Träume zu verkaufen

Sidney H. Courtier
Träume zu verkaufen

(Inspektor-Haig-Serie, Bd. 2)

Originaltitel: Death in Dream Time (London : Hammond & Hammond 1959)
Deutsche Erstausgabe: 1965 (Goldmann Verlag/Goldmanns Taschen Krimi 2095)
Übersetzung: Tony Westermayr
Cover: Eduard Böhm
185 S.
[keine ISBN]

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Das geschieht:

Seinen Vetter hat Jock Corless, Geschäftsmann aus dem australischen Bundesstaat Neusüdwales, nach einem Streit seit Jahren nicht mehr gesehen. Dennoch folgt er dem brieflichen Hilferuf, mit dem ihn Laurie Moore nach Ungamillia, ein Städtchen im Nachbarstaat Queensland, ruft. Doch Corless kommt zu spät: Als er sein Ziel erreicht, hat man Moores Leiche gerade unter dem Kühler eines Autos hervorgezogen. Offenbar hat er seinem Leben selbst ein Ende gesetzt.

Corless nimmt als Grund Verzweiflung an: Moore hat ihm von hohen Schulden berichtet und eine entsprechende Liste seiner Gläubiger beigelegt. Diese verwandeln sich in Verdächtige, als die Untersuchung der Leiche ergibt, dass Moore bereits tot gewesen ist, als er unter den Wagen geriet. Noch seltsamer: Seine angeblichen Gläubiger leugnen, dass er ihnen Geld geschuldet hat.

Nicht nur Corless beginnt zu ermitteln. Aus Brisbane reist Inspektor William Haig an, der auf ebenso unkonventionelle wie hartnäckige Weise und unter Verzicht auf Feingefühl nach dem Täter fahndet. Da Corless womöglich dort weiterkommt, wo ihm das Tor verschlossen bleibt, lässt ihn Haig Fragen stellen und für Unruhe unter den Verdächtigen sorgen.

Die sind sämtlich im Umfeld des „Traumzeitlandes“ zu finden. Das Gemeinschaftsprojekt des Künstlers Carl Rusking mit dem Vater-Tochter-Paar Austin und Julie Flax stellt Besuchern in natürlicher Kulisse die Mythenwelt der australischen Ureinwohner vor. Dabei wird sorgfältig gefiltert, um ‚anstößige‘ Themen auszuschließen. Gleichzeitig werden im Traumzeitland offenbar uralte und inzwischen gesetzlich verbotene Riten praktiziert – eine Entdeckung, die Moore mit dem Leben bezahlte und die auch Corless in Lebensgefahr bringt, wie diesen ein gerade noch abgefangener Giftpfeilschuss lehrt …

(In Maßen) lockende Ferne

Der australische Kriminalroman besitzt eine lange Tradition, die hierzulande nicht nur aufgrund der beachtlichen Entfernung vor allem Fachleuten bekannt ist. Einem breiteren Publikum bekannt sind höchstens die „Bony“-Romane von Arthur W. Upfield (1880-1964), die im Feld einer vor allem kurz nach dem Zweiten Weltkrieg noch auf traditionelle Krimikost geprägten deutschen Leserschaft ihre Nische fanden, weil sie einerseits angenehm (oder erträglich) exotisch und andererseits spannend und ausgezeichnet geschrieben waren.

Der Schauplatz barg hierzulande durchaus ein Risiko: Die Krimi-Routinen, die Edgar Wallace, Agatha Christie oder US-amerikanische Kollegen wie Erle Stanley Gardner und Rex Stout in Serie über ihre dem Neuen nur vorsichtig aufgeschlossene Leser brachten, machten es ‚neuen‘ Autoren nicht einfach. Am besten fuhren sie, wenn sie den bekannten und genannten Vorbildern in etwa folgten. In diesem Umfeld konnte Sidney H. Courtier punkten. Ihm gelang es, wie Upfield das (allzu) Fremde mit der Krimi-Tradition unterhaltsam in Einklang zu bringen.

Courtier kannte als weitgereister Mann das australische Land und seine Leute. Außerdem interessierte er sich für die Kultur der Aborigines, jener ‚Urmenschen‘, die angeblich halsstarrig in ihrer primitiven Steinzeit verharrten und von den englischen Siedlern verdrängt, ausgebeutet, dezimiert sowie ins gesellschaftliche Abseits abgedrängt wurden, wo sie primär im Umfeld der Städte ein elendes Dasein fristeten.

