Das sechste Erwachen

Mur Lafferty
Das sechste Erwachen

Originaltitel: Six Wakes (2017).
Deutsche Erstausgabe: Juni 2018 (Heyne Verlag/TB-Nr. 31919)
Übersetzung von Bernhard Kempen
Cover: Das Illustrat, München, unter Verwendung von Motiven von Kimmo Lemetti
479 Seiten
ISBN-13: 978-3-453-31919-6

von Gunther Barnewald

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Das gewaltige Raumschiff „Dormire“ ist mit 2000 Passagieren auf seinem jahrzehntelangen Weg zu einem fernen Stern, als die sechs Crewmitglieder plötzlich, frisch geklont und ohne Erinnerungen an die lange Reise erwachen. Alle Erinnerungen bis zur Abreise des Schiffs sind intakt, nicht jedoch daran, was sich in den vielen Jahren an Bord ereignet hat. Zudem finden die sechs die Leichen ihrer ‚Vorgänger‘ – und schnell wird klar, dass einer von ihnen ein brutaler Mörder sein muss, der seine Erinnerungen und die seiner Gefährten gelöscht hat, sodass in – oder sie – niemand als Täter identifizieren kann.

Jetzt bemühen sich alle, die Vorgänge der letzten Tage (und Jahre) zu rekonstruieren. Sie entdecken jedoch, dass jeder unerfreuliche Geheimnisse hütet und eine dunkle Vergangenheit besitzt. Auch der Schiffscomputer wurde manipuliert und kann den sechs Raumfahrern nicht helfen, weshalb jeder bald jeden verdächtigt, bis das monströse Geheimnis hinter dieser Reise mehr und mehr ans Tageslicht tritt …

Der 1973 geborenen Mur Lafferty gelingt ein bestrickend spannendes Buch, dessen viele Geheimnisse sie als genial konstruierter Krimi erst nach und nach entblättert. Der Spannungsbogen ist atemberaubend, Laffertys flüssiger und packender Stil in der hervorragenden Übersetzung von Bernhard Kempen machen die Geschichte zu einem gewaltigen Lesevergnügen.

Selten wurde in den letzten Jahren eine Erzählung so wendungsreich und packend inszeniert. Die sechs Charaktere sind zwar nicht überragend gezeichnet, werden aber doch glaubhaft und anschaulich beschrieben, die vielen verschiedenen Ideen von der Autorin nahtlos unter einen Hut gebracht. Erfreulich ist dabei auch, dass die geschilderte Technik nie dominiert, sondern sich immer harmonisch der erzählten Geschichte unterordnet, d. h. nie dem Selbstzweck dient, wie dies bei anderen Autoren manchmal der Fall ist.

Geschickt integriert die Autorin aktuelle technische Entwicklungen, auch wenn man an der einen oder anderen Prämisse sicherlich zu Recht zweifeln kann (und sollte). Vor allem das problemlose Klonen von Menschen inklusive aller Erinnerungen und Charakterzüge muss man als Leser hinnehmen, damit die Erzählung funktionieren kann.

Lafferty entwirft nebenbei die nächsten Jahrhunderte der menschlichen und gesellschaftlichen Entwicklung, die Morde als sportliche Betätigung und als spannendes Amüsement der Superreichen beinhaltet: Wenn jede/r jederzeit wieder – maximal beraubt um die Erinnerungen an die letzten Stunden oder Minuten vor dem Tod – ‚auferstehen‘ kann, warum sollte man sich den Nervenkitzel des eigenen Todes nicht gönnen (und natürlich anderen Geschmacklosigkeiten frönen)?

Die daraus folgenden Exzesse – man kann nicht nur das Erbgut, sondern auch Erinnerungen und einzelne Charakterzüge beim Programmieren der Klone verändern -, führen zu tiefen Eingriffen in die Persönlichkeit politischer, religiöser oder wirtschaftlicher Führer. Entführungen, Folterungen, Eingriffe in die Psychen und Charaktere der betroffenen Menschen leiten eine Gegenbewegung ein, die wildes Klonen verbieten und versuchen will, den immer barbarischer werdenden Umgang der Menschen mit- und untereinander zu unterbinden.

All dies schildert die Autorin quasi im Rahmen der Geschehnisse, als sich die Geheimnisse der Vergangenheit an Bord mehr und mehr klären. Bald zeigt sich, welch Türen die neue Technik aufgestoßen hat, weil skrupellose Menschen für ihre persönliche Macht, ihre Ziele und ihren Erfolg jegliche Mitmenschlichkeit zu opfern bereit sind. Deshalb ist der Plot reich an buchstäblich ungeheuerlichen Einfällen, die jedoch hier selbstverständlich nicht verraten werden. Es macht jedenfalls großen Spaß, der Geschichte bis zum Ende zu folgen, immer wieder neue Wendungen zu entdecken, um im Finale mit der irrsinnigsten Plot-Auflösung überhaupt belohnt zu werden.

Der US-amerikanischen Autorin ist mit dem vorliegenden Buch nicht nur eine mitreißende Erzählung gelungen, sondern auch ein Roman voller Ideen und exorbitanter Spannung, der sicherlich seinesgleichen sucht. Ähnlich wie Split Second – Zurück in der Zeit von Douglas E. Richards ist Das sechste Erwachen ein absolut packender Knaller, bei dem es einfach unglaublichen Spaß macht, den Volten der Handlung bis zum bitteren Ende zu folgen – was übrigens nicht heißt, dass die Autorin der Geschichte nicht doch noch eine Art Happy-End abringt, das einfach großartig ist!

Copyright © 2018 by Gunther Barnewald

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Split Second – Zurück in der Zeit

Der dunkle Wald

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