Love Lessons

love-lessonsJacqueline Wilson
Love Lessons

GB, 2005
Fischer Schatzinsel/Generation, Frankfurt, 03/2009
mit Genehmigung des Sauerländer Verlags/Patmos, Düsseldorf, 2007
TB, Jugendbuch, Drama, Romance
ISBN 9783596808397
Aus dem Englischen von Ilse Rothfuss
Titelgestaltung von Caroline Liepins
Autorenfoto von privat

www.fischerverlage.de
www.fischerschatzinsel.de
www.jacquelinewilson.co.uk/

Prue und Grace sind 14 und 11 Jahre alt. Die Mädchen wachsen in einem Elternhaus auf, das mehr als nur erzkonservativ ist. Der von sich eingenommene Vater tyrannisiert die Familie mit seinen unzeitgemäßen Ansichten, die Mutter unterwirft sich ihm völlig, und den Kindern wird ein Leben verwehrt, wie es für andere in ihrem Alter völlig normal ist: Sie müssen altmodische, selbst genähte Kleider tragen, dürfen nicht in die Schule gehen, Besuche bei Mc Donald’s, Rundfunkgeräte und Kontakte zu Gleichaltrigen sind tabu. Nachdem der Vater einen Schlaganfall erlitt, bricht die von ihm mühsam konstruierte Welt auf einen Schlag zusammen. Die Mutter fühlt sich überfordert, als sie feststellt, wie hoch die Familie verschuldet ist, da die heruntergekommene Buchhandlung in den vergangenen Jahren so gut wie keine Kunden hatte, und das Schulamt verlangt, dass die Mädchen regelmäßig den Unterricht besuchen.

So haben Prue und Grace keine andere Wahl, als sich an einer verrufenen Schule einzuschreiben – die Wartelisten bei den besseren Instituten sind einfach zu lang. Während die fröhliche, unkomplizierte Grace schon am ersten Tag zwei Freundinnen findet und sich schnell anpasst, hat Prue mehr Probleme, denn für ihre Klassenkameraden stellen Äußerlichkeiten und abweichendes Verhalten ideale Angriffsflächen dar, und einige Tritte ins Fettnäpfchen besorgen den Rest. Um sich zu schützen, baut Prue eine Mauer aus Arroganz auf, mit der sie auch bei den Lehrern aneckt. In Mathe und den Naturwissenschaften wird sie als hoffnungsloser Fall weitgehend in Ruhe gelassen; in den anderen Fächern reizt sie durch umfassende Kenntnisse. Allein Keith Raxberry, der junge Kunstlehrer, blickt hinter die Fassade und erkennt, wie unglücklich Prue ist. In seinen Stunden blüht sie auf, denn schon immer war es ihr Wunsch, Kunst zu studieren.

Rax, wie er von Kollegen und Schülern genannt wird, bietet Prue einen Job als Babysitter an, denn er hat zwei kleine Kinder, und seit sie auf der Welt sind, konnten er und seine Frau nicht mehr ausgehen. Prue nimmt an, denn auch kleine Beträge helfen ihrer Mutter weiter. Längst hat sich das Mädchen in den Lehrer verliebt und übersieht darüber ihren Mitschüler Toby, der gern mit ihr befreundet wäre. Schließlich eskaliert die Situation: Prue gesteht Rax ihre Gefühle, und er reagiert anders, als erwartet. Obendrein wird der Vater unverhofft aus dem Krankenhaus entlassen, und alle fürchten sich davor, wie er reagieren wird, sobald er feststellt, dass das Leben ohne ihn weitergegangen ist und sich die Uhr nicht mehr zurückdrehen lässt …

