Dirty White Boys

Stephen Hunter
Dirty White Boys

Originaltitel: Dirty White Boys (New York : Bantam Books 1994)
Dt. Erstausgabe (geb. u. unter dem Titel „Die Gejagten“): List Verlag (1997)
Übersetzung: Bernhard Josef
431 S.
ISBN-10: 3-471-79310-0
Neuausgabe (unter dem Titel „Die Gejagten“): Dezember 2000 (Blanvalet Verlag/TB 35382)
Übersetzung: Bernhard Josef
537 S.
ISBN-13: 978-3-442-35382-8
Neuausgabe: Oktober 2018 (Festa Verlag/Festa Crime)
Übersetzung: Iris Bachmeier
592 Seiten
ISBN-13: 978-3-8655-2679-3

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Das geschieht:

McAlester, US-Staat Oklahoma, ist eine mit Verbrechern der übelsten Sorte überbelegte Hölle auf Erden: kein Ort der Rehabilitation, sondern Strafanstalt à la américaine: Auge um Auge, Zahn um Zahn lautet die Devise, an die sich Wachpersonal und Gefangene gleichermaßen halten. Der Alltag ist hinter diesen Gittern ein ständiger Überlebenskampf. Wer sich hier nicht brutal durchsetzt, wird buchstäblich zerbrochen an Leib und Seele.

Unter denen, die wie Tiere gehalten werden und sich wie solche verhalten, erfreut sich Lamar Pyes eines besonders üblen Rufes. Ungebildet aber intelligent stellt er ein gefährliches Exemplar seiner gefürchteten Art dar: Lamar gehört zum „weißen Abschaum“ des amerikanischen Mittelwestens. Er steht ganz unten auf der gesellschaftlichen Leiter, war praktisch von Geburt an für ein Leben als Krimineller bestimmt und kann im Alter von 38 Jahren auf eine eindrucksvolle ‚Karriere‘ zurückblicken, die Raub, Körperverletzung, Vergewaltigung und Mord einschließt und ihn lebenslang ohne Chance auf Begnadigung nach McAlester gebracht hat.

Lamar zur Seite steht sein ihm hündisch ergebener Cousin Odell, ein debiler und missgestalteter Riese, der Angst, Schmerz oder Mitleid nicht kennt und sogar den hartgesottenen Knastgangs Angst einjagt. Das unheilige Trio wird komplettiert durch den weichlichen, psychisch labilen Möchtegern-Künstler Richard Peed, der bereit ist, jedem Befehl seines Meisters und Beschützers Lamar Folge zu leisten.

Als Lamar das prominente Mitglied einer einflussreichen Gang tötet, bricht er aus. Odell und Peed begleiten ihn auf einer ziellosen Schreckensfahrt durch den Mittelwesten. Der legendäre Lieutenant C. D. Henderson, der es in Sachen Verstand und Rücksichtslosigkeit mit Lamar Pyes aufnehmen kann, setzt den Flüchtigen nach. Ebenfalls ihnen nach setzen Sergeant Russell „Bud“ Pewtie und sein Partner Ted Pepper, zwei Beamte der Highway Patrol. Eigene Sorgen lenken die beiden Polizisten ab; eine Schwäche, die sie dem gerissenen Lamar direkt in die Hände spielt. Er und seine Kumpane hinterlassen eine Blutspur, die sich durch mehrere Bundesstaaten ziehen wird, bis sich Jäger und Gejagte endlich gegenüberstehen …

Thriller für die untere Körperregion des Mannes

Was für ein Roman! Kein ‚gutes‘ Buch, sondern ein Hochgeschwindigkeits-Pageturner, ein höllisch spannender, famos geschriebener (und übersetzter) Reißer ohne Kompromisse, ein Tiefschlag für den feinsinnigen (oder dünnblütigen) Leser, ein Stromstoß für den deutschen Krimifreund, der in den letzten Jahren gar zu oft mit Pseudo-Historischem und Seelenschmalz eingelullt wurde.

Natürlich ist „Dirty White Boys“ auch und primär ein Testosteron-Thriller, der dumme Kerls mit dicken Muckis aufeinander losgehen lässt. Fragt sich nur, was daran so verwerflich sein soll, wenn es so gut unterhält! Vielleicht liegt es daran, dass Stephen Hunter zwar ein eigenartiger Zeitgenosse ist (dazu weiter unten mehr), der aber sein schriftstellerisches Handwerk versteht: Hier rührt jemand auch an unangenehme Wahrheiten, die politisch korrekt denkende Zeitgenossen lieber unter den Tisch zu kehren pflegen.

