Amputiert

Gord Rollo
Amputiert

Originaltitel: The Jigsaw Man (New York : Leisure Books 2008)
Übersetzung: Michael Krug
Deutsche Erstausgabe (Paperback mit Klappenbroschur): Januar 2011 (Otherworld Verlag)
333 S.
ISBN-13: 978-3-8000-9538-4
eBook: April 2017 (beTHRILLED/Bastei Entertainment)
1,77 MB
ISBN-13: 978-3-7325-4320-5

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Das geschieht:

Nachdem Ehefrau und Sohn vor drei Jahren bei einem Autounfall zu Tode kamen, ist Michael Fox zum obdachlosen Säufer heruntergekommen. Auf den Straßen der Stadt Buffalo, US-Staat New York, fristet er ein elendes Dasein, das er eines Tages durch Selbstmord beenden will. Als er auf den Zug wartet, der ihn überfahren soll, hält ihn Alexander Drake mit einem bizarren Angebot zurück: Für nicht legale Experimente sucht sein Dienstherr, der berühmte Neurochirurg Nathan Marshall, Menschen, die sich Körperteile amputieren lassen. Fox könnte für den Verlust seines rechten Armes 2 Mio. Dollar kassieren. Zwar ist ihm persönlich das Geld gleichgültig, doch er will es Arlene, seiner verbliebenen Tochter, die sich von ihm losgesagt hat, als Erbe hinterlassen.

Fox lässt sich also auf den Deal ein. Zusammen mit drei weiteren Versuchskaninchen wird er in Marshalls zur Festung ausgebaute Privatklinik geschafft. Zu spät wird ihm klar, dass er einem modernen Dr. Frankenstein in die Hände gefallen ist. Nathan Marshall ist der „Jigsaw Man“, der sich seinen Traum vom künstlich aus Körperteilen zusammengepuzzelten Menschen erfüllen will. „Im Namen der Wissenschaft“ ist ihm jedes Mittel und jedes Verbrechen recht.

Fox und seine Leidensgenossen werden Stück für Stück auseinandergenommen und ihre Körperteile ‚verarbeitet‘. Sterben dürfen und sollen sie nicht, denn die arm- und beinlosen Körper taugen immer noch als lebendige Blutbänke. Gequält und ohne Hoffnung vegetiert Fox dahin, bis Marshall ein neues Experiment plant: Ist es möglich, ein Gehirn in einen künstlichen Körper zu verpflanzen? Die Antwort stürzt Fox in einen Abgrund neuer Schrecken; sie verschafft ihm allerdings auch die Möglichkeit, buchstäblich wieder auf die Beine zu kommen und von Rache nicht mehr nur träumen zu müssen …

Altes Blut im jungen Schlauch

Mary Wollstonecraft Shelley hat es 1818 auf Anhieb richtig gemacht: „Frankenstein or: The Modern Prometheus“ war nicht nur der erste ‚moderne‘ Roman, der sich intensiv mit dem Thema des künstlichen Menschen beschäftigte, sondern auch Vorbild für eine endlose Reihe ähnlicher Geschichten, in denen sich die von der Autorin aufgeworfenen Fragen mehr oder weniger deutlich wiederfinden.

Shelley hatte erkannt, dass sie beiden Seiten eine Stimme geben musste: dem Schöpfer und seinem Geschöpf. Sie ging damit über die Grenzen des ‚nur‘ unterhaltsamen Horrors – den es auch zu ihrer Zeit gab – weit hinaus. Wie stabil dieses Fundament war, belegen beinahe zwei Jahrhunderte später Existenz und Intensität von „Amputiert“, einer Geschichte, die vorgeblich Hommage für einen früh verstorbenen Trash-Meister ist, aber tatsächlich die „Frankenstein“-Gruselmär modernisiert und trivialisiert nacherzählt.

Besagter Trash-Meister war Richard Laymon (1947-2001), dessen unterirdisches Niveau Gord Rollo allerdings niemals erreicht; ein Scheitern, das nicht traurig stimmen sollte. „Amputiert“ ist immer noch trashig genug, weist aber darüber hinaus eine richtige Story, echte Figuren und einen Erzählstil auf, der deutlich mehr zu bieten hat als Stammeln und spätpubertäres Schwelgen in Sex & Crime.

