Tödliches Rätsel

Paul Harding
Tödliches Rätsel

(Sir-John-Cranston-/Bruder-Athelstan-Reihe, Bd. 7)

Originaltitel: The Assassin’s Riddle (London : Headline 1996)
Übersetzung: Rainer Schmidt
Deutsche Erstausgabe (geb.): 1998 (Eichborn Verlag)
302 S.
ISBN-10: 3-8218-0370-3
Neuausgabe: 2001 (Knaur Verlag/TB Nr. 63116)
302 S.
ISBN-10: 3-426-63116-4
Sonderausgabe: 2003 (Knaur Verlag/TB Nr. 62517)
302 S.
ISBN-13: 978-3-426-62517-0

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Das geschieht:

London im Sommer 1380: Geldverleiher Bartholomew Drayton liegt mit einem Armbrustbolzen in der Brust in seiner leer geräumten Schatzkammer. Mit eingeschlagenem Schädel treibt Schreiber Edwin Chapler in der Themse. Sein Kollege Luke Peslep endet, während er sich auf der Latrine der Schenke „Zum Tintenfass“ erleichtert, unter den Degenstichen eines Meuchlers.

Für die Ermittlungen in allen drei Fällen ist Sir John Cranston, der Coroner (= Untersuchungsrichter) der Stadt London, zuständig; eine Kriminalpolizei gibt es noch nicht. An seiner Seite arbeitet Athelstan, ein Bruder des Dominikanerordens, der sowohl als Cranstons Sekretär fungiert als auch auf Grund seiner kriminalistischen Fähigkeit ein wertvoller Assistent sowie ein geschätzter Freund ist.

Normalerweise würden die Ermittlungen gründlich aber gemächlich ihren Gang gehen. Dieses Mal indes sitzt Cranston John von Gaunt, Herzog von Lancaster und Regent anstelle des noch unmündigen Königs von England, im Nacken. 5000 Pfund Silber hat ihm der verblichene Drayton leihen wollen. Der Vertrag gilt, der Regent will sein Geld, zumal er es jetzt nicht mehr zurückzahlen muss. Da John weder für seine Geduld noch seine Nachsicht bekannt ist, steckt Cranston in der Zwickmühle.

Doch wie kann man den Fall lösen, wenn die Zahl der Verdächtigen stetig abnimmt? Weitere Schreiber werden umgebracht, und ein Komplott zeichnet sich allmählich in Umrissen ab, dessen Mitglieder sowohl in hoher Stellung als auch unter den Gefährten eines gefürchteten Räuberhauptmanns zu finden sind. Während die Ermittlungen nur zäh voranschreiten, müssen Sir John und Athelstan damit rechnen, dass auch auf sie irgendwo ein Heckenschütze wartet …

Das gezähmte Mittelalter

Willkommen im Mittelalter des Paul Harding, das zwar finster aber trotzdem ein Ort ist, an dem sich zu leben lohnt. Der Verfasser ist Schriftsteller und Historiker; auf beiden Feldern beweist er sein Talent, indem er ihnen ureigene Elemente geschickt in seinen zahlreichen, luftig gestrickten doch unterhaltsamen Historienkrimis zusammenfließen lässt. „Tödliches Rätsel“ ist keine Ausnahme, sondern bestätigt diese Regel: Ein trickreich eingefädeltes, freilich nicht allzu komplexes Krimimysterium plätschert vor der bunten Kulisse einer versunkenen Epoche beliebig aber handlungsaktiv, wendungsreich und witzig dem Finale & seiner Auflösung entgegen. Harding macht es sich leicht, indem er seinen Lesern entscheidende Indizien vorenthält, sodass primär er es ist, der weiß, wohin der Hase laufen wird.

