Totem

David Morrell
Totem

Originaltitel: The Totem (New York : M. Evans & Co. 1979)
Übersetzung: Wolfgang Lotz
Deutsche Erstveröffentlichung: 1985 (Heyne Verlag/Allgemeine Reihe 01/6582)
253 S.
ISBN-13: 978-3-453-02162-4

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Das geschieht:

Potter’s Field ist eine kleine Gemeinde im US-Staat Wyoming. Farmer stellen hier die Mehrheit der Bürgerschaft. Das Leben ist hart und schlicht, die Verbrechensrate niedrig. Das gefällt vor allem dem Polizeichef Nathan Slaughter. Nachdem er, der Star der Detroiter Mordkommission, versehentlich zwei minderjährige Diebe niederschoss, ist sein Nervenkostüm angegriffen. In der Provinz möchte er wieder zu sich finden.

Leider hat er sich keinen idealen Ort für den Neuanfang ausgesucht. Potter’s Field war vor sechs Jahren Zentrum einer bizarren Tragödie. Der Sektenguru Quiller hatte sich mit 200 Hippie-Gläubigen in der ‚unverdorbenen‘ Wildnis ein neues Utopia schaffen wollen. Im strengen Winter von Wyoming hatte der Traum im Desaster geendet; zu Dutzenden waren die Unglücklichen erfroren. Der Journalist Gordon Dunlap hatte damals einen bemerkenswerten Bericht über diese Ereignisse verfasst. Das Grauen hatte ihn niemals losgelassen. Er ist zum Säufer geworden, der wie Slaughter in Potter’s Field sein Leben wieder in den Griff zu bekommen versucht.

Dort sucht eine Kette ungewöhnlicher Gewalttaten die Bevölkerung heim. Tiere spielen verrückt, attackieren Menschen, töten und sterben unter erschreckenden Umständen, um kurze Zeit später erneut zu einem zombieähnlichen ‚Leben‘ zu erwachen – und nach Menschenfleisch zu gieren! Kurz darauf zeigen erste Menschen ähnliche Symptome. Das Phämomen breitet sich aus, derweil der mächtige Bürgermeister von Potter’s Field nur seinen Einfluss zu retten gedenkt und Slaughters Meldungen einer unbekannten Seuche ignoriert.

Einsam versuchen der Polizist, Journalist Dunlap, einige unerfahrene Beamte und Slaughters Lebensgefährtin Mabel dem Grauen die Stirn zu bieten. Sie ahnen nicht, dass die eigentliche Quelle des Übels dort, wo einst Quiller sein Unwesen trieb, längst nicht ausgetrocknet ist, sondern nur auf den Vollmond wartet, um den tollwütigen Menschenfressern von Potter’s Field gespenstische Verstärkung zuzuleiten …

Monster aus dem Viren-Wald

Kaum zu glauben, aber „Totem“ bietet Horror ohne Übernatürliches. Es gibt keinen mordlustigen Besuch aus dem Jenseits. Das Grauen ist primär literarisches Stilelement. Stattdessen haben wir es hier mit einem frühen Vertreter des heute als Genre längst etablierten Wissenschafts- oder Medizinthrillers zu tun. David Morrell schrieb seine Geschichte 1979. Das war noch vor AIDS und Ebola, die man wohl als „Leitseuchen“ der Neuzeit bezeichnen kann. Dies gilt es während der Lektüre im Hinterkopf zu behalten: Morrell betritt Neuland. Sein scheinbar simpel gestrickter Reißer bedient sich Situationen und Personen, die inzwischen zum Klischee verkommen sind. Damals waren sie jedoch frisch.

Rasant und ökonomisch zugleich lässt der Verfasser das Geschehen ablaufen. In mehr als 100 Kapiteln von oft nur wenigen Zeilen Länge springt die Handlung in schnellen, ‚filmischen‘ Schnitten von einer Szene zur nächsten. Oft kommt es zu Sprüngen, die Handlung verläuft nicht streng chronologisch; dem Leser erschließt sich die Story erst nach und nach – ein raffinierter Trick, da Morrell auf diese Weise die Unübersichtlichkeit der Lage unterstreicht, in der sich die Bürger von Potter’s Field befinden.

Fest behält der Verfasser die Fäden in der Hand. Dramaturgisch bemerkenswert ist bereits das Einstiegskapitel: Polizeichef Slaughter tritt einem betrunkenen und bewaffneten Mann gegenüber, der auf seinen Bruder wartet, den er umbringen will. Hier knistert es vor Spannung, sparsam setzt Morrell die Worte. Ohne lange Rückblenden, sondern aus dem unmittelbaren Geschehen heraus haben wir Slaughter kennen gelernt. Solche Kabinettstückchen gelingen Morrell mehrfach.

