Tollwütig

F. Paul Wilson
Tollwütig

(Handyman-Jack-Serie, Bd. 9)

Originaltitel: All the Rage (New York : Forge, Tom Doherty Associates, L. L. C. 2000)
Übersetzung: Michael Kubiak
Deutsche Erstausgabe: September 2002 (Blanvalet Verlag/TB Nr. 35567)
512 S.
ISBN-13: 978-3-442-35567-9

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Das geschieht:

Milos Dragovic, Erpresser, Drogenhändler & Mörder, sorgt in New York City für Terror. Das Gesetz ist wie üblich machtlos und kann dem „schlüpfrigen Serben“ seine zahllosen Untaten nicht nachweisen, zu denen sich aktuell die Nötigung der Pharmafirma GEM addiert. Dr. Luc Monnet hat finanzielle Not verlockt, sich mit Dragovic einzulassen, der nun das Sagen in der Chefetage hat.

Gelockt hatte Monnet Dragovic mit einer neuen Designerdroge, die sich unter den Reichen und Schönen der Stadt außerordentlicher Beliebtheit erfreut und folglich famose Gewinne garantiert. Es gibt allerdings ein Problem: Monnet stellt die Droge nicht wirklich her; er verarbeitet einen wahrlich unmenschlichen Lebenssaft, den ein gruseliges Fabelwesen spendet, das in einem heruntergekommenen Wanderzirkus sein Dasein fristet. Aber die Quelle droht zu versiegen, denn das Untier liegt im Sterben. Diese Neuigkeit dürfte bei Dragovic nicht auf Verständnis stoßen. In seiner Not heuert Monnet daher seine geniale Studentin (und Ex-Geliebte) Nadia Radzminsky an, der gelingen soll, woran die GEM-Forscher bisher scheiterten: die künstliche Herstellung der Droge!

Arglos tritt die idealistische Nadia ihre Stelle an. Als sie bemerkt, wie Dragovic ihren Boss bedrängt, will sie helfen: Ihre Freundin Gia hat ihr vom seltsamen Handwerk ihres Lebensgefährten Jack erzählt, der ernste Probleme auf unkonventionelle Weise behebt. Jack hat sämtliche Spuren seiner bürgerlichen Existenz gelöscht hat, was praktisch ist, wenn es gilt, der Gerechtigkeit auf krummen Wegen zum Sieg zu verhelfen. Er ist gewillt, auch Dragovic Einhalt zu gebieten, denn der Konsum der Droge, die dieser dank Monnet auf die Straße bringt, hat Nebenwirkungen, die dem Stoff bald seinen Namen verschaffen: „Berzerk“ verwandelt die Primär-Klientel – Wall-Street-Bänker und Börsianer – in tollwütige Kampfmaschinen, die Tod und Verderben über ihre Mitbürger bringen. Schlimmer: In diesem bösen Spiel mischen auch die übernatürlichen Schergen der „Andersheit“ mit, denen Jack erst kürzlich während eines anderen Auftrags in die Quere kam …

Jagd auf Strolche aus mehreren Welten

Ohne Tiefgang aber flott, erfrischend unmoralisch und durchweg spannend sind die Abenteuer des Handwerkers Jack. Francis Paul Wilson, der sie sich ausdenkt, ist kein literarisches Vollblut, sondern ein zuverlässiger Ackergaul des Unterhaltungsromans und auf diesem Niveau der geborene Erzähler. Er arbeitet nicht nur schnell, sondern auch gut und wirft zuverlässig mindestens einen Pageturner pro Jahr auf den Buchmarkt produziert.

Für die Romane um „Handyman Jack“ (der im US-Original übrigens „Repairman Jack“ genannt wird) genießt er die ganz besondere Verehrung seines ohnehin begeisterten Publikums. Es gibt sogar einen „Repairman-Jack“-Fan-Club”, dessen Präsidentenstuhl u. a. niemand Geringerer als Stephen King drückte (so er nicht wieder einmal für harte Dollar nur seinen publicityträchtigen Namen hergab).

Dabei hatte Wilson ursprünglich nicht an eine Serie. Zwischen dem ersten Teil, dem bereits klassischen „The Tomb“ (dt. „Die Gruft“), und „Legacies“ (dt. „Der Spezialist“), dem zweiten, klafft eine Lücke von beinhe anderthalb Jahrzehnten. Allerdings treibt Wilson seit jeher der Eifer um, sein gesamtes Werk vor einem gemeinsamen Hintergrund spielen zu lassen. Mehr oder weniger eng verknüpft bilden Wilsons Romane ein monumentales Episoden-Epos, das vom ewigen Kampf der Menschheit gegen die „Andersheit“ erzählt. Dies ist eine Art Parallel-Universum, in dem Zauberei oder besser Schwarze Magie zum Alltag gehören sowie allerlei Ungetüme, Elementargeister und übersinnliche Möchtegern-Diktatoren darauf brennen, ihre Herrschaft über die ahnungslose Menschenwelt auszuweiten.

