Der faule Henker

Jeffery Deaver
Der faule Henker
(Lincoln-Rhyme/Amelia-Sachs-Serie, Bd. 5)

Originaltitel: The Vanished Man (New York : Simon & Schuster 2003)
Übersetzung: Thomas Haufschild
Deutsche Erstausgabe (geb.): August 2004 (Blanvalet Verlag)
480 S.
ISBN-10: 3-7645-0179-0
Neuausgabe: August 2006 (Blanvalet Verlag/TB Nr. 36484)
480 S.
ISBN-13: 978-3-442-36484-8
eBook: Dezember 2004 (Blanvalet Verlag)
1403 KB
ISBN-13: 978-3-8948-0842-6

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Das geschieht:

Malerick war einst ein großer Magier; ein Illusionskünstler vom Range Houdinis, der alle großen Tricks der Meisters beherrscht und viele selbst erfunden hat. Eine Feuersbrunst verletzte und entstellte ihn, m der Karriere war es vorbei. Das hat Malerick nicht verkraftet und wurde wahnsinnig. Nun will er die Welt mit ganz besonderen ‚Tricks‘ in den Bann ziehen: Mord scheint Malerick die richtige Methode zu sein, um auf die Bühne zurückzukehren. Er bereitet eine Reihe aufwändiger Zaubertricks vor, die klassische Kunststücke nachempfinden. Der Unterschied: Verlässt der Magier die Szene, bleibt eine bizarr zugerichtete Leiche zurück.

Eine junge Musikstudentin ist Malericks erstes Opfer. Sie fällt dem „Faulen Henker“ zum Opfer, einem perfiden Fesseltrick, der sie sich selbst erdrosseln lässt. Die ungewöhnlichen Umstände rufen freilich einen ungewöhnlichen Ermittler auf den Plan: Lincoln Rhyme. Vor Jahren hat ihn ein schwerer Arbeitsunfall fast vollständig gelähmt. Nach langer Genesung nahm Rhyme aus dem Rollstuhl heraus seine Arbeit wieder auf. Seine Behinderung hat seine überragenden geistigen Fähigkeiten nicht beeinträchtigt, doch sie ließ ihn verzagen und aufbrausend werden.

Seine Assistentin, Freundin und Lebensgefährtin Amelia Sachs ersetzt Rhyme die Beine dort, wo dieser selbst nicht mehr die Untersuchung durchführen kann. Fachmännische Unterstützung finden sie in der Person der jungen Nachwuchs-Magierin Kara. So wird der Boden sogar für den einfallsreichen Malerick bald recht heiß. Aber der Mann mit den 1000 Gesichtern ist seinen Verfolgern sogar dann ein Stück voraus, wenn sie ihn gefangen glauben. Es ist eben im Reich der Zauberei nichts so, wie es scheint. Malerick ist der Irre, der Rächer, der Killer, doch ist er dies wirklich? Für Rhyme, Sachs & Kara ist es außerordentlich wichtig, Maske für Maske zu lüften – und das möglichst rasch, denn ihr diabolischer Kontrahent nähert sich auf verschlungenen Pfaden unaufhörlich seinem wahren, wahnsinnig dramatischen Ziel …

Tempo hält vom Nachdenken ab

Da sind sie also wieder, der kriminalistische Kopfmensch & seine umso fixere Assistentin. Zum fünften Mal bereits stürzt sie Jeffery Deaver in ein turbulentes Abenteuer. So muss man es wohl nennen, da er den Anspruch jeglicher Realität bereits nach dem zweiten Band aufgegeben hat. Eine Steigerung ist ihm indessen trotzdem gelungen: „Der faule Henker“ ist schiere Action, unterbrochen höchstens durch Passagen genialistischen Indizien-Studiums, von dessen Rasanz und Treffsicherheit die wirkliche Polizei nur träumen kann. Tempo ist wichtig, denn Tempo lenkt ab: vor allem von der Story, die man nur mehr grotesk nennen kann.

Deaver hat sich mit seiner Spezialität in eine Falle manövriert: Seine Plots sind bekannt für die Haken, die sie schlagen, sobald das Ende naht. Plötzlich wird das bisher logisch und stringent Entwickelte in Frage gestellt, gar ins Gegenteil verkehrt. Das ist eine feine Sache, wenn es funktioniert. Leider gewöhnen sich die Leser daran. Schlimmer: Sie erwarten es und werden wütend, sollte sie der Autor enttäuschen.

Die Kunst der Steigerung ist indessen ein hartes Brot, an dem sich schon so mancher Autor die Zähne ausgebissen hat. Unverdrossen versucht es Deaver immer wieder. Inzwischen ist ein finaler Twist längst nicht mehr ausreichend. Gleich mehrfach und immer rasanter neue Knoten in den roten Faden geschlagen. Insofern ist die Wahl eines Zauberers als Bösewicht eine konsequente Wahl – anders lassen sich die x-fach verschachtelten Winkelzüge des Malerick in der Tat nicht mehr erklären.

