Feuereifer

Sara Paretsky
Feuereifer

(V.-I.-Warshawsky-Reihe, Bd. 12)

Originaltitel: Fire Sale (New York : Putnam Adult/Penguin Group 2005)
Übersetzung: Sibylle Schmidt
Deutsche Erstausgabe (geb.): Februar 2007 (Goldmann Verlag)
448 S.
ISBN-13: 978-3-442-31001-2
Neuausgabe: Februar 2009 (Goldmann Verlag/TB Nr. 46860)
448 S.
ISBN-13: 978-3-442-46860-7
eBook: April 2010 (Goldmann Verlag)
592 KB
ISBN-13: 978-3-641-04022-2

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Das geschieht:

Die South Side gehört zu jenen Vierteln der Stadt Chicago, in die sich der brave Mittelstandsbürger ungern verirrt. Armut, familiäre Gewalt, Massenarbeitslosigkeit und Kriminalität gehören zum Alltag der Bewohner, die vom Establishment als Verlierer und Faulpelze abgestempelt werden.

Eine, die es geschafft hat, der South Side zu entfliehen, ist Victoria Iphigenia Warshawski, die eine kleine Detektei besitzt und selten an die Vergangenheit denkt, bis diese sie eines Tages einholt: Eine Lehrerin ihrer alten Schule bittet sie, als Trainerin des weiblichen Basketball-Teams einzuspringen. Vic übernimmt sogar einen Fall ohne Bezahlung: Eine der unterbezahlten Arbeiterinnen der Hinterhoffirma „Fly the Flag“ berichtet von diversen Sabotageakten. Frank Zamar, der Eigentümer, leugnet dies freilich und fordert Vic auf, ihre Arbeit einzustellen; seine deutlich erkennbare Angst lässt die erfahrene Detektivin erkennen, dass hier etwas faul ist.

Die finanzielle Not des ihr anvertrauten Basketball-Teams lässt Vic nach Sponsoren Ausschau halten. Sie recherchiert, dass vor vielen Jahrzehnten William „Buffalo Bill“ Bysen zu den Schülern der Bertha Palmer High gehörte. Heute ist Bysen Herrscher der gigantischen „By-Smart“-Kette, die Filialen überall in den USA besitzt und gerade zum Sprung nach Europa ansetzt. Allerdings ist Bysen ein bigotter, rassistischer und chauvinistischer Kapitalist der ganz alten und im Zeitalter der Globalisierung wieder aktuellen Schule. Wer für „By-Smart“-arbeitet, wird gegängelt und ausgebeutet.

Vic kann die Aufmerksamkeit von Enkel William III. Der junge Billy hat ein Herz für die Unterprivilegierten. Weil er deshalb von seinem Vater, dessen Brüdern und vom Großvater attackiert wird, taucht er unter und droht mit der Aufdeckung einer Verschwörung. Bevor Vic nachhaken kann, fliegt „Fly the Flag“ in die Luft. Dabei verletzt und von der Polizei beargwöhnt setzt Vic ihre Ermittlungen fort, sodas jene, die um ihr schmutziges Geheimnis fürchten, weitere Mordmaßnahmen aushecken …

Veteranin des echten Frauen-Krimis

In den frühen 1980er Jahren gehörte Sara Paretsky zu den treibenden Kräftenm die ein ein neuen Subgenres des Kriminalromans definierten. Weibliche Detektive hatte es zwar schon früher gegeben, doch sie wurden in der Regel als kuriose Ausnahmen oder Kopien ihrer männlichen Kollegen charakterisiert. Mit Marcia Muller, Lynda Barnes oder eben Paretsky wurden Schriftstellerinnen aktiv, die sich als Feministinnen und Frauenrechtlerinnen sahen, doch ihre Ansichten nicht politisch, sondern literarisch propagierten. Völlig richtig rechneten sie damit, von einem breiteren Publikum zur Kenntnis genommen zu werden, wenn sie ihre Anliegen in unterhaltsame Geschichten integrierten, statt verbissen und humorfrei zu predigen.

