Eiskalt erwischt

Dan Simmons
Eiskalt erwischt

(Joe-Kurtz-Serie, Bd. 1)

Originaltitel: Hard Case (New York : St. Martin’s Minotaur 2001)
Übersetzung: Michael Plogmann
Cover: yellowfarm
Deutsche Erstausgabe: November 2012 (Festa Verlag/Crime 2)
331 S.
ISBN-13: 978-3-86552-186-6

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Das geschieht:

Weil er den Mörder seiner Partnerin kurzerhand aus dem Fenster eines Hochhauses geworfen hatte, wurde Privatdetektiv Joe Kurtz zu einer zwölfjährigen Gefängnisstrafe verurteilt. Die hat er jetzt abgesessen und kehrt in seine Heimatstadt Buffalo, US-Staat New York, zurück. Ohne sich um den Verlust seiner Lizenz oder die Vorgaben der Bewährungshelferin zu kümmern, nimmt Kurtz seine Geschäfte wieder auf. Das neue Büro richtet er im Keller unter einem Porno-Shop ein, und erster Kunde wird Mafiaboss Byron Farino, dessen Sohn Kurtz im Knast kennengelernt hatte.

Farino hat nach einem Attentat an Macht verloren. Deshalb muss er wütend aber ratlos mit ansehen, wie seine Schmuggeltransporter aus Kanada überfallen werden. Außerdem ist sein Buchhalter verschwunden, dessen Unterlagen über die Farinoschen Geschäfte in Juristenhand großen Schaden anrichten könnten. Farino heuert Kurtz deshalb tatsächlich an, zumal er einen Verräter in seiner ‚Familie‘ wittert.

In diesem Zusammenhang gibt es eine ganze Reihe von Kandidaten, zu denen u. a. Farino-Anwalt Leonard Miles und Byrons Tochter Sofia gehören, die unbedingt den Platz ihres Vaters übernehmen will. Außerdem meldet sich die Vergangenheit bei Kurtz: Manny Levine, dessen Bruder ihm einst vor den Pistolenlauf geriet, will Rache. Ebenfalls hinter Kurtz her ist der korrupte Detective Hathaway von der Mordkommission.

Sie müssen sich quasi anstellen, denn die aufgeschreckten Gegner der Farino-Familie setzen gleich mehrere hochkarätige oder wenigstens hochgradig irre Killer auf Kurtz an, der sich der Mordattacken des Psychopathen-Duos Kibunte & Cutter, des chamäleonhaften „Dänen“ und der grenzdebilen „Beagle Boys“ erwehren muss. Allerdings erwartet und gibt Kurtz im Gegenzug kein Pardon, und er ist findig genug, nicht nur zu überleben, sondern auch seinem Auftrag nachzugehen sowie ganz eigene, sorgfältig verborgen gehaltene Pläne zu verfolgen. Zwischenfälle kommen jedoch vor, und irgendwann droht auch der gewiefteste Fuchs seinen Verfolgern in die Falle zu gehen …

Verbrechen kann ein Job sein

Dan Simmons ist zumindest seinen deutschen Publikum primär als Horror- und Science-Fiction-Autor bekannt. Schon in diesen beiden Genres leistet er nicht nur Großes, sondern auch Erstaunliches; während man einen Stephen King nach wenigen Absätzen erkennt, gibt sich Simmons nicht nur stilistisch wesentlich wandlungsfähiger. Ein erstes Signal dafür, dass man auch außerhalb der Phantastik mit Simmons rechnen muss, gab es hierzulande im Jahre 2000. In „Fiesta in Havanna“, einem in den USA im Jahre zuvor unter dem wesentlich einfallsreicheren Titel „The Crook Factory“ erschienenen Historien-Thriller, jagt Ernest Hemingway 1942 vor der Küste Kubas japanische und nazideutsche Agenten.

„Bizarr“ ist das Schlüsselwort. Die Kombination einer schnörkellos, beinahe dokumentarisch erzählten Geschichte mit möglichst absurden Ereignissen und Figuren übernahm Simmons für seine 2001 gestartete Joe-Kurtz-Trilogie, deren Bände in schneller Folge bis 2003 erschienen.

Bis der erste schräge Zeitgenosse auftritt, meint der Leser in Simmons einen würdigen Nachfolger des inzwischen verstorbenen Donald E. Westlake gefunden zu haben. Dieser veröffentlichte zwischen 1962 und 2008 unter dem Pseudonym „Richard Stark“ 24 kriminelle Abenteuer des Berufsverbrechers Parker. Als lakonischer Profi geriet dieser immer wieder in die Bredouille, weil selbst der beste Plan nie perfekt gelang, sondern durch menschliches Versagen und mit dramatischen Folgen scheiterte.

Irrwitz als Normalzustand

Joe Kurtz könnte Parkers Bruder im Geiste sein. Auch ihm ist das Gesetz nur dort ein Maßstab für sein Verhalten, wo es ihm definiert, wie tief unter dem Radar von Polizei und Justiz er agieren muss. Kurtz kennt keine Gewissensbisse. Moralisch sieht er ausschließlich dem eigenen Kodex verantwortlich, der denkbar simpel ist: Gesetzeshüter werden ausgetrickst, Verbrecher betrogen und notfalls ohne Federlesens umgebracht. Freunde hat Kurtz nur wenige. Sie allein können auf seine bedingungslose Unterstützung rechnen. Im Fall seiner ermordeten Kollegin hat er nach eigenem Urteil versagt. Er richtet den Täter deshalb nicht nur förmlich hin, sondern akzeptiert die folgende Gefängnisstrafe, statt sich ihr durch Flucht zu entziehen.

