Todesfluch

Ben Kinman
Todesfluch

Originaltitel: The Darkening (New York : Bantam Dell 2004)
Übersetzung: Sabine Schlilasky
Dt. Erstausgabe: April 2008 (Knaur Taschenbuchverlag/TB Nr. 63819)
457 S.
EUR 8,95
ISBN-13: 978-3-426-63819-4
www.knaur.de

Das geschieht:

Was verbindet Lucy Devereau, eine Privatdetektivin, und Dylan Barnes, Lehrer für Kampfsport, die in unterschiedlichen Kleinstädten Neuenglands ihr unauffälliges Dasein fristen? Diese Frage wird akut, als man beiden plötzlich nach dem Leben trachtet. Schon länger litten sie unter dem Gefühl, beobachtet und bedroht zu werden. Barnes, der seit dem Tod seiner über alles geliebten Gattin psychisch aus dem Gleichgewicht ist, hatte sogar den Eindruck, es würde in seinem Haus spuken.

Lucy wird entführt, kann sich aber befreien. Als sie erleben muss, dass die Polizeibeamten, die sie bewachen und schützen sollen, ebenfalls zu ihren Verfolgern gehören, ergreift sie die Flucht. Ähnliche Erfahrungen macht Barnes, dem zusätzlich die Leiche seiner Frau aus der Friedhofserde gestohlen wird. Auch er macht sich aus dem Staub.

Die Wege der Flüchtlinge kreuzen sich, als sie von Mitgliedern der uralten Geheimorganisation „Rex Deus“ gerettet werden. Diese steht wieder einmal im Kampf mit den „Qedem Melech“, die aufgrund einer anstehenden „Verdunklung“ Oberwasser wittern: Zwischen der irdischen Realität und einer fremden Dimension bildet sich ein Portal, hinter dem die „Ewigen“ – mächtige, böse Wesenheiten – auf ihre Chance lauern, die Erde zu erobern.

Die meisten Menschen verschwinden spurlos. Es gibt keine elektrische Energie mehr. Blutrünstige Ungeheuer wandeln über die Erde. Sie halten Ausschau nach Lucy Devereau und Dylan Barnes, denn diese beiden Menschen sind die Einzigen, die dem Durchbruch der „Ewigen“ Einhalt gebieten könnten. Nur der „Burgfried“, der Basis der Rex-Deus-Bewegung, würde ihnen Schutz bieten, doch bis dorthin steht ihnen ein weiter, an bösen Zwischenfällen reicher Fußmarsch bevor …

Die Welt geht unter – oder auch nicht

Mystery und Munkel sind in der heutigen Unterhaltungsliteratur leider austauschbare Begriffe geworden. Geheimnisvolle Mächte, zu gleichen Teilen gezeugt aus halb verdauter Realmythologie und moderner Populärkultur, drängen dank Dan Brown & Co. mit Macht auf diese Erde. In diesem Fall sind es die „Ewigen“, die verdächtig an H. P. Lovecrafts „Große Alte“ erinnern. Es wird nicht die einzige ‚Ähnlichkeit‘ bleiben.

Biblisches Gedankengut wird trivialisiert und dem Gemenge als Treibmittel beigefügt. Autor Kinman bedient sich vor allem der „Entrückung“, die u. a. im Neuen Testament Erwähnung findet: Wenn dereinst Jesus Christus ein zweites Mal zurückkehren wird, um den Antichristen zu besiegen, werden alle gläubigen Christen in den Himmel auffahren und die Erde menschenleer hinterlassen – mit Ausnahme jener schwarzseeligen Pechvögel natürlich, die den moralischen Maßstäben des HERRN nicht genügen können und zurückbleiben müssen, bis der Teufel sie endgültig holen kommt.

Vor allem die christliche Fundamentalisten-Fraktion, die jedes Bibelwort buchstäblich nimmt, wartet sehnsüchtig auf diesen Moment. Ben Kinman bleibt vorsichtshalber vage, wenn er die Attacke der „Ewigen“ und die „Entrückung“ zur „Verdunklung“ verquirlt. Er lässt die direkte Wiederkehr Gottes weg und tut gut daran, weil dies den Rahmen seiner nicht gerade genial ausgetüftelten und erzählten Geschichte zweifelsohne sprengen würde. Von Gott wird viel (zu viel) geredet, aber dieses Weltende findet ohne ihn statt. „Todesfluch“ ist zwar reich an Andeutungen, die eine simple Invasionsstory emotional zum apokalyptischen Weltuntergangs-Spektakel aufladen sollen, doch Kinman fabriziert stattdessen nur einschlägige Klischees und hohle Melodramatik.

