Im Namen der Toten

Ian Rankin
Im Namen der Toten
(Inspector-Rebus-Serie, Bd. 16)

Originaltitel: The Naming of the Dead (London : Orion Books Ltd. 2006/New York : Little, Brown and Company 2007)
Übersetzung: Juliane Gräbener-Müller
Deutsche Erstausgabe (geb.): Oktober 2007 (Manhattan/Goldmann Verlag)
589 S.
ISBN-13: 978-3-442-54606-0
Neuausgabe: April 2009 (Goldmann Verlag/TB Nr. 46941)
589 S.
ISBN-13: 978-3-442-46941-3
eBook: März 2009 (Goldmann Verlag)
1265 KB
ISBN-13: 978-3-641-01284-7

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Das geschieht:

Edinburgh steht in diesem Sommer des Jahres 2005 ganz im Zeichen des 31ten G8-Gipfels. Staatsoberhäupter, Minister und Fachleute aus aller Welt treffen sich im unweit der Stadt gelegenen Gleneagles Hotel, um auf Einladung des britischen Premierministers Tony Blair über globalpolitische Themen zu verhandeln. Ihnen folgen unzählige Protestgruppen, die die versammelte Führungselite in Anwesenheit der Medien an Versäumnisse und Fehler zu erinnern gedenken. Die Stadt gleicht einer Festung, Polizei, Sicherheitskräfte und diverse Geheimdienste bemühen sich um die Sicherheit der G8-Teilnehmer.

Detective Inspector John Rebus steht ein Jahr vor seiner Pensionierung endgültig auf dem Abstellgleis. Seine Vorgesetzten wollen den querköpfigen Polizisten vorsichtshalber ausgrenzen, doch sie begehen einen Fehler: Geblendet von der Chance, sich im Rahmen des Gipfels zu profilieren, lassen sie die Zügel locker, was Rebus umgehend nutzt, seine Fehde mit dem Gangsterboss Morris Gerald „Big Ger“ Cafferty fortzusetzen. Als Ansatz dient ihm der Mord an dem Vergewaltiger und Schläger Cyril Colliar, der in Caffertys Diensten stand. Spuren sind rar, bis ein Stück der Jacke des Opfers gefunden wird. Weitere Kleidungsfetzen machen deutlich, dass Colliar nur ein Opfer eines Serienkillers ist, der es auf Sexualstraftäter abgesehen hat.

Die Ermittlungen gestalten sich wegen des Gipfels schwierig. Trotzdem findet Rebus die Zeit, sich in einen zweiten Fall einzumischen: Ein Abgeordneter aus London stürzt von den Zinnen des Edinburgher Schlosses, was den hochrangigen Geheimdienstler Steelforth auf den Plan ruft, der den beharrlich und ohne Rücksicht auf diplomatische Befindlichkeiten ermittelnden Rebus deckelt. An zu vielen Fronten gleichzeitig unter Druck geratend, muss Rebus feststellen, wie schwer ihm Cafferty, diverse moralisch korrumpierte Machtmenschen sowie ihre willigen Schergen das Leben zur Hölle machen können …

Gar lästig ist das eigene Volk …

Wieder einmal nutzt Rankin die Gelegenheit, im Rahmen eines Kriminalromans aktuelle Blicke auf ‚sein‘ Edinburgh zu werfen. Schon mehrfach hat er einen Rebus-Fall mit realen Ereignissen verknüpft. Dieses Mal ist es das G8-Treffen vom Juli 2005. Es bot sich für den kritischen Rankin förmlich an: Ein eitler Premierminister lädt die Welt nach Schottland ein, um sich dort umgehend mit seinen Gästen wie in einem belagerten Fort förmlich einzuigeln.

Der ‚Feind‘ ist die Schar der Kritiker, die Blair und die Politik, für die er und seine Gäste stehen, als Kette krimineller Fehlentscheidungen betrachten. Auf dem G8-Programm standen besonders neuralgische Punkte wie die globale Klimaveränderung, der Krieg gegen den Terrorismus, Reformen für den Nahen Osten und die Neuregelung der Entwicklungshilfen für Afrika. Von den Medien dazu ermuntert, schaute die Welt für einige Tage auf Schottland, und das bot sowohl den Teilnehmern des Gipfels als auch ihren Gegnern die Gelegenheit zur Selbstdarstellung.

