Das Heim

Mats Strandberg:
Das Heim

Originaltitel: Hemmet (2017)
Übersetzung von Nina Hoyer
Deutsch Erstausgabe: Oktober 2018 (Fischer Verlag/Fischer Tor)
Umschlaggestaltung: www.buerosued.de (unter Verwendung eines Motivs von plainpicture/Phillippe Lesprit)
424 Seiten
ISBN: 978-3-596-70367-8

von Gunther Barnewald

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Für seinen neuen Roman (nach „Die Überfahrt“) wählt der schwedische Gruselautor einen heikles Schauplatz aus, der den Horror quasi schon in sich trägt: ein Altenpflegeheim. Weil alle zwar alt WERDEN wollen, aber niemand alt SEIN will, ist das (menschwürdige) Altern eines der schwierigsten Probleme, vor dem unsere Gesellschaft steht.

Schon in den ersten Kapiteln zeigt Strandberg, dass er bereit ist, dorthin zu gehen, wo es wirklich weh tut und der reale Horror sitzt: Er beschreibt eine ‚normale‘ Arbeitsschicht im hier lyrisch „Nebelfenn“ genannten Altenheim. Die Pflegekräfte sind dort unter sich mit dementen Insassen, die sich mit Fäkalien beschmieren, weil ihre Körper wie der Geist kaum noch funktionieren und die Persönlichkeit dermaßen verändert ist, dass der Umgang zur Zumutung wird. Wer als Leser die ersten, erschreckenden Seiten übersteht, wird mit einer spannenden Geschichte belohnt, die durch ihre prägnante Atmosphäre und wunderbar beschriebene Charaktere besticht.

Zur Geschichte: Nach einem Schlaganfall und einer anschließenden Wiederbelebung ist die alte Monika Edlund dement und baut immer mehr ab. Während sich ihr Sohn Björn hinter seiner Familie und seinen Pflichten versteckt, bleibt alle Verantwortung am anderen Sohn Joel hängen, der als Versager und Drogenwrack gilt und in dessen Leben nichts so gelaufen ist, wie er und andere sich dies erhofft hatten.

Joel betreut seine Mutter, bis Monika ins Altenheim Nebelfenn ziehen kann. Was niemand weiß: Etwas Dunkles und Bedrohliches hat sich an Monikas Fersen gehefte. Es ist aus dem Jenseits nach dem Schlaganfall in unsere Welt gekommen. Joel wundert sich zwar über große, fettige Flecken im Haus seiner Mutter, schreibt dies jedoch ihrer Demenz zu. Im Altenheim tauchen die Abdrücke jedoch ebenfalls auf. Bald zeigt sich, dass Monika geheime Dinge über jeden Anwesenden zu wissen scheint – Dinge, die sie gar nicht wissen kann (oder sollte).

Eine der Pflegerinnen ist dermaßen entsetzt, dass sie aus ihrem Nachtdienst flieht und gleich darauf den Job kündigt. Auch die anderen merken nach und nach, dass unheimliche Dinge in der Einrichtung vor sich gehen, was die Arbeitsbedingungen noch viel schlimmer macht, welche sich die unterbezahlten Pflegekräfte aussetzen und mit denen sie irgendwie leben müssen.

In der Pflegerin Nina, mit der Joel einst in einer Band spielte, bis sie schwanger wurde und ihre drogenabhängige Kollegen verließ, eine Verbündete. Nina glaubt ihm, dass mit der Mutter etwas nicht stimmt, auch wenn die beiden sich erst einmal zusammenraufen müssen.

Bald nehmen die unheimlichen Ereignisse im Nebelfenn überhand. Die Todesrate steigt rapide an, was nicht auffällt, da Sterben hier zur Normalität gehört. Was will das Fremde aus dem Jenseits? Welche Macht hat es, und wie weit ist es bereit zu gehen …?

Für den Verfasser sprechen der dichte Spannungsbogen und der grimmige Realitätsgehalt seiner Geschichte, die wunderbar recherchiert ist. Wollen Horrorleser jedoch eine Geschichte lesen, die der Realität so bzw. allzu nahe ist? Nicht nur manchmal hat man das Gefühl, dass der Alltag in Nebelfenn viel schlimmer ist als die Bedrohung durch das Jenseitige und alles Gruselige, das der Autor sich ausdenkt, vor dem Pflege- bzw. Abschiebe-Alltag verblasst. Wer in dieser Branche arbeitet, braucht keinen Nervenkitzel durch Horrorliteratur.

Genau hier liegt der Schwachpunkt dieses Romans, ist doch die Bedrohung durch das dämonische Wesen neben den alltäglichen Schrecken des Heims nur ein laues Kasperletheater; ein Mumpitz, der den Leser kaum noch schocken kann. Der wahre Horror ist wieder einmal die Realität. Darauf mit aller Vehemenz hinzuweisen, ist das Verdienst dieses Romans!

Copyright © 2018 by Gunther Barnewald

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