Fahr langsam übers Massengrab

Ed McBain
Fahr langsam übers Massengrab

Originaltitel: Hail to the Chief (New York : Random House 1973)
Übersetzung: Helmut Bittner
Deutsche Erstveröffentlichung: 1974 (Ullstein Verlag/Ullstein-Krimi 1633)
128 S.
ISBN-13: 978-3-548-01633-7

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Das geschieht:

Ein bizarrer Massenmord gibt der Polizei der US-Großstadt Isola in diesen eisigen Januartagen Rätsel auf. In einer Baugrube fand man drei Männer, zwei Frauen und ein Kleinkind – nackt und von Kugeln durchsiebt. Der Fall wird den Beamten Steve Carella und Bert Kling übertragen. Sie finden heraus, dass dieses Massaker an anderem Ort stattfand; die Leichen wurden später entsorgt.

Die Tat ist Teil eines Bandeskrieges, den Randall Nesbitt, ‚Präsident‘ der „Yankee Rebels“, unlängst angezettelt hat. Er sieht sich nicht als Krimineller, sondern als quasi von Gott gesandter Retter, der mit dem Gesindel aufräumen wird, das die Straßen mit Drogen und Prostitution verseucht. Aktuell hat Nesbitt  gleich zwei Konkurrenten im Visier – die „Death Heads“ und die „Scarlet Avengers“, deren Anführer er im Handstreich niedermetzeln ließ.

Obwohl die Polizei intensiv Nachforschungen anstellt, lässt Nesbitt keineswegs von seinen Plänen ab. Er übt sein Terrorregime aus, eliminiert ‚Verräter‘ in den eigenen Reihen, fühlt sich unverwundbar und steigert sich immer stärker in seinen Größenwahn hinein. Während Carella und seine Kollegen mit ihren Ermittlungen im notorisch verschwiegenen Bandenmilieu nur mühsam vorankommen, gedenkt sich Nesbitt seine Feinde endgültig auszuschalten. Die „Death Heads“ und die „Avengers“ sollen sterben – Männer, Frauen, Kinder. Zivile Kollateralschäden kalkuliert Nesbitt ein, als sich seine mit Granaten und Gewehren schwer bewaffnete Horde auf den Kriegspfad begibt …

Krimi ohne Überraschungen?

Mit „Fahr langsam übers Massengrab“ schrieb Ed McBain 1973 bereits den 28. Roman um das 87. Polizeirevier in der fiktiven US-Großstadt Isola. Die Reihe war längst so gut eingeführt und erfolgreich, dass sich der Verfasser Experimente erlauben konnte – und wohl auch musste, um Wiederholungen zu vermeiden. McBain zeigte sich ideenreich. In diesem Fall schrieb er einen Krimi, der im ersten Kapitel den Fall mit den üblichen Rätseln entwickelte, um im zweiten Kapitel sowohl den Täter als auch den Tathergang mit sämtlichen Details zu nennen. „Fahr langsam übers Massengrab“ ist somit weder ein „Whodunit“ noch ein „Howdunit“ und damit ein recht seltener und seltsamer Vertreter seines Genres.

Wer nunmehr davon ausgeht, dass McBain seiner Geschichte auf diese Weise ein verfrühtes Ende beschert, irrt gewaltig. Die Handlung nimmt einen spannenden und völlig unerwarteten Verlauf. „Fahr langsam übers Massengrab“ – für den dämlichen deutschen Titel kann der Autor wieder einmal nichts – wird zum „Whydunit“. Fortan wechselt McBain kapitelweise die Erzählperspektive. Handlungsstrang A schildert klassisch den Fortgang der polizeilichen Ermittlungsarbeit. Carella und die Beamten vom 87. Revier sichern mühsam Indizien, denen sie langsam aber entschlossen nachgehen. Viel Fußarbeit führt immer wieder in Sackgassen oder lässt die Polizisten auf Schicksale treffen, die mit dem aktuellen Fall zwar nichts zu tun haben, ohne sie dabei ungerührt zu lassen. Hinzu kommen private Probleme, mit denen die bereits beruflich überforderten Männer zusätzlich fertigwerden müssen.

Der kleine Hitler aus dem Getto

Handlungsstrang B wird zum Monolog des Randall Nesbitt, der nach dem blutig gescheiterten ‚Krieg‘ festgenommen wurde, seine Sicht der Ereignisse darlegt und dabei vor Zeugen gleichsam sein politisches Vermächtnis diktiert. Dieser schier endlose Redeschwall birgt Motive und Ursachen des Konfliktes, der mehrere Straßenzüge von Isola verwüstete.

Nesbitt sieht sich selbst als Retter ‚seines‘ unterprivilegierten Volkes. Er hat sich vollständig außerhalb des Gesetzes gestellt und aus nur halb verstandenen Quellen eigenständige Regeln formuliert, die seine Untertanen in anständige und moralisch einwandfreie Zeitgenossen verwandeln soll. Dabei akzeptiert Nesbitt weder Widerstand noch Kritik. Er verfügt über Cleverness und Charisma, weshalb ihm die „Yankee Rebels“ folgen. Nesbitt manipuliert; geschickt splittert er seinen Machtapparat so auf, dass allein bei ihm die Fäden zusammenlaufen. Kriminelle Aktionen werden ideologisch verklärt, bis auch diejenigen „Rebels“, die noch zögerten, sich vom Sog mitreißen reißen.