Titel, Klappentext und das bunte Cover vermitteln den Eindruck, dass es sich bei „Love Lessons“ um eine vergnügliche Teenager-Komödie handelt, in der eine Außenseiterin lernen muss, sich in der ‚realen’ Welt zu behaupten, während ihr Umfeld durch sie langsam begreift, dass Äußerlichkeiten nicht alles sind; dazu ein paar Irrungen und Wirrungen des Herzens, bis der Märchenprinz gefunden ist – „Aschenputtel“ und „Grease“ lassen grüßen. Aber weit gefehlt! „Love Lessons“ ist ein Jugend-Drama, das weit über das hinausgeht, was man in ähnlichen Büchern vielleicht schon gelesen hat. Prue, die Hauptfigur, lebt mehrere Jahre völlig abgeschottet von ihrer Umwelt. Sie bemüht sich, den tyrannischen Vater zu beeindrucken, während sie sich ihren Teil über ihn denkt, sie lässt sich von der ängstlichen Mutter vorschieben, wenn der Vater von unangenehmen Dingen erfahren muss, und sie tröstet ihre Schwester, die wegen ihrer Naivität und ihres Übergewichts besonders unter dem Vater zu leiden hat.

Natürlich ahnt Prue, wie das Leben ‚draußen’ aussieht, denn sie beobachtet Gleichaltrige, kauft sich heimlich Magazine und träumt davon, so zu sein wie die anderen. Als sie zur Schule gehen soll, glaubt sie zunächst, eine Chance zu haben, dass ihre Wünsche wahr werden, aber das Gegenteil ist der Fall. Lehrer und Mitschüler schikanieren sie gleichermaßen, weil sie nicht der ‚Norm’ entspricht. Für Prue ist es außerdem ein herber Schlag gegen ihr Selbstbewusstsein, als sie feststellt, wie einseitig der Unterricht ihres Vaters war und man sie in ihren starken Fächern als Streberin hasst. Dass sich ‚die dumme’ Grace sehr viel leichter tut, schmerz ebenfalls. Kunstlehrer Rax ist der einzige Lichtblick, dem zuliebe Prue weiterhin zur Schule geht. Prompt verliebt sie sich in ihn. Statt sich wie bisher in Tagträume voller imaginärer Freunde zu flüchten, malt sie sich nun eine rosige Zukunft an seiner Seite aus. Als sie sich ihm offenbart, bringt dieses Steinchen eine Lawine ins Rollen. Daheim passiert dasselbe, denn der Vater wird, immer noch leicht behindert, aus der Klinik entlassen und ahnt nicht, was sich alles in den vergangenen Wochen verändert hat. Wie steht Rex zu Prue, und wie wird er sich entscheiden? Wie wird es der Vater aufnehmen, dass sich die Familie über seine Befehle hinweggesetzt hat? Werden sich ihm Frau und Kinder wieder unterwerfen? Gibt es für Grace und Prue ein Happy-End?

Man fühlt mit Prue, denn jeder kann sich in ihre Situation versetzen. Zwar ist sie ein wahres Extrem, aber für Jugendliche sind schon geringfügigere Abweichungen von der ‚Norm’ eine Katastrophe: Stoffhosen und Mantel statt Jeans und Parka, No Name-Klamotten statt Designer-Waren, ein Walkman statt ein iPod, ein Schachspiel statt den Game-Cube … Die Liste ließe sich endlos fortsetzen. Der ‚Herden-Zwang’ wird zudem immer schlimmer und nimmt keine Rücksicht auf Individualität und finanzielle Engpässe. Der Schein ist wichtiger als das Sein, Äußerlichkeiten sind wichtiger als innere Werte und Begabungen. Allerdings will die Autorin die Schuld an Prues Isolation nicht allein deren Mitschülern zuweisen. Wie Grace hätte sie die Möglichkeit gehabt, wenigstens zwei, drei Freundschaften zu knüpfen und damit einen Einstieg zu finden, aber Prue hält sich für etwas Besseres, nachdem die Familie ihr jahrelang vorgebetet hat, wie begabt sie sei. Dass dies überhaupt nicht oder nur in bestimmten Bereichen der Fall ist, ist für sie so schwer zu verdauen, dass sie aufgibt, statt zu kämpfen und zu lernen.

