Notausstieg

Harry Carmichael
Notausstieg

Originaltitel: Emergency Exit (London : Collins 1957)
Deutsche Erstausgabe (unter dem Titel „Notausgang“): 1959 (Humanitas Verlag/Blau/Gelb Kriminalroman 31)
Übersetzung: Heinz Friedrich Kliem
159 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: 1975 (Wilhelm Goldmann Roman/Goldmann rote Krimi 4489)
Übersetzung: Wulf Bergner
152 S.
ISBN-13: 978-3-442-04489-4

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Das geschieht:

Die Cresset-Versicherung versichert sich der Dienste des Assessors John Piper, der als Detektiv möglichen Betrugsfällen auf den Grund geht. Dieses Mal bereitet der seltsame Tod des Vaughan Mortimer Kopfzerbrechen. Der Miteigentümer der kleinen Fluggesellschaft „Europair Charter Company“ in der südenglischen Grafschaft Sussex ist beim Testflug mit einer gerade reparierten Maschine umgekommen, nachdem erst die Motoren explodierten und sich dann der Fallschirm des Piloten nicht öffnete.

Kurz vor seinem Ende hatte Mortimer seine Lebensversicherung auf 10.000 Pfund erhöht. Da der Versicherung die Liquiditätsprobleme der „Europair“ bekannt waren, wurde eine Auszahlung bei Selbstmord ausgeschlossen. Drei Monate später ist Mortimer tot, und die Versicherung würde sich gern vor der Bezahlung drücken.

Piper findet bei seinen Ermittlungen allerdings Spuren, die entweder Vorsatz oder gar Mord andeuten. Mortimer trank und stritt mit seinem Geschäftspartner Colin Fox. Auch um seine Ehe stand es schlecht, denn offenbar betrog ihn Mrs. Mortimer mit besagtem Fox. Mit 10.000 Pfund könnte das Paar die „Europair“ von allen Verbindlichkeiten befreien und das Geschäft einträglich weiterführen, was die Witwe und Fox in den Rang von Hauptverdächtigen erhebt.

Dass Piper einen Nerv trifft, macht ihm jemand drastisch klar: Lillian Booth, die ihm wichtige Zeugenaussagen verkaufen wollte, wird dem Ermittler ermordet ins Bett gelegt. Nur seiner langen Freundschaft mit Inspektor Hoyle verdankt es Piper, dass diese Falle nicht zuschnappt. Er intensiviert seine Nachforschungen und gerät einem fein eingefädelten aber außer Kontrolle geratenen Betrug auf die Spur …

Krimi ohne Feuer

Ein Mann springt aus einem brennenden und abstürzenden Flugzeug; sein Fallschirm öffnet sich nicht, er stürzt ins Meer und verschwindet spurlos in den Wogen, während die Maschine an der nahen Meeresküste zerschellt: „Notausstieg“ beginnt mit einer Dramatik, zu welcher die Handlung nie mehr zurückfindet. Dies wäre nicht schlimm, denn viele Krimis beginnen mit einem spektakulären und komplexen Verbrechen, das anschließend ungeachtet falscher Spuren und irritierender Indizien aufgeklärt werden muss – ein Geschehen, dem bekanntlich eine ganz eigene Spannung innewohnt.

Allerdings hängt es vom Talent des jeweiligen Verfassers ab, ob das Wühlen in Papieren, das Befragen von Zeugen und die Auswertung von Tatortfunden den Leser fesseln kann. Harry Carmichael stellt dies – sicherlich unfreiwillig – unter Beweis, indem ihm genau dies nur gerade eben gelingt. Dabei ist „Notausstieg“ ein Krimi mit funktionstüchtigem Plot. Auch hält der Autor sich an die Konventionen des Genres. Unser Detektiv arbeitet sich hartnäckig zur Lösung voran. Bis es soweit ist, werden ihm viele Lügen erzählt und nicht nur Knüppel, sondern sogar Leichen zwischen die Beine geworfen.

Dennoch ist „Notausstieg“ ein Krimi, der nicht wirklich fesseln kann und im Gedächtnis haften möchte. Allzu routiniert spult Verfasser Carmichael sein Garn ab. Und John Piper ist ein redlicher Mann, doch interessant ist er nicht. Wir beobachten ihn bei seiner Arbeit. Die ist sein Leben, denn ein Privatmann Piper existiert nicht; kurz wird eine private Tragödie angedeutet, die sich in einem der früheren zehn Romanen der Serie abgespielt haben muss.

 Krimi ohne Raffinesse

Was treibt Piper an? Als Leser vermutet man die übliche Liebe zum Gesetz oder besser: zur Gerechtigkeit, die üblicherweise durch Ironie bemäntelt wird. Carmichael scheint das Image seines Helden indes gleichgültig zu sein. Piper behauptet zwar einmal, er werde dem Fall nachgehen, auch wenn man ihm den Auftrag entziehen würde, doch besonders energisch klingt dies nicht.

