Totes Meer

Brian Keene
Totes Meer

Originaltitel: Dead Sea (New York : Leisure Books 2007)
Übersetzung: Charlotte Langstrass
Deutsche Erstausgabe: Mai 2010 (Heyne Verlag/TB Nr. 52705)
383 S.
ISBN-13: 978-3-453-52705-8
eBook: Juni 2010 (Heyne Verlag)
681 KB
ISBN-13: 978-3-641-03872-4

Titel bei Buch24.de
Titel bei Booklooker.de


Das geschieht:

In der US-Großstadt Baltimore fristete Lamar Reed das kümmerliche Leben eines gesellschaftlichen Außenseiters. Dass es für ihn noch schlimmer kommen könnte, wäre ihm nie eingefallen, bis eines Nachts virusinfizierte Ratten aus der Kanalisation kletterten und über seine Mitbürger herfielen, die sich daraufhin in untote, kannibalische Zombies verwandelten. Unaufhaltsam breitete die Seuche sich erst über die USA und dann über die ganze Welt aus. Die Lebenden flüchten oder verbarrikadieren sich, doch ihre Zahl nimmt ständig ab, zumal nicht nur Menschen, sondern auch die meisten Tierarten von der Seuche befallen werden.

Lamar versteckt sich zunächst in seiner Wohnung, doch ein Großbrand macht ihn obdach- und schutzlos. Er rettet die Kinder Tasha und Malik und schließt Freundschaft mit dem Waffennarren Mitch Bollinger Verzweifelt sucht die Gruppe einen neuen, endlich sicheren Unterschlupf. Da Baltimore einer der größten Seehäfen des Landes ist, liegt der Gedanke nahe, sich auf ein Schiff zu retten und das offene Meer anzusteuern, denn durch das Wasser werden die Zombies hoffentlich nicht folgen.

Andere Überlebende denken ähnlich. Unter dem Kommando eines ehemaligen Seemanns wird die „Spratling“, ein altes, längst ausgemustertes Schiff der US-Küstenwache, notdürftig wieder flott gemacht. Schlecht ausgerüstet und fast ausschließlich mit Laien bemannt, macht man sich auf den Weg zu einer Ölbohr-Insel vor der Küste von Florida, die leicht gegen die Attacken von Zombies zu verteidigen ist. Interne Querelen gefährden das Unternehmen; auch in der Krise bleiben Eigenschaften wie Machtgier, Egoismus und Streitsucht mindestens ebenso präsent wie die Untoten. Dabei wäre Einigkeit gerade jetzt bitter nötig, als sich herausstellt, dass der Ozean unterhalb des Wasserspiegels zwar tot aber keineswegs unbevölkert oder gar ungefährlich ist …

Grusel mit der groben Kelle

Sollte es im Reich des Todes so etwas wie eine gesellschaftliche Rangfolge geben, so dürften die Vampire (gemeint sind die richtigen Blutsauger, nicht die entsafteten Traumprinzen pubertierender Mädchen) ganz oben stehen, während die Zombies tief im Keller (sogar noch unter den Werwölfen) stecken. Sie sind in jeder Hinsicht die Schmuddel-Kinder ihrer übernatürlichen Zunft. Zombies stellen keine durch den Tod geschärften, dem menschlichen Alltag und seiner Gesetzen & Regeln reizvoll enthobenen Wiedergänger dar. Sie sind dumm und hässlich. Ihr einziger Antrieb resultiert aus dem Hunger auf Menschenfleisch, ihre Weltherrschaft basiert nicht auf raffinierter Planung, sondern ausschließlich auf zahlenmäßige Überlegenheit. Zombies haben keine ‚Gesichter‘, sie sind keine Individuen, sondern nur Masse. Mit ihnen kann und will man sich nicht identifizieren.

Faktisch ist auch ihr Unterhaltungswert begrenzt. Unfreiwillig belegt es auch Brian Keene, der sich vergeblich bemüht, den einzigen Schock-Effekt zu variieren, für den Zombies zuverlässig sorgen. Wieder und immer wieder schildert er die Unfall- und Fäulnisschäden derer, die den Helden hinterher schlurfen, bis selbst der abgestumpfte Gore-Bauer sich das Gähnen nicht mehr verkneifen kann. Grundsätzlich ist ein Zombie wie der andere. Falls es Unterschiede geben sollte, ist Keene jedenfalls nicht der Autor, der dies herausarbeiten könnte.

