Schock um Mitternacht

Edward D. Hoch
Schock um Mitternacht

Originaltitel: The Judges of Hades and other Simon Ark Stories (North Hollywood/California : Leisure Books 1971)
Übersetzung: Werner Gronwald
Deutsche Erstausgabe: September 1975 (Erich Pabel Verlag/Vampir-TB 26)
145 S.
[keine ISBN]

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Das geschieht:

Seit 2000 Jahren jagt er die Vertreter des Bösen auf der ganzen Welt: Simon Ark, unsterblicher Ghostbuster mit ausgeprägten detektivischen Fähigkeiten, die er in den hier versammelten fünf Fällen auch dringend benötigt, da sein Wild bevorzugt Besitz von willensschwachen Menschen ergreift, die ausgesprochen kriminell vorgehen:

Das Dorf der Toten (Village of the Dead), S. 7-27: Sämtliche Einwohner eines abgelegenen Dörfleins haben sich über eine Klippe in den Tod gestürzt. Ein Journalist wittert die Story seines Lebens. Vor Ort trifft er den geheimnisvollen Simon Ark, der sich als Jäger dämonischer Mächte bezeichnet, die er hier in Gestalt eines Seelenfängers am Werk sieht. Noch fehlt ein Zauber, was den Unhold zu einem letzten Erscheinen zwingt, bei dem Ark und der Zeitungsmann ihn stellen wollen.

Hexenmord (The Witch Is Dead), S. 28-52: Hat die alte Wahrsagerin wirklich aus Rache die Schülerinnen jener Privatschule verhext, aus der man sie als junges Mädchen geworfen hat? Sie selbst bestätigt es eifrig, aber Simon Ark bezieht auch rationale Deutungen in seine Ermittlung ein und kommt einem wesentlich bizarreren Fall auf die Spur.

Das blutige Schwert (Sword for a Sinner), S. 53-85: Eine katholische Sekte mit archaischen Riten muss einen Toten beklagen. Nicht das folterähnliche Bußritual war der Grund: Ein Schwert wurde dem Opfer in die Brust gestoßen. Hat hier ein unreiner Geist gewirkt? Simon Ark ermittelt, wobei er weltliches Wirken nicht ausschließt.

Der Satanspriester (The Hour of None), S. 86-108: Dem in ein Kloster gerufenen Simon Ark fällt sein Bittsteller aus dem Glockenturm vor die Füße. In den heiligen Hallen geht viel Merkwürdiges und womöglich der Teufel höchstpersönlich um.

Das Höllengericht (The Judges of Hades), S. 109-145: Vater und Tochter, seit Jahren verkracht, sind auf der Straße frontal mit ihren Autos zusammengestoßen und beide gestorben. Hat der Hass sie überwältigt oder saß etwa ein Dämon mit am Steuer? Simon Ark hält es für möglich, doch er merkt bald, dass er an eine ganz besonders schreckliche Familie geraten ist.

Mysterium Ark – die tiefe Kluft zwischen Seele und Hirn

Horror mit Krimi-Elementen? Krimi mit Mystery-Einschüben? Wie lässt sich die typische Simon-Ark-Story charakterisieren? Sie will in keine Schublade passen, was für ihre Unterhaltungsqualitäten spricht. Verfasser Hoch ist ein Veteran der Kurzgeschichte und vor allem im Krimi-Genre sattelfest. Deshalb ist es ihm ein besonderes Vergnügen, sein Publikum im Ungewissen zu lassen. Ist Simon Ark wirklich ein unsterblicher Geisterjäger?

Ist er ein genialer Ermittler mit einem Riss quer durchs Oberstübchen? Spukt es wirklich dort, wo Ark seine Ermittlungen aufnimmt? Ist es nicht eher so, dass die natürliche Bosheit des Menschen als rationale Erklärung für ein zunächst seltsames Geschehen ausreicht? Jede Interpretation ist möglich. Hoch überlässt die Entscheidung seinen Lesern. Gleichzeitig legt er so viele falsche Spuren wie möglich: Eine Ark-Geschichte beinhaltet immer auch eine Story in der Story – und Hoch ist ein fabelhafter Plot-Schmied.