Wenig Geschick legt Carmichael an den Tag, als er den Bösewicht eine tote Zeugin in Pipers Bett schleppen lässt. Glaubt der Mörder tatsächlich, er könne den lästigen Schnüffler auf diese Weise stoppen? Pflichtgemäß aber ohne jeden Verdacht gegen Piper nimmt Inspektor Hoyle dessen Aussage zur Kenntnis, wertet die Spuren aus und legt die nie wirklich bedrohlich in der Luft liegende falsche Mordanklage problem- und folgenlos ad acta.

Generell will kaum Spannung aufkommen. Sobald ein Verdächtiger frech wird, weist Piper ihn oder sie in die Schranken. Wieso tappt ein Detektiv, der die Fäden fest in der Hand hält, dessen ungeachtet so lange im Dunkeln? Dazu kommen Verdächtige, die sich vorsätzlich verdächtig verhalten, es aber gar nicht sind: Das Krimi-Rätsel wird vom Verfasser künstlich aufgebauscht und über die mit dem Buchverlag vereinbarte Seitenzahl gerettet.

Krimi ohne Klassik

Viele klassische Krimis sind ihrer Entstehungszeit verhaftet. Sie konservieren – meist unabsichtlich – gesellschaftliche oder kulturelle Normen, die längst obsolet geworden und in Vergessenheit geraten sind. Reizvoll können solche altmodischen Lebensaspekte werden, wenn sie in die Handlung einfließen. Carmichael erinnert einerseits glaubhaft an eine Zeit, als Fluggesellschaften noch keine globalen Konzerne sein mussten, sondern durch Piloten gegründet und geleitet werden konnten, die für einen Krieg gut ausgebildet aber nach 1945 überflüssig waren und nach beruflichen Perspektiven suchten.

Cover der dt. Erstausgabe (Sammlung md)

Andererseits bedient sich Carmichael diverser Klischees, die heute nur noch abgeschmackt sind, sodass sie auch den Nostalgiker irritieren und ärgern. Vor allem das Frauenbild des Verfassers wurde (glücklicherweise) von der Zeit eingeholt und niedergestreckt. Lillian Booth, eine lebenslustige Frau, die sich offensichtlich um die zeitgenössischen Konventionen nicht kümmert, wird bei Carmichael zur Schlampe mit kriminellen Anwandlungen, die ihr Schicksal – sie gerät dem Mörder in die Quere und wird umgebracht – ‚verdient‘. Sie riecht nach „süßlichem Parfüm“, ihr Blick ist „wissend“, und in ihrer Handtasche findet die Polizei ein Stück Seife, eine Zahnbürste und frische Seidenstrümpfe: Utensilien, die auf eine geplante Übernachtung nach eheloser Unzucht schließen lassen. Sollte sie in dieser Hinsicht auf Piper gesetzt haben, wäre sie auf jeden Fall gescheitert; er hatte bereits bei einem frühen Treffen aufgrund ihres signalisierten Interesses voll sittlichen Entsetzens die Flucht ergriffen.

Der Fall des sabotierten Piloten wird wie bereits gesagt schlüssig aufgelöst. Elegant geschieht dies freilich nicht; man hört das Gefüge förmlich knirschen, wenn der Plot im letzten Viertel in eine Richtung geworfen wird, die weniger der Handlungsstringenz als dem Bemühen um eine finale Überraschung geschuldet ist. Carmichael rettet sich ins Ziel, aber er kann von Glück sprechen, dass seine Geschichte noch vor Seite 160 endet. Länger hätte weder sie noch der Leser durchgehalten.

Autor

Harry Carmichael ist das Pseudonym des viel beschäftigten Kriminalschriftstellers Leopold Horace Ognall (1908-1979), der auch als „Hartley Howard“ sehr aktiv war. Obwohl seine Geschichten oft in den USA spielten, war Ognall Brite und erfolgreich als Autor vor allem in seiner Heimat, während relativ wenige Romane den Weg über den Atlantik in das Land fanden, in dem sie spielten. Auf dem europäischen Kontinent wurden Ognalls Bücher dagegen gern gelesen; in Deutschland wurde sogar fast das gesamte Werk übersetzt, was angesichts des Umfangs der Bibliografie bemerkenswert ist.

Die leichtgewichtige und serientaugliche aber handwerklich durchaus achtbare Machart sowie die (möglicherweise unfreiwillige) Mischung aus traditionellem britischen Krimi und (nicht allzu hartem) US-Thriller sprach das hiesige Publikum offensichtlich an, solange der Verfasser neue Romane liefern konnte. Als Ognall 1979 starb, ließ die Resonanz stark nach. Heute ist Ognall sowohl als Hartley Howard als auch als Harry Carmichael aus der deutschen Krimi-Szene verschwunden.

Copyright © 2010/2017 by Michael Drewniok (md)

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