Tod unter Glas

Robert Martin
Tod unter Glas
(James-Bennett-Serie, Bd. 13)

Originaltitel: A Coffin for Two (/London : Robert Hale 1962/New York : Curtis 1972)
Übersetzung: Paul Baudisch
Deutsche Erstausgabe: 1963 (Wilhelm Goldmann Verlag/Goldmanns Kriminal-Romane K 348)
184 S.
[ohne ISBN]
Neuausgabe: 1963 (Wilhelm Goldmann Verlag/Goldmanns Taschen-Krimi 1202)
184 S.
[keine ISBN]

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Das geschieht:

Ein ungewöhnlicher Sonntagsausflug – der Besuch einer uralten Friedhofsgruft – beschert dem Privatdetektiv Jim Bennett aus Cleveland im US-Staat Ohio und seinem Freund, dem Journalisten Jake Camp, die Bekanntschaft der jungen Erbin Nancy Keeting. Durch einen Reitunfall vor zwei Jahren verkrüppelt, ist sie menschenschau geworden und weckt in beiden Männern (u. a.) Beschützerinstinkte. Im kleinen Städtchen Beech Forks wird besagter Friedhof gerade aufgelassen, weshalb Nancy die Gebeine ihrer Vorfahren umbetten lässt.

Zufällig führt Bennetts aktueller Auftrag den Detektiv wieder nach Beech Forks. Die mondäne Emily Dewitt beauftragt ihn mit der Suche nach Earl, dem deutlich älteren Gatten. Bennett findet ihn betrunken und unglücklich in einem Hotel des Ortes; offenbar nimmt es Emily seit einiger Zeit mit der ehelichen Treue nicht so genau. Sie treibt sich mit einem Angestellten ihres Mannes, dem Nichtsnutz Reed Ballard, herum.

Bald verschwindet Earl Dewitt erneut, und dieses Mal findet Bennett ihn nur noch als Leiche wieder. Einem Autounfall ist er anscheinend zum Opfer gefallen. Misstrauisch geworden veranlasst der Detektiv eine Obduktion. Siehe da: Earl war bereits tot, als ihn der Sattelschlepper plättete.

Bennett fühlt sich für Earls Ende verantwortlich. Er will den Fall klären. Verdächtige gibt es genug. Nicht nur Emily und Reed kämen in Frage. Der unheimliche Friedhofspfleger Sam Green oder der undurchsichtige Hotelier Adam Hess stehen nur am oberen Ende der Liste. Dass Bennett dem Täter (oder den Tätern?) näher kommt, merkt er spätestens, als man ihm handgreiflich zu verstehen gibt, seine Ermittlungen in Beech Forks besser einzustellen …

Klischees statt Ideen

Die Inhaltsbeschreibung macht es deutlich: Ganz sicher haben wir es hier nicht mit einem Klassiker des Kriminalromans zu tun. Als Durchschnitts-Thriller bietet „Tod unter Glas“ trotzdem einiges Lesevergnügen; auf einem gut gedrechselten Holzstuhl sitzt es sich ja manchmal besser als auf einem allzu üppig gepolsterten Fauteuil. Das dachte auch James Tobias Bennett, der in jungen Jahren kurz Jura studierte und später in den Zweiten Weltkrieg zog; spätestens jetzt war er für einen „Nine-to-Five“-Job im Büro verloren, weshalb er auch als Chef einer etablierten Detektei ungern auf seine Mitarbeiter zurückgreift, wenn ihn ein Fall persönlich interessiert. Wie man sich denken kann, geschieht dies regelmäßig, weshalb zwischen 1951 und 1964 immerhin 14 Bennett-Krimis erschienen.

Deren Plots dürften schon damals für keine besonderen Überraschungen gesorgt haben, aber sie erfüllen den Unterhaltungszweck und wurden zudem ohne Haken & Ösen sowie in flotter Schreibe – die leichte Staubschicht auf der Übersetzung unterstreicht nur den nostalgischen Charme – dargeboten. Nur hier und da merkt man einem Werk wie „Tod unter Glas“ seine Jahre an; lässig wird geraucht, bis sich sogar die Leserlungen krümmen, und der ‚Held‘ ist ein Hallodri, der heutzutage hart an der Grenze zum Chauvinisten segeln würde.

Körperlich behinderte oder – wesentlich schlimmer – allzu lebenslustige Frauen gelten als ‚beschädigte Ware‘. Sie schweben ständig in Gefahr bzw. über einem Abgrund gesellschaftlicher Ächtung. Nonkonformistisches Verhalten wird aber auch unter Männern nur bis zu einem gewissen Grad toleriert; danach gibt’s in guter alter US-Pioniertradition was auf die Nase.