Bemerkenswert ist weiterhin, wie gekonnt uns der Autor ständig auf falsche Fährten lockt. Wer steckt denn nur hinter dem Grauen von Potter’s Field? Eine Sekte von Teufelsanbetern? Dämonen aus der Hölle? Indianische Rachegeister? Ein Kollektivwesen aus dem Weltall? Die Wahrheit liegt irgendwo da draußen in der Bergwelt von Wyoming. Wie wir es dank „Akte X“ & Co. inzwischen gelernt haben, ist sie letztlich eine völlig andere.

Starke Männer mit Schwachstellen

„Totem“ ist ein Roman von David Morrell. Er ist der Schöpfer des John Rambo, dem Sylvester Stallone ab 1982 bildfüllend Gestalt verlieh. „First Blood“ (dt. „Rambo“) war 1972 Morrells Debüt: die Geschichte eines ‚programmierten‘ Vietnamveteranen, der ausgemustert, mit seinem Kriegstrauma allein gelassen und von seinen verständnislosen Mitmenschen gereizt wird, bis er explodiert.

Auch „Totem“ stellt Menschen mit einem Seelenknacks ins Zentrum des Geschehens. Polizeichef Slaughter hat im Dienst versehentlich zwei Jugendliche erschossen. Darüber kommt er nicht hinweg, was ihn schon in friedlichen Zeiten als Ordnungshüter eigentlich untauglich werden lässt. Mindestens ebenso aus der Bahn geworfen ist Gordon Dunlap. Der haltlose Alkoholiker klammert sich an den Gedanken, er könne in Potter’s Field die Fäden seines zerstörten Lebens wieder aufnehmen. Stattdessen bildet er eine zusätzliche Gefahr, ist in der Krise, d. h. wenn es darauf ankommt, unzuverlässig und wird von seinen Albträumen gesteuert. Zudem ist er skrupellos; Fakten, die seinen Freund Slaughter als Polizisten schlecht aussehen lassen, gedenkt er für sein Comeback als Journalist auszunutzen.

Dem Polizeiarzt versagen unter Belastung die Nerven, Slaughters Kollegen vergessen ihre Ausbildung, sobald es um mehr geht als die Festnahme eines Trunkenbolds. Der Bürgermeister ist ein Opportunist. Die Bürger sind ängstlich und lassen sich leicht manipulieren. Niemand kann sich auf sein Gegenüber verlassen. So kann der tollwütige Schrecken überhaupt erst über Potter’s Field kommen. Als sich die Menschen endlich zusammentun, kann dem Spuk bald ein Ende gemacht werden. Die Auflösung des Rätsels (die mit einem „Totem“ übrigens rein gar nichts zu tun hat) kann (beinahe) überzeugen; zumindest haben wir schon wüstere logische Bocksprünge überstehen müssen … – und spannend ist diese Reise in den Wahnsinn auf jeden Fall!

Anmerkung

„The Totem“ erschien 1979 sehr zum Ärger des Verfassers nur in einer gekürzten Fassung, die nach dem Willen des Verlags die Actionszenen in den Vordergrund stellte. Morrell lag sein Roman so am Herzen, dass er die ungekürzte und überarbeitete Fassung unter dem Titel „The Totem: Complete and Unaltered“ 1994 noch einmal herausbrachte. Diese Version ist um ein Drittel länger als das ursprüngliche Werk, von dem es außerdem inhaltlich stark abweicht.

Autor

David Bernard Morrell wurde 1943 in Kitchener, Ontario, geboren. Schon früh verlor er den Vater, die Mutter gab ihn in ein Waisenhaus. 1966 emigrierte Morrell in die Vereinigten Staaten. An der Pennsylvania State University studierte er Amerikanische Literatur und schloss mit einem Magister- und einem Doktortitel ab. In dieser Zeit lernte er Philip Klass kennen, der unter seinem Pseudonym „William Tenn“ eine Kultfigur der Sciene Fiction war. Klass lehrte ihn, wie man unterhaltsame Romane schreibt.

Morrell war ein guter Schüler: 1972 debütierte er mit „First Blood“ (dt. „Rambo“). Dieser Roman wurde zum Vorbild für unzählige Actionreißer, die mehr oder weniger nach demselben Muster gestrickt waren. Morrell selbst ließ sich nach dem Erfolg der Verfilmung von „First Blood“ 1982 mit Sylvester Stallone überreden, auch die Romane zu den beiden Nachfolgefilmen „Rambo: First Blood II“ und „Rambo III“ zu verfassen. Er verwandelte die hanebüchenen Drehbuchvorlagen in durchaus lesbare Bücher, die nichtsdestotrotz weit hinter „First Blood“ zurückbleiben.

Zwischen 1970 und 1986 lehrte Morrell als Professor für Englische Literatur an der University of Iowa. Seitdem arbeitet er hauptberuflich als Schriftsteller. Neben Thrillern legt er auch literaturwissenschaftliche Essays vor.

David Morrell lebt heute in Santa Fé, New Mexico. Er pflegt eine eigene Website, die durch ihre Aktualität und ihren Informationsgehalt gefällt.

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