Das Schweigen der Hyazinthen

Lauren Frankel
Das Schweigen der Hyazinthen

Hyacinth Girls, USA, 2015
Egmont-INK, Köln, 08/2015
PB mit Klappenbroschur
Jugendbuch, Drama
ISBN 978-3-86396-078-0
Leseprobe aus Rainbow Rowells „Zwei Worte vor und eins zurück“/1499
Aus dem Amerikanischen von Theda Krohm-Linke
Titelgestaltung von www.buerosued.de unter Verwendung eines Motivs von Trevillion/Dana France
Autorenfoto von Rosalind Hobley

www.egmont-ink.de
www.trevillion.com

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Rebecca fällt aus allen Wolken, als ihre Pflegetochter Callie von der Direktorin bezichtigt wird, eine Mitschülerin gemobbt zu haben. Die Dreizehnjährige bestreitet das, und etliche andere Schüler sagen zu ihren Gunsten aus. Robyn, das angebliche Opfer, jetzt als die wahre Täterin abgestempelt, wechselt an eine andere Schule. Einige Monate später ereignen sich erneut unschöne Dinge, und wieder soll Callie dahinterstecken, was sie schließlich sogar zugibt. Aber dies belastet das Mädchen und Rebecca weniger als die Entdeckung, dass Robyn auf Rache zu sinnen scheint: Erst tauchen am Grab von Callies Mutter hasserfüllte Briefe auf, dann folgen Selbstmorddrohungen. Vergeblich versucht Rebecca, mit Robyns Mutter zu sprechen, damit sie professionelle Hilfe für ihre Tochter in Anspruch nimmt. Als die Situation eskaliert, fährt Rebecca selbst mit einem Bekannten an den Ort, an dem sich Robyn umbringen will, um sie aufzuhalten. Doch das Mädchen taucht nicht auf, und Callie meldet sich nicht auf Rebeccas Anrufe. Plötzlich kommt ihr ein schlimmer Verdacht …

Seit einer geraumen Weile gehört Mobbing zu den Themen, die AutorInnen in ihren (Jugend-) Büchern gern verarbeiten. Nachdem diese Problematik lange totgeschwiegen wurde, Opfer keinerlei Unterstützung erhielten und man ihnen sogar nahelegte, ‚sich nicht so anzustellen und sich mit den Peinigern zu vertragen‘, ist so viel passiert, dass Eltern, Pädagogen, Psychologen u. a. endlich hellhörig wurden, die Angelegenheit ernst nehmen und um Hilfe für Betroffene bemüht sind. Es dürfte praktisch kaum jemanden geben, der nicht irgendwann einmal von anderen anhaltend und grundlos schikaniert wurde als Kind und/oder Erwachsener.

Aber bis das Umfeld reagiert, ist der Terror meist schon voll im Gange. Das Opfer selbst begreift zunächst nicht, was ihm geschieht, sucht in einem zweiten Schritt die Ursachen für die Anfeindungen bei sich und ist bald so eingeschüchtert, dass es letztendlich daran zweifelt, überhaupt Gehör und Beistand zu finden. Außerdem gehen die Personen, die andere mobben, sehr geschickt vor, sodass ihnen nicht immer gleich nachgewiesen werden kann, dass sie die Täter sind. Sie tun es, weil sie es können, nicht weil sie einen Grund haben. Und wer etwas mitbekommt, schaut lieber weg oder macht mit – aus Angst, das nächste Opfer zu sein (ein Verhalten, das man leider auch bei Kindergärtnern und Lehrern beobachten kann). Die Autorin Lauren Frankel stellt im Rahmen dieses Themas auch die Frage: „Kennen Sie Ihr Kind?“ (S. 11). Natürlich wünschen sich alle Eltern, dass die eigenen Kinder eine unbeschwerte Jugend verbringen können, und solange keine Klagen kommen, ist wohl alles in Ordnung. Gibt es plötzlich Probleme, blendet man sie gern aus, glaubt den Beteuerungen von Sohn oder Tochter, hofft, dass sich die ‚kleinen‘ Probleme von selbst lösen, und schiebt die Schuld an den Geschehnissen auf andere. Vor allem wenn das Kind die Täterrolle innehat, wird dieser Fakt intensiv geleugnet, denjenigen, die zu vermitteln versuchen, sogar mit dem Anwalt gedroht.

In „Das Schweigen der Hyazinthen“ lässt die Autorin zwei – eigentlich: drei Personen die Ereignisse schildern: Rebecca und Callie, im kleineren Umfang per Email, Facebook etc. auch Robyn. Ferner wird zwischen Vergangenheit und Gegenwart hin und her gewechselt, denn das, was vor Jahrzehnten geschah, hatte bereits früh Einfluss auf die Beteiligten und lenkt die aktuelle Entwicklung.

Als Kind wurde Rebecca gemobbt und nur von ihrem Cousin Curtis und ihrer besten Freundin Joyce beschützt. Später lässt sich Joyce auf eine kurze Affäre mit jemandem ein, der eigentlich für sie tabu hätte sein sollen, wodurch die langjährigen Freundschaften schwer belastet werden. Statt abzutreiben, bringt Joyce Callie zur Welt und zieht sie gemeinsam mit Rebecca auf. Nach dem frühen Tod von Joyce und dem Vater des Kindes erhält Rebecca das Sorgerecht für Callie, die sie wie eine eigene Tochter liebt. Was genau passiert ist, wird nach und nach enthüllt und soll an dieser Stelle nicht verraten werden. Callie wächst zu einem umgänglichen Teenager heran, hat gute Zensuren und zwei beste Freundinnen, Ella und Dallas. Anfangs scheint es, als habe tatsächlich Robyn Callie auf dem Kieker und nach deren Verschwinden wäre alles wieder in Ordnung, doch das Idyll trügt. Rebecca sieht nur, was sie sehen soll und will. Sie glaubt Callies Erklärungen auch dann noch, als bereits erste Zweifel in ihr keimen und sich zu bestätigen beginnen: Es ist natürlich einfacher und schöner, in einer heilen Welt zu leben und bei Problemen andere zu beschuldigen, denn das eigene Kind ist grundsätzlich ein Engel.