Die Bürger der USA sehen sich selbst gern als einig Volk der Tüchtigen und Gottesfürchtigen. Gnade Gott freilich denen, die diesen Standards nicht genügen können oder wollen. Sie sehen sich mit einer Gnadenlosigkeit ins gesellschaftliche Abseits gedrängt, der den angeblich sittenverderbten Europäer schaudern lässt. Die erstaunliche Leistungskraft des US-Systems beschränkt sich nicht auf die Wirtschaft oder das Militär: Auch die amerikanischen Gewaltverbrecher bilden in ihrer Berufssparte die Weltspitze; kein Wunder, da sie quasi gezüchtet werden. Ganze Gesellschaftsschichten werden systematisch ausgegrenzt, vergessen, als Menschenmüll aussortiert: tickende menschliche Zeitbomben, die immer wieder mit mörderischer Wucht explodieren, statt entschärft zu werden.

Wie man in den Wald hineinruft, so knallt es heraus

Zu den vielen Unglücklichen, die dieses System hervorbrachte, gehört der „white trash“ des Mittelwestens. Im scheinheiligen „bible belt“ der USA vegetiert eine verarmte weiße Minderheit, die anders als die schwarze Mitbürgerschaft nicht ‚nur‘ diskriminiert, sondern offen verachtet wird, weil sie ‚versagt‘, wo jeder ordentliche Amerikaner weißer Hautfarbe gefälligst zu reüssieren hat. Ohne Arbeit, ohne Chance, gebiert eine Generation von sozialen und wirtschaftlichen Verlierern die nächste; ein Prozess, der zuverlässig von Frustration und Zorn, von Alkohol und Feuerwaffen begleitet wird. Dies ist das verrottete Gesindel, das uns in einschlägigen Hollywood-Filmen so angenehm erschauern lässt.

Rednecks, Hillbillies und „dirty white boys“ gibt es wirklich, auch wenn Stephen Hunter natürlich ordentlich auf die Thriller-Tube drückt. Den letzten Schliff in der Ausbildung zum Gewohnheitsverbrecher erhalten sie in den US-Gefängnissen, in denen zum Frommen der brav gebliebenen Bürger ordentlich gebüßt statt rehabilitiert wird: Die Rache ist der Gerechtigkeit jederzeit vorzuziehen. Was diese Form des Strafvollzugs eben auch ausspeien kann, stellt uns Hunter ebenso drastisch wie überzeugend vor. Aber Vorsicht: Hunter stellt das System selbst nie in Frage! Stattdessen ist er offensichtlich fasziniert von jenem rohen, urweltlichen Stamm, der inmitten der (degenerierten) Zivilisation nach seinen eigenen Regeln lebt:

„Bud schaute sich die Fotos der beiden Männer an und sah, was er schon so oft gesehen hatte – typisch asoziale Hinterwäldler mit stechenden Augen, in denen entweder irgendein obskurer Groll gegen die Welt schwelte oder die schiere Dummheit. Ihr Verstand funktionierte nicht wie der der meisten Menschen; das machte sie so anders – als sähen sogar ihre Schaltkreise unterschiedlich aus. Killer und falsche Fuffziger waren das, skrupellos und primitiv – und trotzdem, verflucht noch mal, sie hatten alle Mumm in den Knochen. So was von nackter Aggression. Eine enge Vertrautheit mit der Gewalt – sie suhlten sich geradezu darin.“

Auf diesen Weg mag man dem Autor allerdings nicht folgen, so eloquent er sein Anliegen auch vorzutragen weiß! Einfach ist es allerdings nicht, ihm zu widerstehen, denn er kann wie gesagt höllisch gut schreiben.

Vorsicht: Sudel-Autor mit Talent & Witz!