Ian Rankin hat 2005 in Edinburgh die Ereignisse um das G8-Treffen beobachtet und seine Tauglichkeit als Hintergrund für einen Rebus-Roman erkannt. Sarkastisch teilt er nach beiden Seiten aus; es trifft die selbstherrlich unter sich tagenden Politiker und die mehr an Randale als an konstruktiver Opposition interessierten Protestler gleichermaßen.

Modern in archaischer Kulisse

Vor diesem eindringlich dargestellten Chaos wirkt es beinahe logisch, dass ein Mordkomplott und die Taten eines Vigilanten und Serienkillers von allen Beteiligten eher als Ärgernisse und Nebensachen betrachtet werden. Womöglich kommt das diesem Roman zugute, denn als Krimi bietet Rankin mit „Im Namen der Toten“ jenseits der G8-Kulisse und Rebus‘ Ringen mit „Big Ger“ Cafferty vor allem Routine.

Einmal mehr tanzt Rankin auf zu vielen Hochzeiten. Die beiden Mord-Plots reichen ihm noch nicht, im letzten Drittel lässt er Siobhan Clarke den Sirenengesängen Caffertys erliegen, aus dessen Fängen sie Rebus nun auch noch retten muss.

Ein wenig kurz kommt dieses Mal Rankins Vorliebe für obskure Stätten seiner schottischen Heimat. Immerhin spielt der „Clootie Well“ eine wichtige Rolle: Eigentlich auf der Black Isle nördlich von Inverness gelegen und vom Verfasser kurzerhand in die Nähe von Edinburgh verlagert, ist dies eine Quelle, der seit heidnischer Zeit eine Glück spendende Wirkung nachgesagt wird. Als Opfergaben hängen die Wünschenden Kleidungsstücke in die Äste der Bäume und Sträucher um die Quelle. Da diese Textilien mit der Zeit verrotten, ergibt sich ein in heutiger Zeit unwirklicher und unheimlicher Anblick, was Rankin sehr gut in seine Geschichte einzuflechten weiß.
Figuren

Wehe, wenn er losgelassen …

Wieder einmal müssen John Rebus‘ Vorgesetzte feststellen, wie wahr dieses alte Sprichwort ist. Sie glaubten ihn dieses Mal fern aller Orte, an denen er, der nie Rücksicht auf politische Konstellationen und Absprachen nimmt, keinen Unfrieden stiften kann. Irrtum, denn Rebus weiß um seine Narrenfreiheit: Ein Jahr vor seiner Pensionierung kann ihm kaum mehr etwas anhaben, und das nutzt er gnadenlos aus.

Offener denn je verleiht Rankin seinem Unmut über die servile Vertrautheit der kommunalen Obrigkeit mit der Politik, der Wirtschaft und den Medien Ausdruck. Die Welt wurde längst unter diversen Großkonzernen aufgeteilt, die Politiker sind zu ihren Erfüllungsgehilfen degeneriert, was sich durch die Instanzen der Macht hinab fortsetzt. Unten steht der Bürger, gleichermaßen belogen wie desillusioniert. Das macht ihn nicht zum besseren Menschen: Formiert er sich, dann übernimmt er im Kleinen die Motive und Verhaltensweisen der Großen. Eine Diskussion zwischen Unten und Oben scheint ohnehin unmöglich geworden zu sein. Rankin schildert detailliert die eingefahrenen Mechanismen, nach denen Protest heutzutage von ‚hauptberuflichen‘ Demonstranten, der Staatsgewalt und den Medien als Schauspiel inszeniert wird.

Dass sein Job, der ihm trotz der damit verbundenen Härten alles bedeutet, bald ein Ende haben wird, bedrückt Rebus sehr. Vor allem ist da eine alte Rechnung offen. Seinen Erzfeind „Big Ger“ Cafferty, mit dem ihn freilich auch sorgsam unterdrückte kameradschaftliche Gefühle verbinden, will Rebus unbedingt noch zur Strecke bringen. Das scheint schwieriger denn je, denn ausgerechnet der alte Gauner versorgt ihn mit nützlichen Hinweisen, mimt scheinheilig den geläuterten, altersweisen Mitbürger und beweist auch auf diesem glatten Parkett mehr Standfestigkeit als Rebus.

