Totes Ohr am Telefon

Ed McBain
Totes Ohr am Telefon
(87. Polizeirevier, Bd. 27)

Originaltitel: Let’s Hear It for the Deaf Man (Garden City/New York : Doubleday & Co. 1973)
Übersetzung: Helmut Bittner
Deutsche Erstausgabe: 1974 (Ullstein Verlag/Ullstein Krimi 1614)
128 S.
ISBN-13: 978-3-548-01614-6

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Das geschieht:

Wenn der Frühling beginnt, rührt sich in Isola, einer Großstadt im Osten der USA, auch die kriminelle Szene. Für die Beamten des 87. Polizeireviers ist das eigentlich Routine. Trotzdem werden die routinierten Gesetzeshüter in diesem Jahr überrascht. So treibt ein Einbrecher sein Unwesen, der keinerlei Spuren, sondern ein junges Kätzchen am Tatort zurücklässt. Für Aufsehen sorgt ein Mann, dem ein Pfeil durch die Brust geschossen wurde. Kopfzerbrechen bereitet schließlich die Leiche eines jungen Mannes, der in einem zum Abbruch stehenden Haus buchstäblich gekreuzigt wurde.

Viel Arbeit also für die Polizei, weshalb niemand begeistert ist, als sich der „Taube“ zurückmeldet. Der ebenso geniale wie verrückte (und schwerhörige) Kapitalverbrecher hat die Beamten des 87. Reviers und hier vor allem Detective Steve Carella bereits zweimal herausgefordert. Er liebt das ‚Spiel‘ mit den Beamten mindestens ebenso wie die eigentliche Untat, die er Carella so ankündigt: „Ich werde am letzten Tag des Monats April fünfhunderttausend Dollar stehlen … Und zwar mit Ihrer Hilfe.“

Bis es soweit ist, schickt „der Taube“ Fotos, die FBI-Chef J. Edgar Hoover, US-Gründervater George Washington oder ein japanisches Jagdflugzeit aus dem Zweiten Weltkrieg zeigen. Was will er damit sagen? Die Dechiffrierung kostet die Beamten Nerven, was der „Taube“ vorausgesehen hat und sein Vergnügen steigert.

Währenddessen müssen die übrigen Fälle weiterbearbeitet werden. Die Polizisten befragen mögliche Zeugen, die ihre Abneigung gegen die Polizei eint. Man landet in vielen Sackgassen, doch letztlich setzt sich die Ermittlungserfahrung durch. Die Verbrechen werden aufgeklärt, diverse Täter verhaftet – ein Schema, dem sich der „Taube“ allerdings zu entziehen weiß …

Ein Tupfer auf dem alltäglichen Irrsinn

Auch Polizisten leiden unter Langeweile. Damit ist kein Zuwenig an ordnungshüterlicher Arbeit gemeint, sondern jener Alltag, der zur Routine erstarrt und die Stunden des Schaffens zur öden Qual gerinnen lassen können. Dies gilt auch, wenn es darum geht, Räuber, Diebe und Mörder dingfest zu machen: Kriminelle sind Gewohnheitsmenschen sowie nicht unbedingt die Hellsten, weshalb sich ihre Schandtaten bzw. ihre Methoden, diese zu vertuschen, gleichen. Man weiß, wie man sie schnappen kann und wird; es bedarf festen Schuhwerks für die erforderliche Ermittlungsarbeit vor Ort, während der Geist oft weniger beansprucht wird.

Deshalb geht ein Ruck durch das 87. Revier, als sich der „Taube“ meldet. Man hat zwar mehr als genug zu tun, doch dieser Kriminelle sorgt für frischen Wind! Schon zweimal hat er sich mit den Beamten angelegt und sie zu einem kuriosen Wettkampf herausgefordert. Steven Carella und seine Kollegen stöhnen und schimpfen, aber insgeheim freuen sie sich, obwohl sogleich das schlechte Gewissen erwacht: Der „Taube“ legt einen inspirierenden Einfallsreichtum an den Tag, doch er ist auch ein Psychopath, der sich nicht um die Opfer schert, die seine Taten verursachen. In seinem Größenwahn betrachtet er sie als Kollateralschäden, die er auf dem Altar seines Genies opfert.

