Rückkehr aus dem Reich der Toten

Linda Barnes
Rückkehr aus dem Reich der Toten

(Carlotta-Carlyle-Serie, Bd. 7)

Originaltitel: Cold Case (New York : Delacorte Press, Bantam Doubleday Dell Publishing Group 1997)
Übersetzung: Erika Ilfang
Dt. Erstausgabe (geb.): 1999 (Wunderlich Verlag)
526 S.
ISBN-10: 3-8052-0636-4
Neuausgabe: 2000 (Rowohlt Verlag/RoRoRo 22807)
526 S.
ISBN-13: 978-3-499-22807-0
eBook: Juli 2016 (Edel Elements)
1,44 MB
ISBN-13: 978-3-95530-812-4

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Das geschieht:

Carlotta Carlyle, Taxifahrerin und Privatdetektivin aus Boston im US-Staat Massachusetts, soll für Adam Mayhew seine Nichte Thea Janis suchen. Die 14-jährige Bestseller-Autorin erregte mit nur einem Buch Aufsehen wurde umgebracht – im Jahre 1971! Nun sind Fragmente eines weiteren Janis-Werkes aufgetaucht, das anscheinend in jüngster Zeit entstand. Hat Thea ihren Tod nur vorgetäuscht und ist untergetaucht?

Carlotta übernimmt den Fall und gerät dabei in die Mühlen der Politik. Thea Janis gehörte zum Cameron-Clan, der in Boston seit Generationen das Sagen hat. Das derzeitige Oberhaupt, Garnet Cameron – Theas älterer Bruder -, will gerade Gouverneur werden. Alle Familienmitglieder schweigen sich vor Carlotta aus oder lügen. Garnets selbst versucht, Carlotta, die lästige Detektivin, einzuschüchtern und loszuwerden.

Er gibt Ruhe, als seine Noch-Gattin entführt wird. Während Garnet mit den Kidnappern und dem FBI beschäftigt ist, findet Carlotta Beweise dafür dass ein hochrangiger aber korrupter Polizist 1971 auf Anweisung der Camerons eine falsche Spur gelegt hat. In der Tat wurde Thea gar nicht ermordet, sondern ist mit dem Gärtner der Camerons durchgebrannt ist. Diese schmachvolle Episode der Familiengeschichte wurde getilgt; die Polizei gab eine zufällige Unfalltote als Leiche Theas aus.

Nach seinem Geständnis begeht MacAvoy Selbstmord. Für Carlotta überschlagen sich nun die Ereignisse: Manley meldet sich bei ihr und gibt vor, neue Beweise für eine quicklebendige Thea Janis entdeckt zu haben. Als Carlotta ihn im Strandhaus der Camerons aufsucht, findet sie ihn erschlagen vor. Dringend der Tat verdächtig: der junge Alonso, nach Carlottas Recherchen der Sohn Theas und ihres damaligen Geliebten!

Thea könnte noch am Leben und sogar Mutter geworden sein. Mehrere Morde deuten an, dass sie oder ihr Kind oder beide in Ruhe gelassen werden wollen. Carlotta lässt in ihrer Suche nicht nach – und öffnet damit die Büchse der Pandora bzw. der Camerons, die allen Grund haben, ihre Familiengeheimnisse unter Verschluss zu halten …

Die Wurzeln des Klischees

Schon die frühe Carlotta Carlyle reihte sich einerseits konventionell in die Schar US-amerikanischer Privatdetektive ein. Sie ist nicht mehr ganz jung, Single, sarkastisch, unbestechlich und chronisch abgebrannt. Ihre Fälle beginnen – ebenfalls den Regeln des Genres folgend – als reine Routine, um sich rasch in finstere, verwickelte Komplotte zu verwandeln, was die Heldin mindestens einmal, üblicherweise im obligatorischen großen Finale, in Lebensgefahr bringt.

