Falscher Zauber

Carol O’Connell
Falscher Zauber
(Mallory-Serie, Bd. 5)

Originaltitel: Shell Game (New York : G. P. Putnam’s Sons 1999)
Übersetzung: Berthold Radke
Deutsche Erstveröffentlichung: März 2003 (Goldmann Verlag/TB-Nr. 44971)
511 S.
ISBN-13: 978-3-442-44971-2

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Das geschieht:

Fünf alte Zaubermeister kommen noch einmal zusammen, um dem Publikum die größten Tricks eines verstorbenen Kollegen zu präsentieren. Leider ist nicht mehr ganz genau bekannt, wie diese funktionieren, was fatale Auswirkungen hat: Magier Oliver Tree entkommt nicht wie geplant seiner sorgfältig konstruierten Todesfalle, sondern wird von gleich vier Armbrustpfeilen aufgespießt. Er ist das erste Opfer, aber er wird nicht das letzte bleiben.

Ein Unfall – so die Polizei. Mord – so Kathleen Mallory, die Kriminalistin mit dem rasiermesserscharfen Verstand, aber ohne Herz oder Seele. Gegen den Widerstand ihres Partners Charles Riker oder ihres Mitstreiters Charles Butler und ohne Rücksicht auf die Medien macht sich Mallory an die Aufklärung des Falls.

Die fünf alten Männer teilen ein düsteres Geheimnis: Vor mehr als einem halben Jahrhundert lebten und zauberten sie im von den Deutschen besetzten Frankreich. Stets wurden sie von den Nazis bedroht, mit denen sie wahlweise kollaborierten, die sie betrogen oder im Widerstand bekämpften. 1942 brach der Kreis nach dem Mord an der schönen und blutjungen Louisa Malakhai auseinander. Einer der Freunde muss sie umgebracht haben, so Mallory, und nun ist der Tag der Abrechnung gekommen. Doch wieso ließ die Rache so lange auf sich warten? Mallory verdächtigt Malakhai, dem eine Krankheit nur noch wenig Zeit zur Rache lässt und der sich außerdem nach 1942 als Heckenschütze verdingte, bis er sogar der Armee zu unheimlich wurde.

Es beginnt ein Duell zwischen Mallory und Malakhai, das unterschwellig durchaus erotische Züge aufweist: Zwei psychotische Seelen haben sich gefunden und können voneinander nicht lassen. Dieses Feld wird nur eine/r lebendig verlassen, aber selbst das ist nicht sicher …

Ende einer Fahnenstange

Die Thriller der Carol O’Connell waren schon immer ein wenig anders. Zum solide fundamentieren, komplexen und sorgfältig entwickelten Plot kommen Figuren, die ihresgleichen suchen. Die Hauptperson ist eine lupenreine Soziopathin. „Maschine Mallory“ gilt als Frau ohne Seele. Ganz so einfach ist es natürlich nicht, aber als ‚normal‘ kann man sie in der Tat keinesfalls bezeichnen.

Bekanntlich tummeln sich im modernen Thriller geistig deformierte Übeltäter rudelweise. Sie waten jedoch in der Regel nur durch Blut & Gedärme und erzeugen im entsprechend gepolten Leserhirn (wohligen) Ekel. O‘Connell schafft jedoch etwas Größeres: eine fremde, seltsame Welt – die Welt von Mallory, die neben der unseren existiert aber nur wenige Berührungspunkt aufweist.

Was das genau bedeutet, vermag uns die Autorin dieses Mal leider nicht mehr ganz so deutlich zu machen wie in den ersten vier Bänden der Mallory-Serie, die auch eine Odyssee der Heldin in die eigene Vergangenheit darstellten. Im fernen Lousiana kam es zum Showdown mit Mallorys Dämonen (s. „Der steinerne Engel“). Damit war ihr persönlicher Passionsweg eigentlich zu Ende.

Schritt zur Seite

In „Falscher Zauber“ schaltet die Autorin notgedrungen einen Gang zurück. Wir sind zwar erneut in New York, der Alltag hat unser Dreigestirn Mallory – Riker – Charles Butler wieder. Der Fokus hat sich jedoch leicht verschoben. Nicht mehr Mallory und ihr bizarres Schicksal stehen im Mittelpunkt. Der auf seine Art seelisch beschädigte Malakhai nimmt diesen Platz ein. Er ist eine Art älterer Mallory, was die Anziehungskraft zwischen dem ungleichen Paar erklärt.

