Acht schwarze Pferde

Ed McBain
Acht schwarze Pferde
(87. Polizeirevier, Bd. 38))

Originaltitel: Eight Black Horses (New York : Arbor House 1985)
Übersetzung: Ken Rudman
Deutsche Erstausgabe: Januar 1988 (Ullstein Verlag/Ullstein Krimi 10498)
216 S.
ISBN-13: 978-3-548-10498-0

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Das geschieht:

Der Winter kündigt sich an in Isola, einer Großstadt im Osten der USA. Für die Beamten des 87. Polizeireviers beginnt die kalte Jahreszeit mit Alltagsroutinen = Ermittlungen in einem Mordfall. In einem Park wurde die nackte Leiche einer Bankkassiererin gefunden; ihr wurde in den Hinterkopf geschossen, was auf eine Tat des organisierten Verbrechens hinweist.

Der Fall geht an Detective Steve Carella, der jedoch abgelenkt ist, weil seltsame Fotokopien auf seinem Schreibtisch landen. Sie zeigen Motive wie schwarze Pferde (acht), Polizei-Dienstmützen (vier) oder Handschellen (drei). Obwohl diese Briefe anonym verschickt werden, wissen Carella und seine Kollegen sofort, dass sie vom „Tauben“ kommen. Bereits dreimal hat der geniale, aber skrupellose Verbrecher die Beamten herausgefordert, indem er seinen nächsten Coup durch ein Rätsel-‚Spiel‘ ankündigte. Zwar konnten Carella & Co. dem „Tauben“ stets einen Strich durch die Rechnung machen, ihn aber nie schnappen.

Offensichtlich läutet der „Taube“ eine neue Runde ein. Welche Übeltat ihm vorschwebt, behält er wie üblich für sich. Zwar gibt es Komplizen, doch diese werden ebenso wie die Polizei getäuscht; der „Taube“ wird sich ihrer entledigen, wenn sie ihre Schuldigkeit getan haben.

Die Tote im Park musste es zu ihrem Leidwesen erfahren: Durch einen Zufall findet die Polizei heraus, dass der „Taube“ sie umgebracht hat. Dies bleibt nicht sein einziger Mord. Dreist nennt er sich „Steve Carella“ und knüpft amouröse Bande zur Bankangestellten Naomi Schneider, die allerdings irgendwann merkt, dass man sie zum Narren gehalten hat; dies dem „Tauben“ mitzuteilen, ist ein kapitaler und Naomis letzter Fehler …

Nemesis mit hohem Unterhaltungsfaktor

Er kehrt zurück – nicht so regelmäßig wie ein Komet, doch immer erregt er ähnliche Aufmerksamkeit. Schon dreimal hat er die Beamten des 87. Polizeireviers und hier besonders Steve Carella düpiert. Carella hat den „Tauben“ einmal angeschossen, doch der ‚revanchierte‘ sich Jahre später mit einer Schrotladung. Dass man es hier nicht mit einem ‚normalen‘ Verbrecher zu tun hat, steht außer Frage, obwohl niemand offen ausspricht, was Carella so formuliert: „Es fiel ihm plötzlich auf, dass der Taube den Beamten des 87. Reviers eine Art Freak-Show bot, etwas, das die Langeweile der Routine unterbrach. Der Taube tauchte auf, und plötzlich war der Zirkus wieder da.“ (S. 35)

Man kennt sich also in gewisser Weise, obwohl nie Substanzielles über den „Tauben“ herausgefunden wurde. Fest steht nur, dass er es liebt zu ‚spielen‘, wobei er dieses Verb eindeutig großzügiger definiert als seine Gegner, die Gesetzeshüter. Der „Taube“ hat kein Problem damit zu töten. Dass er Komplizen belügt und ihr Tod beschlossene Sache ist, damit der geplante Coup über die Bühne gehen kann, ist ein Hinweis darauf, dass man es mit einem waschechten Psychopathen zu tun hat – eine Tatsache, die sich dieses Mal bestätigt, denn der „Taube“ bringt kaltblütig zwei Frauen um, nachdem er sie sich zuvor zu Willen gemacht und ausgehorcht hat: Als Mitarbeiterinnen einer Bank kannten sie Interna, die dem „Tauben“ einen Weg in den Tresor ermöglichen sollen.