Nicht einmal auf Siobhan Clarke kann sich Rebus verlassen. Dabei setzt er vor allem auf sie seine Hoffnungen auf eine Veränderung eingeschliffener Polizeiroutinen, die nur mehr Karrieristen und Speichellecker in die oberen Ränge zu befördern scheinen. Clarke weiß, was sie ihrem Mentor verdankt, und sie ist sichtlich gereift, seit sie zum ersten Mal seinen Weg kreuzte. Dennoch fehlt ihr die Erfahrung mit Menschen wie Cafferty, der sie für eine Gefälligkeit zahlen und bluten lässt. Obwohl dieser Handlungsstrang zur inhaltlichen Überfrachtung des Romans beiträgt, liest sich das Tauziehen um Clarkes Seele zwischen Rebus und Cafferty äußerst spannend. Es dient außerdem eine Vorbereitung auf die Zeit nach Rebus‘ Pensionierung: Es zeichnet sich ab, dass er Clarke auch als Vertraute im Polizeidienst aufgebaut hat, die ihm helfen wird, weiterhin auf Schurkenfang zu gehen. Das wollen wir jedenfalls hoffen, denn „Im Namen der Toten“ liest sich einmal mehr so spannend, dass der Gedanke an ein Ausbleiben weiterer Fälle schreckt!

Autor

Ian Rankin wurde 1960 in Cardenden, einer Arbeitersiedlung im Kohlerevier der schottischen Lowlands, geboren. In Edinburgh studierte er ab 1983 Englisch. Schon früh begann er zu schreiben. Nach zahlreichen Kurzgeschichten versuchte er sich an einem Roman, fand aber keinen Verleger. Erst der Bildungsroman „The Flood“ erschien 1986 in einem studentischen Kleinverlag.

Noch im selben Jahr ging Rankin nach London, wo er u. a. als Redakteur für ein Musik-Magazin arbeitete. Nebenher veröffentlicht er den Kolportage-Thriller „Westwind“ (1988) sowie den Spionage-Roman „Watchman“ (1990, dt. „Der diskrete Mr. Flint“). Unter dem Pseudonym „Jack Harvey“ verfasste Rankin in rascher Folge drei Action-Thriller. 1991 griff er eine Figur auf, die er vier Jahre zuvor im Thriller „Knots & Crosses“ (1987; dt. „Verborgene Muster“) zum ersten Mal hatte auftreten lassen: Detective Sergeant (später Inspector) John Rebus. Mit diesem gelang Rankin eine Figur, die im Gedächtnis seiner Leser haftete. Die Rebus-Romane ab „Hide & Seek“ (1991; dt. „Das zweite Zeichen“) spiegeln das moderne Leben (in) der schottischen Hauptstadt Edinburgh wider. Rankin spürt den dunklen Seiten nach, die den Steuerzahlern von der traulich versippten Führungsspitze aus Politik, Wirtschaft und Medien gern vorenthalten werden. Daneben lotet Rankin die Abgründe der menschlichen Psyche aus. Nachdem er Rebus 2007 in den Ruhestand geschickt hatte, begann Rankin 2009 eine neue Serie um den Polizisten Malcolm Fox, kehrte aber bereits 2012 zu seiner Erfolgsfigur zurück.

Ian Rankins Rebus-Romane kamen ab 1990 in Großbritannien, aber auch in den USA stets auf die Bestsellerlisten. Die renommierte „Crime Writers‘ Association of Great Britain“ zeichnete ihn zweimal mit dem „Short Story Dagger“ (1994 und 1996) sowie 1997 mit dem „Macallan Gold Dagger Award“ aus. 2004 wurde Rankin für „Resurrection Man“ (dt. „Die Tore der Finsternis“) mit einem „Edgar Award“, 2007 „The Naming of the Dead“ (dt. „Im Namen der Toten“) als „BCA Crime Thriller of the Year“ ausgezeichnet. Rankin gewann weiter an Popularität, als die britische BBC 2000 mit der Verfilmung der Rebus-Romane begann.

Ian Rankins Website ist höchst empfehlenswert; über die bloße Auflistung seiner Werke verwöhnt sie u. a. mit einem virtuellen Gang durch das Edinburgh des John Rebus.

Copyright © 2009/2017 by Michael Drewniok (md)

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