Gefrorene Seelen

Giles Blunt
Gefrorene Seelen

(John-Cardinal-Serie, Bd. 1)

(sfbentry)
Originaltitel: Forty Words for Sorrow (Toronto : Random House Canada 2000)
Übersetzung: Reinhard Tiffert
Deutsche Erstausgabe (geb.): 2003 (Droemer Verlag)
431 S.
ISBN-10: 3-426-19593-3
Neuausgabe: November 2004 (Knaur Verlag/TB Nr. 62791)
431 S.
ISBN-13: 978-3-426-62791-4
eBook: Oktober 2009 (Knaur Verlag)
608 KB
978-3-426-55474-6

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Das geschieht:

Algonquin Bay ist eine Kleinstadt in der kanadischen Provinz Ontario. Die Beamten des hiesigen Morddezernats werden von den „Windigo“-Morden in Atem gehalten. Auf einer Insel wurde die Leiche der jungen Katie Pine entdeckt. Seit Monaten galt sie als vermisst. Detective John Cardinal vermutete bereits damals eine Entführung. Als wenig später zwei weitere Teenager verschwanden, sprach er sogar von Serienmord. Seinem Vorgesetzten, dem ehrgeizigen Detective Sergeant Don Dyson, missfiel diese Theorie. Als Cardinal dennoch nicht nachgab, wurde er in die Abteilung für Einbruchsdiebstähle versetzt.

Jetzt holt ihn Dyson zurück. Er stellt Cardinal Detective Lise Delorme zur Seite. Sie ist nicht nur eine Frau ist, sondern war bisher zuständig für interne Ermittlungen gegen möglicherweise korrupte Kollegen. Delorme ist noch unerfahren, vor allem aber hat sie einen geheimen Auftrag: Sie soll John Cardinal ausspionieren. Dieser wird verdächtigt, im Sold eines Gangsterbosses aus Toronto zu stehen, den er angeblich schon mehrfach vor geplanten Razzias gewarnt hat. Tatsächlich hat Cardinal keine reine Weste. Um seiner Tochter das teure Kunststudium an einer Elite-Hochschule zu ermöglichen, hat er vor Jahren Geld unterschlagen. Diese Tat liegt dem eigentlich ehrlichen Mann auf dem Gewissen. Zudem schickt ihm der wütende Drogenhändler aus dem Knast Drohungen: Er will sein Geld zurück!

Derweil treibt der „Windigo“-Mörder weiter sein Unwesen. Tatsächlich gibt es zwei Killer. Eric Fraser ist ein Psychopath, der es im Leben nicht weit gebracht hat, weshalb er seine Frustrationen nun gewaltsam auslebt. Zur Hand geht ihm die willensschwache Edie Soames, eine verlorene Seele, die endlich einmal Zuneigung erfährt und dafür zu allen Schandtaten bereit ist. Fraser foltert und mordet; er fühlt sich über das Gesetz und die unfähige Polizei erhaben. Die Frequenz seiner Bluttaten steigert sich. Das Morddezernat macht nur langsame Fortschritte. Cardinal entdeckt immerhin, dass sich ein letztes Opfer noch lebendig in der Gewalt des „Windigo“-Mörders befindet. Ein verzweifelter Wettlauf mit der Zeit setzt ein, während Fraser sich daranmacht, eine neue ‚Party‘ zu feiern …

Weites Land und enge Stirnen

Die Polizei im Wettlauf mit einem Serienmörder: Kann es gelingen, aus dem großen Aschehaufen, zu dem diese Plotidee inzwischen ausgebrannt ist, noch ein paar Funken zu schlagen? Giles Blunt versucht es sehr klassisch mit einem Thriller, der sich auf den sorgfältig recherchierten Ermittlungsalltag sowie eine noch recht neue Kulisse stützt. Kanada ist zumindest für den deutschen Krimifreund relatives Neuland. Diverse Behörden sind für nie präzise definierte, sich überschneidende Bezirke zuständig. Um Zuständigkeiten und Kompetenzen wird erbittert gestritten, Zusammenarbeit muss meist ‚von oben‘ erzwungen werden. Aber immerhin gehören zu den sich balgenden Gruppen die berühmten Mounties, deren roter Frack hier einige Flecken bekommt.

