Wahn

Stephen King
Wahn


Originaltitel: Duma Key (New York : Scibner 2008/London : Hodder & Stoughton Ltd. 2008)
Übersetzung: Wulf Bergner
Deutsche Erstausgabe (geb.): Februar 2008 (Heyne Verlag)
895 S.
ISBN-13: 978-3-453-26585-1
Neuausgabe: Juli 2009 (Heyne Verlag/TB Nr. 43343)
912 S.
ISBN-13: 978-3-453-43343-4
eBook: September 2008 (Wilhelm Heyne Verlag)
ISBN-13: 978-3-89480-440-4
Hörbuch-Download: März 2008 (Heyne Verlag)
1.520 min. (gelesen von David Nathan)
ISBN-13: 978-3-8371-7493-9

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Das geschieht:

Ein schwerer Arbeitsunfall kostete den erfolgreichen Bauunternehmen Edgar Freemantle nicht nur den rechten Arm, sondern auch seine Ehe. Geistig und körperlich angeschlagen siedelt der verbitterte Mann auf Anraten seines Arztes in den Sonnenstaat Florida um. Dort zieht er sich auf die vor der Westküste gelegene Insel Duma Key zurück. In einem einsam gelegenen Haus findet Freemantle allmählich wieder zu sich, wobei ihm das Aufleben eines lange brach gelegenen Talents hilft: Er beginnt zu zeichnen und zu malen.

Die Ergebnisse seiner Kunst sorgen zwar für Begeisterung aber auch für Kopfschütteln, denn von den Bildern geht etwas spürbar Dunkles aus. In der Tat wird Freemantle von Visionen geplagt. Sie bescheren ihm klare Bilder bedrohlicher Ereignisse, die seine Familienangehörigen betreffen. Wenig später beginnen die Geister vor langer Zeit umgekommener Inselbewohner umzugehen.

Freemantle spürt, dass seine neue Kunstfertigkeit ebenso wie die Visionen von Duma Key ausgehen. Mit seinem neuen Freund, dem Ex-Anwalt Jerome Wireman, beginnt er die Geschichte des Eilands zu recherchieren. Wie sich herausstellt, kam es hier schon im frühen 20. Jahrhundert zu mysteriösen und tragischen Ereignissen. Elizabeth Eastlake, die letzte ihres einst einflussreichen Geschlechts und Eigentümerin der Insel, weiß mehr, doch der Verstand der alten Frau ist von der Alzheimerschen Krankheit zerrüttet.

Viel zu spät setzt Freemantle die fragmentarischen Hinweise zusammen, die ein absurdes Bild ergeben. So nehmen die Ereignisse jenen Lauf, den eine uralte und finstere Macht sorgfältig geplant hat: Zombie-Piraten steuern Duma Key mit schwerer Fracht an: Unheil und Tod …

Geschichte eines verletzten Menschen

Der alternde Meister des Horrors, der die 1980er und 90er Jahre mit seinen Werken prägte, zeigt unerwartet scharfe Zähne: Stephen King findet im vierten Jahrzehnt seiner Karriere nicht nur zur alten Form zurück, sondern schlägt behutsam neue Wege ein. Das Ergebnis ist eine gelungene Kombination alten Tugenden mit frischem Wind, der den Leser in der Regel zuverlässig über diverse Längen – deren Existenz nicht verschwiegen werden soll – trägt.

„Wahn“ – den zwar begründbaren aber dennoch unglücklichen deutschen Titel beachten wir am besten nicht weiter – ist einerseits eine Geistergeschichte der klassischen Art, die dem ungeduldigen Genrefreund möglicherweise zu ‚zahm‘ und zu langsam vorkommen mag. Wer freilich nicht nur Rumpel-Pumpel-Spuk, sondern einfach ein gutes Garn liebt, wird „Wahn“ zu schätzen wissen. Ganz langsam, fast unmerklich schleichen sich die übernatürlichen Elemente in die Handlung ein. Das Erstaunliche ist, dass wir sie nicht vermissen: King erzählt uns eine Geschichte, die auch ohne Geistertrubel interessiert.

Seit ihn im Sommer 1999 ein betrunkener Autofahrer beinahe ins Grab brachte, kommt King in seinen Werken immer wieder auf den Unfall zurück, der sein Leben nachhaltig aus dem Gleichgewicht brachte und ihn zu Alkohol und Rauschgift greifen ließ. Er weiß, wie sich ein Mann wie Edgar Freemantle fühlt. Seit jeher verfügt King über die Gabe, Gedanken und Gefühle in einfache aber überzeugende Worte zu fassen und seine Figuren in Menschen zu verwandeln. Das gelingt ihm auch dieses Mal, und das macht es fesselnd, Freemantles quälenden und quälend langsamen Prozess der Heilung zu verfolgen.

In dieser Phase der Geschichte spielt die Malerei eine große Rolle. Freemantle wird zum Genie der Kunst, und zwischen Genie und Wahnsinn, so sagt ein Sprichwort, liegt nur ein Schritt. Der Wahn materialisiert sich hier als unverhoffte Begleiterscheinung der schweren Verletzungen, die Freemantle bei seinem Unfall erlitt. King hat recherchiert und lässt Informationen über Menschen einfließen, die ein ähnliches Schicksal erlitten und anschließend doppelt erstaunliche, zuvor nie gezeigte schöpferische Fähigkeiten entwickelten.