Mit erstaunlicher Konsequenz . oder beklagenswerter Dickfelligkeit  hielt Linda Barnes zwei Jahrzehnte an dieser Formel fest. Die fatale Konsequenz: Kennt man einen Carlotta-Carlyle-Roman, kennt man sie im Grunde alle. In dieselbe Sackgasse sind schon vor Barnes viele Krimiautoren geraten. Einige verstanden es, aus der Not eine echte Tugend zu machen; von vielen Klassikern erwartet das Publikum förmlich einen Fall nach Schema F. Doch die Carlyle-Reihe war so nicht angelegt.

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In „Rückkehr aus dem Reich der Toten“ ist ein Drang, sich von liebgewonnenen aber letztlich alten Zöpfen zu trennen, durchaus erkennbar: Carlotta fährt kein Taxi mehr, da ihre zweite Heimat während eines Gangsterkrieges niedergebrannt ist (s. „Carlotta geht ins Netz“). In dieser Auseinandersetzung wurde Carlottas Gelegenheitslover Sam Gianelli schwer verletzt und hat sich auf einen ausgedehnten Erholungsurlaub begeben. Dadurch entfallen die in früheren Romanen ausgewalzten Ringkämpfe Carlottas mit ihrem Gewissen, weil sie, die moralisch und finanziell unbestechliche Detektivin, sich ausgerechnet mit einem Mafia-Kronprinzen eingelassen hat.

Auch Paolina, Carlottas Pflegetochter und nervender Prototyp des störrischen US-Teenagers, inszeniert ihre Rebelliönchen angenehm weit entfernt in einem Ferienlager. Sogar die üblichen feministischen Solidaritätsbekundungen bleiben verhalten, da sich Carlottas Chefin, die dicke, lahme, aber ach so tapfere Erdmutter Gloria nur kurz und per Telefon in die Handlung drängelt.

Alte Sünden überwiegen

Leider überwiegt letztlich dennoch der Ballast, den Barnes nicht über Bord werfen wollte oder konnte. Da ist schon wieder Carlottas zwanghaft originelle Untermieterin Roz, die von der Autorin dazu verdammt wurde, in jeder Sekunde ihres literarischen Daseins normabweichende Jugend auszuschwitzen. Stattdessen stellt sie höchstens unter Beweis, dass Barnes‘ Kontakt zur ‚Szene‘ spätestens in den 1980-er Jahren abgebrochen ist. Dasselbe Klischee-Kaliber wie Roz weist der raubauzige Mooney als fieser Bulle mit goldenem Herzen auf: ein Charakter, der im Kriminalroman wie im Film schon lange und endgültig zur Karikatur verkommen ist.

Carlotta ist und bleibt Carlotta, was weniger erfreulich ist, als es vielleicht zunächst klingt. Tatsächlich macht „Rückkehr aus dem Reich der Toten“ deutlich, dass Barnes ihre Hauptfigur in sieben Bänden so gut wie gar nicht entwickelt hat. Carlotta setzt sich zusammen aus einer Reihe von Stereotypen, die ihre geistige Mutter jedes Mal und erbarmungslos von A bis Z (bzw. höchstens von A bis C) durchdekliniert. Wenn sie nicht gerade damit beschäftigt ist, Detektivarbeit zu leisten, wie man sie aus dem US-Fernsehen kennt (Politiker = korrupt, Polizisten = feindselig, Anwälte = verlogen usw.), muss Carlotta den kämpferischen Feminismus leben, wie Linda Barnes ihn aus den 1970er und 80er Jahren kennt.

Gegen den Feind mit dem Y-Chromosom wird ein unausgesprochener aber erbitterter Partisanenkrieg geführt. Männer sind immer verdächtig; sind sie charmant und gutaussehend wie Carlottas derzeitiger Gespiele, der Psychiater Keith Donovan, dann sprechen sie gewiss mit gespaltener Zunge und wollen frau nur als Zeitvertreib und Mittel zum Zweck um sich haben. Gern stellen sie sich als gestörte Muttersöhnchen, tyrannische Brüder, Rabenväter oder schmuddelige Lustgreise heraus.