Harte Zeiten und Seifenopern

Jack hat es schon vor „Tollwütig“ mit den Bewohnern der „Andersheit“ zu tun bekommen. Mal mehr, mal weniger lädiert hat er ihnen so manche Schlappe bereitet, was eine respektable Leistung ist, da er doch gleichzeitig gegen sehr diesseitige Lumpen sowie gegen das Establishment antritt, das es gar nicht gern sieht, dass ihm ein Bürger (= Untertan) und Steuerzahler durch die Maschen schlüpft.

Seit einiger Zeit plagen Jack zusätzlich ganz profane Familiensorgen, denn er hat zwar nicht seinen Job aber die konsequente Bindungslosigkeit aufgegeben. Schön für ihn, wenn‘s ruhig ist, aber sein Leben als ‚Klempners‘ wird nun einmal durch kapitale Krisen geprägt, sodass Jack für die traute Dreisamkeit (ein quasi adoptiertes Kind gehört mit zur Familie) einen hohen Preis zahlen muss.

Dabei ist er alles andere als ein Supermann, was ihn so sympathisch macht, selbst wenn er Bösewichte mit Blutrausch-Drogen dopt und anschließend Fleischermesser verteilt. Seine Überlegenheit sichern keine übernatürlichen Kräfte, sondern Anonymität, trübe Erfahrungen, Köpfchen und viele merkwürdige aber treue Freunde.

Des Guten ungewöhnlicher Gefährte

Jack verhilft zwar dem Guten zu seinem Recht, fühlt sich aber nicht verpflichtet, dabei wie ein Pfadfinder vorzugehen. Darin ist er konsequent und lässt schon mal Köpfe rollen, ohne sich deswegen graue Haare wachsen zu lassen. Er steht auf dem Standpunkt, dass der Zweck allemal die Mittel heiligt. Solche ‚Unmoral‘ ist selten in der Unterhaltungsliteratur von heute. „Handyman Jack“ macht uns Leser darauf aufmerksam, wie tief sich die Gedankenpolizei der politisch korrekten Tugendbolde schon in unseren Köpfen eingenistet hat.

Geradezu lustvoll verstößt Wilson gegen inzwischen schon versteinerte Konventionen und erinnert daran, dass nichts den Geist so schleichend und nachdrücklich tötet wie bedingungslose Konformität: Störenfriede muss es geben auf dieser Welt, denn sie stellen scheinbar Selbstverständliches in Frage und sorgen für frischen Wind. Im Rahmen ihrer Möglichkeiten leisten F. Paul Wilson und Jack ihren Anteil.

Dafür gibt es zwar Zugang auf die Bestseller-Listen aber wenig Kritikerlob. Wilson ist der typische Gefangene des Taschenbuch-Gettos, das er zumindest hierzulande wohl niemals verlassen wird – ein Geheimtipp auf ewig, obwohl Jack inzwischen endlich eine Verlags-Heimat gefunden hat, die ihn nicht mehr in einem wahren Meer nur einmal aufgelegter und bald wieder vom Markt verschwundener Routine-Thriller & Herz-Schmerz-Krimis verschwinden lassen. Dennoch ist der gesamte Mittelteil der „Handyman-Jack“-Serie vergriffen und wird es vermutlich noch eine lange Weile bleiben.

Autor

Francis Paul Wilson wurde am 17. Mai 1946 im US-Staat New Jersey geboren. Ab 1968 studierte er Medizin an der Georgetown University in Washington D. C. Dieses Studium schloss er 1973 ab und begann als Spezialist für Knochenkrankheiten zu praktizieren.

Schon im zweiten Studienjahr begann Wilson zu schreiben. Er verkaufte Kurzgeschichten sowie Scripts für (Grusel-) Comics. Auch für Theater, Fernsehen und andere Medien arbeitete er. Ein erster Ausflug in die Kinowelt endete 1983 als Desaster; „The  Keep“, die Verfilmung des gleichnamigen Bestsellers und in Szene gesetzt immerhin von Michael Mann („Miami Vice“, „Heat“), scheiterte sowohl bei der Kritik als auch an den Kassen.

Mit „Healer“ hatte Wilson 1976 als Romanautor debütiert. Inzwischen veröffentlichte er mehr als 30 Werke aus den Genres Science Fiction, Horror und Thriller. Viele Romane lassen sich Serien wie dem „LaNague-Federation“-, dem „Adversary“- oder dem „Handyman-Jack“-Zyklus zuordnen. Letzter ist so erfolgreich geworden, dass der Autor sich in einer Zwickmühle gefangen sieht: Schon früh hatte er festgelegt, dass Jack den Endkampf mit der „Adversary“ (beschrieben 1992 in „Nightworld“) nicht überlebte. Wilson fand einen Ausweg, indem er einen noch jungen oder sogar jugendlichen Jack zusätzliche Abenteuer erleben lässt.

Die nicht seriengebundenen Romane Wilsons sind oft Kooperationen mit anderen Autoren und spielen oft im Milieu medizinischer Forschungseinrichtungen und im Umfeld entsprechender Intrigen und genetischen Missbrauchs. Auch die „Sims“-Serie um mit menschlicher DNS „aufgerüsteter“ Schimpansen ist diesem Genre zuzuordnen.

Mit Ehefrau Mary und Familie lebt F. Paul Wilson heute an der Atlantikküste New Jerseys.

Copyright © 2014/2017 by Michael Drewniok (md)

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sfbentry

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