Zwei blutige Buchstaben

Ellery Queen
Zwei blutige Buchstaben
(Ellery Queen, Bd. 24)

Originaltitel: The Scarlet Letters (New York : Little, Brown 1953/London : Victor Gollancz 1953)
Übersetzung: N. N.
Deutsche Erstausgabe: 1957 (Alfred Scherz Verlag/Die schwarzen Kriminalromane 92)
191 S.
[keine ISBN]

Titel bei Amazon.de


Das geschieht:

Ellery Queen, bekannter Verfasser viel gelesener Kriminalromane und von der Verbrecherwelt gefürchteter Hobby-Detektiv, ist wenig begeistert, als ihn seine Privatsekretärin und Freundin Nikki Porter bittet, Martha Gordon beizustehen. Die millionenschwere Tochter eines längst verblichenen Schlachthof-Magnaten, die sich nun als Theater-Produzentin die Zeit vertreibt, hat vor einigen Jahren den mäßig erfolgreichen Schriftsteller Dirk Lawrence geheiratet. Schon damals sorgte dies für einige Verwunderung, ist ihr Gatte doch ein verschlossener, depressiver, sogar bedrohlich wirkender Zeitgenosse.

Doch wo die Liebe hinfällt, macht sie bekanntlich zunächst einmal blind. Inzwischen ist der Ehealltag eingekehrt, und Martha bekam Gelegenheit genug, ihre Gattenwahl zu bereuen. Dirk trinkt, und regelmäßig überkommen ihn Anfälle ungezügelter Aggression. Dann wirft er Martha vor, sie zu betrügen, beschimpft und schlägt sie. Beruhigt er sich dann, weiß er nicht, was in ihn fuhr. Auch Ellery hat von Dirk bereits einen Kinnhaken einstecken müssen. Daher quartiert er Nikki bei den Lawrences ein, die ein Auge auf den labilen Hausherrn halten soll.

Martha erhält anonyme Briefe mit scharlachrot geschriebener Adresse. Den Absender bringen Nikki und Ellery trotzdem in Erfahrung: Es ist der alternde Schauspieler und Wüstling Van Harrison. Auch das ‚Codebuch‘ mit den Orten zukünftiger Treffen kann Ellery ausfindig machen. Nunmehr nimmt er als unsichtbarer Dritter an den Zusammenkünften teil. Die Theorie von der heimlichen Liebesaffäre löst sich schnell in Luft auf. Wesentlich Profaneres verbindet zumindest Harrison mit Martha, aber was es ist, kann Ellery erst in letzter Sekunde aufdecken, als eine perfide aber geschickt eingefädelte Intrige fast schon den ihr bestimmten und tödlichen Lauf genommen hat …

Vom Rätsel zu den Untiefen der Seele

Die Geschichte von Ellery Queen kennt eigentlich jeder Liebhaber alter „Whodunits“, die ihren kriminalistischen Reiz daraus beziehen, ein möglichst kniffliges, oft sogar bizarres Mordrätsel in den (gern scheinbar hermetisch von innen verschlossenen) Raum zu stellen, das der Detektiv dann gemeinsam mit dem Leser löst. Der Täter ist stets jemand, den jeder kennt und mit dem trotzdem niemand gerechnet hätte (wenn der Verfasser sein Handwerk versteht). Bis zum II. Weltkrieg waren diese Krimis sehr beliebt und behaupteten sich gut neben den neuen, harten Thrillern von Raymond Chandler oder Dashiell Hammett.

„Zwei blutige Buchstaben“ gehört – obwohl 1953 entstanden – noch zum Kanon der klassischen Ellery-Queen-Romane. Das mag der Leser kaum glauben, denn diese Geschichte hat nur mehr wenig mit den nostalgisch angestaubten Queen-„Whodunits“ der 1930er Jahre zu tun, sondern mutet recht zeitgemäß an. Tatsächlich verdanken Dannay & Lee einen guten Teil ihres Erfolges dem Talent und der Bereitschaft, Ellery Queen behutsam den sich verändernden Zeitläufen anzupassen, ohne dass dadurch die Figur und ihre Beliebtheit in Mitleidenschaft gezogen wurden.

