Zerfleischt

Tim Curran
Zerfleischt

(sfbentry)
The Devil next Door, USA
Festa-Verlag, Taucha, 02/2012
TB, Horror 37, Splatter
ISBN 978-3-86552-137-8
Aus dem Amerikanischen von Verena Hacker und Felix F. Frey
Titelillustration von Ben Baldwin
Leseempfehlung: Ab 18 Jahre!

www.festa-velag.de
www.corpseking.com
http://benbaldwin.co.uk

Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de

„Wir sind die Instrumente unserer Zerstörung. Jeder von uns hat eine geladene Waffe in sich, und die radikale Bevölkerungsexplosion hat den Abzug gedrückt. Möge Gott uns beistehen, Louis, aber wir werden uns selbst ausrotten! Bestien des Urwalds! Töten, schlachten, vergewaltigen, plündern! Ein unbewusster, genetischer Drang wird alles beseitigen, was wir erschaffen haben, die Zivilisation ausweiden, die Menschheit wie Vieh abschlachten, weil wir von primitiven Drängen überwältigt sind und die menschliche Erinnerung Amok läuft.“

Es ist ein ganz normaler Tag im beschaulichen Städtchen Greenlawn, als Louis Shears plötzlich Zeuge wird, wie zwei Männer ohne ersichtlichen Grund einen Zeitungsboten brutal zusammenschlagen. Auch das Opfer gebärdet sich – tödlich verletzt – noch wie wild, bevor der Junge schließlich in Louis Armen stirbt. Das Verhalten der herbeigerufenen Polizisten ist mehr als merkwürdig und Louis Vernunft rät ihm zur Flucht. Plötzlich scheint das ganze Viertel verrückt zu spielen. Die Bewohner verwandeln sich in wilde Kreaturen, berauschen sich an den umgebenden Gerüchen, markieren und verteidigen ihre Reviere, bevor sie beginnen, ihre Haustiere und Nachbarn abzuschlachten, zu vergewaltigen, zu fressen. In Greenlawn herrscht plötzlich das Gesetz des Stärkeren. Innerhalb weniger Stunden erfüllt der Geruch nach Blut, Fäkalien und gekochtem Menschenfleisch das Viertel. Louis und die junge Macy Merchant sind zwei der wenigen normal gebliebenen Menschen, die sich nun durch diese blutige Hölle bewegen müssen, ohne zu wissen wohin. Denn scheinbar kam es im ganzen Land, vielleicht sogar der ganzen Welt zu vergleichbaren Vorfällen.

Vorneweg: „Zerfleischt“ ist bestimmt nicht geeignet für zartbesaitete Feingeister. Nahezu jede Seite ist in Blut, Gedärm und Fäkalien getaucht. Trotz allem Gekröse, das die Seiten füllt, schafft es Tim Curran, eine sich entwickelnde Geschichte zu erzählen. Den ersten brutalen Vorfällen folgt schon bald die Gewissheit, dass hier etwas Größeres, Gnadenloses am Werk ist. Menschen und Tiere entwickeln sich nicht nur zurück zu instinktgetriebenen Jägern und Kannibalen, sondern folgen auch einem kollektiven Plan. Sie ritzen sich Zeichen in die Haut und basteln sich ihre eigenen archaischen Götter, bilden Gruppen und Clans, die sich schließlich in Territorialkämpfen gegenüberstehen.

Tim Curran gibt sich jedoch nicht nur dem Waten in Körperflüssigkeiten hin, er offenbart auch gehöriges schriftstellerisches Können und gibt von Anfang an richtig Gas. Kurze, stakkatoartige Sätze machen „Zerfleischt“ zu einem absoluten pageturner. Dabei springt Curran immer wieder zwischen verschiedenen Szenen und Protagonisten und nimmt auch mal die Perspektive der degenerierten Personen ein, die nicht viel mehr sind als triebgesteuerte Bestien. Er schafft sogar das Kunststück, diesen Charakteren mit wenigen Sätzen eine Persönlichkeit zu verleihen und sie so dem Leser unangenehm nahe zu bringen. Den roten Faden bilden jedoch Louis und Macy, zu denen Curran immer wieder zurückkehrt und die man so auf ihrem Weg durch die Hölle von Greenlawn begleitet.

Obwohl der anfängliche Schub den Roman bis zum Ende trägt, stellt sich im letzten Drittel – wenn man den x-ten ausgeweideten, vollgepissten, gegrillten und halb gefressenen Kadaver vor sich auf den Seiten hat – aufgrund der diversen Wiederholungen eine gewisse Übersättigung und Abstumpfung ein. Provokation und Tabubrüche schön und gut, im Sinne der Kurzweil wäre allerdings angeraten gewesen, den Roman langsamer zu entwickeln oder insgesamt zu stauchen.