Das Rätselspiel zwischen dem „Tauben“ und der Polizei besitzt also einen ernsten Unterton. Autor McBain erinnert uns daran, ohne moralisierend den Zeigefinger zu heben. Verbrechen mag sich nicht lohnen, weil es so, wie es der „Taube“ angeht, irgendwann doch scheitert: Der Plan mag theoretisch genial sein, ist aber bei nüchterner Betrachtung vor allem kühn. Ohne die erzwungene Beteiligung der Polizei könnte er gelingen. Der „Taube“ ist allerdings ein Opfer seiner Selbstüberschätzung. Das ‚Spiel‘ ist ihm allemal wichtiger als die Beute, auf die er auch dieses Mal ohne zu zögern verzichtet, als eine Mischung aus sorgfältiger Polizeiermittlung und absurden Zufällen seinen Plan scheitern lassen.

Wie in einem Spiegel

Geradezu persönlich wirkt das Verhältnis zwischen dem „Tauben“ und Steve Carella. Der „Taube“ mag ihn auch deshalb favorisieren, weil Carella mit der taubstummen Teddy verheiratet ist. Ansonsten ähneln sich die beiden Männer in der Intensität, mit der sie ihrer Arbeit nachgehen. In „The Heckler“ (1960; dt. „April, April!“) schießt der „Taube“ Carella an, der sich in „Fuzz“ (1968; dt. „Die Greifer“) ‚revanchiert‘. Das nimmt man einander nicht übel; hier treffen Profis aufeinander – diesseits und jenseits des Gesetzes.

Auch die übrigen Beamten des 87. Reviers schalten sich ein. Obwohl sie mit eigenen Fällen gut beschäftigt sind, kommen sie immer wieder fasziniert zusammen und versuchen, die kryptischen Botschaften des „Tauben“ zu entziffern. Sie verfluchen ihn und können aus ihrer Bewunderung doch keinen Hehl machen – eine Emotion, die sich auf den Leser überträgt, weil McBain diese Figur stets handlungsökonomisch, sparsam und unter Wahrung des zentralen Geheimnisses einsetzte: Nie hat man erfahren, wer der „Taube“ ist oder was ihn zu seinen kuriosen Taten treibt. Klassisch und immer vielversprechend war seine jeweils erste Wortmeldung: „Sie müssen lauter reden … Ich bin ein wenig schwerhörig“: Nach „Totes Tor am Telefon“ ließ ihn McBain erst zwölf Jahre später in „Eight Black Horses“ (1985; dt. „Zwölf schwarze Pferde“) erneut auftreten. Zuletzt trat der „Taube“ im (hierzulande nicht erschienenen) „Hark!“ (2004) auf: ein Jahr vor dem Tod des Verfassers und im 54. Band der Serie um das 87. Polizeirevier. Obwohl im Wissen um seinen nahen Tod, widerstand McBain der Versuchung, den „Tauben“ zu enttarnen. Stattdessen ließ er ihn zum sechsten Mal und endgültig davonkommen.

Dass dieses Duell mit dem „Tauben“ stets funktionierte, liegt auch an der Einbettung in eine Story, die das Gesamtgeschehen im Mikrokosmos des 87. Reviers berücksichtigt. Sowohl die kriminalistische als auch die kriminelle Welt dreht sich weiter, während man sich mit dem „Tauben“ misst. „Totes Ohr am Telefon“ – der ‚ulkige‘ deutsche Titel ist das Relikt einer Ära, in der Verlage glaubten originell zu sein oder sein zu müssen – ist 1973 entstanden. Das klassische Verbrechen, das lange ungeschriebenen, aber fixen Regeln gehorchte, ist modern geworden und einer kriminellen Anarchie gewichen. Der Tod kommt nicht nur schnell, sondern auch grausam, was umso drastischer wirkt, weil die Ursachen erschreckend banal sein können.

