Jeansgröße 0

Brigitte Blobel
Jeansgröße 0

Arena Verlag, Würzburg, 1. Auflage: 1/2008
PB mit Klappbroschur, Jugendbuch, Drama
ISBN 9783401057743
Titelgestaltung von knaus.Büro für konzeptionelle und visuelle identitäten, Würzburg unter Verwendung eines von Sinisha/gettyimages
Autorenfoto von N. N.
www.arena-verlag.de

Katharina ist ein echter Überflieger. Sie überspringt zwei Klassen und beginnt, mit 16 Jahren Erziehungswissenschaften zu studieren. Dafür verlässt sie das fränkisch Dorf, indem sie aufwuchs, und zieht nach Hamburg in eine WG. Sie freut sich auf ihr neues Leben, denn die Emails von Lilja und Zoe haben sehr nett geklungen. Gewiss wird sie Justus, der Knall auf Fall mit ihr Schluss machte, als er von ihren Plänen erfuhr, bald vergessen haben.

Die Ankunft in der Großstadt steht jedoch unter keinem guten Stern. Die Mitbewohnerinnen haben Katharina schlichtweg vergessen, und so sitzt sie mehrere Stunden im Regen auf der Treppe, bis Zoe kommt und sie herein lässt. Obwohl Zoe als Punkerin/Gothic-Fan die biedere Katharina ziemlich verwirrt, entpuppt sie sich schnell als die umgänglichere Wohngenossin, denn Lilja ist kapriziös, arrogant und egoistisch.

Katharina gibt sich die größte Mühe, um Anschluss zu finden und rackert sich auch auf ihrer eigenen Willkommens-Party für unzählige Leute ab. Bei dieser Gelegenheit lernt sie Mike kennen, und die beiden finden einander auf Anhieb sympathisch – aber leider ist er Liljas Freund. Wie er das hübsche, grazile Mädchen behandelt, beeindruckt Katharina, die sich immer mehr wie ein unförmiges Trampel vorkommt.

Sie fängt an, auf ihre Ernährung zu achten, Kalorien zu zählen und schließlich Mahlzeiten ausfallen zu lassen. Das auf diese Weise ersparte Geld setzt sie in schicke Klamotten aus dem Second-Hand-Shop um, bald immer eine Nummer kleiner, doch an Liljas superschlanke Figur scheint sie einfach nicht heranzukommen. Und das lässt Lilja sie auch immer wieder wissen. Die Gemeinheiten stacheln Katharinas Ehrgeiz aber umso mehr an. Das Ziel beider ist „Jeansgröße 0“. Aber dann bricht Lilja im Bad regungslos zusammen, und der Notarzt muss kommen…

Wer die Jugendbücher von Brigitte Blobel kennt, weiß, dass die Autorin gern Tabu-Themen aufgreift, die mehr Mädchen und Jungen bewegen, als man ahnt: Internet-Mobbing, Borderline, Stalking, Schulden-Falle, Bulimie u. v. m. Worum es in „Jeansgröße 0“ geht, verrät bereits der Titel. Im Mittelpunkt der Geschichte steht Katharina, ein sehr junges, intelligentes Mädchen, das wie viele Überflieger Probleme mit der sozialen Komponente hat und – in ihrem Fall – von anderen leicht zu beeinflussen ist. Tatsächlich ist es die unausgesprochene Rivalität mit Lilja, die magersüchtig ist, aber jegliche Hilfe ablehnt, die Katharina mit in den Strudel abwärts reißt. Eigentlich hätten beide Freundinnen sein können, aber Lilja kann krankheitsbedingt nicht anders reagieren, und Katharina ist irgendwann überfordert mit der Situation und lässt sich anstecken, da sie glaubt, nur wer schlank ist, ist auch schön und wird geliebt, wobei es irgendwann in ihrem verzerrten Weltbild keine Grenze mehr zwischen gesunder und krankhafter Schlankheit gibt.

Die Schuld an diesem Verhalten, das nichts anderes als Selbstzerstörung ist, wird der Gesellschaft gegeben, die den Mädchen und Frauen ein brutales Schönheitsdiktat auferlegt: Nur wer jung, vital und superschlank ist, gilt als schön und begehrenswert. Spindeldürre Models, die aussehen, als hingen sie dem Tod schon auf der Schippe, geben die Trends vor. Wer es sich leisten kann, geht zum Schönheitschirurgen, und wer zu seinen Fältchen und den Kindern, die man geboren hat, steht, der wird praktisch als Wrack betrachtet, sobald er jenseits der 30 ist. Obwohl es jeder weiß, wie falsch das ist, lässt sich die Masse doch manipulieren und macht mit.

Als Leser leidet man zwangsläufig mit Katharina. Man ahnt, worauf ihr Wettstreit mit Lilja hinauslaufen muss, und auch das junge Mädchen weist zunächst alle Hilfe von sich. Immerhin hat Mike durch Lilja gelernt und stellt es bei Katharina anders an, was sie verunsichert, doch überraschenderweise ist es Zoe, die Katharinas Verwirrung bemerkt und der Mitbewohnerin zuhört. Liljas Zusammenbruch gibt dann nur noch den letzten Anstoß, so dass wenigstens für eines der erkrankten Mädchen ein Happy End möglich scheint.
Die Schilderungen sind realistisch und ergreifend. Man möchte das Buch nicht aus der Hand legen, ohne die letzte Seite gelesen zu haben, und auch danach bleibt es einem lange in Erinnerung.

„Jeansgröße 0“ ist ein realistischer Jugendroman, der auf Probleme aufmerksam zu machen versucht, über die man nicht spricht. Die Autorin bietet keine Lösungen – die müssen Betroffene selber finden und sich vor allem helfen lassen wollen von Ärzten und der Familie. Ohne geht es nicht. Das Buch sollten nicht nur junge Menschen zwischen 12 und 20 Jahren, sondern auch Eltern lesen, denn keiner kann vorhersehen, ob er oder jemand aus dem Umfeld nicht eines Tages selbst zu den Betroffenen gehört. Der Roman sensibilisiert, und vielleicht kann man den Kranken besser helfen, wenn man die Symptome frühzeitig erkennt. Auch als Schullektüre ist der Band sehr empfehlenswert. (IS)

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