In einer kalten Nacht

Caro Ramsay
In einer kalten Nacht

(Anderson-&-Costello-Serie, Bd. 3)

Originaltitel: Dark Water (London : Michael Joseph/Penguin Books 2010)
Übersetzung: Andreas Helweg
Deutsche Erstausgabe: Oktober 2013 (Blanvalet Verlag/TB Nr. 38104)
543 S.
ISBN-13: 978-3-442-38104-3
eBook: Januar 2014 (Blanvalet Verlag)
690 KB
ISBN-13: 978-3-641-09653-3

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Das geschieht:

Im Winter des Jahres 1999 wurde Emily Corbett aus Glasgow vergewaltigt und vom Täter beinahe zu Tode geprügelt; sie ist nie wieder gesund geworden. Dringend der Tat verdächtig war damals Stephen Whyte. Bevor ihn die Kriminalpolizei in Gewahrsam nehmen konnte, setzte er sich ins Ausland ab.

Zehn Jahre blieb Whyte untergetaucht. Als seine todkranke Mutter ihn noch einmal sehen will, kehrt er heimlich nach Schottland zurück. Kurz darauf ist er verschwunden; in einer zum Verkauf stehenden Wohnung unweit des Polizeireviers Partickhill wird viele Tage später seine Leiche gefunden: Whyte wurde zusammengeschlagen und aufgehängt.

Der Fall geht an das Team von Detective Chief Inspector Rebecca Quinn, obwohl die Kollegen, denen Whyte einst entwischte, auf ihr Ermittlungsvorrecht pochen. Doch Quinn benötigt einen wichtigen Fall, denn Partickhill droht die Auflösung. Die Ermittlung nimmt Fahrt auf, als außerhalb der Stadt Ishbel „Itsy“ Simm gefunden wird: Sie wurde nach dem Vorbild von Emily Corbett beinahe totgeschlagen.

Itsy ist die jüngere Schwester des TV-Stars Marita Kennedy, was unweigerlich die Medien auf den Plan ruft, zumal Marita nie eine Gelegenheit verstreichen lässt, sich in für die Schlagzeilen in Szene zu setzen. Wohl oder übel müssen Quinn und ihr Team zumindest den Journalisten Harry Castigla im Ermittlungsumfeld dulden.

Die Ermittlung nimmt eine unerwartete Wendung, als eine Neubewertung alter Fälle belegt, dass Emily und Itsy weder die ersten noch die einzigen Opfer waren: Seit vielen Jahren sucht ein besonders tückischer Psychopath Schottland heim. Er rekrutiert charakterschwache Männer, lässt sie Frauen vergewaltigen und bringt sie um, wenn sie die Aufmerksamkeit der Polizei erregen – ein Zyklus, der gerade in eine neue, mörderische Runde geht …

Profis auf beiden Seiten des Gesetzes

Der moderne britische bzw. schottische Kriminalroman („Tartan Noir“) hat hierzulande vor allem dank Ian Rankin, Val McDermid oder Stuart MacBride viele Leser gewonnen. Die Mischung ist bekannt: Ein spannender Kriminalfall wird einer charakterlich bunt gemischten Ermittlergruppe präsentiert. Lokalkolorit mischt sich mit Gesellschaftskritik, die sich besonders gegen Sparschwein-Politiker und rücksichtslose Medienvertreter wendet. Nicht fehlen dürfen private Probleme vor allem zwischenmenschlicher Art. Leser, die solchen Seifenschaum nicht schätzen, werden durch einen ironischen Unterton entschädigt, der eventuellem Gefühlsdusel entgegenwirkt.

Nur ein Fall reicht für einen Kriminalroman, der mehr als 500 Seiten stark ist, nicht aus. Daher treiben mehrere Übeltäter ihr Unwesen. Das ist nicht unwahrscheinlich, zumal sich manche Verbrechensabläufe ähneln. Die präzise Rekonstruktion verworrener Tatumstände gehört nicht nur zur Polizeiarbeit, sondern ist auch zentrales Element des Kriminalromans. Wie im wahren Leben irrt der Mensch, bevor er zum Kern der Erkenntnis vorstößt. Dieser Prozess ist manchmal sogar spannender als die Auflösung selbst.

In diesem Fall trifft das auf jeden Fall zu. Caro Ramsey kann der Versuchung nicht widerstehen: Statt ähnliche aber nicht vom selben Täter begangene Verbrechen separat ablaufen zu lassen, bläst sie zu einem großen Finale, in dem sich Täter und Opfer wider alle Glaubhaftigkeit treffen. Gleich mehrere Momente ‚schockierender‘ Erleuchtungen folgen, während sich die Handlung in bisher nie gekannter (oder vermisster) Geschwindigkeit überschlägt. Das Ergebnis ist Theatralik, die zu allem Überfluss die heftig in die gewünschte Form geknetete Logik unterstreicht, statt sie zu bemänteln.

