Necroscope – Auferstehung

Brian Lumley
Necroscope – Auferstehung

(Necroscope-Serie, Bd. 1)

Originaltitel: Necroscope (London : Grafton 1986)
Deutsche Erstausgabe (in zwei Teilen: in zwei Teilen: „Das Erwachen“/„Vampirblut“): 1999/2000 (Blitz Verlag/Necroscope 2801/2802)
Übersetzung: Andreas Diesel/Rainer Marquardt
176/176 S.
ISBN 10: 3-932171-54-3/3-89840-021-2
Neuausgabe: Mai 2009 (Heyne Verlag/TB-Nr. 53307)
Übersetzung: Andreas Diesel u. Rainer Marquardt, überarbeitet von Marcel Häußler
589 S.
ISBN-13: 978-3-453-53307-3
Neuausgabe (geb.): Mai 2009 (Festa Verlag)
Übersetzung: Andreas Diesel u. Rainer Marquardt, überarbeitet von Marcel Häußler
448 S.
ISBN-13: 978-386552-101-9

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Das geschieht:

In den 1970er und 80er Jahren herrscht zwischen den Supermächten USA und UdSSR der Kalte Krieg. Die zeitgenössische Paranoia ermöglicht bizarre Experimente, selbst wenn sie nur Erfolg versprechen. Deshalb konnte Ex-General Gregor Borowitz mit Billigung und Finanzierung des Kremls das „Psi-Dezernat“ gründen. Dort versammelt er Menschen mit übernatürlichen Fähigkeiten wie den „Seher“ Igor Vlady, der in die Zukunft blickt, oder den „Nekromanten“ Boris Dragosani, der mit den Toten sprechen kann.

Auch im Westen gibt es Bestrebungen, den Gegner mit übernatürlicher Nachhilfe auszustechen. Allerdings hinkt man den Sowjets weit hinterher; es fehlt an einschlägigen Talenten. In England bleibt der junge Harry Keogh deshalb unentdeckt; er muss sich selbst mit der Kunst des „Totenhorchens“ vertraut machen: Harry kann mit den Seelen der Verstorbenen in Kontakt treten. Dieser ‚Kanal‘ ist beidseitig offen: Die Toten können sich Harry anvertrauen, und dafür schätzen und fördern sie ihn.

Der Kalte Krieg wird zur Nebensache, als Boris Dragosani sich auf eine sogar dem Genossen Borowitz unbekannte Expedition begibt: Als Kind geriet er in der Walachei in den Bann des Vampirs Thibor Ferenczy. Der wurde zwar im Mittelalter überwältigt, gepfählt und in ein einsames Felsengrab verbannt, doch gestorben ist er trotzdem nicht. Dragosani wird sein Befreier – und Sklave, denn Ferenczy hat auch ihn in einen Vampir verwandelt. Tatkräftig beginnt Dragosani, die Macht über das „Psi-Dezernat“ an sich zu reißen. Gegen die potenziellen Konkurrenten im Westen schickt er Killer aus. Harry Keogh ist abgelenkt, denn endlich hat er mit Hilfe seiner toten Mutter deren Mörder gefunden: seinen Stiefvater, der jedoch seinerseits übersinnlich begabt ist …

Das ganz große Spiel beginnt

Auch die längste Reise beginnt mit einem ersten Schritt. Dieses Sprichwort ist für eine Charakterisierung dieses ersten „Necroscope“-Romans hilfreich, denn es verklammert das Wissen um eine inzwischen klassische Horror-Serie mit der Verwunderung über deren recht zähen Auftakt. Einerseits geht es spannend und interessant los, und dieses Lektüregefühl stellt sich auch zwischenzeitlich immer wieder ein. Autor Lumley nimmt sich die Zeit, uns seine Protagonisten und ihre Welten vorzustellen. Er hat ein gutes Gespür für Atmosphäre, kann aber auch Splatter-Szenen gut, d. h. hübsch grässlich, in Szene setzen. Andererseits geht der Geschichte viel zu oft die Puste aus. Lumley legt sie ungemein breit an. Angesichts der eindrucksvollen Zahl seitenstarker Bände, die inzwischen ein eigenes „Necroscope“-Universum mit eigener, sich über Jahrtausende erstreckender Historie bilden, wirkt „Auferstehung“ wie eine knapp 600-seitige Einleitung. Vieles geschieht, aber noch mehr wird nur angerissen, der Leser auf zukünftige Keogh-Abenteuer vertröstet.

