Ruhe sanft, mein Herz

Claude Izner (Liliane Korb und Laurence Lefèvre)
Ruhe sanft, mein Herz
Victor Legris 2

(sfbentry)
La disparue du Père-Lachaise, Frankreich, 2003
Piper Verlag, München, 10/2012
TB, Paris-Krimi, Histo-Krimi
ISBN 978-3-492-30121-3
Aus dem Französischen von Gaby Wurster
Titelgestaltung von semper smile, München nach einem Entwurf von Mediabureau Di Stefano, Berlin
Karte von N. N.

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Paris Ende des 20. Jahrhunderts: Der Buchhändler Victor Legris glaubt lange nicht, dass etwas Schlimmes geschehen ist, nachdem Denise, das Dienstmädchen seiner ehemaligen Geliebten Odette de Valois, ihn um Hilfe gebeten hat. Angeblich ist ihre Herrin auf dem Friedhof Père-Lachaise spurlos verschwunden, und ein Fremder trieb sich in derselben Nacht in der Wohnung herum. Höchstwahrscheinlich hatten sich die Frauen bloß verfehlt, die Madame hat eine spontane Reise angetreten und das Mädchen sich eine Menge eingebildet.

Dennoch bringt Victor Denise vorübergehend in der Wohnung seiner aktuellen Gefährtin, der Malerin Tasha Kherson, unter, die derweil in den Räume von Kenji Mori, Victors väterlichem Freund und Geschäftspartner, der verreist ist, zieht. Kurz darauf ist auch Denise fort und die Wohnung ebenso durchwühlt wie die von Odette. Als die Leiche einer jungen Frau gefunden wird, gibt es keinerlei Zweifel hinsichtlich ihrer Identität, und Victor bereut, dass er die Ängste des Mädchens nicht ernst genommen hat. Prompt beginnt er, Nachforschungen anzustellen, für die er auch seinen Angestellten Joseph Pignot einspannt. Es dauert nicht lange, dass sie alle, auch Kenji, der gerade zurückgekehrt ist, in große Gefahr geraten. Die ganze Angelegenheit scheint etwas mit einem Gemälde zu tun zu haben, das Denise auf den Friedhof hatte bringen sollen, vor lauter Aufregung jedoch mit einem anderen verwechselt und es anschließend an sich genommen hatte. Aber was ist so besonders an der ‚Blauen Madonna‘, dass ihretwegen bereits mehrere Menschen hatten sterben müssen?

„Ruhe sanft, mein Herz“ ist der zweite in sich abgeschlossene Band aus der „Victor Legris“-Reihe von Claude Izner alias den Schwestern Liliane Korb und Laurence Lefèvre. Man muss das erste Buch nicht gelesen haben, um sich in der Handlung, die im Jahr 1890 spielt, zurechtzufinden, aber die Lektüre des ersten Romans ist zu empfehlen, da in diesem die Hauptfiguren eingeführt und ihre Beziehungen erklärt werden. Gelegentlich wird auf jene Geschehnisse zurückgegriffen, und kennt man die Zusammenhänge, stellt sich der Aha-Effekt sogleich ein. Die Autorinnen lassen die fin-de-siècle-Ära lebendig werden: Die Gesellschaft befindet sich im Wandel dank technischer Errungenschaften und einem neuen Selbstbewusstsein der sogenannten unteren Schichten und vor allem der Frauen. Tasha Kherson ist ein Paradebeispiel dafür, denn sie möchte sich einerseits als Künstlerin verwirklichen und ihren Spaß an Victor Legris‘ Seite haben, sich aber nicht in (finanzielle) Abhängigkeit begeben und zum klassischen Hausmütterchen bzw. der Vorzeigegemahlin, die sich bloß für Bälle und Kleider interessiert, degenerieren. Infolgedessen fürchtet sie Victors Eifersucht und Vereinnahmung durch ihn genauso wie seine gefährlichen Abenteuer als Hobby-Detektiv.

Im Vergleich zu ihr bleibt Kenji Mori, der Victors Entwicklung zum Lebemann stark beeinflusst hat, blass. Schade. Man kann nur vermuten, dass er in einem anderen Band eine größere Rolle spielen wird. Hingegen darf Joseph Pignot ein wenig deus ex machina spielen, denn seine Einmischung bringt die Handlung immer dann voran, wenn Victor nicht mehr weiterkommt. Dasselbe gilt für diverse Nebenfiguren, die den Weg des Hauptcharakters von Zeit zu Zeit kreuzen und einige Puzzleteile hinzufügen. Im Zentrum des Geschehens steht eindeutig Victor, der eigentlich kein Detektiv ist, seit „Madame ist leider verstorben“ jedoch einen gewissen Kick verspürt, wenn er herumschnüffeln kann. Dass er keine Ahnung von diesem Handwerk hat, wird immer wieder deutlich, denn er nimmt wichtige Hinweise zunächst nicht ernst oder erkennt ihre Brisanz nicht, er stochert ziemlich ziellos in der jeweiligen Angelegenheit herum und findet oft erst per Zufall oder aufgrund der Anstrengungen dritter aus einer Sackgasse heraus. Obendrein bringt er sich sowie Unbeteiligte in unnötige Gefahr. Als alle Puzzleteile endlich am richtigen Fleck liegen, brauchen die Autorinnen noch einige Extraseiten, um das Alltagsleben erneut zu initiieren und letzte Erklärungen abzugeben.

Ist der Roman darum schlecht oder langweilig? Nein, gewiss nicht! Hat man mit der Lektüre begonnen, folgt man den Schilderungen gespannt, man rätselt mit – und man will die Lösung unbedingt erfahren. Ein dicker Pluspunkt ist das Sittengemälde jener Ära, das einen sogleich in den Bann zieht, ebenso wie das Agieren der sympathischen Protagonisten. Man fühlt sich sehr gut unterhalten, sodass man über die kleinen Schwächen gern hinwegsieht. Darum wartet man nun auch gespannt auf den nächsten Roman, „Mademoiselle muss heute sterben“. Nebenbei: Auch das Nachwort ist lesenswert, und die Liste der erwähnten Bücher – nicht nur Victor Legris, sondern auch die Autorinnen sind in der Branche tätig – sollte gleichfalls einen Blick wert sein.

Copyright © 2014 by Irene Salzmann (IS)

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