit an einem weiteren Band der Thane-Moss-Serie gestorben; sein Schriftsteller-Kollege Martin Edwards stellte ihn fertig.

Copyright © 2016 by Michael Drewniok (md)

Die Colin-Thane/Phil-Moss-Serie:

(1957) Aus sicherer Quelle (Deadline for a Dream/In at the Kill) – GK 1073
(1959) Drei Paar Nylonstrümpfe (Death Department) – GK 1081
(1960) Ferngespräch nach Rom (Leave it to the Hangman) – GK 1171
(1962) Kleine Blutstropfen (Little Drops of Blood) – GK 1206
(1962) Spanische Dukaten (Sanctuary Isle/The Gray Sentinels) – GK 1226
(1963) Der Mann in der Flasche (The Man in the Bottle/The Killing Game) – GK 2007
(1965) Whisky floss in Strömen (The Taste of Proof) – GK 2125
(1966) Blutgruppe B (The Deep Fall/The Ghost Car) – GK 2242
(1967) Gangsterschlacht in Glasgow (Justice on the Rocks) – GK 3109
(1969) Der Halsabschneider (The Tallyman) – GK 3188
(1970) Dynamit in falschen Händen (Children of the Mist/Who Shot the Bull?) – GK 3273
(1971) Ins Feuer mit der Hexe (To Kill a Witch) – GK 4124
(1973) Das Spiel wird ernst (Draw Batons!/Penalty Shootout) – GK 4296
(1975) Rallye ins Jenseits (Rally to Kill) – GK 4464
(1977) Der Fehler des Piloten (Pilot Error) – GK 4673
(1978) Whisky macht das Kraut nicht fett (Life Bait) – GK 4873
(1981) Der Tod des Sargmachers (A Killing in Antiques) – GK 4918
(1983) Mit falschen Etiketten (Hanging Tree) – GK 4966
(1986) Die Tote vom Loch Lomond (The Crossfire Killings) – GK 5025
(1989) The Interface Man (kein dt. Titel)
(1996) The Counterfeit Killers (kein dt. Titel)
(1997) Blood Proof (kein dt. Titel)
(1998) Death Bytes (kein dt. Titel)
(1999) The Lazarus Widow (vollendet von Martin Edwards) (kein dt. Titel)

GK = Goldmann Kriminalroman

Titel bei Booklooker.de
Titel bei Amazon.de

sfbentry

Comments

  1. So, das war eine echte Fleißarbeit, doch auch die Fans der Colin-Thane/Phil-Moss-Serie sollen hier ja nicht zu kurz kommen: alle aufgelisteten Titel sind nun als Bestellinks aktiv. Einige Titel werden derzeit nicht angeboten aber die meisten schon. Schrebit uns doch mal hier einen Kommentar, ob ihr unseren Servie/Einsatz schätzt oder eher nicht! Wir sind gespannt auf Eure Meinung! 🙂

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.