Zum ersten Mal zeigt uns McBain den „Tauben“ als kaltherzigen Manipulator, der sich an alleinstehende, unzufriedene (bzw. unbefriedigte) Frauen heranmacht, sie planmäßig verführt und dabei auf sein Charisma setzen kann. Jahrzehnte vor den „Shades-of-Grey“-Schmonzetten setzt der „Taube“ dabei auf Sado-Maso-Spielchen, auf die sich Pechvogel Naomi Schneider voll und ganz einlässt. Der „Taube“ ist kein liebenswürdiger oder liebenswerter Charakter, sondern ein Egoist, der seinen Spieltrieb bedenken- und erbarmungslos auf die Spitze treibt.

Helden und Opfer des Alltags

Auch dieses Mal ‚spielt‘ er zwar, doch es ist dem „Tauben“ bitterernst: Er will das 87. Revier buchstäblich auslöschen. Die Beamten ahnen nicht, dass sie in Lebensgefahr schweben. Bisher hat der „Taube“ die Polizei nur attackiert, wenn er direkt angegangen wurde. Zudem gibt es mehr als genug zu tun. „Acht schwarze Pferde“ spielt in der Weihnachtszeit. Das „Fest der Liebe“ ist für die erfahrenen, durch böse Erfahrungen ihrer Illusionen beraubten Beamten eine Quelle unerfreulicher Erfahrungen und zusätzlicher Arbeit, da auch das Verbrecher Hochsaison dort hat, wo viel Geld für Geschenke ausgegeben wird.

Festlich ist nur wenigen Polizisten des 87. Reviers zumute, was den Verfasser veranlasst, die Krimi-Handlung zeitweise auszusetzen. Lange wurden McBains Romane in Deutschland gerade um solche Passagen gekürzt, weil verlagsseitig geglaubt wurde, sie würden das feierabendlich nur noch eindimensional funktionierende Leserhirn überfordern. Tatsächlich tragen diese ‚Abschweifungen‘ zum Reiz des Geschehens bei: McBain schildert keine Gesetzeshüter-Maschinen, sondern Menschen mit sehr alltäglichen Sorgen, die ein Privatleben außerhalb des 87. Reviers führen. Hinzu kommen McBains geradezu hymnischen Beschreibungen der Stadt Isola, die zwar fiktiv ist, unter seiner Feder jedoch Gestalt gewinnt, obwohl oder gerade weil der Autor oft die Schattenseiten herausstellt. „Acht schwarze Pferde“ wurde ungekürzt übersetzt – eine Gunst, die McBain hierzulande erst in der Spätphase seiner Karriere erfuhr.

Die nur scheinbare, weil vom Verfasser sorgfältig in Szene gesetzte Ablenkung bereitet zudem ein Finale vor, das man apokalyptisch nennen könnte. Plötzlich zieht das Tempo an. Die Ereignisse überschlagen sich und nehmen bizarre Formen an: vor allem die blutige Aufklärung des seltsamen Romantitels hat es in sich! McBain erzeugt Spannung durch Terror à la Alfred Hitchcock, als dessen Fan sich der „Taube“ outet: Während die Polizisten des 87. Reviers weiterhin im Dunkeln tappen, läuft ihre Uhr im wahrsten Sinn des Wortes ab. Der „Taube“ weiß es, wir wissen es, und gemeinsam zerspringen wir vor Spannung, während wir darauf warten, ob die böse Tat gelingt.

Macht des Zufalls, Ohnmacht des Täters

Was McBain seinen Lesern seit jeher zu verdeutlichen versucht, ist dem „Tauben“ längst klar: Nicht ein einzelner, womöglich ‚genialer‘ Ermittler ist für das wiederholte Scheitern seiner Coups verantwortlich. Die Beamten des 87. Revier treten als Team auf. Das gleicht individuelle Schwächen aus und sorgt durch die Kombination aus Fachwissen, Routine und Hartnäckigkeit für den Erfolg.

