Rabenmord

Sheldon Rusch
Rabenmord

(Elizabeth-Hewitt-Serie, Bd. 1)

Originaltitel: For Edgar (New York : Berkley Publishing Group 2005)
Übersetzung: Irmengard Gabler
Deutsche Erstausgabe (geb.): September 2006 (Fischer Verlag/TB Nr. 16879)
352 S.
ISBN-13: 978-3-596-16879-8

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Das geschieht:

Ihr aktueller Fall führt Elizabeth Hewitt, Special Agent der Illinois State Police, in den winterlichen Chain-O-Lakes-Nationalpark. Dort haben Spaziergänger einen Frauenschädel gefunden. Er wurde an einen Baum genagelt, aus einer Augenhöhle hängt an einem Band die Nachbildung eines Käfers. Die literarisch vorgebildete Hewitt erkennt, wen der unbekannte Schöpfer dieser Szene hier nachahmt: Edgar Allan Poe, der berühmte Schriftsteller, verfasste 1843 die Kurzgeschichte „Der Goldkäfer“, in der besagtes Insekt den Hinweis auf einen vergrabenen Schatz gab.

In diesem Fall findet man im Boden unter dem Käfer allerdings die sorgsam zerteilte Leiche der seit sechs Wochen verschwundenen Brandi Kaczmarek, der auch der Schädel am Baum gehört. Der „Rabe“, wie die begeisterten Medien den unbekannten Mörder umgehend nennen, hat schon eine weitere Poe-Geschichte nachgestellt: „Die schwarze Katze“, entstanden ebenfalls 1843, beschreibt das schreckliche Ende einer Frau, die mit einem einäugigen Katzentier in ihrem Haus eingemauert wird. Genevieve Bohannon, der dieses Schicksal beschert wurde, kann nur noch tot geborgen werden.

Agent Hewitt versichert sich der Hilfe des Dozenten und Schriftstellers Scott Gregory, der als Poe-Experte gilt. Dass er einst ihr Liebhaber war, erschwert die Zusammenarbeit verständlicherweise. Doch die Zeit drängt, denn der „Rabe“ setzt seine bizarre Mordserie unbeirrt fort. Ein Durchbruch scheint sich abzuzeichnen, als sich eine mögliche Zeugin meldet. Sie lernte vor Jahren den Insassen einer Nervenheilanstalt kennen, der ihr später Botschaften beunruhigenden Inhalts sendete, die sich mit den aktuellen Morden in Einklang bringen lassen. Doch ist der „Rabe“ wirklich ein (inzwischen entsprungener) Irrer, der seine Wahnideen zu realisieren trachtet? Hewitt muss einmal mehr lernen, dass der Grat zwischen Erfolg und Irrtum in der Kriminalistik sehr schmal ist und ein Fehler sich überaus unangenehm gegen die ermittelnde Person wenden kann …

Seitentrieb am Killer-Stammbaum

Der Serienmörder in Literatur und Film ist eine seltsame Figur, die mit der Realität herzlich wenig zu tun hat. Die echten Killer sind düstere, abstoßende Gestalten, die ohne Finesse brutal zuschlagen, während ihre fiktiven Spiegelbilder irrsinnig intelligente, faszinierende Prinzen des Bösen darstellen, von denen man sich anscheinend gern abschlachten ließe.

Urvater dieser charmanten Schurken ist der weiterhin aktive Hannibal Lecter, dessen monumentaler Erfolg eine ganze Heerschar schreibender Nachahmungstäter nicht ruhen ließ – und lässt, obwohl sich längst unübersehbare Ermüdungserscheinungen eingestellt haben. Wie abscheulich kann man letztlich ins mörderische Gewaltdetail gehen? Welche Methoden gibt es denn, seine Mitmenschen unterhaltsam ins Jenseits zu befördern? Folgerichtig versuchten es viele Autoren mit einem wahren Overkill und Mordplänen, die es entweder mit der konstruktiven Komplexität einer Mondrakete aufnehmen konnten oder einfach nur noch lächerlich wirkten.

Auch „Rabenmord“ ist kein Krimi, der allzu fest in der Realität verwurzelt ist. Der Verfasser, als Romanautor ein Debütant, will das Rad nicht neu erfinden. Ihm geht es nicht um Originalität, die ihn womöglich überfordert; der Plot als solcher ist bekannt und bewährt. In einem fest abgesteckten Rahmen geht Sheldon Rusch daran, eine spannende Geschichte zu erzählen. Damit gelingt ihm zwar ganz sicher nicht der „Thriller des Jahres“, wie der Verlag auf dem Cover dröhnt, aber ein Krimi, der sich gut und flott lesen lässt.

Immer wieder Poe

Edgar Allan Poe (1809-1849) war nicht nur ein Ausnahme-Schriftsteller, sondern führte ein dramatisch unglückliches Privatleben. Es eignet sich in der Rückschau gut, das Bild vom Genie abzurunden, welches womöglich selbst ein wenig verrückt war. Poes Werke lesen sich inzwischen vielleicht ein wenig altmodisch, haben aber von ihrer Eindringlichkeit nichts verloren. Doch auch wer Poe nicht lesen mag, ‚kennt‘ ihn, denn Literatur und Film haben sich seiner seit jeher gern bedient, d. h. sich von seinen Erzählungen inspirieren lassen oder ihn sogar als Gestalt seiner eigenen Geschichten verzeichnet. 1998 erschien beispielsweise Laura Lippmans gelungener Krimi „In a Strange City“ (dt. „In einer seltsamen Stadt“), dessen Plot ebenfalls auf Poes Leben und Werk basiert.

