Malefitzkrott

Christine Lehmann
Malefitzkrott
Lisa Nerz 9

Argument Verlag, Hamburg, 1. Auflage: /2010
TB, ariadne krimi 1185
Schwaben-Krimi
ISBN 978-3-86754-185-5
Titelgestaltung von Martin Grundmann unter Verwendung einer Skulptur von Wolfgang Thiel

www.argument.de
http://christine-lehmann.blogspot.com
www.martingrundmann.de
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Schwabenreporterin Lisa Nerz begleitet ihren Freund, den Staatsanwalt Richard Weber, zu einer Lesung in einem ‚linken‘ Buchladen. Lola Schrader, eine 17-jährige Schülerin, stellt ihren Debütroman „Malefitzkrott“ vor, der durch explizite Beschreibungen sexueller Praktiken unter Jugendlichen zu schockieren – und anregen – weiß. Schnell stellt Lisa fest, dass das pubertierende Mädchen intelligenter ist, als sie zeigt, und dass sie sich ihrem karrieresüchtigen Vater notgedrungen fügt. Während der Lesung bricht im Verkaufsraum ein Feuer aus. Zwar können sich alle Teilnehmer aus dem Laden retten, aber dieser brennt restlos aus. Wenige Tage später wird der Besitzer in Lisas Beisein erschossen. Sie erfährt, dass dies nicht die einzige Buchhandlung war, in der im Verlauf der vergangenen Wochen ein Feuer gelegt wurde, und bei Lolas nächsten Lesungen ereignen sich ebenfalls seltsame Dinge.

Unklar bleibt, auf wen es der Täter eigentlich abgesehen hat und welches seine Motive sind. Könnten die Vorkommnisse gar etwas mit dem Buch zu tun haben, das sich einst in Richards Besitz befand und das Lisa aus dem Buchladen ‚mitnahm‘? Das Besondere daran ist, dass jemand einige zusätzliche Seiten eingeheftet hat, die mit dem eigentlichen Inhalt nichts zu tun haben – und dass es das Loch einer Pistolenkugel aufweist. Was verschweigt Richard?

Was vordergründig ‚nur‘ ein spannender Krimi zu sein scheint, in dem jemand Personen aus dem Weg räumt, die zwischen ihm und dem stehen, was er haben will, bietet in Wirklichkeit noch zwei weitere Ereignisebenen. Die eine ist mit historischen Details befasst, die letztlich zur Gründung der RAF führten und ein sehr negatives Bild auf die damaligen Staatsorgane werfen, freilich ergänzt durch einige fiktive Elemente. Die andere ist dem Buchwesen gewidmet und enthüllt Vorgänge, die der unbedarfte Leser nicht einmal ahnt, aber mit denen sich Rezensenten, Lektoren, Autoren, Herausgeber etc. regelmäßig konfrontiert sehen.

Der Krimi beginnt mit einem Reißer, in dem sich Hauptfigur Lisa Nerz, aus deren Perspektive die Geschehnisse geschildert werden, in einer ausweglos scheinenden Situation befindet, den sicheren Tod vor Augen. Diese Eingangsszene wirkt billig und ist unnötig, schließlich erzählt Lisa anschließend die ganze Geschichte, und jeder Leser geht davon aus, dass die Protagonistin davon kommen wird – irgendwie. Die Handlung zieht gleich in den Bann und schlägt nicht den direkten Weg zur Auflösung ein. Wie man es von Christine Lehmann gewohnt ist, lässt sie Lisa in viele Richtungen ermitteln und ein Puzzle zusammensetzen, das weitere Fälle beinhaltet und erst in seiner Gesamtheit das Rätsel äußerst zufriedenstellend entwirrt, wobei alle Fragen beantwortet werden.

