Kunstfehler

Hailey Lind
Kunstfehler
Die Fälle der Annie Kincaid 1

(sfbentry)

Feder & Schwert Taschenbuch (2011)
Originaltitel: Feint of Art
Übersetzung: Dorothee Danzmann
Lektorat: Oliver Hoffmann
Korrektorat: Thomas Russow
Umschlaggestaltung: Oliver Graute
384 Seiten, ISBN 978-3-86762-072-7

Mit dem Auftaktroman „Kunstfehler“ zur Reihe „Die Fälle der Annie Kincaid“ wagt sich der Verlag Feder & Schwert auf ein neues Gebiet. Mit dem mehr als dreihundertsiebzig Seiten dickem Buch versuchen die Mannheimer den Markt der Kriminalromane zu erobern. Die düstere äußere Aufmachung des Romans dürfte der Sache aber erst einmal abträglich sein, sieht das Buch doch weniger nach einem Krimi im Kunstfälschermilieu aus, als mehr nach einem Photoshop-Unfall. Da Feder & Schwert bisher auf phantastische Geschichten spezialisiert war, dürften die meisten verlagstreuen Leser vom Inhalt überrascht sein. Der hat es dafür aber faustdick hinter den Ohren.

Heldin der Geschichte ist Annie Kincaid, Enkelin des berühmten Kunstfälschers Georges LeFleur. Einst als Wunderkind gehandelt, als Teenager vom Pfad der Tugend abgekommen und nun stolze Besitzerin eines Faux-Finish-Studios. Ihrer Vergangenheit wegen wird Annie von einem Freund angesprochen, um sich ein teures Gemälde anzusehen. Das Bild erweist sich prompt als Fälschung, es gibt den ersten Toten, Annie wird in den Strudel der Ereignisse hineingezogen und muss sich schlussendlich mit üblem Gesindel herumschlagen, um diesen Kriminalfall zu lösen. Soweit ein kurzer Überblick.

Was nach den ersten Seiten auffällt ist, dass es sich um einen Kriminalroman für Frauen handelt. Die Heldin selbst kämpft mit ihren eingebildeten Pfunden, ist eine große Naschkatze, ihr fehlen die richtigen Worte an den falschen Stellen, sie ist manchmal etwas ungeschickt, hat eine zu kleine Blase, ist sehr humorvoll, liebt Tiere, hat das Herz am rechten Fleck und ist verdammt sympathisch. Eine Heldin also, mit Ecken und Kanten. Zwar auch feige, aber zu gegebener Zeit auch mutig wie eine Löwin.

Der Roman wurde von Hailey Lind in der ersten Person verfasst, erzählt die Geschichte also aus der Ego-Perspektive. Dadurch wird die Handlung entsprechend subjektiv gestaltet und alle anderen Figuren im Annie-Universum eingeordnet. Die Frauen die Annie nahestehen sind sympathische und flippige Persönlichkeiten, alle anderen haben einen auffälligen Knacks und sind eindeutig unsympathisch. Bei den Männern sieht die Sache genauso aus. Natürlich mit zwei Ausnahmen, die den typischen Klischees entsprechen und einem biologischem Vorbild folgen.

Während der Geschichte lernt Annie zwei Kerle kennen. Beide natürlich gutaussehend. Der eine Mann steckt voller Geheimnisse und Gefahren, ist ein wilder Kerl, impulsiv, auch mal gemein und unheimlich charmant. Der andere Mann ist ein bodenständiger, offensichtlich gut gestellter Kunstliebhaber, äußerst kultiviert und unheimlich charmant. Mit beiden eckt Annie natürlich erst einmal an, beide sind von Annies Charme irgendwann eingenommen. Zwar werden in „Kunstfehler“ keine Fakten geschaffen, aber der Weg zu den üblichen Liebesreigen geebnet.

Lind liebt die Kunst und das Multikulturelle – und auch Annie liebt diese Dinge. Vor allem Frankreich hat es der angehenden Detektivin angetan, die dort einige Jahre verbrachte und deren – in der Szene – berühmte Großvater  dort lebt. Das wird im Roman auch oft thematisiert, Zitate aus dem Buch des Großvaters läuten gar jedes Kapitel ein. Das ist ein nettes Stilmittel, schlussendlich schränkt das ausgesuchte Milieu den Roman ebenfalls ein. Hailey Lind gibt sich zwar redlich mühe Fakten und Arbeitsweisen der Maler und Kunstfälscher zu erklären, aber dennoch braucht es seine Zeit, um sich einzufinden. Auch die gelegentliche Verwendung französischer Begriffe und Zitate können irritieren, vor allem in der Aussprache. Der Leser sollte der Kunst und dem Französischen gegenüber also keine Abneigung hegen.

Ist diese kleine Hürde überwunden, bietet sich ein gelungener Kriminalroman dar. Der Fall ist von Anfang bis Ende schlüssig, die Ermittlungen und deren Ergebnisse nachvollziehbar und an der Lösung des Falls kann die Leserschaft mitknabbern. Das macht richtig Laune. Zudem weiß die Autorin unterhaltsam zu schreiben. Auch flüssig und humorvoll, so dass die Seiten regelrecht dahinfliegen. Und zum Abgang gibt es noch eine kleine Einführung in die Kunst der Glasur.

Der Roman ist ziemlich überzeugend geschrieben. Er spielt übrigens in San Francisco und es gelingt Hailey Lind hervorragend diese Kulisse einzufangen. Die Stadt wird einzigartig in den Roman eingebunden und lädt dazu ein, sich die Gegend und ihre Lokale einmal anzusehen. Das dürfte daran liegen, dass Hailey Lind einfach weiß, worüber sie schreibt. Dabei ist im Auge zu behalten, dass es sich bei „Hailey Lind“ um ein Pseudonym handelt, hinter dem die Schwestern Julie Goodson-Lawes und Carolyn J. Lawes stehen. Sie haben in Gemeinschaftsarbeit „Die Fälle der Annie Kincaid“ entwickelt und niedergeschrieben.

Julie Goodson-Lawes lebt und arbeitet tatsächlich in San Francisco Bay Area und verdient sich ihre Brötchen mit dem malen von Porträts, dem Faux Finishing und als Gestalterin. Sie ist somit das Vorbild zu Annie Kincaid. Carolyn J. Lawes ist Historikerin und arbeitet an der Old Dominion University in Norfolk. Sie ist eindeutig für die Frankophilie Annies verantwortlich. Zusammen ergibt sich die wunderbare Mischung namens Hailey Lind.

„Kunstfehler“ ist ein kurzweiliger Kriminalroman mit einer sympathischen Heldin. Das Buch macht großen Spaß, die Geschichte wirkt authentisch und der Unterhaltungsfaktor ist ziemlich hoch. Klasse!

Copyright © 2011 by Günther Lietz

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