Ansonsten wird der kanadische Polizeialltag durch die unermessliche Weite des Landes geprägt. Große Städte existieren, aber sie sind rar; Kanada ist noch immer schwach besiedelt. Es ist alltäglich, enorme Strecken zurückzulegen. Das winterliche Klima ist außerordentlich rau. Die sich daraus ergebenden Konsequenzen arbeitet Blunt überzeugend in seine Geschichte ein. Atmosphärisch wirkt „Gefrorene Seelen“ auf den Leser nachhaltig.

Das ist gut, weil dem Verfasser für seinen Plot rein gar nichts Originelles eingefallen ist. Er wärmt auf, was uns andere Thrilleristen in vergangenen Jahren bereits aufgetischt haben. Das macht er nicht schlecht, „Gefrorene Seelen“ liest sich flott. Doch je weiter wir uns dem Finale nähern, desto lauter stellt eine kritische Stimme im Hinterkopf Fragen. Gibt es denn gar keine Überraschungen? Will der Autor tatsächlich mit dem billigen Trick Spannung erzwingen, scheußliche Morde möglichst detailliert zu schildern (um dann doch zu kneifen)? Wird er seinem beruflich und privat vielfach geplagten Polizistenduo noch ein paar Nackenschläge mehr mit der zusammengerollten Seifenoper-Partitur verpassen? Nicht nur Blunts Seelen sind gefroren, seine Geschichte ist ebenfalls in Routine erstarrt.

Mainstream-Helden ohne echten Kanten

Dass wir es hier nicht mit einer Offenbarung im Genre Kriminalroman zu tun haben, verrät auch das Figurenensemble. Es stammt aus dem Werkzeugkasten für Erfolgs-Thriller, dessen Fächer jene Elemente enthalten, die sich erstens immer finden lassen und zweitens recht beliebig miteinander kombiniert werden können.

Wichtig ist für den Helden ein Handicap. Noch wichtiger: Es gibt ein Heldenpaar, und zwar ein Mann-Frau-Duo. Ist das gewährleistet, kommt besagter Feinschliff durch das Schicksal. John Cardinal ist mit einer depressionskranken Ehefrau geschlagen, die zwar zur Handlung nichts beiträgt, aber existiert bzw. als schlechtes Gewissen ihres Gatten fungiert, der mannhaft (und über viele Passagen) mögliche Gelüste niederkämpfen muss, die sich auf die schöne Kollegin richten.

Lise Delorme ist eine moderne Vorzeigefrau und Single, einerseits voll emanzipiert, andererseits aber doch ‚typisch Frau‘ d. h. nach einem Ehemann spähend & von Kindern träumend. Darüber hinaus wirft Autor Blunt sie in einen Tümpel voller chauvinistischer Kollegen-Hechte, was ihm die willkommene Gelegenheit gibt, die Liste der für diesen Anlass politisch korrekten Klagen abzuarbeiten.

Weil dies als Konfliktstoff womöglich nicht ausreicht – Blunt muss es selbst gespürt haben -, konstruiert er vorsichtshalber einen weiteren Katalysator: Cardinal wird der Korruption verdächtigt: dies ganz zu Recht, aber irgendwie ist er doch nicht wirklich bzw. richtig ‚schlimm‘. Delorme soll ihn heimlich ausspähen und überführen. Gleichzeitig ist sie seine Partnerin im „Windigo“-Fall und kommt ihm persönlich allmählich näher. Wenn das nicht reicht, um Leserlob einzuheimsen …

Einfach ‚nur‘ böse

Mit seinem Mörderduo hat sich Blunt sichtlich Mühe gegeben. Hier beobachten wir zur angenehmen Abwechslung einmal keinen überirdisch schlauen, düster faszinierenden Serienkiller bei der Arbeit. Eric und Edie sind Außenseiter, von der Gesellschaft aussortierte, an den Rand gedrängte Verlierer. Das rächt sich bitter, denn von der Umwelt unbemerkt brüten sie, steigern sich über Unzufriedenheit und Unglück in Hass- und Rachefantasien hinein, die sich schließlich entladen. Gnade kennen sie nicht, haben sie beide doch niemals gelernt, was Liebe oder auch nur Anerkennung bedeutet. Da sie ganz sicher nicht genial sind, wird man sie unweigerlich erwischen, aber erst viel zu spät, da sie in ihrem Niemandsland allzu lange unbemerkt bleiben: Wen man nicht beachtet, verdächtigt man auch nicht.