Die Vergangenheit dient als Folie, mit dem sich dieses literarische Mittelmaß schmücken lässt. Harding versteht wie gesagt sein Handwerk: Er erfindet ein für den größten gemeinsamen Nenner seines Publikums spannendes Mittelalter. Bei ihm gibt es (lobenswerterweise) kein stolzes Präsentieren angelesenen Fachwissens, das zur Handlung nichts beiträgt. Harding arbeitet hauptsächlich dort mit zeitgenössischen Namen, Fakten und Fachausdrücken, wo sie seine Geschichte voranbringen. So wäre die Ermordung des unglücklichen Mr. Peslep ohne die historisch belegte Existenz recht rustikaler Gasthaus-Abtritte nicht wie beschrieben möglich geworden. Ganz zu schweigen von der Präsenz merkwürdiger Zeitgenossen wie dem „Menschenfischer“, den die Stadt London anstellt, damit er Leichen aus der Themse fischt.

Das gerittene Klischee

Natürlich bedient sich Harding dennoch reichlich des Lokalkolorits sowie aus der Klischeekiste; es bleibt ihm angesichts des Tempos, mit dem er seine Krimis auf den Buchmarkt wirft, keine andere Wahl als der Einsatz von Versatzstücken. Mittelalter – das bedeutet für den historischen Laien Primitivität im Denken und Handeln, Leben in Unwissenheit, Dunkelheit und Schmutz, das unmittelbare Nebeneinander von bitterster Armut und zur Schau gestelltem Reichtum (gern personifiziert in Gestalt eines feisten, heuchlerischen Pfaffen), enge Straßen, Galgen, Ratten, Flöhe, zugige Burgen, verräucherte Wirtshäuser, in denen dralle Schankdirnen fröhliche Zecher bedienen (und das ist zweideutig gemeint). Bücher wie „Tödliches Rätsel“ sind keine historischen, sondern historisierende Krimis, die in der Gegenwart für moderne Leser geschrieben wurden.

Harding-Thriller sind darüber hinaus typische Serienware, die jenseits des kriminellen und kriminalistischen Geschehens den persönlichen/privaten Erlebnissen der im siebten Teil der Cranston/Athelstan-Saga bereits gut eingeführten Helden viel Raum bietet. Die Leser des Verfassers – und es sind ihrer viele – lieben die stets ähnlich gestrickten Geschichten in gewohnten Kulissen und mit bekanntem Personal, in die sie ohne die Lektüre langer Einleitungskapitel oder Vorwissen über das historische Umfeld wie in ein Paar alter, bequemer Pantoffel schlüpfen können.

Köpfe können wirklich rollen

Dazu passen die meist leicht karikierend angelegten Figuren. Sir John Cranston mimt den lebensprallen Kraftmenschen, der leicht vertrottelt wirkt, sich reichlich aus einem um den Hals gehängten Weinschlauch zu bedienen pflegt und grob umherpoltert. Andererseits erinnert Harding immer wieder daran, dass Cranston ein Ritter mit reicher Lebens- und Kampferfahrung ist, der immer noch zulangen kann, wenn es erforderlich ist.

Obwohl vom politischen und gesellschaftlichen Status her prinzipiell die Hauptfigur, verharrt Cranston tatsächlich in der Dr.-Watson-Rolle. Bruder Athelstan, seine rechte Hand und somit sein Bediensteter, ist der eigentliche Sherlock Holmes des Duos. Dazu passt eine dröge Art, die von Intelligenz und Ernst künden soll, was ohne den handfesten Cranston nur schwer zu ertragen wäre. Athelstan hat eine Bildung genossen, wie sie in dieser Qualität in der Tat nur in den zeitgenössischen Klöstern und Stiften vermittelt wurde. Cranston wurde reich und adlig geboren; er ist deshalb eher praktisch orientiert.

Was Status und Macht im Mittelalter wirklich bedeuteten, versinnbildlicht die Figur des Robert von Gaunt. Dem Herrscher „untertan“ zu sein, bedeutete viel mehr als sich nur vor ihm zu verneigen oder pünktlich seine Steuern zu zahlen. Wenn Robert ‚sein‘ Geld fordert, dann ist das eine ernste Sache für Cranston. Er hat zu gehorchen und es aufzutreiben, sonst kann es geschehen, dass er sich vor Gericht, im Gefängnis oder gar auf der Richtstätte wiederfindet. (Hochverräter werden gevierteilt, wie uns Harding anschaulich informiert.)