Die episodische Struktur der Handlung soll den Sprung in ein intensives, längst in Gang gekommenes Hintergrundgeschehen suggerieren. Im schieren Umfang des Werkes verschwindet der rote Faden indes so gründlich, wie es der Verfasser kaum geplant haben dürfte. Längst nicht alle Ereignisse dienen dem „Necroscope“-Plot. Lumley legt sich keine erzählerische Disziplin auf. Viele Episoden gehen umständlich und unnötig in die Breite oder sie wiederholen gar, was bereits dargestellt wurde. „Auferstehung“ könnte mindestens um ein Drittel verschlankt werden.

Erst wenn es aufs Finale zugeht, gibt Lumley mächtig Gas. Das kommt der Geschichte sehr zugute. Jetzt wird nicht mehr nachgedacht oder geredet oder gehandelt, sondern nachgedacht, geredet und gehandelt, was durchaus gleichzeitig geht und in dieser Dreiheit wesentlich unterhaltsamer ist. Freilich verliert Lumley im letzten Akt jegliches Maß, poltert ungeschickt von Höhepunkt zu Höhepunkt, bis ihm die Handlung buchstäblich um die Ohren fliegt.

Epos mit wohltemperiertem Rätselfaktor

„Auferstehung“ ist trotz seiner vorgeblichen inhaltlichen Dichte ein schlicht strukturierter Roman. ‚Epochal‘ wirkt er vor allem nachträglich und in dem Wissen um die Dimension, die das „Necroscope“-Geschehen in mehr als zwei Jahrzehnten gewonnen hat. Lumley zeigt sich vor allem als geschickter Routinier, der auch mit Klischees arbeiten kann, ohne diese allzu aufdringlich wirken zu lassen.

Die Verwurzelung der Saga in der ‚alten‘, noch zweigeteilten Welt vor dem Untergang der Sowjetunion erweist sich als erstaunlich solides Fundament. „Auferstehung“ wurde bereits 1986 veröffentlicht, liest sich aber erfreulich zeitlos. Die zeitgenössischen Bezüge unterfüttern die Ereignisse, die den Charakter einer fiktiven (und alternativen) Weltgeschichte annehmen. Die ist nicht annähernd so komplex wie die Realität, aber das muss und sollte sie zur Wahrung des Unterhaltungsfaktors auch gar nicht sein.

Die reale Geschichte wird Lumleys erzählerische Knetmasse. Er formt sie nach eigenem Gusto und mit Geschick: Nicht Vlad Dracul ersteht in Transsylvanien auf, sondern Thibor Ferenczy, ein ‚echter‘ Vampir, der für Vlad kämpfte und dessen Untaten später seinem Herrn angelastet wurden. Dieser ‚Lebenslauf‘ klingt authentisch, weil er nicht mit dem Ballast der klassischen Vampir-Geschichten befrachtet ist.

Gefährten, Kampfgenossen, Gegenspieler, Verräter …

Dem entledigt sich Lumley rigoros, wobei er womöglich ein wenig zu ‚wissenschaftlich‘ wird. Natürlich ist er gut beraten, sich eigene Vampire (aus denen im späteren Verlauf der „Necroscope“-Saga die außerirdisch mutierten „Wamphyri“ werden) zu erschaffen, denn er hat viel mit ihnen vor. Schon in „Auferstehung“ wird deutlich, dass Lumley dem Übernatürlichen keine dunklen Schlupfwinkel zu gewähren gedenkt. „Necroscope“ besitzt eine deutliche (und in den späteren Bänden der Serie zunehmende) Schnittmenge mit der Science Fiction. Ohnehin bedient sich Lumley grundsätzlich aller literarischen Genres, was mit den Reiz seiner Schöpfung ausmacht.