Das Covermotiv von Ben Baldwin weckt mit der Schweinsmaske und den Ketten natürlich Assoziationen an „Saw“ und „Hostel“, was seine Wirkung nicht verfehlt, bei „Zerflleischt“ aber fehl am Platz ist. Hart, blutig, schnell und schonungslos: Tim Curran lässt keine Gelegenheit aus, zu provozieren. Für den geneigten Leser eine willkommene und gut geschriebene Splattergranate, der gegen Ende etwas die Luft ausgeht.

Copyright © 2012 by Elmar Huber (EH)

Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de

Comments

  1. So ab und zu mag ich ja auch mal ein wenig Spladder im Regal 😉 Deswegen schrie auch alles in mir „HABEN WILL!“ als ich das erste mal von dem Titel hörte und so ist es auch nach wie vor. Als Intermezzo, die menschlichen Abgründe mal sehr plastisch erlebt, find ich das schon ganz gut. Und die Rezension zeigts mir ja auch wieder, dass ich damit gar nicht so schlecht fahre. Zu viel möcht ich auch nicht, aber als Häppchen zwischendurch ganz gern!
    Danke für die Rezension!

    Liebe Grüße
    Bine

  2. Also als Frangge (man beachte wohlwollend unser knallhartes Pendant gg zum hochdeutschen k) habe ich sofort und messerscharf kombiniert, dass du mit Spladder Splatter gemeint hast. Wir pflegen ja auch hier unseren Dialekt, obwohl Franken tatsächlich auch Terraner sind, hihihi.

    midd galagdischn Grüßn
    galaxykarl 😉

  3. Womit wieder bewiesen wäre, wie global wir Franken sind.

    Apropos kleine Franken-Geschichte: Hab mal als Teenager einen Urlaub auf Mallorca verbracht (nö, nicht Ballermann, ist mir zu blöd). Wir sind mit dem Bus einen halben Tag durch die Pampa gefahren, zu einer Hacienda und sollten dort ein BBQ genießen. Wir steigen aus, und aus der Gruppe vom Nachbarbus dröhnt es in breitestem Fränkisch. Irgendwie kam mir die Stimme bekannt vor. Und wer war´s? Einer meiner Kumpel aus der Schulklasse!

    Es gibt ja auch ein Sprichwort. Egal, an welchen Ort du auf dieser Erde hinfährst: Ein Nürnberger war schon dort.

    In diesem Sinne
    mit galaktischen Grüßen
    galaxykarl 😉

  4. Pffff, Spaßbremse. Gib doch ein paar Anekdoten deines Volksstammes zum Besten. Wir sind neugierig.

    Darf man heutzutage nicht mehr stolz sein auf seine Heimat? Und trotzdem ein völlig überzeugter Terraner sein? Traditionen bewahren auf dem Weg ins All? Oder bist du so ein Gleichmacher-Typ?
    In jeder Stadt gibt´s eh schon die gleichen Läden, alles ist austauschbar … finde ich traurig und langweilig.

    mgg
    galaxykarl 😉

  5. Ich finde das mit dem Stolz der Herkunft nur albern und vorpubertär, was kann denn ein Mensch dafür, woher er kommt? Ist doch abolut blödsinnig, genaus, wenn man die lobt, die von Geburt her ein schönes Gesicht haben, was für ein Schwachsinn. Man sollte die loben, die äußerlich im Nachteil sind oder aus einer Scheißgegend kommen und das alles tapfer erdulden.

  6. Wie bist du denn drauf? Natürlich hat niemand Einfluss darauf, wo er geboren wird. Im Normalfall entwickeln sich aber genau an dem Ort, wo man aufwächst Wurzeln, die ein Leben lang anhalten können. Die Eltern lebten hier, man hat gemeinsame Erlebnisse, kennt die ganze Umgebung, hat Freunde, Bekannte, Kollegen, Nachbarn, also ein vollständiges soziales Umfeld. Und der Mensch identifiziert sich eben damit. Wer nicht weiß, wo er herkommt, ist eben nicht verwurzelt.

    Und wenn du – oder wer auch immer – das Pech hatte in einer „Scheißgegend“ aufwachsen zu müssen, wird er dort nicht bleiben, von wegen „tapfer erdulden“. Das ist fatalistisch, lebensablehnend und auch auf eine gewisse Weise faul. Niemand bleibt dort freiwillig, wo es ihm schlecht ergeht, geschweige denn, wird er dort eine Familie gründen wollen und dort Kinder aufziehen wollen. Also geht er fort … an einen anderen Ort, der dann eben seine neue Heimat wird, mit der er sich sehr wohl anfreunden kann.

    Und das mit dem Gesicht ist, sorry, Schwachsinn. Ich habe noch nie ein Kind – oder einen Menschen – gelobt, weil er ein schönes Gesicht hatte. Bewunderung, Anerkennung von etwas Schönem ist doch legitim, und nicht verdammenswert, so wie du dich ausdrückst. Sollen sich jetzt alle hübschen Menschen verstecken, damit die weniger hübschen nicht beleidigt sind?