Ohnehin erzählt „Totes Meer“ in erster Linie eine inhaltlich und formal schlichte Hit-and-Run-Story. In ihrem Verlauf können wir sie quasi mitsingen, selbst wenn wir nur die drei klassischen Zombie-Filme des späten 20. Jahrhunderts gesehen haben. George A. Romero hat mit „Night of the Living Dead“ (1968), „Dawn of the Dead“ (1978) und „Day of the Dead“ (1985) gesagt und gezeigt, was das Thema hergab. Den Epigonen blieben nur Anmerkungen und Variationen.

Ja, wo laufen sie denn hin …?

Der Gedanke, dass auch der Ozean dem untoten Treiben kein Hindernis sein könnte, entsprang nicht Keenes Hirn. Stephen King hat ihn beispielsweise 1990 in seiner Novelle „House Delivery“ (dt. „Hausentbindung“) effektvoll durchgespielt, ohne dabei ständig in den plakativen Ekeleien zu schwelgen, die Keene bevorzugt. Immerhin kennt und berücksichtigt Keene die beiden anderen Wendungen, die eine Zombie-Geschichte überhaupt nehmen kann:

Wenn die Untoten strömen, bleibt nur die Flucht. Im Zombie-Genre ist der Weg das Ziel, denn einen sicheren Hafen gibt es nicht. Immer in Bewegung bleiben, heißt die Devise, denn der Feind steht und schläft nicht. Unerbittlich folgt er deiner Spur, und wohin du auch kommst, der hungrige Untod ist schon dort. Keene schildert den standardisierten Ablauf dieses Geschehens leider mit spürbarer Routine. „Totes Meer“ enthält keine einzige Idee, die der Verfasser nicht bereits in seiner monumentalen Zombie-Saga „The Rising“ (2003) und „City of the Dead“ (2005) – in Deutschland als Sammelband unter dem Titel „Das Reich der Siqqusim „ erschienen – verwertet hätte. Mehr als einmal wärmt Keene Bewährtes aber Bekanntes wieder auf. Dies betrifft vor allem den Einfall, nicht nur Menschen, sondern auch Tiere in Zombies zu verwandeln.

Der Mensch heizt seine Hölle selbst ein

Der dritte Sub-Plot der typischen Zombie-Story verlässt die Untoten. Die Handlung fokussiert sich auf die Lebenden. Was zunächst paradox klingt, leuchtet auf den zweiten Blick ein: Der eigentliche Schrecken geht nur bedingt von den Zombies aus, die wie schon beschrieben untot sind aber ohne intelligente Bosheit vorgehen. Ihre Opfer müssen die emotionalen Rollen übernehmen: Erst durch die Reaktionen lebendiger Menschen kann der Leser Zugang zum Geschehen finden.

Damit betritt der Autor bekanntes und gut beackertes Terrain. Unzählige Romane, Geschichten oder Filme basieren auf dieser einfachen Ausgangssituation: Stecke eine Reihe von Menschen in einen Topf. Die Stimmung wird überkochen, wobei sich das Feuer unter dem Topf aus denjenigen Stoffen speist, aus denen die bekannten zwischenmenschlichen Konflikte bestehen. Bei Keene wird die „Spratling“ zum Mikrokosmos. Selbstsucht, Führerwahn, Vorurteile: Im Dampfkessel des Schiffes, von dem niemand flüchten kann, kommen die üblichen Verhaltensfehler umso deutlicher zum Vorschein.

Wobei „üblich“ hier vor allem die US-amerikanische Sichtweise beschreibt. Keene stützt sich auf Hollywood-Klischees, die ihm das Spinnen seiner Horror-Routine erleichtert. Eine Gruppe, die sich zusammenrauft und an einem Strang zieht, überfordert offensichtlich seine Vorstellungskraft. Wirklich ärgerlich ist jedoch Keenes Kopplung der Zombie-Plage mit der biblischen Apokalypse. Der Verfasser hat bereits mit „Take the Long Way Home“ (2006; dt. „Der lange Weg nach Hause“) seine Affinität zum christlichen US-Fundamentalismus deutlich gemacht. Auch die Zombies, so deutet er nicht nur an, könnten eine Heimsuchung im buchstäblichen Sinn sein: Gott prüft ‚seine‘ sündige Menschheit. Die Schwachen gehen unter, die Starken werden im Feuer gehärtet. Dass Hauptfigur Lamar schwul ist, ändert daran nichts; Keene ist ein Fundamentalist, der Minderheiten nicht automatisch für Sünder hält, woraus er das Recht ableitet, sie in sein metaphysisches Weltbild zu integrieren. Dies verleitet ihn außerdem dazu, die Handlung im Mittelteil auszusetzen, um eine im langen Gespräch zwischen zwei Figuren entwickelte Interpretation des Geschehens zu präsentieren, die nicht nur haarsträubend Glaube und Wissenschaft mischt, sondern auch noch schrecklich langweilig ist.