Man nimmt nichts vorweg, da der Leser ohnehin errät, was vorgeht, wenn man preisgibt, dass der Übergang vom Täter zum Opfer fließend ist. Gehörte Callie erst noch zu denen, die nahezu unantastbar waren und andere quälen konnten, ohne zur Rechenschaft gezogen zu werden, wird sie durch einen üblen Spitznamen, mit dem sie von ihren ‚besten Freundinnen‘ belegt wird, ganz plötzlich selber zum Mobbing-Opfer, auf dem – Facebook sei ‚Dank‘! – immer mehr Personen herumhacken, im Internet und in der Schule, obwohl Callie ihnen gar nichts getan hat, viele sie nicht einmal kennen.

Erst jetzt begreift Callie, was sie, Dallas und Ella anderen angetan haben, wie sehr sie das Leben ihrer Opfer in eine Hölle verwandelt haben, aus der es kein Entkommen gibt. Sie selber fühlt sich wertlos und führt ihr Schicksal auf die Tragödie ihrer Eltern zurück. Zudem glaubt sie, dass Rebecca in ihr Joyce sucht und sie selbst niemals so perfekt sein könnte wie ihre ‚supertolle‘ Mutter. Schon dass sie gemobbt wird, ist in ihren Augen ein Beweis dafür, und so kann Callie ihr ‚Versagen‘ vor Rebecca nicht eingestehen und frühzeitig Hilfe suchen. Überhaupt, würden die Erwachsenen wirklich Beistand leisten wollen? Sie sind doch keinen Deut besser, wie Dallas‘ Vater, ein Radiomoderator, demonstriert, der in seiner Sendung die Mobbingopfer seiner Tochter lächerlich macht, indem er die Schwächen der Betroffenen beschreibt und die beleidigenden Spitznamen zum Bonmot kürt, ein Gag, der ihm viele Likes einbringt. Prompt eskaliert die Situation, als Callie beschließt, ihre einstigen Opfer um Verzeihung zu bitten und etwas zu tun, das die Mobbing-Community an den Pranger stellt. Wird ihr das gelingen? Kann Robyn ihr vergeben? Werden die Täter endlich bestraft?

Und welchen Bezug zur Handlung hat der Titel „Das Schweigen der Hyazinthen“ (im Original: „Hyazinth Girls“)? Die Autorin bezieht sich auf T. S. Eliot: „Das öde Land“ von 1922. Ein Auszug aus dem Gedicht ist dem Roman vorangestellt. Darin erwähnt wird das „Hyazinthenmädchen“. Thematisiert wird die Vereinzelung und Einsamkeit des Menschen. Rebecca und Joyce nannten sich in der Pubertät „Hyazinthenmädchen“, fasziniert von dem in ihren Augen romantischen, voller Gefühle steckenden Gedicht, das auf sie wirkte wie einst Goethes „Die Leiden des jungen Werther“ auf die zeitgenössischen Leser. Beide Mädchen waren bemüht, intensive Gefühle nachzuempfinden wie Liebe und Trauer, für die ihnen die Erfahrungen bzw. entsprechende Erlebnisse noch fehlten. Obwohl sie als Teenager füreinander schwärmten, blieb letztendlich jede von ihnen allein und musste selbst mit den Höhen und Tiefen des Lebens fertig werden. Viel Unglück hätte vielleicht vermieden werden können, hätten sie ihr Schweigen zur rechten Zeit gebrochen, auch Callie gegenüber, die man lange im Unklaren über die Identität ihres Vaters und den Tod der Eltern ließ, sodass sie sich selbst eine Geschichte bastelte, mit der sie ihre eigene Wertlosigkeit begründete.

Als Leser empfindet man durchaus Mitgefühl, denn Callie wirkt wie ein Opfer und wird schließlich eines, nachdem sie zu oft die falschen Entscheidungen traf. Zusammen mit Rebecca glaubt man ihren Beteuerungen, bis man durch den Perspektivenwechsel die Wahrheit von ihr selbst erfährt: Callie hat andere gemobbt, teils aus dem Gruppenzwang heraus, teils weil es irgendwie witzig war und sie sich kaum Gedanken über die Folgen machte. Zwar wusste sie, dass es nicht richtig ist, insbesondere ihr Verhalten gegenüber Robyn, mit der sie gern befreundet gewesen wäre, hat sie sehr belastet, aber erst als die Rollen getauscht wurden, begreift sie im vollen Umfang, wie schlimm Mobbing wirklich ist. Die Autorin baut die Geschichte spannend und glaubwürdig auf. Man errät zwar schnell, was los ist und passieren wird, doch dauert es eine ganze Weile, bis alle Puzzlestücke an ihrem Platz liegen und die Vermutungen bestätigen. Am Schluss greift leider Deus ex Machina ein, doch wurde auf diese Weise auch noch die letzte offene Frage beantwortet. Wie im richtigen Leben gibt es kein echtes Happy End und keine Patentlösung, wie man Mobbing verhindern und Täter bestrafen kann, aber das komplexe, vielschichtige Buch macht Betroffenen Mut und sollte auf die Liste der Schullektüren gesetzt werden.

Copyright © 2015 by Irene Salzmann (IS)

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