So ist es weniger Poe als historische Person, den den „Rabenmord“ trägt, sondern Poe als Kompilation einschlägiger Poe-Klischees: Das unglückliche, von grotesken & arabesken verfolgte wie schriftstellerisch beflügelte Genie, dem unvergessliche Werke wie „Der Goldkäfer“, „Die schwarze Katze“ oder „Das verräterische Herz“ gelangen: Rusch klaubt sich heraus, was er für sein Werk am besten zweitverwerten kann. Weil er schreibt, ohne dabei einen Klassiker schaffen zu wollen, fällt das Konstruierte nicht so stark oder gar störend auf. „Rabenmord“ ist Entertainment, das als solches genossen und bewertet werden sollte.

Zwischen Ermittlung & Beziehungsproblemen

Dazu passt die Figurenzeichnung: Rusch wählt sich eine weibliche Heldin, die er politisch korrekt stark und selbstbewusst aber mit den genretypischen Macken schildert. Elizabeth Hewitt schleppt schwere Erinnerungen mit sich herum. Ihre Jugend war schwierig, das Verhältnis zu den Eltern gespannt; es konnte nie geklärt werden. Dann ist da noch der Selbstmord einer Freundin, für den sich Hewitt die Schuld gibt. Das beeinflusste ihr Privatleben, und selbstverständlich hat sie Schwierigkeiten mit Männern.

Trotzdem bzw. gerade deshalb stellt ihr Rusch einen männlichen Gefährten zur Seite, der zudem ihr ehemaliger Liebhaber ist. Das birgt Stoff für jene emotionalen Verwicklungen, die vor allem ein Großteil der weiblichen Leserschaft bei der Krimilektüre schätzt. Hewitts & Gregorys Eiertanz („Ich will dich eigentlich, aber ist es denn richtig?“) füllt viele Seiten, die sich vermutlich recht rasch herunterschreiben ließen, folgen sie doch streng den Klischees erfolgreicher Seifenopern.

Die Opfer des „Raben“ werden uns jeweils kurz vorgestellt. Es soll sie menschlicher wirken und uns über ihr Ende erschrecken lassen. Das klappt jedoch nicht, weil Rusch allzu schematisch vorgeht. Wir müssen bald nur die ersten Zeilen eines Kapitels lesen, um Bescheid zu wissen: Ein neuer Name, eine weibliche Person – aha, der „Rabe“ plant seinen nächsten Coup! Nunmehr interessiert weniger das Schicksal seines Opfers als die Methode, mit der er es dieses Mal zu Tode bringt.

Genie und Spinner

Der „Rabe“ ist wie schon angedeutet eine Kunstfigur, die intelligente Übermacht primär darstellen aber nie unter Beweis stellen muss. Interessant wirkt er, solange er sich im Hintergrund hält und höchstens als Stimme oder Schatten auftritt. Schnell schrumpft er zusammen, wenn sich die Handlung auf ihn konzentriert: schon wieder ein Spinner mit Mutterkomplex! Aus dramaturgischen Gründen bleiben seine Häscher mit Blindheit geschlagen, so dass sich die Jagd fortsetzen kann, doch hier wirkt der Plot ein wenig fadenscheinig. Der routinierte Krimileser kann dagegen erschreckend einfach auf die Identität des „Raben“ schließen.

Dieser Eindruck verstärkt sich im Verlauf der Geschichte kontinuierlich. „Rabenmord“ ist ein solides Debüt, sicherlich keine Offenbarung. Der Verfasser bemüht sich um Tiefe, doch dass er dabei eher konstruiert und auf Spannung trimmt aber keine ‚echten‘ Emotionen wecken kann, wird sehr schnell allzu deutlich. Was bleibt ist ein Krimi wie viele, viele andere: lesenswert aber vergessen, sobald er gelesen beiseite gelegt ist. (Das gelingt freilich nur, wenn der Leser das überaus kitschige, blöde Schlusskapitel ausklammert.)

Autor

Sheldon Rusch wurde offenkundig so rasch (oder unerwartet) erfolgreich, dass die PR-Maschinerie ins Hintertreffen geraten ist. Seine Website kam über die allgemeine Ankündigung nie hinaus. ‚Bekannt‘ ist nur, dass Rusch als Marketingmanager und Yogalehrer arbeitet – eine Kombination, die Neugier wecken bzw. einen unkonventionellen, lässig-lockeren Zeitgenossen signalisieren soll. Schon immer interessierte sich Rusch angeblich für Edgar Allan Poe; eine ‚Information‘, die ebenso werbewirksam wie schwer überprüfbar ist. Rusch lebt mit Frau und drei Kindern in der Nähe von Milwaukee im US-Staat Wisconsin. Nach dem dritten Band der Elizabeth-Hewitt-Reihe (2008) ist er als Schriftsteller nicht mehr aktiv geworden.

Copyright © 2014/2017 by Michael Drewniok (md)

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