Auf die große vatikanische Verschwörung mag er dagegen nicht verzichten: Der Papst weiß von den Umtrieben der „Ewigen“, glaubt aber nicht an die Realität der Bedrohung, die sie verkörpern. Er weigert sich deshalb nicht nur, entsprechende Maßnahmen einzuleiten, sondern schickt Kirchenmännern, die dies ignorieren und die Welt warnen wollen, seine Schlägertruppen auf den Hals …

Der Weg ist das Ziel

Falls Ben Kinman von Ambitionen geplagt wurden, die über den Willen zur bloßen Unterhaltung hinausgehen, sollte ihm der Leser lieber dies stillschweigend vergeben sowie schnell vergessen. „Todesfluch“ besitzt keine dramatische Dimension, ist weder vom Geist noch vom Ungeist des Dan Brown berührt und kann nicht einmal als Kopie einer Stephen-King-Aventiure durchgehen. (Wie der große Meister des modernen Horrors stammt auch Ben Kinman – der eigentlich Chandler McGrew heißt – aus dem US-Staat Maine, der ihm gern als Hintergrund für seine Geschichten dient.) „Todesfluch“ erinnert (zumindest von fern) an King-Epen wie „The Stand – Das letzte Gefecht“ oder an die Serie vom Dunklen Turm.

In der Umsetzung orientiert sich Kinman allerdings weniger an King als an Dean Koontz, der die Verfolgungsjagd nicht nur zur Kunst, sondern zum Inhalt seiner ziegelsteindicken Romane erhoben hat. Es wird gerannt, geflüchtet & gekämpft, bis die Schwarte buchstäblich kracht. Erklärungen bleiben bis zum Finale aufgeschoben. In der Regel taugen sie als Auflösung wenig, sodass es gut ist, wenn sie so lange wie möglich ausbleiben.

Also werden Lucy und Dylan, unsere beiden Heilande wider Willen, mit dem Hinweis auf Flucht und Eile immer wieder vertröstet, wenn sie – verständlicherweise – endlich wissen wollen, wie ihnen geschieht. Unterdessen stapft man im klerikalen Swat-Team tage- und wochenlang gen Burgfried und findet trotzdem keine Gelegenheit, einige klärende Worte zu sprechen … Logik ist halt kein Faktor, der dem Mystery-Genre behagt. Deshalb frage man u. a. lieber nicht:

– wer sich den genialen ‚Plan‘ ausgedacht hat, die „Ewigen“ durch zwei Erlösergestalten in Schach zu halten, die von ihrem Job keinerlei Ahnung haben.

– wie es die „Ewigen“ von jenseits des Dimensionstors schaffen, charakterschwache Zeitgenossen in Reptil-Monster zu verwandeln, die den „Rex-Deus“-Gruppen hinterher schlurfen (ohne sie jemals richtig zu erwischen, weil die „Rhothag“ aus dramaturgischen Gründen kein Tageslicht ertragen und auch sonst in entscheidenden Momenten schwächeln).

– warum die „Ewigen“ ausgerechnet auf die Erde so scharf sind, obwohl ihnen der Aufenthalt dort gar nicht behagen dürfte.

Wer gar nichts weiß, kann umso größere Wunder wirken

Der typische Erlöser ist nicht nur in der christlichen Religion gern ein ‚ganz normaler‘ Mensch, der sich von seiner Mission überfordert fühlt. Lucy und Dylan – immerhin Privatdetektivin und Kampfsportler, was ihr permanentes Entwischen etwas realistischer erscheinen lässt – ringen kapitellang mit ihren Selbstzweifeln. Zwischen ihnen und ihren „Rex-Deus“-Gefährten werden pathetische Allgemeinplätze und Binsenweisheiten gewechselt, bis es Zeit für einen neuen Angriff der Rhothag ist, die der Leser herbeizusehnen beginnt, da sie dem sich endlos im Kreis drehenden Geschwätz wenigstens kurzfristig ein Ende bereiten.

Für Lucy und Dylan ist der Weg zur Erkenntnis nicht nur lang, sondern mit der üblichen Weigerung verbunden, das ihnen auferlegte Schicksal zu übernehmen. Das mündet gern in der tränenreich vorgebrachten Forderung, man wolle doch nichts als ’normal‘ sein. Für die daraus resultierenden Klagen und Zweifel muss Kinman nur einschlägige Klischees abrufen und sie an die Handlung dübeln, was diese weiter in die Länge zieht.

Damit die Situation wenigstens ein bisschen brisanter wird, wird das Lager der Guten zusätzlich geschwächt, indem die „Rex-Deus“-Bewegung in zwei konkurrierende Lager zerfällt. Das führt zu weiteren fruchtlosen Diskussionen, die erneut viele Seiten füllen, und zu nichts  führen, denn letztlich stellt sich heraus, dass es nichts mehr gibt, über das sich zu balgen lohnte: Als die finale Entscheidungsschlacht dann kommt, hört man statt des großen Knalls nur ein feuchtes Zischen. Kinman hat keine Visionen für die Endzeit, sondern verharrt auf TV-Niveau. So schließt er unfreiwillig kongenial ein Werk ab, das weder Fisch noch Fleisch und in jeder Hinsicht mittelmäßig ist.

Autor

Ben Kinman ist das Pseudonym des texanischen Schriftstellers Chandler McGrew. Der in Texas geborene und heute mit seiner Familie im neuenglischen US-Staat Maine lebende Autor veröffentlichte zwischen 2000 und 2005 fünf Mystery-Thriller, die weniger durch Originalität als durch ihre handwerkliche Glätte auffallen und recht erfolgreich wurden. In den letzten Jahren versucht sich McGrew folgerichtig als Autor im Film- und TV-Sektor.

Über sein Werk informiert der Autor auf seiner beklagenswert informationsarmen und gar nicht aktuellen Website: www.chandlermcgrew.com

[Michael Drewniok]

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