Hinzu kommt ein Faktor, den der „Taube“ nicht in der Griff bekommt: „Zufälle. Der Fluch im Leben des Tauben.“ (S. 139) Es folgt ein seltener Moment der Selbstreflexion und des Selbstzweifels, als sich der „Taube“ an vier missglückte bzw. vom 87. Revier durchkreuzte Geniepläne erinnert. Die Reaktion ist allerdings typisch: Der „Taube“ will den „Fluch“ an der Wurzel packen und das gesamte Team des 87. Reviers töten.

Der Weg dorthin ist wie üblich mit kryptischen Hinweisen gepflastert. McBain beschreibt uns die Botschaften des „Tauben“ nicht nur – er zeigt sie uns: „Acht schwarze Pferde“ enthält Fotos sowohl der Briefe als auch der Höllenmaschine, die der „Taube“ im 87. Revier deponieren lässt. Auf ungewöhnliche Weise durchbricht McBain damit die Grenzen des Romans; die Welt des 87. Reviers nimmt buchstäblich Gestalt an, was die vom Verfasser weiterhin gepflegte Praxis des „police procedural“ unterstützt, die alltägliche Polizeiarbeit quasi dokumentarisch einfließen zu lassen.

Erwartungsgemäß scheitert der „Taube“ auch dieses Mal – als Räuber und als Massenmörder. Das Ende wirkt dennoch seltsam versöhnlich: „Der Taube sah ihnen nach, als sie wegfuhren. Seltsamerweise war er weder zornig noch traurig. Als er sich im fallenden Schnee entfernte, war sein einziger Gedanke: Das nächste Mal.“ (S. 216) Offensichtlich sieht sogar der „Taube“ ein, dass er das ‚Spiel‘ mit dem 87. Revier liebt. Acht Jahre später wird er es in „Mischief“ (dt. „Graffiti“) wieder aufnehmen.

Autor

Ed McBain wurde als Salvatore Albert Lombino am 15. Oktober 1926 geboren. Dies war in den USA in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg kein Name, der einem ehrgeizigen Nachwuchsschriftsteller hilfreich gewesen wäre. Also ‚amerikanisierte‘ sich Lombino 1952 zu Evan Hunter und schrieb Literatur mit Botschaft und Anspruch, darüber hinaus Kinderbücher und Drehbücher.

Da sich der Erfolg in Grenzen hielt, wählte Vollprofi Hunter ein neues Pseudonym und verfasste als „Ed McBain“ den ersten der von Anfang an als Serie konzipierten Kriminalromane um das 87. Polizeirevier. Schnelles Geld sollten sie bringen und ohne großen Aufwand zu recherchieren sein. Deshalb ist Isola mehr oder weniger das Spiegelbild von New York, wo Lombino im italienischen Ghetto East Harlems groß wurde. Aber Hunter bzw. McBain kochte nicht alte Erfolgsrezepte auf Er schuf ein neues Konzept, ließ realistisch gezeichnete Polizisten im Team auf ‚echten‘ Straßen ihren Job erledigen. Das „police procedural“ hat er nicht erfunden, aber entscheidend geprägt.

1956 erschien „Cop Hater“ (dt. „Polizisten leben gefährlich“). Schnell kam der Erfolg, es folgten bis 2005 54 weitere Folgen dieser Serie, der McBain niemals überdrüssig wurde, obwohl er weiter als Evan Hunter publizierte sowie als McBain die 13-teilige Serie um den Anwalt Matthew Hope verfasste. Mehr als 100 Romane umfasste das Gesamtwerk schließlich – solides Handwerk, oft genug Überdurchschnittliches, geradlinig und gern fast dokumentarisch in Szene gesetzt, immer lesenswert -, als der Verfasser am 6. Juli 2005 einem Krebsleiden erlag.

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