Vom Klischee zum Vorurteil

Für einen Privatdetektiv besitzt Jim Bennett ein ungewöhnlich sonniges Gemüt – kein einsamer Wolf, sondern ein geselliger Mann, der recht gut bezahlt für eine große Agentur arbeitet, mit vielen Freunden gesegnet und mit seiner Sekretärin verlobt ist (was ihn nie daran hindert, mit anderen Frauen zu flirten). Auf den typisch knurrigen, ihm in freundlicher Feindseligkeit verbundenen Polizeibeamten seines Vertrauens wollte Autor Martin aber nicht verzichten.

Dramatisch verworfen tritt uns wie schon angedeutet die latent ehebrecherische Emily Dewitt entgegen. Sie ist ein literarisches Kind ihrer Epoche, für die sich Gleichberechtigung darin erschöpfte, dass nun auch die Dame in der Öffentlichkeit rauchen durfte. In gewisser Weise herrscht dennoch ausgleichende Gerechtigkeit: Schon am Namen erkennt man, dass Reed Ballard verdächtig ist, und seine unmännlich langen Lockenhaare, das bunte Hemd sowie die „schlaffen Lippen“ (S. 120) verraten endgültig den labilen, ehrlosen Schuft.

Die junge Heldin geht dieses Mal am Stock. Es muss wohl als fortschrittlicher Zug gewertet werden, dass sie trotzdem ordentlich bebalzt wird. Das übernimmt gern der junge Jake Camp, Muster des „rasenden Reporters“, denn Detektiv Jim ist in festen Händen und dieses Mal brav. Sogar ein Ungeheuer gibt es: Mit Begeisterung übernimmt Sam Green als debiler Friedhofswächter diese Rolle, die in den alten deutschen Edgar Wallace-Filmen gern an Ady Berber fiel.

Insgesamt also kein innovatives Figureninventar, aber dieser Krimi funktioniert etwa wie in ein gutes, d. h. unterhaltsames B-Movie. Er richtet sich an ein männliches Publikum, das sich selbst zumindest am Feierabend gern mit dem flotten, unkonventionellen Jim Bennett identifizierte, der – in Maßen – tun und lassen durfte, was sich der brave Durchschnittsbürger nicht traute. So war es kein Wunder, dass Martin-Krimis auch – oder gerade? – im Deutschland der 1950er und frühen 1960er Jahre gedruckt worden. Viele klassische und bessere Autoren erschienen nicht so lückenlos, was (wieder einmal) verrät, dass „Qualität“ und „Erfolg“ keineswegs austauschbare Begriffe sind.

Autor

Robert Lee Martin wurde am 16. Oktober 1908 in Chula, US-Staat Virginia, geboren. Seine Arbeitsjahre verbrachte er vor allem in Cleveland, US-Staat Ohio. Viele Jahre war er als Personalchef einer Schleifwerkzeugfabrik tätig. Ende der 1930er Jahren beschloss Martin, sich außerdem als Schriftsteller zu versuchen. Er wurde rasch bekannt, und seine Stories erschienen in zahlreichen Magazinen.

Als diese „Pulps“ in den 1950er Jahren zu verschwinden begannen bzw. vom Buchroman ersetzt wurden, passte Martin sich dem neuen Markt an. Für seine Romane griff er (ab 1951) gern auf alte Storys zurück, die er erweiterte, miteinander kombinierte oder anderweitig ausschlachtete. Als ökonomisch arbeitender Autor brachte er in den 1950er Jahren eine Reihe gut aufgenommener Krimis auf den Markt.

In den 1960er Jahren sank Martins Stern. Seinen Job als Personalchef quittierte er, als die Firma aufgekauft wurde. Dann erkrankte seine Gattin schwer, die nach einem langen und kostenintensiven Leiden starb. Gleichzeitig brachen die Verkaufszahlen für Martins Romane ein. 1963 stellte er das Schreiben ein. Erst Anfang der 1970er Jahre versuchte er, inzwischen ein vergessener, verarmter und schwer an Arthritis leidender Autor, vergeblich ein Comeback. Robert Martin starb am 1. Februar 1976 im Alter von 67 Jahren in Tiffin, einer Kleinstadt im Norden Ohios, wo er viele Jahre gearbeitet, geschrieben und gelebt hatte.

An sein Leben und Werk erinnern diese und diese Website.

Copyright © 2016 by Michael Drewniok (md)

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