Es kocht in Käfig 5

E. Richard Johnson
Es kocht in Käfig 5

Originaltitel: Cage Five Is Going to Break (New York : Harper & Row 1970/London : Macmillan 1971)
Übersetzung: Ute Schumann
Deutsche Erstausgabe: 1971 (Ullstein Verlag/Ullstein Krimi 1375)
160 S.
ISBN-13: 978-3-548-01375-6

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Das geschieht:

Murphy-Farm, unfreiwillige Heimat für mehr als 1000 Schwerverbrecher, liegt tief in den US-amerikanischen Südstaaten. Hier halten die braven Bürger noch viel von alttestamentarischer ‚Gerechtigkeit‘. Deshalb wird in Murphy gebüßt, was für die Insassen Schwerstarbeit in glühender Hitze, Dreck, mieses Essen und Peitschen-Prügel bedeutet. Jay Stone ist nur nomineller Leiter dieser Anstalt, denn die wahre Macht liegt bei Captain „Black Hans“ Hartmann, der mit eiserner Faust und einhundert berittenen, schwer bewaffneten Wächtern über Murphy-Farm herrscht.

In Murphy-Farm sitzen die härtesten der harten Jungs. Die Insassen von Zelle 5 im A-Block bilden einen repräsentativen Querschnitt: Sonny Lee, geborener Verlierer, bekam 20 Jahre für einen Autodiebstahl; Bud Dakota, ein Indianer, brachte einen Falschspieler um, der allerdings weiß war, was ihm lebenslänglich eintrug; Cleb Lightburn verletzte seine ehebrecherische Frau so schwer, dass ihn sogar seine frommen Landsleute für vierzig Jahre hinter Gitter schickten; Lucky Joe Shank ist seinem Spitznamen zum Trotz ein Pechvogel, der sich noch jedes Mal schnappen ließ und nun bis ans Ende seiner Tage büßen wird, Dizzy Mingus, der seine Finger nicht vom Stallvieh lassen konnte, ist ein Schwachsinniger, den auch 80 Jahre Haft kaum zu einem besseren Menschen machen werden.

Doch das Sagen hat in Zelle 5 Stacey Tate, ein Räuber, der 100 Jahre Knast nicht abzubrummen gedenkt. Er plant das Unmögliche: die Flucht aus Murphy, die bisher noch für jeden Ausbrecher unter den Kugeln von „Hartmanns Hundert“ endete. Seine Zellengenossen wollen mit ihm fliehen. Das sollen sie auch, denn Tate braucht sie als Kanonenfutter, das er den Verfolgern opfern wird. Seinen Kumpanen ist dies durchaus klar, doch sie sind verzweifelte Männer, die nichts zu verlieren haben. Aber es gibt einen Verräter in Zelle 5. Als der Ausbruch stattfindet, setzt er eine Kettenreaktion von Gewalt in Gang, die selbst Murphy-Farm noch nicht gesehen hat …

Ganz unten in der Hölle auf Erden

Eine echte Entdeckung ist dieser kleine, schmutzige, moralfreie, ungemein spannende Reißer, dessen deutscher Titel zwar sträflich falsch übersetzt wurde – „Zelle 5 will türmen“ lautet korrekt der Inhalt des Kassibers, mit dem der Verräter den Ausbruch ankündigt –, aber trotzdem seinen Zweck erfüllte: nämlich möglichst viele Leser anzulocken, denn wer könnte einer verheißungsvollen Ankündigung wie „Es kocht in Zelle 5“ widerstehen?

Ungeachtet dessen verbirgt sich hinter diesem Roman keine Hölle-hinter-Gittern-Plotte, sondern ein dichter, atmosphärisch stimmiger und überzeugender Thriller. Kein Wunder, wenn man den Lebenslauf des Verfassers kennt, aber das allein ist es nicht: E. R. Johnson kann schreiben; nicht gut im Sinne von ‚literarisch wertvoll‘, aber mit Herzblut, was gewisse formale Schwächen ausgleicht: Besonders genial ist Staceys Plan beispielsweise nicht, aber er ist ja wie gesagt auch nur schlau, was echte Intelligenz nicht zwangsläufig voraussetzt …

Besonders angenehm ist die völlige Abwesenheit des erhobenen Zeigefingers, der so viele Krimis älteren Jahrgangs heute unleserlich wirken lässt. Verbrechen lohnt nicht, das Gute siegt immer: Nur im Geiste schlichte Zeitgenossen können solchen und anderen frommen Wünschen noch Glauben schenken. Johnson denkt und schreibt nicht so, und das lässt „Es kocht in Käfig 5“ zeitlos wirken. Wie wir dank des privaten Fernsehens wissen, sind Anstalten wie Murphy-Farm in den USA niemals aus der Mode gekommen. In den letzten Jahren scheinen sie an Zahl sogar noch zuzunehmen. Rehabilitierung gilt im Land der unbeschränkten Möglichkeiten als teurer, gefährlicher Unfug. Die anständigen Leute müssen vor den Lumpen geschützt werden, und kann man diese nicht hängen, grillen oder totspritzen, dann möchte man sie doch wenigstens einsperren und den Schlüssel wegwerfen.

