Drachenzähne

Ellery Queen
Drachenzähne

(Ellery-Queen-Serie, Bd. 15)

Originaltitel: The Dragon’s Teeth (New York: Frederick A. Stokes 1939)
Deutsche Ausgabe (unter dem Titel „Die Drachenzähne“): 1958 (Scherz Verlag/Die schwarzen Kriminalromane 108)
Übersetzung: N. N.
192 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: September 2009 (Fischer Verlag/Fischer Crime Classic 18471)
Übersetzung: Lola Humm Sernau
239 S.
EUR 8,95
ISBN-13: 978-3-596-18471-2

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Das geschieht:

Den Juli des Jahres 1939 wird Kriminalschriftsteller und Privatdetektiv Ellery Queen sicherlich nicht vergessen. Da ist der geplatzte Blinddarm, der ihn ins Krankenhaus und fast auf den Friedhof bringt. Mit der Verfolgung von Übeltätern ist erst einmal Schluss. Das ist ärgerlich, denn just hat sich Ellery eines ausgesprochen interessanten Falls angenommen. Der schwerreiche, arg verschrobene Cadmus Cole wurde auf einer seiner ausgedehnten Schiffsreisen angeblich vom Schlag getroffen. Kurz zuvor hatte er Queen engagiert, um sein sehr seltsames Testament vollstrecken zu lassen, und ließ dabei durchblicken, dass man ihm womöglich nach dem Leben trachte, wollte Queen aber keine Details verraten.

Ellery müsste auf Schloss Tarrytown, Coles palastartigem Anwesen, nach Spuren forschen. Glücklicherweise ermittelt er seit einiger Zeit nicht mehr allein: Beau Rummell, ein junger Kriminalist, konnte ihn überreden, mit ihm eine Detektivagentur zu gründen. Notgedrungen schickt Ellery nun seinen Eleven aus, der unter seinem Namen ermittelt. Rummell ist eifrig aber unerfahren, und die beiden Hauptverdächtigen in einem möglichen Mordfall Cole sind zwei hübsche Frauen.

Mit der einen, Kerrie Shawn, ist Beau bald verheiratet. Die andere, Margo Cole, sinkt im Streit mit der Braut tot zu Boden, die man mit rauchendem Revolver über der Leiche findet. Kerrie behauptet, die Schüsse seien durch das Fenster gekommen, die Waffe ihr zugeworfen worden. Inspector Richard Queen, der mit den Ermittlungen beauftragt wird, kann das nicht recht glauben. Der verzweifelte Beau ruft Ellery Queen zur Hilfe, der sich in einen Fall verwickelt sieht, der noch wesentlich verzwickter ist, als er den Beteiligten zunächst erscheint …

 

Zwei Detektive, eine Hochzeit & diverse Todesfälle

Der Roman „Die Drachenzähne“ konfrontiert die Ellery-Queen-Fangemeinde mit einer zunächst verwirrenden Neuerung: Wir lesen hier nicht nur eine der kurios verwickelten und klassischen Mordgeschichten, die wir kennen und lieben, sondern auch oder sogar vor allem eine ‚Kriminalromanze‘. Einer Liebesgeschichte unter erschwerten Bedingungen – die Dame des Herzens könnte Opfer eines Komplotts, aber auch Mörderin sein – wird mindestens ebenso breiter Raum geschenkt wie dem eigentlichen Plot, der um das mysteriöse Ende eines exzentrischen Multimillionärs kreist.

Cover der dt. Erstausgabe

Dies mag in den 1930er Jahren von Erfolg gekrönt worden sein; heute erweist sich die Mixtur als reichlich schal. Die Verfolgung und Rettung der unschuldigen Schönen hält sich ein wenig zu deutlich an ein Schema, das längst von der Zeit überrollt wurde. Die Frau der Gegenwart lässt sich nicht mehr für so dumm wie Kerrie Shawn verkaufen, die ohne die Unterstützung ihres Beaus und anderer starker Männer mehr als einmal ob ihrer geradezu aggressiv zur Schau gestellten Hilflosigkeit ein düsteres Schicksal ereilen würde.