Vernachlässigte Grundsatzarbeit

Aber gemach: Gute Männer gibt es auch: den roboterhaften Moody zum Beispiel, der sich standhaft weigert, Carlotta als Frau zur Kenntnis zu nehmen und deshalb die Gunst seiner kratzbürstigen Ex-Kollegin genießt. Wohlgemerkt: Die Kritik richtet sich nicht gegen die Figur der Carlotta Carlyle, deren Querköpfigkeit durchaus stimmig zu ihrem Profil gehört, sondern gegen Linda Barnes, die außerstande zu sein scheint, ihrer Heldin neue Herausforderungen zu bieten.

Vor exakt dieses Dilemma gestellt, hat Barnes Schriftstellerkollegin Sara Paretzky die Warnsignale besser verstanden und ihre V. I. Warshawski, neben Sue Graftons Kinsey Millhone die dritte Ikone des Frauen-Detektivromans aus den 1980er Jahren – aus dem Verkehr gezogen, bevor die Figur ernsthaften Schaden erlitt, und erst nach gründlicher, gelungener ‚Überarbeitung‘ zurückkehren lassen.

Zur Eindimensionalität der Figuren kommt der mit Konstruktionsfehlern behaftete Plot. Da ist keine Idee, keine Szene, keine Intrige, die nicht schon in tausend anderen und meist besseren Thrillern vorgekommen wäre. Die reiche Familie mit der Leiche im Keller, die Schatten einer höchst lebendigen Vergangenheit, die zwielichtige Privatklinik: Schon drei willkürlich herausgegriffene Beispiele verdeutlichen, wie Barnes ihren neuen Carlyle-Roman weniger entwickelt als gebastelt hat. Zudem weist die Handlung arge Längen auf. Künstliche Verwicklungen müssen sie auf über 500 Seiten strecken, und das verträgt sie nicht.

Fazit: Kein Wiedersehen, das Freude bereitet, sondern ein formal wie inhaltlich aus dem Ruder gelaufener, seichter Routinekrimi, der die Lektüre nicht unbedingt lohnt.

Autorin

Linda (Joyce Appelblatt) Barnes wurde 1949 in Detroit, US-Staat Michigan, geboren. In Boston studierte sie Englisch und Schauspiel. Dem Abschluss folgten einige Jahre als Schauspiellehrerin und Regisseurin. Literarisch startete Barnes mit Theaterstücken. Ein erster Roman folgte 1981. „Blood Will Have Blood“ (dt. „Blut will Blut“) wurde Auftakt einer vierbändigen, bis 1986 laufenden Serie um Weingutbesitzer und Schauspieler Michael Spraggue, der – ganz wie im richtigen Leben – in Kriminalfälle verwickelt wird.

1987 startete Barnes die ungleich erfolgreichere Serie um die professionelle aber schlecht verdienende und deshalb als Taxifahrerin jobbende Privatermittlerin Carlotte Carlyle, die zwei Jahre zuvor erstmals in der Kurzgeschichte „Lucky Penny“ (dt. „Der Glücksbringer“) aufgetreten war. Für „A Trouble of Fools“ (dt. „Carlotta steigt ein“) wurde die Verfasserin mit einem Edgar-Allan-Poe-Award für den besten Kriminalroman des Jahres 1987 ausgezeichnet. Die Literaturkritik stellte Barnes in eine Reihe mit jenen zeitgenössischen Schriftstellinnen, die jenseits des „Lady-Thrillers“ Kriminalromane schrieben, die nicht ‚weibliche‘ Klischees bedienten, sondern eigene Wege gingen und den modernen, echten Kriminalroman von aber nicht nur für Frauen begründeten.

Bis 2008 veröffentlichte Barnes insgesamt zwölf Carlyle-Romane. Dann beendete sie die Serie, die sich deutlich totgelaufen hatte, und zog sich für einige Jahre zurück. Erst 2013 veröffentlichte Barnes, die heute in der Nähe von Boston lebt, einen neuen, serienunabhängigen Roman.

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