Das Souvenir des Mörders

Ian Rankin
Das Souvenir des Mörders
(John-Rebus-Serie, Bd. 8)

Originaltitel: Black & Blue (London : Orion Books Ltd. 1997)
Übersetzung: Giovanni u. Ditte Bandini
Deutsche Erstausgabe: Juni 2005 (Goldmann Verlag/TB Nr. 44604)
607 S.
ISBN-13: 978-3-442-44604-9
eBook: Januar 2013 (Goldmann Verlag)
3129 KB
ISBN-13: 978-3-641-10233-3

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Das geschieht:

Gleich vierfach hat das Schicksal Detective Inspector John Rebus dieses Mal geschlagen. Da ist zunächst seine Strafversetzung vom Revier St. Leonard‘s nach Craigmillar, das übelste Polizeirevier von Edinburgh, welches die hier tätigen Beamten gern „Fort Apache, Bronx“ nennen. Zu vielen hochgestellten Persönlichkeiten ist Rebus auf die Zehen getreten, so dass er nun hier Dienst schieben muss, wo die Kollegen ihn weitgehend meiden.

Außerdem jagt ihn die Presse. Ein alter Fall von 1977 wurde von den Medien aufgegriffen. Damals hatten Detective Inspector Lawson Geddes und sein junger Untergebener John Rebus Leonard Spaven als Mörder überführt. Im Gefängnis war dieser zu einem berühmten Schriftsteller avanciert. Später brachte er sich um, nachdem er stets seine Unschuld beteuert und geklagt hatte, die Polizei habe ihn in eine Falle gelockt. Dies könnte zutreffen, wie Rebus sich unbehaglich eingestehen muss. Deshalb den Fall noch einmal aufrollen will.

Zu klären ist aber auch der aktuelle Mord an einem Ölarbeiter Womöglich plant Joseph „Uncle Joe“ Toal, ein Gangsterboss aus Glasgow seine ‚Geschäfte‘ auszuweiten? Rebus soll ermitteln, was ihn in den schottischen Nordosten führt und ihm die Muße lässt, sich mit einem anderen Fall beschäftigen: „Johnny Bible“ ist ein Serienmörder, der die Bibel zitiert, Frauen auflauert, sie vergewaltigt und erdrosselt. Ende der 1960er Jahre gab es schon einmal einen Mehrfachkiller, der drei Opfer nach identischem Muster umbrachte. Die Presse nannte ihn damals „Bible John“. Ist er wieder aktiv geworden ist? Hat er einen Nachfolger gefunden? Rebus stellt sich diesen Fragen mit der für ihn typischen rücksichtslosen Neugier, was ihm neben allem anderen Ärger die Aufmerksamkeit gleich zweier Serienmörder beschert, die den lästigen Schnüffler gern ausschalten würden …

In die Tiefe – und in die Breite

Mit „Das Souvenir des Mörders“ stößt Ian Rankin endgültig in eine neue Dimension vor. Zwar ließen die ersten sieben Romane der Rebus-Serie es keineswegs an ausgefeilten Handlungen fehlen. Sie beschränkten sich jedoch recht klassisch auf einen zentralen Kriminalfall, den es zu lösen galt. Nunmehr erweitert sich das Blickfeld. Rebus wird zum Wanderer durch eine Welt, die für das Verbrechen grenzenlos geworden ist. Politik und Großkonzerne mauscheln mit nationalen und internationalen Banden, die Presse lässt sich als Handlanger korrupter Eliten instrumentalisieren, nicht einmal die Ordnungsmächte sind vor Korruption und Misswirtschaft gefeit: Es ist eine neue, globalisierte, schmutzige Welt, in die Rebus gerät.