Die Handlung kommt erst in Schwung, als ein Mord geschieht und das Vater-Sohn-Gespann Richard & Ellery Queen das Heft in die Hand nimmt. Das Geschehen konzentriert sich jetzt mehr und mehr auf die Ermittlungen. Der alte Zauber der Ellery-Queen-Krimis kommt voll zur Wirkung: Im atemberaubenden Tempo werden völlig logische Lösungen präsentiert, um umgehend verworfen und durch neue Geistesblitze ersetzt zu werden. „Whodunit?“: Das ist die Frage, die über Gedeih und Verderb eines Queen-Thrillers entscheidet. Hier kann man nur bewundernd zugestehen: In letzter Sekunde fabelhaft die Kurve gekriegt! Ellery löst das Rätsel, und wie es sich gehört, ist der Täter derjenige, auf den wir nie getippt hätten.

Der eigenartige Titel spielt übrigens auf eine antike Sage an und wird uns von Ellery Queen persönlich erläutert: Einst musste der griechische König Kadmos sich einer Reihe gefahrvoller Prüfungen unterziehen. Unter anderem säte er Drachenzähne. Aus jedem erwuchs eine Gefahr. Diesem Beispiel ist Cadmus Cole mit seinem Testament gefolgt, das seinen Erben leicht den Tod, auf jeden Fall aber Unglück und Unzufriedenheit bringen kann.

Dem Nachwuchs eine Chance!

Ein Ellery-Queen-Roman ohne Ellery Queen? Ein Blinddarm-Durchbruch reißt unseren Helden zu einem recht frühen Zeitpunkt aus der Handlung, in die er als Genesender erst in der zweiten Hälfte (aber inkognito) zurückkehrt. Ihn ersetzt (oder soll ersetzen) Beau Rummell, ein junger, höchst eifriger Mann, der grundsätzlich das Zeug zur Hauptfigur hat. Kriminalistisch ist er als Sohn eines Polizisten einschlägig vorbelastet, Jura hat er studiert. Als Privatdetektiv lernt er rasch dazu.

Privat weist Rummell jene Eigenheiten auf, die ein guter Schriftsteller einem Serienhelden unauffällig aufprägt, um ihn unverwechselbar zu machen. Ellery Queen (gemeint ist dieses Mal der Autor) schlägt ihn mit einem unmöglichen Namen: Beau Brummell (1778-1840) gehört zu den großen Exzentrikern der Geschichte; ein Mann, der bis zum Exzess sein Leben der Mode und seiner Erscheinung gewidmet hatte und sprichwörtliches Vorbild für einen putzsüchtigen Lackaffen geworden ist.

Klar, dass der unglückliche Rummell als kerniger US-Amerikaner seine Jugendjahre damit verbringt Spötter zu vertrimmen und darüber groß und stark wird. Im Jahre 1939 ist er so weit, den Versuch zu wagen, in Ellery Queens (jetzt gemeint ist der Detektiv) Fußstapfen zu treten.

Der Erfolg verträgt keine Experimente

Wieso hat Queen (der Schriftsteller – ich weiß, es ist verwirrend!) seinen bekannten Helden aus dem Rennen genommen? Der Hauptgrund war ein Versuch, neue Wege zu beschreiten. 1939 ermittelte Ellery Queen bereits ein Jahrzehnt. Er hatte eine ganze Reihe von Abenteuern erlebt, die ihn zu Recht berühmt und beliebt beim lesenden Publikum gemacht hatten. Dessen Erwartungen waren hoch und naturgemäß schwer zu befriedigen; welcher Serienheld steht nicht vor dem Dilemma, sich jedes Mal steigern und selbst übertreffen zu müssen?

Einen Ausweg bietet ständiger Kulissenwechsel. Das ist riskant, denn Serienhelden dürfen sich nicht wirklich ändern. Ihre Beliebtheit basiert zu einem guten Teil auf beruhigender Berechenbarkeit, auf die der Fan ungern verzichtet. Frederic Dannay und Manfred B. Lee (die Schöpfer von Ellery Queen) zeigten sich in dieser Hinsicht erstaunlich mutig. In vier Jahrzehnten veränderten und modernisierten sie ihren Detektiv fast unmerklich oder so geschickt, dass die Fans willig folgten. Außerdem experimentierten sie mit ihrer Figur, vertrauten sie anderen Schriftstellern an – oder rückten sie wie hier in den Hintergrund, wo sie den ganz hartgesottenen Queen-Freund durch eine ansonsten Queen-fremde Story führte.