    Und wie heißt es so schön. Jeder ist seines Glückes Schmied. Auch scheinbar unattraktive Menschen haben ein gutes Leben, oder gerade wegen ihres markanten Gesichtes Erfolg, Glück, ein gutes Einkommen. Schau dir doch mal die Hälfte der Schaufspieler an! Claude Oliver, Gottfried John, Heinz Hönig, Uwe Ochsenknecht, Andrea Sawatzki, Thilo Brückner, Corinna Harfouch. Oder internationale Stars: Jean Paul Belmondo, Sylvester Stallone, Mickey Rourke usw. usw.

    Ich kann dieses grundsätzliche Rumgemeckere „alles ist Scheiße“ nicht mehr hören. Wir kennen uns nicht, aber ich würde dir gehörig in den Arsch treten, wäre ich dein Freund. Und gerade von Freunden würde ich mir auch so eine Hilfe erwarten. Solch eine Lebenseinstellung wird dich nicht aus deiner Scheißgegend bringen, du wirst damit immer unzufrieden durch die Gegend marschieren und schlussendlich damit ein unglückliches Leben führen.

    Ändere deine Einstellung und versuche erst mal das Positive in deinem direkten Umfeld zu sehen, darauf zuzugehen. Und vielleicht wirst du überrascht sein, wie Menschen reagieren, wenn du ihnen mit einem Lächeln entgegentrittst, anstelle mit einem miesepetrigen Gesicht. Auch ein weniger hübsches Gesicht strahlt, wenn der Mensch dahinter positiv eingestellt ist und dies auch ausdrücken kann. Das soll nicht heißen, dass du mit einem debilen Grinsen durch die Welt laufen sollst. Aber das Problem bist du und nicht die böse, böse Welt.

    mgg
    galaxykarl :-I

  7. Huch…

    Also, erstens ist das mit der „Scheißgegend“ doch wohl sehr relativ und Ansichtssache. ICH komme aus dem wunderschönen Freistaat Duisburg *gg* Und ich kenne soooo viele, die stöhnen drüber, finden Duisburg abartig, dreckig usw. Ganz ehrlich? Das interessiert mich nicht! Ich bin mit Leib und Seele Duisburgerin, weil ich nun mal hier geboren bin und ganz bestimmt etliche Vorzüge und Schönheiten meiner Heimat kenne und liebe!

    Immer dieses Negativsehen..furchtbar! Es gibt genug Schlimmes und Unschönes um uns, da finde ich es einfach vergeudete Zeit, SO zu denken, wie Du lieber Uwe.

    Ich tute also in das gleiche Horn wie Werner und würd mich freuen, wenn mehr so denken würden!

    Liebe Grüße aus dem wunderwunderschönen Duisburg
    Dat Bineken
    🙂

  8. Hab gehört, der „Ruhrpott“ hat eine wachsende grüne Lunge; leider hab ich sieh noch nicht besuchen können. Außerdem sollen sich in den brachliegenden Zechen allerhand Tiere angesiedelt haben. Die Natur erobert sich das Land zurück.

    mgg
    galaxykarl 😉

  9. Ich wohne genau um die Ecke von der berühmten Sechs-Seen-Platte, ungefähr 30 Meter von unserem Haus ist der Waldfriedhof, in 5 Minuten bin ich im Stadtwald, also bei mir ist und war es immer verdammt grün! Das glaubt mir so bloß nie einer.

    Selber sehen und dann meckern 😉 Wenns noch was zu meckern gibt…

    Aber es gibt ja immer ein gewisses Image, was den Landstrichen verpasst wird, irgendwann und dagegen dann anzukommen ist teilweise recht schwer. Sieht man ja 😉

    Liebe Grüße
    Bine

  10. Ich finde meine Stadt und meine Gegend auch sehr gut. Bei mir ist es aber leider oft genau umgekehrt, wenn die Leute hören wo ich lebe und dass ich mich hier wohlfühle zeigen sie mir den Vogel und sind der Meinung, dass ich an Geschmacksverirrung leide. Also was macht man dann? Und meinen Mann finde ich sehr schön, auch wenn ich offenbar die einzige in meinem Umfeld bin, die das meint. So gesehen kann ich die vorherrschende Meinung, was ein schöner Mensch ist, die uns die Medien einreden wollen, nicht teilen. Was mich sehr wundert, ist die Tatsache, dass so viele Menschen diese Ansichten der Medien übernehmen. Ich kann mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, dass diese manipulierte Meinungen und Schönheitsideale tatsächlich die meisten Menschen teilen. Es ist wohl leider so, dass viele Menschen sich einfach nicht trauen zuzugeben, dass ihre persönliche Vorstellung von schönen Menschen nicht konform geht mit der angeblich allgmeinen der meisten Menschen.

    Wieso werden Menschen, die eine andere Meinung von SChönheit haben eigentlich immer zu Aussenseitern gestempelt? Hier hat unsere Gesellschaft noch viel zu lernen und nach zu holen, da steckt sie meiner Meinung nach noch in den Kinderschuhen. Eine erwachsene Meinung ist etwas anderes als dass, was ich täglich in den Medien als das beste vorgesetzt bekomme. Warum wehren sich s wenige dagegen, kein Mut? 🙂

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