Generell geht Kurtz stets vom Schlimmsten aus. Aufgrund seiner Lebensweise liegt er damit richtig. Die Vergangenheit ist längst nicht so tot wie diverse Pechvögel, die Kurtz in die Quere gekommen sind. Blutrachedurstige Zeitgenossen heften sich dem wieder freien Kurtz umgehend an die Fersen. Gleichzeitig ist er eifrig damit beschäftigt, sich neue Feinde zu machen: Immer in Bewegung bleiben und frontal auf den Feind losgehen, lautet seine Devise.

Simmons weiß dies sehr bildhaft zu verdeutlichen. Großartig gelang ihm beispielsweise die Episode in dem leeren Kühlhaus, das Kurtz zeitweise als Unterschlupf dient: Er hat das Innere mit Fallen gespickt, da er mit ungebetenem ‚Besuch‘ rechnet. Als dieser tatsächlich erscheint, ist der Empfang entsprechend ruppig. Simmons hat keine Angst vor drastischen Gemetzeln, die er in ihrer Wirkung durch rabenschwarzen Humor ins Groteske übersteigert. Es sind also keine simplen Killer, die ihm zu Leibe rücken, sondern die „Beagle Boys“, vier ebenso gewalttätige wie strohdumme Brüder. Ihr Spitzname lässt sich übersetzen: Die „Beagle Boys“ sind die „Panzerknacker“, die ihr Leben dem Versuch geweiht haben, Dagobert Ducks Geldspeicher zu leeren.

Gauner aus der Geisterbahn

Die „Beagle Boys“ belegen die ganz und gar nicht nüchterne Machart der Kurtz-Krimis. Faktisch gibt sich ein ganzer Reigen von Freaks die Klinke in die Hand. Simmons‘ Killer töten ihre Opfer nicht einfach. Selbst der „Däne“, der sich als Geschäftsmann betrachtet, liebt es, sich extravagant zu verkleiden, wenn er zur mörderischen Tat schreitet. Psychopathen wie Kibunte und Cutter sind überlebensgroße Zerrbilder realer Schreckgestalten.

Simmons demonstriert mit der Figurenzeichnung, dass er „Eiskalt erwischt“ absichtlich mit beachtlichen Trash-Elementen auflädt. (In diese Kategorie fällt auch die eine, isoliert in der bzw. quer zur Handlung stehende Sex-Szene dieses Romans, die Simmons genüsslich über die Grenze zur Plump-Pornografie und damit in die Lächerlichkeit treibt.) Also schaltet Kurtz seine Feinde nicht einfach aus. Er nimmt um des Effektes wegen durchaus eine winterliche Nachtfahrt zu den Niagara-Fällen in Kauf, um einen Schurken besonders grausig enden zu lassen.

Mit solchen Episoden lenkt Simmons den Leser von dem komplexen Spiel ab, das Kurtz mit seinen Feinden spielt. Jeder belauert und betrügt hier jeden. Kurtz ist keine Ausnahme, doch da er in der Minderzahl ist, muss er einen besonders hohen Einsatz wagen. „Eiskalt serviert“ ist mehr als eine willkürliche Häufung möglichst abstruser Action- und Splatter-Szenen. Dahinter steckt ein sauber konstruierter Plot, dessen Ablauf Simmons spannungstreibend in die Länge zieht, indem er Kurtz mehr als einen Knüppel zwischen die Beine wirft.

Dieses Mal erfreulich: Fortsetzung folgt

Das Finale ist erwartungsgemäß turbulent und wendungsreich. Ihm folgen gleich zwei böse Überraschungen, die für ein grandioses Crescendo aus Gewalt und Gegengewalt sorgen. Und obwohl das Blut in breiten Strömen floss, bleibt Kurtz mindestens ein besonders unheimlicher Gegner erhalten. Da eine Fortsetzung folgt, darf sich der Leser auf weitere Unterhaltung der politisch erfreulich unkorrekten Art freuen.

Mit „Eiskalt erwischt“ setzt der Festa Verlag die jüngst gestartete Reihe „Festa Crime“ denkbar gelungen fort. Hier bleiben Kuschel-Krimis außen vor; es geht in jeder Hinsicht rau und gewalttätig zu. Dass dies der Unterhaltung keineswegs abträglich ist, macht Dan Simmons exemplarisch deutlich. Gut übersetzt und schön gestaltet sorgt „Eiskalt erwischt“ nicht nur für zusätzliches Vergnügen, sondern macht auch neugierig auf weitere „Festa-Crime“-Bände.

Autor

Dan Simmons wurde 1948 in Peoria, Illinois, geboren. Er studierte Englisch und wurde 1971 Lehrer; diesen Beruf übte er 18 Jahre aus. In diesem Rahmen leitete er eine Schreibschule; noch heute ist er gern gesehener Gastdozent auf einschlägigen Workshops für Jugendliche und Erwachsene.

Als Schriftsteller ist Simmons seit 1982 tätig. Fünf Jahre später wurde er vom Amateur zum Profi – und zum zuverlässigen Lieferanten unterhaltsamer Pageturner. Simmons ist vielseitig, lässt sich in keine Schublade stecken, versucht sich immer wieder in neuen Genres, gewinnt dem Bekannten ungewöhnliche Seiten ab.

Über Leben und Werk von Dan Simmons informiert die schön gestaltete Website.

Copyright © 2012/2017 by Michael Drewniok (md)

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