“Drachenzähne” ist folglich eher ein Beau Rummell-Roman. Diese Figur ist nicht an die fixierten Queenschen Charakterzüge und Verhaltensweisen gebunden. Deshalb können ihn die Autoren auch in eine ‚richtige‘ Liebesgeschichte verwickeln, während der Ellery dieser Jahre zwischen weibfreier Denkmaschine und charmantem Frauenliebling mit Bindungsängsten changiert.

Versuch eines Lady-Thrillers

Die Lovestory zwischen Beau & Kerrie fällt zudem in eine Phase, in der Hollywood Ellery Queen (das Autorenduo und die Figur) entdeckt hatte. Schon die Verfilmungen der älteren, literarisch eher dem Fall verhafteten Queen-Romane weisen stärkere Romantik- oder Seifenoper-Elemente als die Romane auf. Weil Herzschmerz in der Filmindustrie seit jeher als verkaufsförderlicher erachtet wird als Hirnschmalz, kamen die durchaus kundenorientierten und geschäftstüchtigen Dannay & Lee den Studios entgegen.

Was für Kerrie Shawn die fatale Konsequenz hat, die uns hier als zeitgenössisches Exemplar des weiblichen Geschlechts unter die Augen tritt: ein nur notgedrungen selbstständiges „Mädchen“ (so der O-Ton), das sogleich an die breite Brust des ersten Ritters sinkt, sobald der sich endlich sehen lässt, und zuverlässig ohnmächtig wird, wenn Gefahr droht, um genanntem Ritter die Möglichkeit für mannhaften Einsatz zu bieten. Völlig passiv lässt sich Kerrie zwischen Ritter, Polizei, aufdringlichen Schurken und sonstigem Mannsvolk hin- und herschieben, weint viel und ist auch sonst eine üble Landplage. Merke: Nicht immer gleicht Nostalgie jeden Anachronismus aus! Glücklicherweise zog Ellery Queen (jetzt wieder das Autorenpaar) selbst die Konsequenzen und drosselte den Schnulzenfaktor in späteren Werken auf ein erträglicheres Format. Zur ‚reinen‘ Form des „Whodunit?“ kehrten sie allerdings nicht mehr zurück.

Autoren

Mehr als vier Jahrzehnte umspannt die Karriere der Vettern Frederic Dannay (alias Daniel Nathan, 1905-1982) und Manfred Bennington Lee (alias Manford Lepofsky, 1905-1971), die 1928 im Rahmen eines Wettbewerbs mit „The Roman Hat Mystery“ als Kriminalroman-Autoren debütierten. Dieses war auch das erste Abenteuer des Gentleman-Ermittlers Ellery Queen, dem noch 25 weitere folgen sollten.

Dabei half die Fähigkeit, die Leserschaft mit den damals beliebten, möglichst vertrackten Kriminalplots angenehm zu verwirren. Ein Schlüssel zum Erfolg war aber auch das Pseudonym. Ursprünglich hatten es Dannay und Lee erfunden, weil dies eine Bedingung des besagten Wettbewerbs war. Ohne Absicht hatten sie damit den Stein der Weisen gefunden: Das Publikum verinnerlichte sogleich die scheinbare Identität des ‚realen‘ Schriftstellers Ellery Queen mit dem Amateur-Detektiv Ellery Queen, der sich wiederum seinen Lebensunterhalt als Autor von Kriminalromanen verdient!

In den späteren Jahren verbarg das Markenzeichen Queen zudem, dass hinter den Kulissen zunehmend andere Verfasser tätig wurden. Lee wurde Anfang der 1960er Jahre schwer krank und litt an einer Schreibblockade, Dannay gingen allmählich die Ideen aus, während die Leser nach neuen Abenteuern verlangten. Daher wurden viele der neuen Romane unter der mehr oder weniger straffen Aufsicht der Cousins von Ghostwritern geschrieben.

Wer sich über Ellery Queen – den (fiktiven) Detektiv wie das (reale) Autoren-Duo – informieren möchte, stößt im Internet auf eine wahre Flut einschlägiger Websites, die ihrerseits eindrucksvoll vom Status dieses Krimihelden künden. Vielleicht die schönste findet sich hier: eine Fundgrube für alle möglichen und unmöglichen Queenarien.

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