Hingabe

Esther Verhoef
Hingabe

Close-up, NL, 2007
btb-Verlag, München, 05/2010
HC mit Schutzumschlag, Psychothriller, Drama
ISBN 978-3-442-75238-6
Aus dem Niederländischen von Stefanie Schäfer
Titelgestaltung von semper smile, München

www.btb-verlag.de
www.escober.nl/estherverhoef/

Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de

Nach einer missglückten Beziehung will Margot Heijne ihr Leben wieder in den Griff bekommen. Sie zieht aus der gemeinsamen Wohnung in ihrem Heimatort aus und richtet sich in der Stadt völlig neu ein. Mit einer Kollegin plant sie ein schönes Wochenende in London, muss dann jedoch allein fliegen. Im Flugzeug lernt sie den attraktiven Leon kennen, der ihr seine Telefonnummer gibt. Nachdem Margot nach der Ankunft einige weitere Enttäuschungen verkraften musste, ruft sich ihn tatsächlich an. So wendet sich der kurze Trip doch noch zum Besseren. Margot und Leon bleiben in Kontakt, und die junge Frau verliebt sich immer mehr in den zeitweilig exzentrisch wirkenden Fotografen.

Dann jedoch ziehen dunkle Wolken am rosaroten Himmel auf, denn Freunde von Leon lassen einige verwirrende Bemerkungen fallen: Margot wäre Leons Freundin, die ermordet wurde, sehr ähnlich. Sucht er etwa bloß Edith in ihr? Die Zweifel wachsen, da Leon nicht über die Tragödie sprechen möchte und er Margot durch sein egoistisches, unwirsches Verhalten kränkt. Auf einer Familienfeier kommt es schließlich zum Eklat: Leon schlägt John, Margots Ex, nieder und stürmt ohne sie davon. Margot, die keinen Wohnungsschlüssel bei sich hat, übernachtet notgedrungen bei John, der sie zurück gewinnen möchte. Da sie Trost braucht, begeht sie einen großen Fehler. Am nächsten Tag ist John tot, angeblich Selbstmord, und auch Margot droht Gefahr …

„Hingabe“ hält, was der Titel verspricht. In erster Linie ist der Roman ein Beziehungsdrama, das eindrücklich und nachvollziehbar schildert, wie eine junge Frau versucht, sich von ihrer dominanten Familie zu lösen und auf eigenen Füßen zu stehen, dann jedoch an einen Mann gerät, der ihr mit Zuckerbrot und Peitsche begegnet und sie dadurch in eine andere Form der Abhängigkeit bringt. Dass „Hingabe“ außerdem ein Psychothriller sein möchte, wird durch Einschübe, die in einer anderen Schrift gesetzt sind, verdeutlicht. Obwohl die Identität des Mörders bis zum Schluss nicht verraten wird, weiß man mehr als Hauptfigur Margot, nämlich dass sie das Interesse des Unbekannten erregt hat, da sie seinem Opferschema – wie Edith – entspricht und er auch in ihrem Fall einen perfekten Mord begehen möchte. Er ist ganz nah und beobachtet Margot.

Die Bedrohung kommt langsam und auf schleichenden Sohlen, denn Esther Verhoef nimmt sich sehr viel Zeit, um Margots Situation zu schildern: Schon immer haben andere gewusst, was für sie das Beste ist und ihr Entscheidungen abgenommen, ob das nun die Eltern, ihr Bruder und seine Frau oder der smarte John war. Stets hat sie sich gefügt, bis zum großen Knall. Nachdem John sie mit einer Freundin betrogen hat, will Margot nichts mehr von ihm wissen und reagiert enttäuscht, weil er in ihrem Elternhaus immer noch willkommen ist und man zwischen ihnen zu vermitteln versucht. Margot geht auf Distanz zu ihrer Familie und verliebt sich in den selbstbewussten Leon, der sie ermutigt, das zu tun, was ihr gefällt. Prompt gibt sie ihren Job auf und macht sich selbständig. Sie zieht zu Leon und erhält Zugang zu ganz anderen Kreisen. Schließlich steht sie ihm nackt Modell für eine neue Fotoreihe, obwohl sie sich immer für ihre etwas füllige Figur schämte. Er bringt sie sogar dazu, auf seine erotischen Spielchen einzugehen, ihn um Sex zu bitten und sich an öffentlichen Plätzen mit ihm zu lieben. Leon stellt die Weichen für Margots neues Leben, aber gleichzeitig formt er sie auch nach seinen Wünschen.