Dabei nimmt Lisa die Hilfe von Freunden an, setzt aber auch ihre ganz persönlichen ‚Waffen‘ ein, indem sie als Transgender auftritt, dreist und etwas prollig für Irritationen sorgt und so manches erfährt, was ihr unter anderen Umständen verborgen geblieben wäre. Die zarte Romanze – neben der Beziehung zu Richard – nimmt nur wenig Raum ein und wird nicht übermäßig ausgewalzt, so dass der Krimi ein Krimi bleibt. Auf unnötige Gewalt und Grausamkeiten wird verzichtet. Zwar gibt es Todesopfer und Verletzte, doch auch hier hält sich die Autorin an die Regel, dass weniger oft mehr ist, und das trifft in diesem Kontext wahrlich zu, denn die Spannung bezieht das Buch aus der Situation und der verschlungenen, komplexen Handlung.

Indirekt ist die vordergründige Geschichte mit Ereignissen verwoben, die in den 1960/70er Jahren Deutschland erschütterten. Viele Leser werden sich an diese Zeit vielleicht noch erinnern, einige bloß vage, weil sie noch Kinder waren, und wieder welche waren noch gar nicht geboren: die Erschießung des Studenten Benno Ohnesorg, die 68er-Bewegung, die Gründung der RAF, die von ihnen verübten Anschläge …, aber auch das Verhalten der Behörden, das Niederknüppeln von Demonstranten, die in diesem Zusammenhang stehenden Vertuschungs- und Einschüchterungsversuche wichtiger Zeugen usw.

Auf diesen Aspekt näher einzugehen, würde den Rahmen der Rezension sprengen. Tatsache ist, dass Christine Lehmann akribische Recherchen angestellt hat, Zitate einfügte, mit Fußnoten auf Quellen hinwies und fiktive Einflechtungen kenntlich machte. Letztere sind durchaus nachvollziehbar, dieses Vorkommnis hätte sich sehr wohl so abspielen können. Das Thema ist nach wie vor aktuell, denn weiterhin übergeht der Staat den Willen des Volkes in vielen Dingen. Die Meinungsfreiheit und das Demonstrationsrecht werden zunehmend eingeschränkt, Gesetzeslücken werden gesucht, gefunden oder geschaffen, wie in jüngster Zeit beispielsweise die diversen Affären einiger Politiker, die Verschwendung von Steuergeldern in die vielen Fässer ohne Boden und der Umgang mit Gegnern von Stuttgart 21 sowie der 3. Münchener Startbahn deutlich zeig(t)en. Natürlich ist Terror keine Antwort, aber das selbstherrliche Verhalten der Regierung liefert den Nährboden für eine Saat, deren Aufgehen niemand wünscht.

Als Background dient dem Krimi die Welt der Bücher. Lisa selbst ist keine Intellektuelle und keine Leseratte. Das trifft viel mehr auf den kultivierten Richard und einige andere zu, die dann mit Wissen aushelfen, wenn die Hauptfigur mit ihrem Latein am Ende ist. Christine Lehmann spickt die Geschichte mit reichlichen Seitenhieben auf die Machenschaften der Verlage und des Buchhandels, aber auch karrieresüchtige und mimosenhafte Schreiberlinge und andere Beteiligte bekommen ihr Fett weg, und natürlich wurde die Aufdeckung von Plagiaten nicht vergessen. Wer etwas Einsicht in das Milieu hat, wird oft zustimmend nicken und grinsen. Im Vorwort vermerkt die Autorin, dass Ähnlichkeiten zu realen Personen und Vorkommnissen keinesfalls Absicht sind, aber es kann dem Leser nicht verboten werden, seine Phantasie spielen zu lassen …

Auch hier würden weitere Ausführungen zu viel vorwegnehmen. Ganz nebenbei wird auch den Mitarbeitern des Argument Verlags und dem „ariadne kriminalroman“ ein kleines Denkmal gesetzt (ferner dem SWR u. a.) – ein sehr netter Zug von Christine Lehmann. Aus diesem Umfeld zieht sie diesmal auch die meisten der originellen Charaktere, die ihren Teil dazu beitragen, dass man die „Lisa Nerz“-Romane mit Lokalkolorit immer wieder gern liest.

„Malefitzkrott“ ist realistisch, vielschichtig, originell, böse – vielleicht der bislang beste Krimi von Christine Lehmann innerhalb der „Lisa Nerz“-Reihe.

Copyright © 2012 by Irene Salzmann (IS)

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