Heute mag man die alten Rätsel-Thriller in ihrer ganzen Schnurrigkeit wieder heiß und innig, aber das war beileibe nicht immer so. In den USA wurden spätestens ab 1945 im Krimi ganz andere Töne angeschlagen. Gaslicht und vergiftete Hutnadeln kamen völlig aus der Mode. Mit der „Schwarzen Serie“ öffnete sich die bisher verschlossene Falltür zum Keller der menschlichen Seele, in dem Ängste, Neurosen und andere Dämonen lauern. Auch Ellery Queen verfolgt dieses Mal keinen gierschlundigen Erbonkel-Vertilger, sondern bekommt es mit einem psychisch derangierten Kriegsveteranen, seiner misshandelten Gattin und einem schmierigen Profi-Seitenspringer zu tun. Diese sind in eine schäbige Dreiecks-Affäre verwickelt, die sich indes in letzter Sekunde – der Leser wundert sich schon – in einen ‚richtigen‘ Kriminalfall verwandelt.

Detektiv im Wandel der Zeiten

Ellery selbst hat eine Freundin, die eindeutig mehr als seine Sekretärin ist, und beide sind nicht einmal verheiratet! Sogar die Existenz damals noch nicht politisch korrekt gewürdigter gesellschaftlicher Randgruppen wird nicht länger totgeschwiegen, auch wenn sich dies in der angejahrten Übersetzung noch recht verschämt und drollig liest: „Außerdem gehört er der anderen Richtung an“ (S. 19), heißt es da über einen Mann vom Theater, der definitiv keine Frauen liebt. Siehe da: Die reale Welt drehte sich weiter, statt ob solcher Sündhaftigkeit unterzugehen, und Ellery Queen blieb mit ihr in Schwung.

Freilich stellt sich zumindest aus heutiger Sicht die Frage, ob Dannay & Lee ihrem Publikum damit einen Gefallen taten. Sie experimentierten erstaunlich mutig mit ihrer etablierten Figur und führten Ellery Queen dabei auf Pfade, denen sich viele Freunde des ‚ursprünglichen‘ Ellery Queen verweigerten. Die Rechnung ging dennoch auf. Zwar verloren Dannay & Lee alte Leser, die auf uhrwerkhaft konstruierte, raffiniert verwickelte Rätselkrimis bestanden. Im Gegenzug erschloss sich das Autoren-Duo neue Leser- und Käuferschichten, die einen ‚modernen‘ Ellery Queen vorzogen, der sich nicht mit genialen, sondern gestörten Tätern auseinandersetzen musste, die womöglich nicht einmal schuldig im juristischen Sinn, sondern krank und unzurechnungsfähig waren.

Damit veränderte sich der Tonfall vom vergnüglichen Rätseln zum verstörenden, tragischen Thriller. Dirk Lawrence hat seine psychische Gesundheit im Kriegseinsatz eingebüßt. Die „Schwarze Serie“ war auf beiden Seiten des Gesetzes reich an ehemaligen Soldaten, die im Dienst der guten Sache Schreckliches erlebt und getan hatten. Offiziell wurde dieser wenig glanzvolle Aspekt heruntergespielt, doch wie wir sehen, ist sogar Ellery Queen, den niemand für einen typischen Vertreter des „Noir“-Thrillers halten würde, in der traurigen Realität angekommen.

Das Gleichgewicht sich widersetzender Kräfte

Seit Jahrzehnten schätzt der Leser „Zwei blutige Buchstaben“ oder lehnt das Buch ab. Einen Mittelweg gibt es offensichtlich nicht. Während hierzulande die meisten Ellery-Queen-Romane mehrfach aufgelegt wurden, erschien dieser nur ein einziges Mal, was ihm zumindest einen gewissen antiquarischen Wert beschert.

Dabei gibt es durchaus schlechtere, sogar missratene Queen-Krimis. Dannay & Lee verschnitten ihre Bücher in den 1950er Jahren mit Liebesgeschichten, oder sie gönnten ihrem Detektiv nur noch Gastauftritte und ‚ersetzten‘ ihn durch Ersatz-Ermittler, die kein Leser leiden konnte, weil ihnen jegliches Queen-Charisma fehlte. Diese Praktiken spiegelten auch die Nöte des Autoren-Duos wider, das alles Interessante aus ihrer Figur herausgepresst zu haben glaubte. 1959 veröffentlichten Dannay & Lee deshalb „The Finishing Stroke“ (dt. „Der dreizehnte Gast“ bzw. „Das zwölfte Geschenk“) als vorgeblich letzten Ellery-Queen-Roman. (In den 1960er Jahren setzten Ghostwriter die Serie fort.)

