Gefallene Blüten

Clementine Skorpil
Gefallene Blüten

Argument Verlag, Hamburg, 03/2013
TB, ariadne krimi 1212
ISBN 978-3-86754-212-8
Titelgestaltung von Martin Grundmann

www.argument.de
www.ariadnekrimis.de
www.skorpil.at
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1926, zwischen den beiden Weltkriegen, ist Shanghai eine weltoffene Großstadt im Wandel, die von den Kolonialmächten geprägt wird. Korruption, Drogen- und Menschenhandel, Bandenunwesen und andere Verbrechen stehen auf der Tagesordnung. Ai Ping hat schon so manche Tragödie erleiden müssen, doch den Verlust ihrer Enkelin Pflaumenblüte, die angeblich mit einem jungen Mann durchbrannte und zur Prostitution gezwungen wurde, will sie nicht einfach hinnehmen. Zwar befiehlt der Sohn, der das Mädchen für tot erklärte, Ai Ping, zu Hause zu bleiben und sich um die anderen Enkel zu kümmern, aber stur verpfändet sie ihre Habe, um die weite Reise auf schmerzenden ‚Goldlilien‘ anzutreten. Am Ziel mietet sie sich ein Zimmer in einer heruntergekommenen Herberge und sucht sich einen Helfer, als sie mit ihren Nachforschungen nicht weiterkommt.

Der Student Lou Mang, ein begeisterter Anhänger der kommunistischen Lehre, hat eigentlich gar keine Lust, der alten Dame zur Verfügung zu stehen, da in seinen Augen das Schicksal eines einzelnen weniger zählt als das der Masse, die vom Joch der Kapitalisten befreit werden müsse, doch seine Recherchen schrecken jene auf, die etwas mit Pflaumenblütes Verschwinden und der Ermordung des Kompradors Liu Erh zu tun haben. Plötzlich werden er und Ai Ping von verschiedenen Gruppen gejagt, die alle nach der berühmt-berüchtigten Kurtisane aus unterschiedlichen Gründen fahnden.

Die Sinologin und Historikern Clementine Skorpil entführt ihr Publikum nach Shanghai in eine Ära, in der der Kaiser bereits hatte abdanken müssen, sich die nationalistischen und kommunistischen Fraktionen zu bilden begannen und auf ihre Weise sowohl die ungeliebten Ausländer zu vertreiben als auch die politischen Gegner zu entmachten versuchten. Es ist ein Shanghai zwischen alten Traditionen und modernen Einflüssen.

Dies spiegelt sich auch in den Charakteren wieder. Zwar widersetzt sich Ai Ping ihrer Familie und begibt sich auf eine Reise, die für sie allein und als Beamtenwitwe nicht standesgemäß ist, doch durch die Umstände rechtfertigt sie ihr Handeln. Sie lernt den ehemaligen Beamten Wei Long kennen, der sich ihre Freundschaft wünscht und ihr gerne helfen würde, aber Verpflichtungen gegenüber einer Bande hat, die seine Angehörigen als Pfand benutzt. Gewisse Grenzen können beide nicht überwinden. Der Student Lou Mang und seine Kameraden stehen für das neue China. Sie wollen etwas bewegen und die Lebendbedingungen der Menschen verbessern, stoßen jedoch auf Widerstand ausgerechnet bei denen, für die sie sich einsetzen. Was daraus wird, weiß man aus der Geschichte – dass die wohlgemeinten Ideen letztlich pervertiert wurden, nur Chaos über das Land brachten und bis zum heutigen Tage vielen Unschuldigen das Leben kosteten. Mao Zedong tritt in einer Nebenrolle auf, und mit ihm weitere historische Persönlichkeiten.

Auf diesen Aspekt geht die Autorin jedoch nicht weiter ein, denn ihr Hauptanliegen ist es, vor der Kulisse des damaligen Shanghai das Leben und Denken, die Beziehungen und Probleme der Menschen sowie alte Werte, die mit modernen Lehren kollidieren, nachvollziehbar und ohne Beschönigung zu beschreiben. Eingebettet ist dies in einen verzwickten Kriminalfall, bei dem vieles ganz anders ist, als es zunächst den Anschein hat. Die involvierten Protagonisten tragen Masken, hinter denen sie ihr wahres Gesicht und ihre Motive verbergen, und mit einem Mal stehen Personen im Fokus, von denen man die Untaten, die man ihnen anlastet, nicht erwartet hätte.

Ai Ping, Lou Mang und alle, die ihnen irgendwie helfen, werden in die Machtkämpfe der Reichen und Skrupellosen hineingezogen, die Shanghai unter sich aufgeteilt haben und ein immer größeres Stück vom Kuchen bekommen wollen. Ein Menschenleben zählt für sie wenig, und so ziehen die beiden Hauptfiguren wider Willen eine blutige Spur hinter sich her. Ab und zu meint man, es könne doch noch ein Happy End geben, doch in einer düsteren, desillusionierten Welt vermag das nur bedingt möglich zu sein, und so verzichtet die Autorin, die keine Frage offen lässt, auf eine versöhnliche Auflösung im großen Stil.

„Gefallene Blüten“ ist ein faszinierender, sehr realistisch aufgebauter Kriminalroman, in dem es keinen Platz für Romantik und Heile-Welt-Szenarien gibt. Eindringlich schildert Clementine Skorpil das Denken und Handeln ihrer Protagonisten in einer gefährlichen, im Wandel befindlichen Welt. Man wird nicht nur außerordentlich gut und spannend unterhalten, sondern erhält zudem unterschwellig eine anschauliche, höchst interessante Lektion in Geschichte. Ein rundum gelungenes und sehr empfehlenswertes Buch!

Copyright © 2014 by Irene Salzmann (IS)

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