Horror ohne Zwischentöne

„Amputiert“ lautet recht marktschreierisch der deutsche Titel, aber auch „The Jigsaw Man“ beschränkt sich nicht auf die Andeutung dessen, womit es der Leser zu tun bekommen wird. Die Logik bleibt dagegen außen vor, was u. a. bedeutet, dass die Frage ausgeklammert bleibt, wie Nathan Marshall sein privates Reich des Schreckens errichten und geheim halten konnte. Da die Abwesenheit offizieller Rechtshüter für diese Geschichte unerlässlich ist, blendet Rollo ihre Existenz quasi aus.Titel bei Amazon.de [eBook]
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Ihm geht es um den Effekt: Marshall hat seine Residenz zwar mit den Mitteln des 21. Jahrhunderts errichtet. Trotz Hightech und Edelstahl-Geglitzer ist diese Klinik immer noch die alte Burg Frankenstein mit ihren kahlen Steinmauern, den tiefen Kerkern und vor allem mit dem Labor und den funkensprühenden oder blubbernden Instrumenten und Glaskolben. Diener Fritz hat sich in den schwulen Sadisten Alexander Drake verwandelt sowie vervielfältigt, denn weitere Schergen wuseln durch Marshalls Festung: Zum Trash-Horror gehört ein hoher Bodycount, der wiederum viel Kanonenfutter benötigt.

Gemordet wird mit blutigen Details, die in den Labor-Szenen sogar noch drastischer werden: Dr. Frankenstein verschmilzt mit Herbert West, dem 1922 von H. P. Lovecraft (1890-1937) erfundenen und 1985, 1990 und 2003 von Jeffrey Combs in drei rabiaten Splatter-Filmen verkörperten „Re-Animator, der stellvertretend für alle „mad scientists“ steht, die den durchaus redlichen und eher verblendeten als irren oder bösartigen Urvater aller Monster-Macher abgelöst haben.

Das Böse ist … böse

So ist Nathan Marshalls Drang, dem verstümmelten Sohn zu einem neuen Körper zu verhelfen, in der Tat nur ein moralisches Feigenblatt. Falls Marshall überhaupt jemals ein echter Forscher war, hat er den wissenschaftlichen Kodex längst ad acta gelegt. Zum „Re-Animator“ kommt ein Gutteil Mengele, denn Marshall experimentiert um des Experimentierens willen. Er maßt sich offen an, wie Gott zu sein, während eine entsprechende, sehr viel vorsichtigere Äußerung Frankensteins im gleichnamigen Filmklassiker von 1931 noch zensiert wurde.

Natürlich sind Marshall und seine Schurken trotz bzw. gerade wegen ihrer Grausamkeiten absurde, beinahe lächerliche Gestalten. Sie wirken eindimensional, wenig überzeugend und scheinen für ein unsichtbares Publikum den Teufel eher zu spielen. Es fehlt jene Charaktertiefe, die das echte Böse begleitet, was es freilich für Rollo unbrauchbar macht: Seine Schurken müssen theatralisch sein!

Hin und wieder probiert es der Verfasser mit Zwischentönen. Schwester Junie, als hartherzige Vettel eingeführt, wird später weich und enthüllt, wie Marshall sie kaufen und in seine Erfüllungsgehilfin verwandeln konnte. Ihr Schicksal ist tragisch, es lässt jedoch kalt, weil Rollo sich einer Tatsache nicht bewusst ist: Während Action und Horror mit oder trotz Klischees funktionieren können, trifft dies auf ‚echte‘ Emotionen nur bedingt zu. Daher wirken die auch Szenen in der „Blutkammer“ der lebenden Torsos nicht erschütternd und traurig, sondern endlos und kitschig.