Der Bodycount in „Auferstehung“ ist bemerkenswert hoch, und das schließt die Hauptfiguren ausdrücklich ein. Tatsächlich überlebt keine von ihnen das apokalyptische Final-Gemetzel. Allerdings ist das im „Necroscope“-Kosmos unerheblich. Sowohl Zeit und Raum als auch Leben und Tod sind hier keine fixen Konstanten. Harry Keogh lernt vom (1868 verstorbenen) deutschen Mathematiker August Ferdinand Möbius, wie man Reiseportale zu fremden Dimensionen öffnet und nach Belieben über den Zeitstrom kreuzt. Das sorgt für ein ‚logisches‘ Wiederkehren von Figuren, die eigentlich das Zeitliche gesegnet haben. Hinzu kommt Harrys ureigenes Talent – das „Totenhorchen“. Wer ins Grab gesunken ist, kann sich recht problemfrei mit ihm verständigen. Das nutzen sogar jene, die vor ihrem Ende Harry nach dem Leben trachteten. Auch tot bleiben sie der Handlung deshalb erhalten.

Schon in „Auferstehung“ ist das auf diese Weise entstehende Gemenge aus lebendigen, toten, zeitreisenden oder x-dimensionalen Figuren schwer zu durchschauen. Das wird sich deutlich steigern, denn der endlich obsiegende Harry stirbt, stürzt in den Zwischenraum und fährt als Geist in den eigenen Sohn, der zum Zeitpunkt des Finales nicht einmal geboren ist …

„Necroscope“ im deutschen Neustart

Man darf wohl den Erfolg des Festa-Verlags lange mit der Herausgabe der „Necroscope“-Serie verknüpfen. Ab 2000 erschienen die Abenteuer des Harry Keogh dort als Paperbacks, wobei die voluminösen Originalbände zwecks Profitmaximierung geteilt oder sogar gedrittelt wurden. Dass diese Teilbände über Jahre im Angebot blieben und immer wieder aufgelegt wurden, unterstreicht die Publikumswirksamkeit der Reihe.

Folglich könnte man die „Necroscope“-Bände als Festas Tafelsilber bezeichnen. Offensichtlich musste es zu Geld gemacht werden. Seit 2009 erschien die „Necroscope“-Saga im Heyne-Taschenbuch – in der gediegenen Festa-Übersetzung, ungeteilt und erheblich kostengünstiger als zuvor. Zeitgleich gab auch der Festa-Verlag die Bände neu und ungeteilt heraus; fest gebunden und dermaßen hochpreisig, dass die Prognose leicht fiel, welchem Verlag das Gros der „Necroscope“-Leser den Vorzug geben würde …

Aber es gab eine Überraschung: Schon nach vier Bänden war bei Heyne Schluss. Offensichtlich war das „Necroscope“-Publikum ‚satt‘. Außerdem waren Autoren-Kollegen in diese Nische vorgestoßen. Nachdem Lumley selbst 2013 (vorläufig?) den Stecker gezogen hat, ist die „Necroscope“-Serie hierzulande nur noch als eBook greifbar.

Autor

Dem jungen Brian Lumley (geb. am 2. Dezember 1937 im englischen Horden) stand ein besonderer Mentor zur Seite: August Derleth (1909-1971), Nachlassverwalter von H. P. Lovecraft (1890-1937) und Gründer des legendären Verlags Arkham House in Wisconsin/USA, veröffentlichte seine ersten Storys, die ab 1967 – Lumley war inzwischen als Militärpolizist und in Deutschland stationiert – entstanden. Nach Derleth‘ Tod blieb Lumley zunächst dem Cthulhu-Mythos verhaftet und schrieb zwischen 1974 und 1979 fünf Bände der Titus Crow-Saga. (Ein abschließender Band kam 1989 hinzu). Ebenfalls „lovecraftschen“ Horror bot Lumley mit der „Primal Lands“-Trilogie um Tarra Khasch sowie mit der „Dreamland“-Saga.

Sein Durchbruch als Schriftsteller gelang Lumley – der 1980 nach 22 Dienstjahren die Armee verlassen hatte – nach Anlaufschwierigkeiten mit der „Necroscope“-Reihe (ab 1986) um den „Totenhorcher“ Harry Keogh, die auch in Deutschland mit großem Erfolg veröffentlicht wurde.

Brian Lumley lebt und arbeitet heute in Devon, England. Er lässt seine Website sorgfältig pflegen und regelmäßig mit Neuigkeiten bestücken.

Copyright © 2009/2018 by Michael Drewniok (md)

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