Das Staffelholz soll weitergereicht werden

Doch solche Überlegungen führen auf Abwege. Brian Keene schreibt keine phantastische Literatur, sondern will gut unterhalten und gut verdienen. Wirft man einen Blick auf sein umfangreiches Gesamtwerk, gedenkt er definitiv nicht, sich den Kopf stärker zu zerbrechen als erforderlich. Sein Publikum verlangt dies ohnehin nicht. Keene-Horror ist pures Feierabend-Futter; sein Nährwert entspricht dem von Kartoffelchips, aber es sättigt auch jene, die beim Lesen die Lippen bewegen und sich ansonsten nicht intellektuell betätigen möchten (oder können).

Wogegen man viel einwenden könnte aber keineswegs muss. Gelesen und vor allem gekauft wird solcher Holzhammer-Horror nachweislich gern. So kam Brian Keene zum Heyne-Verlag. Nach Deutschland hat er es schon Jahre früher geschafft. Ein rühriger und risikofreudiger Kleinverlag hatte diverse Titel veröffentlicht, als die großen Häuser abwinkten und sich lieber auf kalkulierbar zu vermarktende Bestseller-Fabrikanten à la King, Koontz oder Rice konzentrierten.

Ausgerechnet Richard Laymon drängelte sich 2006 mit seinem weniger geschriebenen als in die Welt gekotzten Sex-&-Horror-Schmuddel zwischen diese alten Kämpen. Laymons Werke fanden ihr Publikum, das in schneller Folge und mit Reißern beliefert bzw. bombardiert wurde und wird. Bevor es womöglich die Nase voll hat, soll ein neuer Autor früh genug in die Bresche springen. Brian Keene ist für diese Rolle vorgesehen. Damit dies von den potenziellen Käufern auch begriffen wird, wurde auf die deutsche Ausgabe von „Totes Meer“ ein Sticker geklebt, auf dem zu lesen steht: „Brian Keene ist der neue Richard Laymon!“

DAS haben beide Autoren nicht verdient – Keene ist kein wirklich guter Autor, schreibt aber deutlich besser als Laymon, der es wiederum mit Keene nicht annähernd aufnehmen kann. Dies hält Laymon nicht ab, auf der hinteren Buchdeckelseite wie folgt zu jubilieren: „Meisterhaft! Brian Keene packt den Leser an der Gurgel – und lässt ihn nicht mehr los.“ Diese Empfehlung klingt nur für den glaubhaft, der nicht weiß, dass 1.) „Totes Meer“ 2007 veröffentlicht wurde, während 2.) Richard Laymon bereits 2001 starb. Wie soll man sich als Kunde & Käufer anständig für dumm verkauft fühlen, wenn es so plump geschieht …?

Autor

Brian Keene (geboren 1967) wuchs in den US-Staaten Pennsylvania und West Virginia auf; viele seiner Romane und Geschichten spielen hier und profitieren von seiner Ortkenntnis. Nach der High School ging Keene zur U.S. Navy, wo er als Radiomoderator diente. Nach Ende seiner Dienstzeit versuchte er sich – keine Biografie eines Schriftstellers kommt anscheinend ohne diese Irrfahrt aus – u. a. als Truckfahrer, Dockarbeiter, Diskjockey, Handelsvertreter, Wachmann usw., bevor er als Schriftsteller im Bereich der Phantastik erfolgreich wurde.

Schon für seinen ersten Roman – „The Rising“ (2003), eine schwungvoll-rabiates Zombie-Garn – wurde Keene mit einem „Bram Stoker Award“ ausgezeichnet. Ein erstes Mal hatte er diesen Preis schon zwei Jahre zuvor für das Sachbuch „Jobs In Hell“ erhalten. Für seine Romane und Kurzgeschichten, ist Keene seitdem noch mehrfach prämiert worden. Sein ohnehin hoher Ausstoß nimmt immer noch zu. Darüber hinaus liefert er Scripts für Comics nach seinen Werken. Außerdem ist Keene in der Horror-Fanszene sehr aktiv. Sein Blog „Hail Saten“ gilt als bester seiner Art; die Einträge wurden in bisher drei Bänden in Buchform veröffentlicht.

Brian Keene hat natürlich eine Website, die sehr ausführlich über sein Werk und seine Auftritte auf Lesereisen informiert. Über den Privatmann erfährt man allerdings nichts; es gibt nur die obligatorische, hier besonders karge Kurzbiografie.

Copyright © 2010/2017 by Michael Drewniok (md)

Titel bei Buch24.de
Titel bei Booklooker.de

Die Verschollenen

Dead Sea – Meer der Angst

Parasite Deep – Parasiten aus der Tiefsee

Die Tiefe

sfbentry

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.