Simon Ark ist eine Serienfigur, die Edward D. Hoch seit den 1950er Jahren in einer langen Reihe von Kurzgeschichten einsetzte. Ark behauptet von sich, etwa 2000 Jahre alt zu sein. Ursprünglich war er vielleicht ein koptischer Priester, der im frühchristlichen Ägypten des 1. Jahrhunderts einen Frevel beging, mit der Unsterblichkeit bestraft wurde und seitdem das Böse verfolgt, um zu sühnen und vor Gott rehabilitiert zu werden. Geschult in weißer und gestählt gegen schwarze Magie ist er seinen unmenschlichen Gegner ein Schrecken, obwohl diese stets in der Überzahl sind. So wandert Ark unstet über die Erde. Wo er die Spur von Dämonen, Hexen und anderem Gelichter aufnimmt, erweist er sich als ruhiger, umsichtiger Ermittler, der sich nie frontal in den Kampf wirft, sondern wie ein Kriminalist ermittelt. Seine deduktiven Fähigkeiten kommen ihm auch deshalb zugute, weil sich so mancher von bösen Geistern Besessene schließlich als simpler Schurke oder Geisteskranker entpuppt.

Jeder Holmes braucht einen Watson

Ein wenig weihevoll kommt dieser Ark in der Regel daher. Man kann ihm zu Gute halten, dass er sich in seinem Alter nicht mehr so über Dinge aufregt, die den Normalsterblichen in helle Panik versetzen. Tatsächlich steht Verfasser Hoch auf dem Standpunkt, dass seine Figur je überzeugender wirkt, je weniger er über sie enthüllt. Damit wird er wohl Recht haben.

Weil Ark sich in seiner Genialität so mundfaul wie Sherlock Holmes gibt, benötigt er einen Watson, welcher in Vertretung des Lesers dumme Fragen stellt. Diese Rolle übernimmt ein namenlos bleibender Journalist, der Ark im Sektendorf Gidaz über den Weg gelaufen ist. Dort hat er nicht nur seine spätere Gattin kennen gelernt, sondern sich auch mit dem mysteriösen Wanderer angefreundet. Mit Ark steht er seither in losem Kontakt. Mehrfach rufen sich die Freunde gegenseitig zu Hilfe. Ark schätzt den Journalisten, weil dieser Stillschweigen bewahrt und über viele Kontakte in der Medienwelt verfügt. Dieser ist wiederum neugierig und wohl auch geschmeichelt, von Ark ins Vertrauen gezogen zu werden.

Man sollte nicht gar zu viel von den Ark-Geschichten erwarten. Sie sollten unterhalten und ihren Verfasser ernähren; die Reihenfolge ist durchaus austauschbar. Die Leser sind heutzutage zudem medienerprobter als Hochs ursprüngliches Publikum, sodass seine Plots nur bedingt überraschen und noch weniger erschrecken. Aber solides Handwerk bewährt sich, und wird es mit ein wenig Nostalgie aufpoliert, folgt man Simon Ark gern in seine Welt rätselhafter Ereignisse.

Autor

Edward Dentinger Hoch wurde am 22. Februar 1930 in Rochester, New York, geboren. Er war ein Profi der Unterhaltungsliteratur und seit 1955 im Geschäft, wobei Hoch stets die Kurzgeschichte bevorzugte und nur wenige Romane verfasste.

Hoch hatte eine Art Vertrag auf Lebenszeit mit dem „Ellery Queen’s Mystery Magazine“: Seit er diesem 1962 eine erste Story lieferte, gab es bis 2004 keine Ausgabe ohne eine Hoch-Story. Knapp 500 Beiträge schrieb der Autor für dieses Magazin, was ungefähr die Hälfte seiner Gesamtproduktion ausmachte. Manchmal füllten gleich mehrere, dann unter Pseudonym veröffentlichte Erzählungen die Seiten ein und derselben Ausgabe. (Hoch hat auch einige der späten „Ellery Queen“-Romane für die erkrankten Verfasser geschrieben.)

Diese Präferenz verrät bereits Hochs Vorliebe für die klassische Detektivstory. Seine Ermittler arbeiten gründlich und langsam; im Finale gibt es eine dramatische Enthüllung, welche die thrillertypische Action ersetzt. Sorgfältig müssen Hochs Helden arbeiten, denn er setzt ihnen in der Regel hochgradig komplex konstruierte Rätsel vor, die mit der Realität wenig bis gar nichts zu tun haben. Immer wieder müssen sie am „perfekten Mord“ schier die Zähne ausbeißen.

2001 wurde Hoch von den „Mystery Writers of America“ mit dem Titel eines „Grand Master“ geehrt. Zum ersten Mal wurde ein Schriftsteller ausgezeichnet, der hauptsächlich für sein Kurzgeschichtenwerk bekannt wurde. Am 17. Januar 2008 ist Edward D. Hoch nach einem Herzanfall im Alter von 77 Jahren in Rochester gestorben.

Copyright © 2016 by Michael Drewniok (md)

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