Sie selber ist nicht frei in ihren Entscheidungen, da sie ihm gefallen und ihn nicht enttäuschen möchte, denn schnell ist er in seiner Eitelkeit gekränkt und zieht sich zurück, wenn sie nicht so reagiert, wie er es sich erhoffte. Somit kämpft Margot weiterhin um echte Freiheit und Unabhängigkeit. Dass sie sich weiter entwickelt hat, zeigt sich, als Margot darauf besteht, dass die Familie den Bruch zwischen ihr und John endlich akzeptiert, dass Leon ihr die Wahrheit über Ediths Tod erzählt, aber vor allem als sie nach seiner Entgleisung auf der Feier bleibt und ihre Beziehung überdenkt. Ein Rückfall in alte Verhaltensmuster ist hingegen der One-Night-Stand mit John. Danach eskaliert die Situation, der Unbekannte wird aktiv, und der Leser muss mit Margit bangen. Geschickt wechselt die Autorin zum Ende hin das Genre, und noch immer rätselt man, wer der heimliche Beobachter und Mörder ist. Alles weist auf Leon hin: Edith wurde tot in seiner Badewanne gefunden, er schweigt stoisch über diese Beziehung, er hat eine Schwäche für einen bestimmten Frauentyp, er ist exzentrisch, unausgeglichen, rastet leicht aus …

Es passt einfach zu gut, um wahr zu sein. Aber da sind noch ein paar andere, die sich verdächtig machen. War es vielleicht jemand aus Leons Freundeskreis? Vielleicht die schöne, bisexuelle Debby, die morbide Bilder malt? Oder der hilfsbereite Richard, der seine Frau extrem kühl behandelt? Beide besitzen einen eigenen Schlüssel zu Leons Wohnung und gehen nach Belieben bei ihm ein und aus. Auch sie hätten Edith ermorden können. Und einer lauert Margot auf …

Zu Beginn ist man etwas skeptisch, ob das Buch wirklich mehr bietet als Beziehungsprobleme mit einer guten Prise Erotik, aber die Autorin versteht es, den Leser durch interessante Charaktere und realistische Probleme zu fesseln. Die gelegentlichen Perspektivenwechsel zum Mörder, die immer wieder daran erinnern, dass etwas Schlimmes passiert ist und noch mehr passieren wird, tun ein Übriges. Zum Ende hin steigt die Spannungskurve deutlich an, man rätselt, wer es auf Margot abgesehen hat und fiebert der Auflösung entgegen, ob sie gerettet wird oder stirbt. Das dramatische Ende überzeugt voll und ganz. Schätzt man diesen Mix aus realistisch-erotischem Beziehungsdrama und raffiniertem Psychothriller, wird man von Esther Verhoefs „Hingabe“ bestens unterhalten.

Copyright © 2010 by Irene Salzmann (IS)

Titel erhältlich bei Buch24.de
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Comments

  1. Bäh: „ein Beziehungsdrama, das eindrücklich und nachvollziehbar schildert, wie eine junge Frau versucht, sich von ihrer dominanten Familie zu lösen und auf eigenen Füßen zu stehen, dann jedoch an einen Mann gerät, der ihr mit Zuckerbrot und Peitsche begegnet und sie dadurch in eine andere Form der Abhängigkeit bringt.“

    Warum wernde ältere Männer, die sich für Frischfleisch interessieren eigentich immer als solche Schufte hingestellt, als Schwerenöter und Schleimbolzen, hä?

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