Schwache Menschen mit starkem Willen

Figuren mit entsprechendem Hintergrund tauchen nicht zum ersten Mal in einem Stephen-King-Roman auf. In „The Dead Zone“ (1979, dt. „Dead Zone – Das Attentat“) wurde ein Mann zum Hellseher, der traurige Held in „Firestarter“ (1980, dt. „Feuerkind“) konnte den Menschen seinen Willen aufzwingen, in „Dreamcatcher“ (2001, dt. „Duddits“) lag der Schlüssel zur Rettung der Welt vor bösen Aliens in den Händen eines geistig Behinderten.

Noch keiner Kingschen Figur tat es gut, über solche Fähigkeiten zu verfügen. Stets zahlen sie einen hohen Preis dafür; sie verlieren ihre Familien, ihre Freunde, und manchmal sterben sie sogar. Die Gabe wirkt in der Regel wie von einer höheren Macht verliehen; sie führt den früheren Jedermann auf eine Mission voller Gefahren und Schrecken. Edgar Freemantle ist keine Ausnahme. Bald wird ihm klar, dass ihm sein künstlerisches Talent womöglich ‚von außen‘ eingegeben wird und eine zwiespältige ‚Schenkung‘ des Geistes von Duma Key ist, der damit eigene Ziele verfolgt.

Wenn die Kunst zur Wahrheit wird

Bis es soweit ist, wiegt sich Freemantle in falscher Sicherheit. Die Kunst, das ist eine weitere Lektion, die King uns lehrt, besitzt ihre eigenen Regeln. Sie kann zur Besessenheit werden aber gleichzeitig den Zugang zu Sphären öffnen, deren Existenz der Mensch zwar erahnt, die er in der Regel jedoch nicht beschreiben geschweige denn bereisen kann. Der Künstler wird Stellvertreter und Übersetzer. Meisterhaft beschreibt King nicht die Technik der Kunst, sondern ihre Wirkung, dargestellt am Beispiel eines Menschen, der nicht einmal über das Vokabular verfügt, seine Arbeit ‚wissenschaftlich‘ zu erläutern. Freemantle ringt mit den Worten; lieber malt er und macht sich auf diese Weise verständlich.

Dieser Prozess ist faszinierend, und King vermag ihn begreiflich zu machen. Irgendwann ist Freemantle gesund,er versöhnt sich mit der Familie, wird berühmt. Die Geschichte könnte jetzt happy enden. Stattdessen zieht King die Grusel-Schraube an. Freemantle hat in der Tat eine Tür aufgestoßen – oder wurde sie für ihn geöffnet? Die Geister von Duma Key schlüpfen aus dem Zwischenreich, in dem sie bisher ausharren mussten.

Ihre ‚Gegner‘ wirken denkbar schwach: auch dies ist typisch für King. Ein verkrüppelter Maler, ein Anwalt mit einer Kugel im Schädel und eine uralte, senile Frau bilden das Trio, dem sich die Gespenster offenbaren. Es wirkt deshalb umso sympathischer, zumal sich der Leser selbstverständlich fragt, wie es ausgerechnet diesen gehandicapten Personen gelingen soll, dem Grauen ein Ende zu bereiten.

Das letzte Drittel: Horror ohne Maske

Mit viel Routine und unter Montage bekannter Versatzstücke beginnt King nun zu schreiben, wofür er bekannt wurde: eine phantastische, zunehmend gruselige Geschichte. Das Verblüffende ist die Bereitwilligkeit, mit der wir ihm dabei auf den Leim gehen. In welche Richtung der Spuk gehen wird, ist recht bald bekannt. Das mindert das Lektürevergnügen aber keineswegs. Der alte Fuchs weiß, in welche Richtung er seine Hühnerschar treiben muss, um sie möglichst effektiv in Angst und Schrecken zu versetzen.

Wie üblich ist die Kulisse für die Handlung von entscheidender Bedeutung. Längst ist King nicht mehr auf den US-Staat Maine als Ort für seine Geschichten angewiesen. Er hat gelernt, jeden Ort dieser Welt so zu präparieren, dass sich das bekannte Gefühl steigender Unsicherheit einstellt.

Duma Key ist ein Ort, an dem es umgeht. Auf den ersten Blick ist das nicht zu erkennen; nicht einmal auf den zweiten. So muss es sein, denn sonst könnte die Falle später nicht so perfekt zuschnappen. Erneut bewegt sich King nicht auf neuen Pfaden. Schauplatz und Plot von „Wahn“ erinnern vage an „Bag of Bones“ (1998, dt. „Sara“), während sich King das Element der verwunschenen Künstlerkolonie von seinem Kollegen, Freund und gelegentlichem Mit-Autoren Peter Straub („The Hellfire Club“; 1996, dt. „Reise in die Nacht“) ‚ausborgt‘. Geschenkt, denn diese Medizin wirkt auch als x-ter Aufguss!

Autor

Normalerweise folgt an dieser Stelle ein Autorenporträt. Hier unterbleibt dies; aus gutem Grund, denn der überaus beliebte Schriftsteller ist im Internet umfassend vertreten. Nur zwei Websites – die eine aus den USA, die andere aus Deutschland –  seien stellvertretend  diese und diese genannt; sie bieten aktuelle Informationen, viel Background und zahlreiche Links.

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