Deshalb sind da immer wieder Überraschungen, mit denen man in einem simplen Mein-ist-die-Rache-und-Feuer-frei!-Garn nicht gerechnet hätte – böse Seitenhiebe, die den Finger darauf legen, was faul ist im Staate und Verbrecher vom Schlage eines Lamar Pye hervorbringt. Überhaupt gibt es – so unglaubhaft es nach dem bisher Gesagten vielleicht erscheinen mag – überhaupt keine Helden oder Schurken in dieser Geschichte. Besonders Bud Pewtie erweist sich zwar im Job als unverwüstliche Ein-Mann-Armee, die im Privaten jedoch jämmerlich versagt. Seine traurigen Auftritte als Vater, Ehemann und vor allem als untreuer Ehemann, der auch die Geliebte schmählich belügt, sind Hunter ebenso eindringlich wie quälend gut gelungen.

Doch am intensivsten wirkt „Dirty White Boys“ dort, wo Hunter Lamar Pyes Leben als rasanten Lauf über eine Rasierklinge beschreibt. Er ist selbst nach einer Jahrzehnte währenden Gangsterkarriere längst nicht der Untermensch (dieser böse Titel wird hier mit Bedacht gewählt), zu dem ihn seine gar gesetzestreuen Mitmenschen abgestempelt haben, sondern sich durchaus über sich und sein Leben im Klaren. Zudem kennt er noch Gefühle, die über die Freude am Morden und Terrorisieren hinausgehen.

Aber immer wenn man meint, Lamar Pye über seine menschliche Seite besser kennen- und schätzen zu lernen, folgt unvermittelt ein neuer Gewaltakt: Fern des verlogenen Hollywood-Klischees wird in „Dirty White Boys“ nie umständlich und begleitet von frommen Worten Unrecht mit Unrecht vergolten. Gewalt ist hier ein Phänomen, das in der Regel ohne unmittelbaren Grund förmlich explodieren kann. Was nach und nach über die Vergangenheit der Ausbrecher bekannt wird, verrät freilich, dass hier eine Saat aufgegangen ist, die schon viel früher ausgestreut wurde. Sie sorgt für einen rohen aber faszinierenden Roman, der nach vielen Jahren endlich wieder (und neu übersetzt) erscheint.

Die Jagd geht weiter

„Dirty White Boys“ ist Teil einer Serie, die Hunter Anfang der 1990er Jahre begann. Sie rankt sich grob um die Familiengeschichte des fiktiven Swagger-Clans. „Point of Impact“ (dt. „Im Fadenkreuz der Angst“, 1993) ist der erste Roman um Bob Lee Swagger, einen Ex-Scharfschützen, der immer wieder in leichenreiche Komplotte verwickelt wird. Wir erfahren in „Dirty White Boys“, dass sein Vater, Staatspolizist Earl Lee Swagger, einst Lamar Pyes Vater in Notwehr erschoss.

Hunter knüpfte das Netz seiner ganz privaten Historie der USA in den folgenden Jahren immer fester. Neben Bob Lee Swagger treten dort auch sein Vater Earl (ab 2000) und sein Sohn Ray Cruz (ab 2010) mit eigenen Reihen auf. In „Black Light“ (dt. „Nachtsicht“), dem zweiten Band der Bob-Lee-Swagger-Serie, knüpfte Hunter 1997 an die Handlung von „Dirty White Boys“ an.

Autor

Stephen Hunter wurde am 25. März 1946 in Kansas City, US-Staat Missouri, geboren. Er studierte Journalismus an der Northwestern University in Illinois, an der sein (1975 ermordeter) Vater als Dozent für Sprachen lehrte. Nach seinem Abschluss 1968 diente Hunter zwei Jahre als Soldat und schrieb für eine Soldaten-Zeitschrift.

1971 wechselte er als Redakteur zum „Baltimore Sun“. Nachdem er zunächst die Sonntagsbeilage betreut hatte, über Hunter 1982 die Redaktion der Filmkritik. In dieser Funktion war er ab 1997 für die „Washington Post“ tätig. 2003 wurde Hunter für seine Kritiken mit einem Pulitzer-Preis ausgezeichnet. 2008 ging Hunter in den vorzeitigen Ruhestand. Seitdem ist er hauptberuflicher Schriftsteller.

Schriftstellerisch wurde Hunter ab 1980 aktiv. Er begann mit einem wüsten Garn um einen Nazi-Heckenschützen (!) im Jahre 1945 („The Master Sniper“). Ab 1993 schrieb Hunter eine Serie von Romanen, die sich um die Familiengeschichte des Swagger-Clans ranken. Neben Bob Lee treten dort auch sein Vater Earl (ab 2000) und sein Sohn Ray Cruz (ab 2010) auf.

Website

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