Polizeialltag der unterhaltsamen Art

Schade, denn „In einer kalten Nacht“ benötigt weder den pseudo-bedeutungsschwangeren deutschen Titel noch solche Last-Minute-Action, der – ebenfalls nicht gut – noch eine Serie von Epilogen folgt: Der Fall ist so kompliziert, dass er nachträglich ausführlich erklärt werden muss. Solche Erläuterungen sind nicht ohne Risiko, und auch hier tun sich (weitere) Argumentationslücken und Unwahrscheinlichkeiten auf.

Punkten kann Autorin Ramsay dagegen mit der Darstellung moderner Polizeiarbeit Geschickt mischt sie fernab jeder „CSI“-Phantastik moderne Ermittlungstechniken mit bewährten Routinen. Das versöhnt damit, dass Partickhill selbstverständlich wieder einmal das Schlusslicht der Polizei-Hierarchie darstellt. Druck von oben bündelt sich über den Häuptern der hier versammelten Beamten, die – ebenfalls selbstverständlich – eigentlich dem übermenschlichen Druck nachgeben müssten. Stattdessen siegen Verstand und Hartnäckigkeit, auch wenn Ramsay zugegeben vor allzu ausgeprägter Final-Harmonie zurückschreckt.

Wer nicht nur lange Arbeitstage, sondern auch Arbeitsnächte miteinander verbringt, entwickelt ein Verhältnis, das über die übliche Kollegialität hinausgeht und in gewisser Weise einer Ehe gleicht. Ramsay ist dieser Aspekt nicht entgangen. Sie stellt das Team von Partickhill wie eine große Familie dar, wobei Liebe und Streit sich mühsam die Waage halten. DCI Quinn kennt ihre Pappenheimer, doch sie ist selbst viel zu sehr Teil der Gruppe geworden, um nachdrücklich berufliche Distanz zu wahren.

Die Polizei wird weiblich

Partickhill ist ein Polizeirevier mit ausgeprägtem Frauenanteil. Üblicherweise ist im modernen Kriminalroman die Polizistin Repräsentantin oder sogar Botschafterin ihres Geschlechts und als solche den Widerständen und Vorurteilen einer weiterhin männlich dominierten Gesellschaft von Gesetzeshütern. Ramsay beweist, dass es auch ohne entsprechende Moritaten geht. In Partickhill beharken sich Männer wie Frauen gleichermaßen, wenn es kracht.

Politisch korrekt mag das nicht sein. Stattdessen wirkt es realistisch, wenn weibliche Beamten nicht eingeschnappt nach der Frauenbeauftragten rufen, sondern sich energisch und erfolgreich zu Wehr setzen. Umgekehrt degenerieren die männlichen Kollegen nicht zu netten Teddybären. Männer und Frauen sind verschieden, daran ändern die Dienstvorschriften nichts: Ramsay zeigt, wie dies ohne Quotenregelung funktioniert – oder eben nicht.

Zwar gelten Detective Inspector Colin Anderson und Detective Sergeant „Freddie“ Costello als Hauptfiguren der Serie. Der Leser wird die beiden jedoch in dem Partickhill-Gewimmel schnell aus den Augen verlieren. Ramsay räumt den Kollegen ebenso viel Raum ein wie den genannten Beamten – eine gute Entscheidung, denn Anderson und Costello sind wie die beiden sprichwörtlichen Königskinder, die einander innig liebten und doch nie fanden. Sicherlich gibt es Leser/innen, die es spannend finden, wie Anderson und Costello für und gegen die Liebe kämpfen. Glücklicherweise nimmt Ramsay Rücksicht auf jene, die solches Herumeiern weniger schätzen – es geht in der Gesamthandlung auf bzw. unter, weshalb die Seitenstärke dieses Buches nie zum Problem wird.

Die Handlung trägt, die Figuren sind sympathisch oder angenehm widerlich, und zum Schluss werden bereits einige Weichen für die Fortsetzung der überlappenden „Home Story“ gestellt: keine Drohung, sondern sogar eine Verlockung für den Leser, auch zum nächsten Band der Serie zu greifen.

Autorin

Caro Ramsay wurde in Govan, einer Vorstadt von Glasgow, geboren. Sie besuchte die British School of Osteopathy. Nach ihrem Abschluss begann sie für eine osteopathische Einrichtung im westlichen Schottland zu arbeiten. Dort behandelt man alternativmedizinisch Menschen und Tiere – u. a. mit Akupunkturnadeln – und hofft für beide das Beste.

Ihre Kriminalromane schreibt Ramsay in der Freizeit, wobei die ersten beiden Bücher während eines ausgedehnten Krankenhausaufenthaltes nach einer Rückenverletzung entstanden. 2007 erschien „Absolution“, ihr Romandebüt, gleichzeitig erster Teil einer Serie um die Polizeibeamten Anderson und Costello.

Caro Ramsay lebt in Elderslie, einem Dorf in der schottischen Council Area Renfrewshire. (Übrigens: Obwohl der TV-Koch und Wüterich Gordon Ramsay im benachbarten Johnstone geboren wurde, gehört er nach Auskunft der Autorin nicht zu ihrer Verwandtschaft.). Über ihre Arbeit informiert sie auf dieser Website.

Copyright © 2014/2017 by Michael Drewniok (md)

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