„Authentisch“ kann auch „tödlich“ bedeuten

Lange blieb aufgrund dieser Ausgrenzung die reiche Kultur dieser ersten Australier unbeachtet. Sie zeichnet sich durch eine intensive Verschränkung der realen Welt mit einer übernatürlichen Sphäre aus, die im Trance- oder Traumzustand bereist werden kann und im Alltagsleben berücksichtigt werden muss, da Verstöße gegen göttliche Gesetze unmittelbar geahndet werden: Die Abrechnung erfolgt nicht erst nach dem Tod.

Der Einklang mit einer Götterwelt, die in der Umgebungsnatur wurzelt, war (und ist) den Aborigines ungemein wichtig. Auch hier stießen sie auf Ablehnung, zumal sie den englischen Kolonisten als gottlose „Heiden“ galten, die notfalls mit Gewalt ‚bekehrt‘ sowie ‚zivilisiert‘ werden mussten. Was fromme aber erbarmungslose Missionare und Lehrer damit anrichteten, blieb eine Hypothek, die den Aborigines bis heute zu schaffen macht.

Initiationsriten sind elementarer Bestandteil der Aborigines-Kultur. Das Überleben in einer feindselig harten Umgebung erforderte radikale Anpassungen, die von Zeremonien begleitet und den Betroffenen auf diese Weise verständlich gemacht wurden. Aus europäischer Sicht waren diese Praktiken entweder unverständlich oder pervers, also wurden sie verboten und jene, die sie seit Jahrtausenden ausübten, verfolgt und bestraft: Dies bildet den Hintergrund und ermöglicht den Plot von „Träume zu verkaufen“.

Albträume im Traumzeitland

Die Handlung spielt in einer einzigen Nacht. Bereits die Abgeschiedenheit des Ortes sowie seine beleuchtungsfreie Dunkelheit sorgen für ein angenehm schauerliches Ambiente. Die Landschaft blieb naturbelassen, nur einige karg illuminierte Wege führen durch dichten Urwald, der von steilen Klippen durchzogen wird. Hier hat selbst ein klarsichtiger Ermittler wie Inspektor Haig Schwierigkeiten, während der Schurke im Schutz der Dunkelheit seine Untaten verüben kann.

Während untersucht, verfolgt und gemordet wird, lässt Courtier im Hintergrund eine Gästeführung der besonderen Art ablaufen: Im Gelände verteilte Dioramen stellen Stationen einer mythischen Reise nach, die durch lebensgroße Figuren, Licht- und Toneffekte zusätzlich ‚belebt‘ wird. Während sämtliche Register gezogen werden, um das Publikum zu beeindrucken, findet hinter den Kulissen die Ermittlung statt. Weitere Morde folgen, während allerlei Täuschungsmanöver dafür sorgen, dass sich der Verdacht gegen einen „Neger“ richtet, der womöglich der Trivialisierung der Aborigines-Mythen ein Ende machen will.

In einer Übersetzung des 21. Jahrhunderts würde natürlich niemand mehr einen Aborigine als „Neger“ bezeichnen. Die seit der Erstveröffentlichung verstrichene Zeit wird durch weitere politische Unkorrektheiten deutlich. So erweist sich die angeblich faktengestützte Info-Veranstaltung als „Best-of“ sorgfältig nach Publikumswirksamkeit ausgesuchter Mythen-Fragmente, wobei die ‚unanständigen‘ Aspekte gänzlich unter den Tisch fallen. Selbstverständlich wird das Traumzeitland ausschließlich von weißen Australiern geführt und besucht, während die Aborigines, um die es vorgeblich geht, durch Abwesenheit glänzen und vermutlich ungern gesehen wären.

Graue Realität hinter bunten Träumen

In gewisser Weise hat sich Courtier in eine Sackgasse manövriert: Die Auflösung der Morde im Traumzeitland wurzelt in der wahren, nicht entschärften Glaubenswelt der Aborigines. 1959 konnte der Autor sich jedoch höchstens auf Andeutungen beschränken. Als das Mordmotiv feststeht, ist es eine Mischung aus verdruckster, exotischer ‚Erotik‘ und banaler Erpressung.