Wenn nur noch die Gewalt regiert

Die Existenz echter Strolche wird von Johnson keineswegs bestritten: Die Männer aus Zelle 5 und die übrigen Bewohner von Murphy-Farm sind definitiv der Abschaum dieser Erde. Sie haben sich ihre Strafen mehr als redlich verdient. Allerdings schließt die Verdammung die scheinbar Guten mit ein: Sowohl die Gefängnisleitung als auch besonders „Hartmanns Hundert“ demonstrieren eindrucksvoll, wie ein System, das primär auf Strafe aufbaut, auch die Vertreter von Recht & Ordnung verrohen lässt.

Murphy-Farm zerstört alle, die in ihren Mauern ausharren müssen. Dass erst Zelle 5 und dann die ganze Haftanstalt überkocht, ist quasi das logische Ergebnis, die systematisch herbeigeführte Katastrophe. Wenn auch das Gesetz wieder siegt, so geschieht dies keineswegs glanzvoll, sondern einfach deshalb, weil es noch brutaler als seine Gegner vorgeht. Johnson drückt es in seinem genial-lakonischen Schlusssatz über das Murphyversum so aus: „Es war ein unschlagbares System“.

Autor

Emil Richard Johnson wurde 1938 als jüngstes von fünf Kindern in Printice, Wisconsin, geboren. Der Schule folgte der Eintritt in die Armee, wo Johnson es bis zum Sergeant brachte. Dann erfolgte der Bruch – ab 1960 ließ Johnson sich treiben, zog unstet durch die USA und versuchte sich schließlich als Räuber; zwei Jahre später endete in Minnesota einer von vielen bewaffneter Überfällen in einem Fiasko, bei dem ein Wächter sein Leben ließ. Johnson landete 1964 im Staatsgefängnis von Stillwater, wo er eine vierzigjährige Haftstrafe abbüßen sollte.

In Stillwater trieb ihn die Langeweile zur Schriftstellerei. Johnson war (wenn frei) ein begeisterter Jäger und Angler. Darüber schrieb er Artikel, außerdem Kurzgeschichten und Rätsel für Kinder-Magazine. 1968 versuchte er sich an einem Kriminalroman. „Silver Street“ (dt. „Der Tod auf Silver Street“), ein Cops-and-Robbers-Spektakel der gänzlich unsentimentalen Art, wurde ein glänzender Start in Johnsons Schriftsteller-Karriere und gewann den „Edgar Award“ für den besten Thriller des Jahres; er wurde Johnson im Gefängnis überreicht.

Schnell folgten weitere Romane, von denen “Mongo’s Back in Town” (1969, dt. „Der dreizehnte Kontrakt“) sogar verfilmt wurde. Johnson wurde reich und berühmt, aber nicht glücklich; Mitte der 70er Jahre geriet er ans Rauschgift, das er sich nun auch im Gefängnis leisten konnte. Er schrieb nicht mehr, und 1979 stand er gleich mehrfach kurz davor, einer Überdosis zu erliegen. Wider Erwarten fing er sich, kam von den Drogen los, fand sogar eine Ehefrau und begann wieder zu schreiben. 1989 wurde er begnadigt. Aber das Happy-End blieb aus: Die Ehe scheiterte, und Johnson verfiel dem Alkohol. Am 18. Dezember 1997 wurde er tot in seiner Wohnung gefunden.

Auf sein Leben ist E. Richard Johnson im Rückblick nicht stolz gewesen; auf seine Bücher schon. „Es kocht in Käfig 5“ galt ihm und der Kritik als mittelmäßiges Werk; den Lektürespaß mindert das jedoch in keiner Weise. Stattdessen wünscht man sich, mehr von diesem Mann zu lesen, der „NUR ZU GUT WEISS, WORÜBER ER SCHREIBT“, wie der Ullstein-Verlag auf der Umschlag-Rückseite mahnend in Versalien hervorhebt.

Copyright © 2009/2016 by Michael Drewniok (md)

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