Erst das Schlusskapitel spielt wieder in Mallorys privater Schattenwelt. Sie zeigt inzwischen Schwachpunkte und Gefühle, doch die ebenso ausgeklügelte wie unbarmherzige seelische Hinrichtung des vom Gesetz aber nicht von Mallory unbestraft bleibenden Mörders zeigt, dass sie wohl niemals ein ordentliches Mitglied der menschlichen Gesellschaft werden kann.

Mallorys Begleiter treten ein Stück weiter ins Rampenlicht, was nur bedingt funktioniert, weil sie es mit der Faszination ihres eiskalten Engels nicht aufnehmen können. Zudem – oder deshalb? – fällt O’Connell nur wenig Neues zu ihnen ein. Kollege Riker bemüht sich also weiterhin, das Vermächtnis seines Freundes Markowitz zu erfüllen und dessen Pflegetochter väterlich oder wenigstens freundschaftlich von einer menschlichen Zeitbombe in eine Polizei-Kollegin und womöglich eine zivilisierte Zeitgenossin zu verwandeln; ein undankbarer Job, der mit ständigem Ärger und Frustrationen verbunden ist. Riker gibt dennoch nicht auf und lässt dabei Einblicke in einen Charakter zu, der sich nicht auf den ausgebrannten, zynischen Klischee-Bullen beschränken lässt.

Wille zur Veränderung

Charles Butler bemüht sich ebenfalls um Mallory, in die er weiterhin hoffnungslos verliebt ist. Das dürfte Stoff für weitere Romane geben, denn diese Lovestory kann kaum ein Happy-End finden. „Falscher Zauber“ zeigt den hochintelligenten aber allzu menschlichen und daher verletzlichen Butler immerhin von einer neuen Seite. Er begibt sich in Lebensgefahr, doch statt sich wie gehabt von Mallory retten zu lassen, behält er dieses Mal das Heft selbst in der Hand.

Malakhai, der charismatische Killer mit der Geisterfrau, ist eine typische, d. h. schwer zu fassende oder einzuschätzende O‘Connell-Figur. Niemals erklärt die Verfasserin wirklich, wie Malakhais erstaunlichen Tricks funktionieren. Sie impliziert dadurch, dass er womöglich wirklich zaubern kann. Vielleicht finden einige seiner Tricks aber auch nur in Mallorys außerhalb der Norm arbeitendem Geist statt.

Großartig ist die Idee, Malakhais Gedächtnis sich selbst allmählich löschen zu lassen. Der Rächer steht nicht nur im Wettlauf mit der Polizei, sondern auch mit dem eigenen Hirn, denn mordet er nicht rasch genug, vergisst er darüber seine Rache. (Keine Sorge, dies ist kein Spoiler – O’Connell erzählt uns bereits auf den ersten Seiten, wer hinter den magischen Morden steckt – ihr geht es um das Warum und Wie.) Auf diese Weise schließt der Leser versöhnt ein Buch, das primär im Vergleich mit den Vorgängerbänden leicht enttäuscht, für sie allein (und erst Recht im Vergleich mit zu vielen anderen Krimis) jedoch überdurchschnittliche Unterhaltung bieten kann.

Autorin

Carol O’Connell (geb. 1947) verdiente sich ihren Lebensunterhalt viele Jahre als zwar studierte aber weitgehend brotlose Künstlerin. Zwischen den seltenen Verkäufen eines Bildes las sie fremder Leute Texte Korrektur – und sie versuchte sich an einem Kriminalroman der etwas ungewöhnlichen Art.

1993 schickte O’Connell das Manuskript von „Mallory’s Oracle“ (dt. „Mallorys Orakel“/„Ein Ort zum Sterben“) an das Verlagshaus Hutchinson: nach England! Dies geschah, weil Hutchinson auch die von O’Connell verehrte Thriller-Queen Ruth Rendell verlegte und möglicherweise freundlicher zu einer Anfängerin sein würde.

Vielleicht naiv gedacht, vielleicht aber auch ein kluger Schachzug (und vielleicht nur eine moderne Legende). Hutchinson erkannte jedenfalls die Qualitäten von „Mallory’s Oracle“, erwarb die Weltrechte und verkaufte sie profitabel auf der Frankfurter Buchmesse. Als der Roman dann in die USA ging, musste der Verlag Putnam eine aus Sicht der Autorin angenehm hohe Geldsumme locker machen.

Seither schreibt O’Connell verständlicherweise hauptberuflich; vor allem neue Mallory-Geschichten, aber auch ebenfalls erfolgreiche Romane außerhalb der Serie. Carol O’Connell lebt und arbeitet in New York City.

Copyright © 2018 by Michael Drewniok (md)

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Ein Ort zum Sterben

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