Wange an Wange: ‚Realität‘ und Übertreibung

Ein Verdienst Hardings ist seine Entscheidung, die ständige Präsenz (gesetzlicher) Gewalt, Krankheit oder Tod in der mittelalterlichen Gemeinschaft nicht aus der Sicht des heutigen Zeitgenossen zu deuten oder gar zu verteufeln, um Betroffenheit („Nein, wie furchtbar!“) zu erzwingen. Sir John Cranston fürchtet den Zorn seines Herrn; alte Frauen halten sich mit ihren Kräuterkenntnissen zurück, um nicht als Hexen verfolgt zu werden; Schankdirne Meg muss es sich gefallen lassen, von angetrunkenen Gästen angetatscht und gekniffen zu werden: Es ist wie es ist; nicht unbedingt gut aber eben alltäglich.

Schmal ist freilich der Grat zwischen Akzentuierung und Übertreibung. Was die Nebenfiguren betrifft, so arbeitet Harding quasi gern mit Matrizen. Die Bevölkerung blieb im Mittelalter mehrheitlich ohne Schulbildung im modernen Sinn. Das bedeutet nicht, dass die Menschen weniger intelligent waren als heute. Natürlich ist es schwierig ein solches abstraktes Phänomen in literarische Bilder zu fassen. Dennoch ist es unzulässig, das belletristische Mittelalter mit notorisch dummdreisten, pseudo-ulkig radebrechenden Witzgestalten wie aus dem ‚volkstümlichen‘ Bauertheater oder den Proll-Comedyshows des Privatfernsehens zu bevölkern. Hier zeigt sich die Serienproduktion der Harding-Krimis einmal mehr und dieses Mal lästig.

Nachdem er die Reihe für einige Jahre hat ruhen lassen, schreibt Harding seit 2011 neue Krimi-Abenteuer um Sir John Cranston und Bruder Athelstan, die allerdings hierzulande noch nicht bzw. nicht mehr veröffentlicht wurden.

Autor

Paul Harding ist kein Mann mit vielen Gesichtern und sicherlich nicht der unterhaltsamste oder gar beste Verfasser historischer Kriminalromane. Allerdings schreibt er fleißig; so fleißig, dass er sich für seine verschiedenen Serien gleich mehrere Pseudonyme zugelegt hat (Anna Apostolou, Michael Clynes, Ann Dukthas, C. L. Grace, Paul Harding).

Tatsächlich heißt der Schriftsteller Paul C. Doherty und wurde als viertes von neun Kindern 1946 in Middlesbrough, einer Stadt an der Nordostküste Englands, geboren. Der Lebenslauf des später recht erfolgreichen Wissenschaftlers und Dozenten weist einige interessante Kurven auf. Doherty schlug sich nach seiner Schulzeit lange mit Gelegenheitsjobs als Müllmann, Straßenkehrer, Busfahrer oder Kellner durch und plante dann eine Laufbahn als Priester. Drei Jahre später widmete er sich lieber der Geschichte, die er in Liverpool und Oxford studierte. Nach bestandenem Abschluss unterrichtete Doherty in Berkeshire, Nottinghamshire und West Sussex. 1981 ernannte man ihn zum Leiter der Trinity Catholic Highschool zu Oxford. Mit Frau und sechs Kindern lebt Doherty heute in London.

Als „Paul Harding“ veröffentlichte Doherty die ersten sieben Bände seiner Serie um den Dominikanerbruder Athelstan und John Cranston, Untersuchungsrichter zu London im 14. Jahrhundert. Seit dem achten Band verwendete Doherty seinen richtigen Namen.

Copyright © 2014/2017 by Michael Drewniok (md)

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