Allein sind sie ‚nur‘ unglücklich (Edie) und potenziell gefährlich (Eric). Erst ihr Zusammenkommen lässt offene Mordlust aufflammen. Blunt schildert das in kriminalistisch vermutlich korrekten aber wenig eindrucksvollen Bildern. Wir können zwar begreifen, was ihn und sie in ihren kranken Hirnen bewegt, aber sie bleiben uns fremd. Freilich ist dies in der Realität ähnlich: Bei so manchem Mörderpärchen gibt uns nach der Entlarvung gerade die Frau Rätsel auf. Weibliche Serienmörder sind selten, weibliche Mitläufer von Serienmördern anscheinend häufiger. So stellt man sich Eric und Edie wohl am besten als Repräsentanten des „banalen Bösen“ vor, das sich nicht durch Gabelschwanz & Pferdehuf zu erkennen gibt, sondern unerkannt unter uns lauert und deshalb umso furchterregender wirkt.

Mit der Schaffung eines Plus- und eines Minuspols betrachtet Mr. Blunt seine Arbeit als getan. Seine kanadische Welt bevölkert er ansonsten nur noch mit Pappkameraden. Vorgesetzte sind stets autoritär, ungerecht, unfähig. Die Medien: eine sensationslüsterne, die Menschlichkeit mit Füßen tretende Horde. Pathologen sind abgebrüht, Opfereltern zerfließen in Tränen, Kinder bereiten vor allem Kummer und Sorgen. So geht das langweilig weiter; für Abwechslung sorgen immerhin einige gelungene Bosheiten und Polizistenwitze. Auf die weiteren Bände der bis heute fortgesetzten Serie macht das Ganze allerdings nicht wirklich neugierig.

Autor

Als Sohn britischer Auswanderer wurde Giles Blunt 1952 in Windsor, gelegen in der kanadischen Provinz Ontario, geboren. Die ersten zehn Jahre seines Lebens verbrachte er in einer kleinen Stadt namens Amherstburg, dann zog die Familie nach North Bay. (Dieser Ort ist das Vorbild für Algonquin Bay.)

Nach seiner Schulzeit zog es Blunt auf die Universität von Toronto, wo er Englische Literatur studierte. Anschließend war einige Jahre als Sozialarbeiter tätig. Zu diesem Zeitpunkt wusste Blunt bereits, dass er es als Schriftsteller bzw. Drehbuchautor versuchen wollte. Taktisch unklug gab er seinen festen Job ein wenig zu früh auf und zog nach New York. Als der Erfolg auf sich warten ließ, schlug er sich als Barkeeper, Zimmerkellner und in anderen Aushilfsjobs durch.

Kleinere Drehbuchaufträge zogen Größeres nach. Blunt gelang es, Scripts für die erfolgreiche TV-Serie „Law & Order“ zu verkaufen. Außerdem schrieb er sein erstes Buch: „Cold Eye“ (1989; dt. „Vor-Sicht“), ein Roman um einen Maler, der seine Seele dem Teufel verkauft. Auch in den 1990er Jahren schrieb Blunt weiter, verkaufte aber zunächst nur Drehbücher. Erst 2000 erschien mit „Forty Words of Sorrow“ (dt. „Gefrorene Seelen“) der besser beachtete (sowie mit dem „Silver Dagger“ der „British Crime Writers“ ausgezeichnete) und gut verkaufte erste Teil der Cardinal/Delorme-Reihe.

Kurzkritik für Ungeduldige: In einer kanadischen Kleinstadt geht ein Serienmörder-Duo um. Zwei von persönlichen Problemen, ungeduldigen Vorsetzten und den Medien geplagte Polizisten kommen ihnen nach mühsamen Ermittlungen auf die Schliche … – Mühelos lässt sich der Inhalt in zwei Sätzen zusammenfassen: „Gefrorene Seelen“ ist in der Tat reine Routine, ein gut geschriebener Krimi in interessanter Umgebung aber ohne wirklich fesselnde Handlung: nur ein weiterer der heute so zahlreichen Retorten-Bestseller.

[md]

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