Immer Ärger mit den lieben Verwandten – Kurzkrimis aus Ost und West

Silvija Hinzmann & Ruth Borcherding-Witzke (Hrsg.)
Immer Ärger mit den lieben Verwandten – Kurzkrimis aus Ost und West

Argument Verlag, Hamburg, 1. Auflage: 10/2009
TB, ariadne Krimi 1186
ISBN 978-3-86754-186-2
Titelgestaltung von Martin Grundmann unter Verwendung eines Fotos
von Victor Grigas (© Victorgrigas, East Side Gallery 2005),
Mauergemälde von Dmitry Vrubel: „God! Help me survive amid this mortal love“, 1989

www.argument.de
www.ariadnekrimi.de
www.silvija-hinzmann.de
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Zum 20. Jahrestag nach dem Mauerfall ist im Argument Verlag die Anthologie „Immer Ärger mit den lieben Verwandten“ erschienen, welche 14 Kurz-Krimis von ebenso vielen Autorinnen und Autoren präsentiert, die sich auf humorige, satirische, skurrile, nachdenkliche oder böse Weise mit dem Thema beschäftigten. Dabei bemühen sie sich, selber nicht zu werten, sondern erlebte Geschichte und all das einzubinden, was man von den Menschen in Ost und West immer wieder zu hören bekommt, fragt man sie, wie es früher war und was die Wiedervereinigung ihnen brachte. Auch nach all den Jahren gibt es immer noch eine Mauer – und zwar in vielen Köpfen.

Im Westen schaut man argwöhnisch nach drüben, ob dort gar nichts vorangeht und warum man immer noch den Soli zahlen muss, während man vielleicht selbst in einer armen Region wohnt, die eine Unterstützung bitter nötig hätte; und im Osten denkt so mancher, dass es im anderen Teil Deutschlands den Menschen besser geht und man auf sie als ‚arme Verwandte„ herab sieht. Erst jene, die im wiedervereinten Deutschland geboren und aufgewachsen sind, werden wohl diese Hürden überwinden können. Geschickt platziert wurde die Titel-Story „Immer Ärger mit den lieben Verwandten“ von Herausgeberin Ruth Borcherding-Witzke an erster Stelle, denn die schwarz-humorige Auseinandersetzung mit einem tödlichen Unglück stimmt auf den Band ein und macht neugierig auf die weiteren Geschichten. Christian bekommt Besuch von seinem Erbonkel aus dem Osten. Dieser stürzt – und ist tot. Was nun? Die Leiche muss verschwinden, denn wer würde unter den gegebenen Umständen an einen Unfall glauben?

Man kommt nicht aus dem Schmunzeln heraus angesichts der Tücken des Alltags, die eine Entdeckung mehr als wahrscheinlich machen. Geschickt spielt die Autorin mit bekannten Klischees, die in diesem Fall überhaupt nicht klischeehaft wirken, sondern gerade das Lachen provozieren. Am Schluss gibt es sogar noch eine Überraschung. Martin Conrath schildert in „Mauerengel“, wie ein Polizeibeamter einen alten Fall aufrollt und dabei an Dingen rührt, die er zu seinem eigenen Wohl besser hätte ruhen lassen sollen. Thematisiert werden die Gefahren, denen sich Flüchtlinge aus der DDR aussetzten, wenn sie versuchten, den Grenzstreifen zu überqueren. Viele wurden erschossen, andere zu speziellen Dienstleistungen gezwungen. Niemand weiß, wie viele solche Verbrechen sich ereignet haben, und so mancher Täter mag ungestraft davon gekommen sein. In der Geschichte wird literarische Rache an allen genommen, die Schuld auf sich luden.

In „Die Blutnacht von Uhlbach“ verknüpft Christine Lehrmann alte und jüngere Verbrechen, die mit Ausnahme von einer Untat aufgeklärt wurden. Schwabenreporterin Lisa Nerz wird prompt neugierig und stellt Fragen, die zu des Rätsels Lösung führen. Die Kurzgeschichte ist außerdem in „Notorisch Nerz“ zu finden, einer Sammlung mit acht „Lisa Nerz“-Krimis. Wie immer gelingt es der Autorin, eine niveauvolle Story zu erzählen, die auf Recherchen basiert und mit Wortspielen und Sprachexperimenten nicht geizt. Tatsächlich passiert nicht viel, aber die Dialoge haben es in sich. „Der Pass des Vergessens“ erlaubt es dem Protagnisten in Matthias Biskupeks Krimi, auf seinem Besuch im Westen unterzutauchen. Womit er nicht gerechnet hat, ist, dass der Bekannte, der sich mit den DDR-Papieren im Osten umsehen wollte, zu Tode kommt und postum literarische Lorbeeren erntet, die ihm gar nicht zustehen. Anschaulich beschreibt der Autor, welche haarsträubenden Auflagen Schriftsteller aus dem Osten hinnehmen mussten, wollten sie publizieren und die Erlaubnis erhalten, eine Einladung in den Westen annehmen zu dürfen. Viele ergriffen diese Chance und kehrten nicht mehr zurück, wobei sie vieles aufgeben mussten: Familie, Freunde, ihre ganze Habe – hier sogar die eigene Existenz.

Dies sind nur ein paar Beispiele für die vielen Themen, die in den Storys aufgegriffen werden. Überwiegend wird erlebte Geschichte verarbeitet – schlimme Dinge, von denen man früher nur ahnte, die oft tot geschwiegen wurden. Nun spricht man darüber und bindet sie in kurze Krimis ein, um den Geschehnissen die Bitterkeit und das Reale etwas zu nehmen, denn letztlich sind es Fiktionen, aber der wahre Kern lässt sich nicht verleugnen, und so wirken die meisten Geschichten eher düster und hinterlassen den Leser nachdenklich. „Immer Ärger mit den lieben Verwandten“ ist eine interessante Anthologie mit vielfältigen Beiträgen, die belegen, dass die Vergangenheit noch immer lebendig ist, dass sie die Menschen berührt und nicht so schnell vergessen wird.

Copyright © 2010 by Irene Salzmann (IS)

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