Den Irrwitz im Griff behalten

Nachdenken sollte man also lieber nicht, sondern die Handlung vor dem inneren Auge durchrasen lassen. Mit abgedimmtem Hirn (bzw. ausgeschaltetem Kritik-Sektor) macht „Der faule Henker“ durchaus Spaß. Deaver kann Thriller schreiben, das ist keine Frage. Man möchte stets wissen, was als nächstes geschieht, und freut sich, wird man wieder einmal an der Nase herumgeführt. Man verschmerzt dann womöglich eine der dämlichsten Codas der letzten Zeit – nachdem der Bösewicht geschnappt ist, folgen noch fünfzig (!) Seiten seifenoperlicher Überflüssigkeiten, die mit der eigentlichen Handlung nur noch marginal zu tun haben und einfach nur ärgern.

Dem unwirklichen Geschehen entsprechend fallen wieder einmal Deavers Figuren aus. Da hätten wir zunächst unsere beiden Hauptrollen. Lincoln Rhymes Potenzial als dramatische Gestalt ist schon lange ausgeschöpft. Zumindest schafft Deaver es nicht mehr, ihr neue Facetten abzugewinnen. Der kluge Kopf und sein Kampf gegen die Tücke des Objekts und sein persönliches Schicksal – das war nur anfänglich ungewöhnlich und bewegend. Seither macht Rhymes Einzigartigkeit eher noch deutlicher, dass wir ihn und sein Leben kennen, weshalb wir schmerzlich erkennen, dass wir mit Variationen derselben abgespeist.

Auf Amelia Sachs trifft dies ebenfalls zu. Sie kann sich bewegen und muss deshalb auf andere Weise ‚interessanter‘ gestaltet werden. Arthritis und psychische Macken haben freilich ihre Attraktion verloren; vielleicht führt Deaver auch deshalb dieses Mal als Dritte im Bunde die Zauberfrau Kara ein, die auf ihre Weise eine Art Neuauflage der Amelia ist, wie wir sie ursprünglich kennenlernten. (Die üblichen Verdächtigen im Dunstkreis von Rhyme und Sachs können wir getrost überspringen; sie sind da und spielen ebenfalls ihre Rollen, ohne dabei aufzufallen.)

Das (künstlich komplizierte) Böse

Bleibt der Schurke, den Deaver liebevoll, aber eindimensional in Szene setzt. Er gibt sich schrecklich viel Mühe, um Malerick, den mysteriösen Magier, zu einem Überschurken zu stilisieren. Kein Trick ist ihm dabei zu billig; einal wird sogar der Verdacht in die Welt gesetzt, dass Malerick ein ‚richtiger‘ Zauberer ist, der im Kontakt mit dem Jenseits steht.

Tatsächlich ist Malerick der übliche größenwahnsinnige Superschurke, der seine vielen Verfolger wie Idioten aussehen lässt, bis er – seltsamerweise – doch geschnappt und mit viel Feuerzauber & nach dramatischen Enthüllungen – die wahrlich Bösen erkennt man daran, dass sie redselig werden, bevor sie abdrücken – zur Hölle geschickt wird.

Zum Plot-Hopping à la Deaver gehören Finsterlinge, die nach der Art des Schachtelteufels aus der Versenkung auftauchen, sobald sich der Leser meint, den Hauptschuft erkannt zu haben. Plötzlich weitet sich das Panorama, aus dem Hintergrund der Story erscheint die Graue Eminenz des Verbrechens, der wahre Widerling, an dessen Marionettenfäden in diesem Fall Malerick tanzt. Dass die Logik im „Faulen Henker“ nicht einmal die halbe Strecke, geschweige den ganzen Weg ins Finale schafft, verdeutlicht uns endgültig Deavers Galerie aufdringlich verdächtiger Redneck-Munkelmänner. Als wir endlich sicher sind, wer wirklich hinter den irrwitzig verwuselten Lumpenplänen steckt, reißt Deaver selbstverständlich noch einmal das Ruder herum. Wir folgen ihm, aber wir hoffen nicht mehr wirklich auf eine echte Überraschung und liegen damit richtig.

Autor

Jeffery Deaver (*1950) gehört zu den festen Größen des unterhaltsamen Thrillers. Ihm ist es gelungen, bereits drei Mal für den angesehenen „Edgar Award“ der „Mystery Writers of America“ nominiert zu werden. Zwei Mal konnte er den „Ellery Queen Mystery Magazine‘s Award“ für die beste Kurzgeschichte des Jahres gewinnen. Geschrieben hat Deaver sein ganzes Leben, sein erstes ‚Buch‘ verfasste er bereits mit 11 Jahren. Während seiner Schulzeit gab er ein Literatur-Magazin heraus. Später studierte Deaver Publizistik und Recht. Anschließend praktizierte er acht Jahre in New York als Anwalt. Nebenbei betätigte er sich als Musiker, Texter und Poet (!), bevor ihm schließlich als ‚richtiger‘ Schriftsteller der Durchbruch gelang. Heute lebt und arbeitet Deaver die meiste Zeit des Jahres im US- Staat Virginia.

Website des Verfassers

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