Kein Wunder, dass er nun wesentlich mehr mehr Buchseiten als früher benötigt, um wenigstens in Teilbereichen Gerechtigkeit walten zu lassen. Mit mehr als 600 Seiten stellt „Das Souvenir des Mörders“ zumindest in dieser Beziehung einen Quantensprung dar. Man fragt sich indes, ob dies unbedingt von Vorteil ist. Rankin hat sich Luft gemacht und seinen Helden aus dem Alltagstrott gerissen, was der Serie zweifellos neues Leben einhaucht. Indes nimmt er sich ein bisschen zu viel auf einmal vor. Im Grunde sind es drei Kriminalfälle, derer sich Rebus annehmen muss. Um dies nicht gar zu deutlich werden zu lassen, schafft Rankin einige Querverbindungen, die logisch nur bedingt nachvollziehbar sind. Für die Auflösung wird sogar ein unvermittelt in die Handlung flatternder Brief mit dringend erforderlichen Zusatzinfos nötig.

Das soll nicht heißen, dass es kein Vergnügen bereitet, den Rebus-Kapriolen zu folgen. Immer neue, überraschende Wendungen weiß der Verfasser seiner Geschichte zu geben. Geschickt weiß er reales Tagesgeschehen mit seiner fiktiven Edinburgh-Chronik zu verquicken, deren Kontinuität zudem gewahrt bleibt. Rankin lässt uns wissen, was aus Figuren geworden ist, die wir in früheren Bänden kennengelernt haben. Die Welt ist zwar groß, aber sie ist zumindest in Edinburgh ein Dorf geblieben. Man läuft sich immer wieder über den Weg. Dieses Pflegen älterer Handlungsstränge trägt zur Vertrautheit der Serie viel bei. Dazu kommt wieder viel sarkastischer Humor, der sich vor allem über die Medien, den Polizeialltag und Rebus‘ Kollegen ergießt. Schotten mögen von düsterem Gemüt sein, aber sie können sich wenigstens über sich & ihr Elend lustig machen!

Triumph des lästigen Quertreibers

Würde man ihn nicht längst besser kennen, könnte man auf den Gedanken kommen, John Rebus leide unter dem „Wallander-Syndrom“, das die Betroffenen zum depressiven Suhlen im Schlamm einer notorisch schlechten Welt zwingt. Aber Rebus ist nur angezählt und längst nicht am Boden. Dazu ist er viel zu schlau und eigensinnig. Die Vorgesetzten züchtigen, die Stadtprominenz hasst, die Presse piesackt ihn? Rebus, der es weder anders erwartet noch wirklich will, blüht förmlich auf, flüchtet in die Arbeit und läuft erneut zur kriminalistischen Hochform auf. Die langen Jahre der meist trüben Polizeiroutine haben ihn nicht ausbrennen lassen wie seinen unglücklichen Kollegen DS Holmes. Rebus hat sich in einen ‚Frontermittler‘ verwandelt, der das Recht nicht beugt aber in seinem Sinne auslegt. Dabei legt er sehr viel Initiative und Kreativität an den Tag. So bereitet es ihm keine Schwierigkeiten den Gangster „Big Ger“ Cafferty, seine alte, endlich gefangengesetzte Nemesis, als Instrument einzusetzen, das ihm den Weg zu „Uncle Joe“ Toal ebnen soll.

Privat sieht es für den Kettenraucher, Trinker und Einsiedler Rebus dieses Mal zunächst düster aus. Im Kern ist er jedoch unbeschädigt, denn er findet die Kraft, einen persönlichen Fehler aus seiner Vergangenheit aufzuarbeiten und den endgültigen Absturz abzufangen. Den Fall Spaven wirklich zu klären ist Rebus ein inneres Bedürfnis. Hinzu tritt die von Ian Rankin gern und nur halb im Scherz ins Spiel gebrachte schottische Melancholie, die – gepaart mit einem Hang zur Selbstgeißelung – ein integrales Element des Rebusschen Wesens ist. Letzteres zielt vor allem auf sein Liebesleben, das Rebus selbst zerstörerisch wie selten zuvor in ein Minenfeld verwandelt.