Augen auf und durchhalten!

Während der „Taube“ abermals das Weiter suchen kann, werden sowohl der Kreuzigungs-Mord als auch die Einbruchsserie aufgeklärt. Sie bleiben dem kriminalistischen Alltag verhaftet, sind also nicht annähernd so mysteriös, wie sie zunächst wirken. Dem „police procedural“ und damit der zumindest realistisch wirkenden Polizeiarbeit blieb McBain stets verbunden.

Zwischen überlangen Arbeitsschichten versuchen die Beamten des 87. Reviers sich ein Privatleben zu bewahren, was nur bedingt von Erfolg gekrönt ist. Statt sich wie heute üblich in endlosen Dramen zu verlieren, wirft McBain Schlaglichter auf die daraus resultierenden Probleme. Das Gehalt ist niedrig, der Ruf gerade in den liberalen 1970er Jahren quasi ruiniert, die Scheidungsrate eindrucksvoll. Für einen Polizisten ist es schwierig, außerhalb seines Reviers zu existieren.

Dass manche Aspekte buchstäblich zu kurz kommen, dürfte an der rüden Methode liegen, mit der Taschenbuch-Krimis hierzulande viel zu lange seitennormiert wurden: Für „Totes Ohr am Telefon“ sah der deutsche Verlag 128 Druckseiten vor, während „Let’s Hear It for the Deaf Man“ 256 Seiten zählte. Mit kleinem Schriftsatz ließ sich diese Differenz nicht ausgleichen, weshalb man kürzte, was nicht für ‚wichtig‘ gehalten wurde. Das schmerzt erst recht, wenn man die später komplett übersetzten Bände der Serie kennt, die deutlich seitenstärker, aber um keinen Deut weniger unterhaltsam sowie inhaltlich ausgewogen wirken: Ed McBain war ein schnell schreibender Schriftsteller, doch er verstand sein Handwerk. Selbst gerupft kann „Totes Ohr am Telefon“ dies bestätigen.

Autor

Ed McBain wurde als Salvatore Albert Lombino am 15. Oktober 1926 geboren. Dies war in den USA in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg kein Name, der einem ehrgeizigen Nachwuchsschriftsteller hilfreich gewesen wäre. Also ‚amerikanisierte‘ sich Lombino 1952 zu Evan Hunter und schrieb Literatur mit Botschaft und Anspruch, darüber hinaus Kinderbücher und Drehbücher.

Da sich der Erfolg in Grenzen hielt, wählte Vollprofi Hunter ein neues Pseudonym und verfasste als „Ed McBain“ den ersten der von Anfang an als Serie konzipierten Kriminalromane um das 87. Polizeirevier. Schnelles Geld sollten sie bringen und ohne großen Aufwand zu recherchieren sein. Deshalb ist Isola mehr oder weniger das Spiegelbild von New York, wo Lombino im italienischen Ghetto East Harlems groß wurde. Aber Hunter bzw. McBain kochte nicht alte Erfolgsrezepte auf Er schuf ein neues Konzept, ließ realistisch gezeichnete Polizisten im Team auf ‚echten‘ Straßen ihren Job erledigen. Das „police procedural“ hat er nicht erfunden, aber entscheidend geprägt.

1956 erschien „Cop Hater“ (dt. „Polizisten leben gefährlich“). Schnell kam der Erfolg, es folgten bis 2005 54 weitere Folgen dieser Serie, der McBain niemals überdrüssig wurde, obwohl er weiter als Evan Hunter publizierte sowie als McBain die 13-teilige Serie um den Anwalt Matthew Hope verfasste. Mehr als 100 Romane umfasste das Gesamtwerk schließlich – solides Handwerk, oft genug Überdurchschnittliches, geradlinig und gern fast dokumentarisch in Szene gesetzt, immer lesenswert -, als der Verfasser am 6. Juli 2005 einem Krebsleiden erlag.

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