Das Gute ist … langweilig

Die Konturenschwäche schließt die Hauptfigur ausdrücklich ein. Michael Fox ist ein Jedermann, den ein hartes Schicksal in die Knie zwang. Unfalltod der Familie, Trunksucht, Verlust von Job und Heim, Bruchlandung in der Gosse – die Schläge prasseln förmlich auf Fox und den Leser ein, denn Rollo nimmt sich viel Zeit, seinen traurigen Helden entsprechend einzuführen. Wiederum wäre weniger mehr, doch dies ist ein Motto, dem der Verfasser generell nicht zu folgen gedenkt.

Auch später klärt uns Fox ausführlich über seinen jeweiligen Gemütszustand auf. Allerdings tragen diese Informationen nunmehr zur Handlung bei: Aus Michael Fox, dem Loser, wurde erst das Ersatzteillager und dann das Monster gleichen Namens. Wie man sich fühlt, wenn einem Arme und Beine amputiert werden, bis schließlich das Hirn in einen fremden Körper montiert wird, beschreibt Rollo lebhaft und erneut unter Einsatz bekannter Klischees, die im Horror-Zusammenhang – s. o. – ihren Zweck erfüllen.

Im Finale treffen sich Shelley und Rollo wieder. Zwar zieht Fox sich nicht in die Einöde der Arktis, sondern nur auf den nächsten Bahndamm zurück, aber er sucht dort nach klassischem Vorbild sein Ende. Das Monster ist seiner Existenz müde. Zuvor hat es natürlich dafür gesorgt, dass die Menschheit, die auch im 21. Jahrhundert noch (oder erst recht) nicht „reif“ für das Wissen um die Erschaffung künstlichen Lebens ist, keine neuen Ungeheuer schaffen kann. In der Hollywood-Burg Frankenstein gab es dafür einen speziellen Hebel; wenn man ihn – wie in „Bride of Frankenstein“ (1935; dt. „Frankensteins Braut“) zog, flog das Labor des Bösen in die Luft. Diese elegante Methode findet sich in vielen alten Horrorfilmen. Rollo weicht von dieser ‚Vorlage‘ ab und denkt sich eine umständlichere aber realistischere Methode aus, um einen spektakulären Schlusspunkt unter seine rasante Schauermär zu setzen.

Harter Horror auf feinem Papier

„Amputiert“ ist ein grobes Garn, das – der Geschichte folgend – für die deutsche Ausgabe seinem grell gecoverten Originalkörper entnommen und in ein ebenso schlichtes wie wirkungsvolles Gewand transplantiert wurde. Zwar kündigt auch der neue Titel deutlich an, dass es heftig zur Sache gehen wird, doch vor allem das Cover der eBook-Ausgabe kündigt dies eher stilisiert an.

Im Zuge der geschilderten Operation leistete auch der Übersetzer ausgezeichnete Arbeit; der eingedeutschte Gord Rollo liest sich angenehm flüssig. Trash sollte sich – für Laymon kommt diese Erkenntnis zu spät – auf den Inhalt einer Geschichte beschränken; stilistische Qualität verhilft dieser dagegen sehr wohl zu einem höheren Unterhaltungswert.

Autor

Gord Rollo wurde 1967 im schottischen St. Andrews geboren. Im Alter von vier Jahren emigrierte er nach Kanada; die Familie ließ sich in Dunnville, einer Kleinstadt in der Provinz Ontario, nieder. Dort wuchs Rollo auf. Er studierte am Sheridan College in Oakville, Ontario, Betriebswirtschaft.

Nach eigener Auskunft schrieb Rollo schon in frühen Jahren. Er bevorzugte Genre-Unterhaltung und hier Horror und Science Fiction. Zunächst veröffentlichte er Kurzgeschichten und edierte 2001 und 2002 selbst zwei Storysammlungen. 2006 veröffentlichte Rollo „Crimson“, seinen Debütroman, in einem Kleinverlag. Seit „The Jigsaw Man“ (dt. „Amputiert“) interessieren sich auch große Verlage für die Werke von Rollo, der zusätzlich versucht als Drehbuchautor Fuß zu fassen.

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Copyright © 2011/2018 by Michael Drewniok (md)

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