Sara Paretsky schuf mit V. I. Warshawski also keine Galionsfigur des Feminismus‘, sondern gönnte dieser Figur ein wesentlich breiteres geistiges Spektrum. Warshawski bewahrt sich stets den Blick für das Ganze, wobei ihr ein Studium und berufliche Erfahrungen ermöglichen, diesen auch hinter die Kulissen des Establishments zu richten.

Dort findet Warshawski, was sie in Vertretung von Paretsky empört: politische Machenschaften, ungelöst bleibende, weil ‚oben‘ ignorierte wirtschaftliche und soziale Missstände, Verdummung und Unterdrückung im angeblichen Namen Gottes. Auch „Feuereifer“ bietet einen schauerlichen Cocktail drastisch geschilderter Ungerechtigkeiten, aus denen sich eine an Spannung stetig zunehmende Handlung entwickelt.

Älter aber nicht weiser, sondern wachsam

Obwohl V. I. Warshawski seit mehr als einem Vierteljahrhundert ermittelt und dabei wie die Bewohner ihrer kleinen privaten Welt offensichtlich nicht alterte (der anhängliche Mr. Contreras oder Doktor/Übermutter Lotti Herschel müssten inzwischen mindestens 100 Jahre zählen), ist sie geistig nie stehen geblieben. Das betrifft nicht nur ihr Handwerk – Vic arbeitet längst mit Handy und Notebook -, sondern auch ihre Einstellung.

Nach wie vor ist sie dünnhäutig, wenn sie in die schattigen Zonen des Alltagslebens gerät. In „Feuereifer“ flackert ihr Zorn auf, weil die ihr anvertrauten Schülerinnen ihre Zukunft durch frühe Schwangerschaften, die Mitgliedschaft in einer Gang oder Schulflucht auch deshalb versauen, weil sie nicht gegen ihr Schicksal aufbegehren: Der Impuls, der die jungen Frauen der Warshawski-Generation zum Widerstand gegen verkrustete Normen trieb, ist im 21. Jahrhundert erloschen. Das erkennt Vic, ohne deshalb in Erinnerungen an ‚ihre‘ Zeit zu schwelgen. Stattdessen überdenkt sie ihre Strategie, um trotzdem helfen zu können.

Auch sonst ist Warshawski kein verbitterter Blaustrumpf, sondern eine selbstbewusste Frau mit sehr alltäglichen beruflichen und privaten Problemen, die weit über das Suchen, Finden und Festhalten von Mr. Right hinausgreifen. Die Freunde des „Lady Thrillers“ werden (und sollen) an V. I. Warshawski kaum Freude haben. Dümmliche Seifenoper-Einlagen fallen aus.

Ein (böses) Exempel statuieren

Die Bysens sind natürlich mehr als eine schreckliche Familie. Als Figuren mögen sie sarkastisch überzeichnet wirken. Die unschöne Alternative ist freilich, dass sie der Realität entsprechen – selbstgerechte, psychisch beschädigte Heuchler, die eine Gunst der Stunde nutzten, um sich Macht und Einfluss in einem Maß zu verschaffen, das sie überfordert.

Die Bysens verkörpern, was Paretsky – dank eigener Berufserfahrungen Insiderin – über die Wirtschaftsstruktur der Gegenwart denkt: Hinter modernen Konzernen stehen wie zu allen Zeiten konservativ denkende Menschen, deren Denken und Handeln allein um die Mehrung angehäuften Vermögens kreist.

Eigentum verpflichtet, so spricht die Kirche, die alle Bysens eifrig besuchen. Was unter Menschenhilfe fällt, bestimmen allein sie, denn sie zahlen schließlich dafür. Die Kirche hat damit offenbar keine Schwierigkeiten, und so fließen breite Ströme von Bysen-Geld in afrikanische Missionsprojekte, Anti-Abtreibungs-Gruppen und andere fromme Werke, während die Menschen, die für „By-Smart“ arbeiten, skrupellos ausgebeutet; ein Gedanke, den die Bysens selbstverständlich weit von sich weisen. Sie müssen sich – auch das ist nicht nur US-amerikanische Tradition – die Finger nicht selbst schmutzig machen. Dafür bezahlen sie Lakaien, von denen sie nur hören wollen, dass ihr Wille geschehe. Das Wie interessiert sie nicht.