Dafür entschädigt die typische Zusammenkunft aller Verdächtigen an einem wahrlich pittoresken Ort. Ermittler Haig, der sich bisher in Schweigen gehüllt oder eher verwirrend agiert hatte, fügt endlich Fakt an Fakt, um eine ganze Kette von Schandtaten zu enthüllen. Bis zuletzt leistet ihm Jock Corless Gesellschaft, der den „Watson“ dieses Krimirätsels gibt, d. h. den Meister – Haig – bei der Arbeit beobachtet, dumme Fragen stellt und sich mit dem weiblichen Figurenpersonal herumschlägt, da Haig ganz klassisch kein Interesse an Frauen zeigt oder deren Aufmerksamkeit erregt.

Solche Seifenoper-Elemente sollten schon damals entsprechende gepolte Leser/innen locken, denen ein pures Krimi-Geschehen zu trocken war. Glücklicherweise lässt Courtier entsprechende Szenen nicht ausarten oder gar die Handlung ersetzen. Im Vordergrund bleiben die Tat und ihre Aufklärung. Keine 200 Seiten dauert es, bis der Autor dorthin gekommen ist, ohne Langeweile zu verbreiten; eine Tugend, die leider weitgehend in Vergessenheit geraten ist.

Autor

Sidney Hobson Courtier wurde 1904 in einem Nest namens Kangaroo Flat im australischen Bundesstaat Victoria geboren. Die meiste Zeit seines Lebens arbeitete er als Lehrer, wobei er in viele Schulen des genannten Staates versetzt wurde. Aus diesen Tapetenwechseln resultierten Ortskenntnisse, die Courtier später in seine Romane einfließen ließ. Courtier begann bereits früh aber nebenberuflich zu schreiben. Als er 1933 heiratete, war er als Autor für Kurzgeschichten und Artikel längst etabliert. Unter verschiedenen Pseudonymen verfasste Courtier mehr als 200 Beiträge für Zeitungen und Magazine auch außerhalb Australiens.

Zwischen 1942 und 1944 leistete Courtier Kriegsdienst im Northern Territory. 1950 erschien ein erster Kriminalroman. „The Glass Spear“ war gleichzeitig Start einer (sechsteiligen) Serie, die als Ermittler Superintendent Ambrose Mahon in den Mittelpunkt stellte aber erst 1956 fortgesetzt wurde. Im folgenden Jahr stellte Courtier seinen Lesern Inspector C. J. Haig, genannt „Digger“, vor, der bis 1970 sieben Verbrechen aufklärte. Daneben entstanden vor allem in den 1960er Jahren zahlreiche serienunabhängige Romane: Courtier ging 61-jährig in den Ruhestand, und seine Veröffentlichungsrate stieg deutlich an.

1967 erlitt Courtier einen schweren Schlaganfall, der ihn zeitweise der Sprache beraubte und lähmte. Zwar überwand er diese Folgen und setzte seine Karriere fort, dort seine Gesundheit blieb angeschlagen. 1974 starb Courtier im Alter von 69 Jahren in Safety Beach, Victoria.

In Deutschland nahm sich der Goldmann-Verlag seines Werkes an. Hier erschienen mit großem Publikumserfolg die „Bony“-Romane des australischen Krimi-Autoren Arthur W. Upfield (1880-1964). Der exotische Hintergrund des fernen Kontinents und das Talent dieses Schriftstellers bereitete das Feld für weitere Kriminalromane aus Australien vor. Bis zu Courtiers Tod erschienen die meisten seiner Romane in deutscher Übersetzung, wobei auf die Serien oder Entstehungsdaten keine Rücksicht genommen wurde. Als neue Romane ausblieben, geriet Courtier anders als Upfield in Vergessenheit; ein Schicksal, das ihn auch in seiner australischen Heimat ereilte.

Copyright © 2015 by Michael Drewniok (md)

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Comments

  1. Kurzkritik für Ungeduldige: Ein scheinbar von wütenden Gläubigern getöteter, tatsächlich ermordeter Mann war Zeuges eines gemeinen Verbrechens, das nun ein Verwandter im Bund mit einem hartnäckigen Polizisten aufklären will … – Die übliche Schurkenjagd spielt sich dieses Mal im Australien ab. Der Verfasser kennt Land und Leute und schildert darüber hinaus eine ungewöhnliche Untat: eine angenehme Krimi-Überraschung und die (Wieder-) Entdeckung eines zu Unrecht vergessenen Schriftstellers.

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