Zwar funktionieren die ‚neuen‘ Queen-Thriller durchaus, aber ihnen fehlt das Unverwechselbare der klassischen Rätsel-Krimis. Diese mögen intellektuell schmalspurig sein, weil sie den psychologischen Aspekt des Verbrechens weitgehend ausklammern. Gleichzeitig hat gerade dieser Verzicht ihnen Zeitlosigkeit geschenkt, während einst moderne Romane wie „Zwei blutige Buchstaben“ heute einerseits künstlich dramatisch und andererseits allzu vorsichtig oder gar verdruckst wirken. Vielleicht benötigen die späten Queen-Thriller noch einige Jahrzehnte, um wie die alten „Whodunits“ jenen Reifegrad zu erreichen, der sie solcher Kritik enthebt.

Autoren

Mehr als vier Jahrzehnte umspannt die Karriere der Vettern Frederic Dannay (alias Daniel Nathan, 1905-1982) und Manfred Bennington Lee (alias Manford Lepofsky, 1905-1971), die 1928 im Rahmen eines Wettbewerbs mit „The Roman Hat Mystery“ als Kriminalroman-Autoren debütierten. Dieses war auch das erste Abenteuer des Gentleman-Ermittlers Ellery Queen, dem noch 25 weitere folgen sollten.

Dabei half die gut ausgeprägte Fähigkeit, die Leserschaft mit den damals so beliebten, möglichst vertrackten Kriminalplots angenehm zu verwirren. Ein Schlüssel zum Erfolg war aber auch das Pseudonym. Ursprünglich hatten es Dannay und Lee erfunden, weil dies eine Bedingung des besagten Wettbewerbs war. Ohne Absicht hatten sie damit den Stein der Weisen gefunden: Das Publikum verinnerlichte sogleich die scheinbare Identität des ‚realen‘ Schriftstellers Ellery Queen mit dem Amateur-Detektiv Ellery Queen, der sich wiederum seinen Lebensunterhalt als Autor von Kriminalromanen verdient!

Anfang der 1930er Jahre waren die Vettern jung und energisch genug, um mit „Barnaby Ross“ ein zweites Autoren-Alias aus der Taufe zu heben. Wie geplant rätselte die zeitgenössische Leserschar über die wahre Identität dieses neuen Rätselkrimi-Autors – und kaufte dessen Romane, was die eigentliche Absicht von Dannay & Lee gewesen sein dürfte. Dennoch schlossen sie die Reihe um den Gentleman-Schauspieler und Hobby-Detektiv Drury Lane nach vier Bänden ab und konzentrierten sich fortan auf den ungleich erfolgreicheren Ellery Queen.

In den späteren Jahren waren hinter den Kulissen zunehmend andere Verfasser tätig. Lee wurde Anfang der 60er Jahre krank und litt an einer Schreibblockade, Dannay gingen allmählich die Ideen aus, während die Leser nach neuen Abenteuern verlangten. Daher wurden viele der neuen Romane unter mehr oder weniger straffer Anleitung der Cousins von Ghostwritern geschrieben.

Wer sich über Ellery Queen – den (fiktiven) Detektiv wie das (reale) Autoren-Duo – informieren möchte, stößt im Internet auf eine wahre Flut einschlägiger Websites, die ihrerseits eindrucksvoll vom Status dieses Krimihelden künden. Vielleicht die schönste findet sich hier: eine Fundgrube für alle möglichen und unmöglichen Queenarien.

Copyright © 2014/2017 by Michael Drewniok (md)

Titel bei Amazon.de

Blut im Schuh

Die Zange

Chinesische Mandarinen

Die siamesischen Zwillinge

sfbentry

Comments

  1. Nicht lästern, sondern an Sammler denken. Nicht alles was neu ist, ist automatisch gut. Und nicht alles, was älter als 3 Tage ist, ist automatisch schlecht oder überholt. Und diese Aussage möchte ich generell auf Produkte ausweiten. Manch Klassiker steckt neumodischen Schnickschnack locker in die Tasche.

    Ob dies hier auf diesen Krimi auch anzuwenden ist … sagt dir ggf. eben die Rezi. Übrigens wie immer von Michael Drewniok toll geschrieben.

    So langsam schwant mir, dass du ganz schöne Voruteile zu pflegen scheinst … mal auch an andere denken 😉

    mgg
    Werner 😉

  2. Wieso? Ich habe doch überhaupt nichts negatives bis jetzt gesagt??

    Deine Meinung über mich existiert nur in deinem Kopf. Schau dir nochmal genau meine Kommentare an, ich habe nicht einen negativen Satz gesagt! Du bist einfach reingefallen, deine Vorurteile gegen mich haben dich besiegt! 🙂

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.