Ein Apfel ist ein komischer Pfirsich

Cynthia Lord
Ein Apfel ist ein komischer Pfirsich

Rules, USA, 2006
Sauerländer Verlag, Düsseldorf, 01/2009
HC, Kinder-/Jugendbuch, Drama
ISBN 978-3-7941-8087-5
Aus dem Amerikanischen von Cornelia Krutz-Arnold
für Patmos Verlag, Mannheim, 2009
Titelgestaltung von h. o. pinxit und Isabel Thalmann
Zitate aus Arnold Lobel: „Das große Buch von Frosch und Kröte“,
neu erzählt von Tilde Michels, dtv junior, München, 1998

www.sauerlaender.de

Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de

Für ihre 12 Jahre ist Catherine schon sehr reif. Das liegt daran, dass sich ihre Eltern vor allem um David kümmern müssen, denn der jüngere Bruder leidet an Autismus und benötigt viel Aufmerksamkeit. Auch Catherine beschäftigt sich viel mit ihm und schreibt ihm nützliche Regeln auf, die ihm im Umgang mit anderen helfen sollen – und David liebt Regeln. Die Eltern ahnen nicht, dass Catherine verbirgt, wie traurig sie ist, dass sie immer zurückstehen und Opfer bringen muss. Besonders schlimm findet sie, dass viele Kinder mit David nichts zu tun haben wollen und sie seinetwegen kaum Freunde findet. Auch Kristi, die gerade im Haus nebenan eingezogen ist, wirkt irritiert und scheint lieber mit Ryan, einem Mitschüler von Catherine, der besonders gemein zu David ist, ihre Zeit zu verbringen.

Schließlich lernt Catherine bei Davids Therapeutin den zwei Jahre älteren Jason kennen, der an einen Rollstuhl gefesselt ist und sich nur durch das Zeigen auf Worttäfelchen verständigen kann. Catherine fängt an, ihm Täfelchen zu malen und freut sich, dass sie ihn auf diese Weise glücklich machen kann. Während den Wartezeiten haben sie viel Spaß miteinander, er lädt sie sogar zu seinem Geburtstag ein, doch auf den Sommerball möchte Catherine nicht mit ihm gehen, weil …

„Ein Apfel ist ein komischer Pfirsich“ ist ein sehr ungewöhnliches Buch zu einem ernsten Thema, das den Leser berührt, obwohl – oder gerade: weil die Probleme und Wünsche aus der Sicht eines jungen Mädchens in einem lockeren, humorigen Tonfall sehr realistisch geschildert werden. Man kann sich leicht in Catherines Situation versetzen, die so gern eine ‚normale„ Familie und viele Freunde hätte, aber wegen ihres autistischen Bruders immer wieder Ablehnung erfährt. Dass sich die Eltern zwangsläufig mehr um David kümmern und von ihr erwarten, dass sie stets Verständnis für die Situation aufbringt, begreift Catherine, aber sie fühlt sich überfordert. Natürlich hat sie ihren Bruder gern und kommt mit seinen Eigenarten teilweise besser zurecht als die Erwachsenen, doch sie vermisst es, mit Gleichaltrigen etwas unternehmen zu können, da diese sich immer sehr schnell zurückziehen, sobald sie David kennen gelernt haben.

Kristi und Ryan sind nur zwei Beispiele dafür. Regelmäßig verspottet der ältere Junge David, was dieser nicht versteht, und das schmerzt Catherine. Mit Kristi, der Tochter der neuen Nachbarn, wird sie nicht warm, da David peinliche Situationen schafft, die einen Schatten auf eine mögliche Kameradschaft werfen. Nur Melissa, Catherines Freundin, ist anders, aber sie ist verreist. Die Freundschaft, die sich zwischen Catherine und Jason entwickelt, gibt beiden viel, aber sie erweist sich auch als kompliziert. Zwar kennt das Mädchen keine Vorbehalte wegen der Behinderung und kann sich problemlos auf Jason einlassen, aber letztlich ist er nicht ‚normal„ und wird in einer Welt, in der es vor allem Ryans und Kristis gibt und in der auch Catherine klar kommen muss, nicht akzeptiert. Schließlich ist sie gezwungen, sich selber einzugestehen, dass sie nicht viel besser als die anderen ist, denn auch ihr sind David und Jason … peinlich.

Bis sie soweit ist, droht die Freundschaft mit Jason zu zerbrechen. Ob sie durch Ehrlichkeit alles noch einmal gerade rücken kann? Die Autorin stellt mit ihrer Geschichte die Frage in den Raum, was überhaupt ‚normal„ ist und wer das festlegt. Eine Antwort gibt sie nicht; die muss der Leser schon selbst finden. Auf jeden Fall ist man nach der Lektüre betroffen, und das Buch bleibt lange in Erinnerung. Man erhält einen vagen Eindruck, wie schwierig es ist, ein Familienmitglied zu haben, das an einer Behinderung leidet, deshalb mehr Fürsorge benötigt und von der Gesellschaft ausgegrenzt wird – wobei der Betroffene keineswegs dumm ist und dies sehr wohl merkt. Tatsächlich gibt es einige Situationen, in denen es die ‚Normalen„ sind, die dumm erscheinen, weil sie z. B. nicht begreifen, dass Jason zwar nicht sprechen kann, sein Gehör jedoch tadellos funktioniert.

„Ein Apfel ist ein komischer Pfirsich“ ist eine außergewöhnliche Lektüre, die auf unterhaltsame Weise dem Leser seine Intoleranz vor Augen führt und für die Akzeptanz des ‚Anderen„ wirbt, wobei sich das ‚Andere„ genauso gut auf Menschen beziehen könnte, die eine dunkle Hautfarbe haben, die ‚Aldi„-Kleidung statt ‚Lacoste„ tragen oder ein nicht alltägliches Hobby pflegen, denn alles, was nicht absolut der breiten Masse entspricht, wird von vielen als ‚anders„ oder ‚nicht normal„ empfunden. Eine Kleinigkeit genügt, und schon gilt man selbst sehr schnell als ‚anders„ …

Der Titel eignet sich für junge Leser ab 12 Jahre, spricht durch das Thema und seine gelungene Aufbereitung auch das erwachsene Publikum an – und ist als Schullektüre äußerst empfehlenswert!

Copyright © 2010 by Irene Salzmann (IS)

Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.