Hund frisst Hund

Was klingt wie ein Nachhall von Marx & Engels, ist nur zu real. Paretsky führt es uns am Beispiel des Bysen-Konzerns vor, der wie ein Krake sein Fangarme um die ganze Welt schlingt und sich seinen Weg mit dem Zauberwort „Globalisierung“ bahnt: Mit der Drohung, die Produktion ins Ausland zu verlagern, werden inländische Arbeitskräfte zermürbt und zu Konzessionen gezwungen, die sie, die ohnehin keinen finanziellen Spielraum haben, noch tiefer in die Not stürzen. Die South Side von Warshawskis Heimatstadt verwandelt sich in eine trostlose soziale Wüste, deren Bewohner unter Aufgabe jeglicher Solidarität um ihr bisschen Leben kämpfen.

Wie Armut Menschen nicht nur zerstört, sondern in Bestien verwandelt, verdeutlicht Paretsky auf denkbar deprimierende Weise: Wie Sisyphos bemüht sich Warshawski zu helfen, doch denen sie den kleinen Finger reicht, greifen ihre ganze Hand und lassen nicht mehr los, ziehen Warshawski eher mit sich in den Abgrund: Endlich kümmert sich jemand um sie, und das wird brutal ausgenutzt, denn wer weiß, ob so etwas noch einmal geschieht. Dankbarkeit ist ein Luxus, den sich in der South Side niemand leisten kann. Wie ein Hamster im Rad rennt Warshawski von Notfall zu Notfall, geht finanziell und gesundheitlich zugrunde dabei und kann es doch niemandem recht machen. Die Verwandlung von Menschen in Bestien ist wohl das größte Verbrechen der Bysens dieser Welt. Es bleibt auch in diesem Krimi – sehr realistisch – unbestraft.

Autorin

Sara Paretsky (geb. am 8. Juni 1947 in Ames, Iowa) wuchs in Lawrence, Kansas, auf. 1966 zog sie nach Chicago um. Hier arbeitete sie als Sekretärin und begann sich zu engagieren: Dies waren die Jahren, in denen die Jugend der USA sich gegen den Krieg in Vietnam, den Rassismus im eigenen Land und für die Menschenrechte engagierte. Paretsky fügte dem noch ihren Kampf für die Rechte der Frau hinzu. Konsequent verwirklichte sie diese für die eigene Person, studierte Wirtschaft und Geschichte, promovierte 1977 und arbeitete bis 1985 als Verkaufsmanagerin einer großen Versicherungsgesellschaft.

1986 beschloss Paretsky eine Laufbahn als hauptberufliche Schriftstellerin. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie bereits drei Romane um Vic Warshawsky, eine Privatdetektivin in Chicago, verfasst, die von den beruflichen und persönlichen Erfahrungen ihrer geistigen Mutter profitierten. Sara Paretsky gehört zu den Autorinnen, die in den 1980er Jahren dem Genre wichtige Neuimpulse gaben.

Der Kamillentee-”Lady“-Thriller wurde endlich ergänzt vom modernen „Privat-Eye“-Krimi, dessen Protagonistinnen nicht als Abziehbild ihrer hartgesottenen männlichen Vorbilder agierten, sondern eigene Wege gingen. V. I. Warshawski hat inzwischen die meisten ihrer fiktiven Zeitgenossinnen (und eine wahrhaft schauerliche Hollywood-Verfilmung) überlebt und hält die Ideale ihrer Vergangenheit weiterhin hoch. Paretsky gründete außerdem die „Sisters in Crime“, eine Organisation, die weibliche (Nachwuchs-) Autoren fördert und deren erste Präsidentin sie war.

Über Leben und Werk der Schriftstellerin informiert diese Website.

Copyright © 2014/2017 by Michael Drewniok (md)

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