In gewisser Weise spiegelt die Rollenverteilung der Eltern wider, wie die beiden Mädchen vom Wesen her sind. Grace scheint so schwach zu sein wie ihre nachgiebige, verhuschte Mutter, aber beide passen sich schneller an, als erwartet, und wachsen schließlich über sich hinaus. Der Vater, der eigentlich nichts vorzuweisen hat, auf das er stolz sein kann, bloß leere Phrasen drischt und nichts zu einem erfolgreichen Ende bringt, hat Prue beinahe zu seinem Ebenbild geformt. Ohne ihre Individualität und die Impulse von Außen wäre es bloß eine Frage der Zeit gewesen, wann sie ebenfalls zur knurrigen, fluchenden Ignorantin würde – etwas, das sie in einem lichten Moment entsetzt begreift.

Statt die Konsequenzen zu ziehen, klammert sich Prue an Rax, der den Fehler begeht, dem Mädchen weit mehr helfen zu wollen, als es das Lehrer -Schüler-Verhältnis erlaubt. Man fühlt sich ein wenig an „Lolita“ und „Baby Doll“ erinnert, an Bücher und Filme, in denen eine Kindfrau zur großen Versuchung für einen um mehrere Jahre älteren Mann wird. Tatsächlich ist Prue auf der einen Seite sehr kindlich, unkonventionell und in sich und ihre versponnenen Welten zurückgezogen, auf der anderen altklug, extrovertiert und sich ihrer Fraulichkeit bewusst. Diese Mischung übt auf einen Künstler, der sich den Konventionen unterwerfen muss, um seine phantasielose Familie zu ernähren, einen ungemeinen Reiz aus.

Natürlich platzen nach einer Handlung, die den Leser durch interessante und typische Charaktere, dramatische und teils vorhersehbare Entwicklungen und die realitätsnahe Kritik fesselt, die Bomben. Es gibt kein Happy-End, wie es in vielen Jugendbüchern üblich ist, die nach all den Konflikten wenigstens den Figuren ein Stückchen heile Welt und einen versöhnlichen Schluss zukommen lassen wollen. Dieser Ausgang kommt nicht wirklich überraschend, passt aber bestens zu der heiklen Ausgangssituation und den bedrückenden Vorkommnissen. Jacqueline Wilson hat genau den richtigen Tonfall für Prue getroffen und schildert mitreißend ihre Geschichte. Für Leserinnen ab 13 Jahre, die schon genug heitere „Freche Mädchen“-Bücher u. ä. gelesen haben und die etwas ernsthaftere Lektüren suchen, welche dennoch Pfiff haben, ist „Love Lessons“ ein empfehlenswerter Titel. Auch als zeitgenössische Deutsch-Lektüre in den Klassen 7 bis 9 kann man sich den Roman gut vorstellen. (3xPRT)

Copyright © 2010 by Irene Salzmann (IS)

Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de

BEENDETES BÜCHERPREISRÄTSEL:
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www.buchrezicenter.de veranstaltete in Zusammenarbeit mit dem obengenannten Verlag dieses Preisrätsel, bei dem wir drei Fragen zum Umfeld des Preistitels am Telefon* gestellt haben, die richtig beantwortet werden mussten.
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Die jeweiligen Gewinne wurden anschliessend direkt an die angegebenen Adressen der Gewinner verschickt!
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Wir danken dem obengenannten Verlag als Sponsor herzlich für die zur Verfügung gestellten Preisrätseltitel! Und bedanken uns auch bei unseren Mitspielern für Ihr reges Interesse!
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Gewinner der Preisrätseltitel:
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1.Volker Giffeler
2.Sigried Donath
3.Diana Merckens
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Der Rechtsweg war wie immer ausgeschlossen!
* Telefongebühren des Anrufers gehen immer zu Lasten des Anrufers. Bitte informieren Sie sich über die ortsüblichen aktuellen Kosten bei Ihrem Telekommunikationsanbieter!

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