Rebus‘ eigentlicher Gegner ist dieses Mal „Bible John“. Rankin wagt hier ein Risiko: Er macht eine authentische Person zur Figur einer fiktiven Geschichte. Tatsächlich hat der echte Bible John zwischen Februar 1968 und Oktober 1969 drei Frauen getötet; seine Identität ist bis heute umstritten. Akkurat bezieht Rankin die bekannten Fakten in seine Story ein. ‚Sein‘ Bible John ist gleichzeitig der Versuch, ein Täterprofil zu erstellen bzw. das Profil, das von kriminalistischen Fachleuten erstellt wurde, zum Leben zu erwecken. Es gelingt Rankin mit erschreckender Prägnanz, den Serienkiller als funktionierender Alltagsmensch ‚getarntes‘, tatsächlich aber absolut amoralisches Wesen darzustellen. Bible John akzeptiert ausschließlich sich als Mensch. Ansonsten gibt es für ihn nur unterlegene Kreaturen, die er zur Befriedigung seiner Bedürfnisse ausnutzt oder umbringt. Deshalb ist er so wütend auf „Johnny Bible“: Dieser gefährdet seine Sicherheit, imitiert ihn und missachtet damit offen seine Stellung an der Spitze der Nahrungskette. Das erträgt John nicht, es treibt ihn sogar aus seiner perfekten Deckung, was in einem gebührend dramatischen Finale gipfelt.

Autor

Ian Rankin wurde 1960 in Cardenden, einer Arbeitersiedlung im Kohlerevier der schottischen Lowlands, geboren. In Edinburgh studierte er ab 1983 Englisch. Schon früh begann er zu schreiben. Nach zahlreichen Kurzgeschichten versuchte er sich an einem Roman, fand aber keinen Verleger. Erst der Bildungsroman „The Flood“ erschien 1986 in einem studentischen Kleinverlag.

Noch im selben Jahr ging Rankin nach London, wo er u. a. als Redakteur für ein Musik-Magazin arbeitete. Nebenher veröffentlicht er den Kolportage-Thriller „Westwind“ (1988) sowie den Spionage-Roman „Watchman“ (1990, dt. „Der diskrete Mr. Flint“). Unter dem Pseudonym „Jack Harvey“ verfasste Rankin in rascher Folge drei Action-Thriller. 1991 griff er eine Figur auf, die er vier Jahre zuvor im Thriller „Knots & Crosses“ (1987; dt. „Verborgene Muster“) zum ersten Mal hatte auftreten lassen: Detective Sergeant (später Inspector) John Rebus. Mit diesem gelang Rankin eine Figur, die im Gedächtnis seiner Leser haftete. Die Rebus-Romane ab „Hide & Seek“ (1991; dt. „Das zweite Zeichen“) spiegeln das moderne Leben (in) der schottischen Hauptstadt Edinburgh wider. Rankin spürt den dunklen Seiten nach, die den Steuerzahlern von der traulich versippten Führungsspitze aus Politik, Wirtschaft und Medien gern vorenthalten werden. Daneben lotet Rankin die Abgründe der menschlichen Psyche aus. Nachdem er Rebus 2007 in den Ruhestand geschickt hatte, begann Rankin 2009 eine neue Serie um den Polizisten Malcolm Fox, kehrte aber bereits 2012 zu seiner Erfolgsfigur zurück.

Ian Rankins Rebus-Romane kamen ab 1990 in Großbritannien, aber auch in den USA stets auf die Bestsellerlisten. Die renommierte „Crime Writers‘ Association of Great Britain“ zeichnete ihn zweimal mit dem „Short Story Dagger“ (1994 und 1996) sowie 1997 mit dem „Macallan Gold Dagger Award“ aus. 2004 wurde Rankin für „Resurrection Man“ (dt. „Die Tore der Finsternis“) mit einem „Edgar Award“, 2007 „The Naming of the Dead“ (dt. „Im Namen der Toten“) als „BCA Crime Thriller of the Year“ ausgezeichnet. Rankin gewann weiter an Popularität, als die britische BBC 2000 mit der Verfilmung der Rebus-Romane begann.

Ian Rankins Website ist höchst empfehlenswert; über die bloße Auflistung seiner Werke verwöhnt sie u. a. mit einem virtuellen Gang durch das Edinburgh des John Rebus.

Copyright © 2017 by Michael Drewniok (md)

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