Die Geschichte von Randall Nesbitt und den „Yankee Rebels“ wird zum Spiegelbild der nazideutschen Realität unter Adolf Hitler. Bereits im Originaltitel deutet McBain es nicht nur an: „Hail to the Chief“ kann sowohl „Grüßet den Anführer“ als auch „Heil dem Führer“ bedeuten. Nesbitt ist der eine, denkt und handelt aber wie der andere. McBain lässt offen, ob er selbst dies begreift; Nesbitt spricht die Parallelen mit keinem Wort an.

Dummheit ist der Katalysator

In der Tat ist fraglich, ob er sie sehen könnte. An einer Stelle zitiert McBain aus dem Brief eines Sozialarbeiters, der versucht hatte, Frieden zwischen den rivalisierenden Banden zu stiften, und dem bald klar wurde, dass Nesbitt ein „egoistischer, brutaler, herzloser, humorloser, puritanischer und im Grunde ziemlich dummer Mensch“ war (S. 99) – eine Erkenntnis, die ihn nicht vor einem elenden Ende bewahrte, und ein Beispiel für die Ironie, die McBain elegant und beinahe unmerklich in seine Romane einfließen ließ, die doch ‚nur‘ Krimis waren.

Ebenso fasziniert wie entsetzt verfolgt der Leser, wie eine Auseinandersetzung zwischen Gangs eskaliert, weil ein selbsternannter Führer ebenso gedankenlos wie konsequent immer wieder Öl ins Feuer gießt. McBain konstruiert eine Kettenreaktion, die nach langsamem Beginn immer stärker an Tempo gewinnt. Dennoch steht das Ende fest: Genannte Reaktion wird schließlich vor allem ihre Auslöser unter sich begraben. Schon Nazideutschland war untergegangen, nachdem es einen Weltkrieg angezettelt hatte, den es nie gewinnen konnte, ohne dies zu begreifen.

Am Ende steht die Ernüchterung. Die stolzen ‚Krieger‘ der „Yankee Rebels“ sitzen festgenommen zwischen ganz normalen Verbrechern. Auf sie warten die Mühlen des etablierten Gesetzes, die stark und unerbittlich und vor allem ohne Rücksicht auf den angemaßten Übermenschen-Rang die „Rebels“ zermahlen werden. Betont sachlich stellt der Autor diesen Vorgang dar, der deshalb den Straßenkämpfern umso größere Angst einjagt. McBain ist kein Moralprediger, was im Bund mit einer perfekten Beherrschung der „police procedurals“ dem Verzicht auf jegliche Gefühlsduseligkeit sowie einem ausgeprägten Sinn für spannende, mitreißende Plots einer der Gründe für die Zeitlosigkeit seiner Romane um das 87. Revier ist.

Autor

Ed McBain wurde als Salvatore Albert Lombino am 15. Oktober 1926 geboren. Dies war in den USA in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg kein Name, der einem ehrgeizigen Nachwuchsschriftsteller hilfreich gewesen wäre. Also ‚amerikanisierte‘ sich Lombino 1952 zu Evan Hunter und schrieb ‚richtige‘ Bücher, d. h. Literatur mit Botschaft und Anspruch, darüber hinaus Kinderbücher und Drehbücher.

Da sich der Erfolg in Grenzen hielt, wählte Vollprofi Hunter ein neues Pseudonym und verfasste als „Ed McBain“ den ersten der von Anfang an als Serie konzipierten Kriminalromane um das 87. Polizeirevier. Schnelles Geld sollten sie vor allem bringen und ohne großen Aufwand zu recherchieren sein. Deshalb ist Isola mehr oder weniger das Spiegelbild von New York, wo Lombino im italienischen Getto East Harlems groß wurde. Aber Hunter bzw. McBain kochte nicht einfach alte Erfolgsrezepte auf Er schuf ein neues Konzept, ließ realistisch gezeichnete Polizisten im Team auf ‚richtigen‘ Straßen ihren Job erledigen. Das Subgenre „police procedural“ hat er nicht erfunden aber entscheidend geprägt.

1956 erschien „Cop Hater“ (dt. „Polizisten leben gefährlich“). Schnell kam der Erfolg und es folgten bis 2005 54 weitere Folgen dieser Serie, der McBain niemals überdrüssig wurde, obwohl er ‚nebenher‘ weiter als Evan Hunter publizierte und als McBain die 13-teilige Serie um den Anwalt Matthew Hope verfasste. Mehr als 100 Romane umfasste das Gesamtwerk schließlich – solides Handwerk, oft genug Überdurchschnittliches, geradlinig und gern fast dokumentarisch in Szene gesetzt, immer lesenswert –, als der Verfasser am 6. Juli 2005 einem Krebsleiden erlag.

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