Russisches Abendmahl

Brent Ghelfi
Russisches Abendmahl
(Volk-Serie, Bd. 1)

Originaltitel: Volk’s Game (New York : Henry Holt & Company 2007/London : Faber 2008)
Übersetzung: Nicolai von Schweder-Schreiner
Deutsche Erstausgabe: November 2007 (Heyne Verlag/Heyne Hardcore 67541)
400 S.
ISBN-13: 978-3-453-67541-4
eBook: März 2009 (Heyne Verlag)
751 KB
ISBN-13: 978-3-641-02017-0

Ghelfi Abendmahl Cover

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Das geschieht:

Alexei Volkowoj, genannt „Volk“, einst Elite-Soldat, gehört zu den mittelgroßen Bossen der Moskauer Unterwelt. Er hat seine Finger in vielen schmutzigen Geschäften und verdient gut, muss aber Maxim Abdullajew, dem Oberhaupt der Azeri-Mafia von Moskau, Tribut zollen. Maxim ist ein unberechenbarer Psychopath, der strikte Gefolgschaft fordert aber gleichzeitig Revierkämpfe duldet, da potenzielle Usurpatoren auf diese Weise beschäftigt werden. Deshalb muss sich Volk mit dem brutalen Gromow herumschlagen, der sich von ihm beleidigt fühlt und Killer auf ihn angesetzt hat.

Weiterhin ist Volk auch dem „General“, seinem ehemaligen Oberbefehlshaber, zur Gefolgschaft verpflichtet, der im Untergrund eine geheime militärische Zelle führt und im Einklang mit der Regierung Russlands Rückkehr zur Weltmacht vorbereitet. Vertrauen kann Volk höchstens bzw. vielleicht Valja Novaskajo, die gleichzeitig seine Leibwächterin und Geliebte ist.

Ein ganzer großer Coup steht aktuell auf Volks Liste: In der St. Petersburger Eremitage hat der korrupte Museumsdirektor Lipman ein bisher unbekanntes Gemälde des mittelalterlichen Universalgenies Leonardo da Vinci entdeckt. Das will er stehlen und wendet sich an Volk, der über das notwendige Knowhow verfügt. Doch Maxim sowie der General erfahren von dem Plan und fordern beide ihren Anteil.

Das Unternehmen scheitert: Der scheinbar schwächliche Lipman hat Volk getäuscht und einen eigenen Plan ausgeheckt, der ihn mit dem Gemälde flüchten lässt. Mit leeren Händen steht Volk vor Maxim und dem General, die ihn dem Dieb hinterher schicken. Volk reist nach Prag und später nach New York, aber immer ist man ihm einen Schritt voraus. Als Valja schwer verletzt wird, lässt Volk alle Rücksicht fahren, beginnt Blut mit noch mehr Blut zu vergelten und deckt ein irrwitziges Komplott auf …

Steinzeit-Kapitalismus 2.0

Der Zusammenbruch der Sowjetunion ließ gleich mehrere, bisher künstlich aufrecht erhaltene Dämme brechen. Das Riesenreich zerfiel in Einzelstaaten von immer noch beachtlicher Größe, doch die zentrale Führung wurde durch eine Vielzahl örtlicher Regierungen oft zweifelhafter Legitimität ersetzt. Politische Willkür und Anarchie, Zerfall der Infrastruktur, moralischer Niedergang, der zunehmend gnadenloser werdende Kampf um knappe Ressourcen und Geld: Dies war der Niedergang und wurde gleichzeitig der ideale Nährboden für einen Steinzeit-Kapitalismus, der in dieser Brutalität seit dem 19. Jahrhundert nicht mehr bekannt war. Der Ausverkauf Russlands begann und ist weiterhin in vollem Gang. Wer sich mit Betrug und Gewalt Stücke des einstigen „Volkseigentums“ aneignet, beutet es aus oder verschleudert es an ausländische Interessengruppen. Gesetz und Moral werden zu Potemkinschen Dörfern, je weiter man die russische Grenze gen Osten hinter sich lässt.

Russland als einziges Armenhaus, das von skrupelfreien Politikern geführt und von Mafiabanden ausgeblutet wird, ist ein Bild, das hier in seiner Eindeutigkeit zweckgebunden gemalt wirkt. Für Brent Ghelfi bietet die Vision jener grauen und grausamen Hölle, die er in kurzen Sätzen und einfachen Worten lakonisch heraufbeschworen wird, den notwendigen Hintergrund seiner Geschichte.

Zudem ist der Gangster-Thriller seit jeher ein Subgenre des Kriminalromans, dessen Autoren sich einen klaren Blick auf die hässlichen Seiten des alltäglichen Lebens bewahrt haben. Verbrechen ist kein sportlicher Wettkampf, kein elegantes Vergnügen für weibliche Amateur-Detektive, die womöglich noch Mr. Right in die starken Arme stolpern, sondern ein Geschäft. Maxim, Gromow und Volk sind – sie wissen es selbst – moderne Unternehmer, nur dass sie ‚Mitarbeiter‘, die betrügen oder überflüssig werden, nicht mobben oder „freistellen“, sondern terrorisieren und umbringen.

Alte Strukturen trotz neuer Zeit

Ghelfi mag übertreiben – so hofft man wenigstens -, aber sein Konzept wirkt schlüssig. Im modernen Russland bist du entweder Täter oder Opfer. Daran trägt nicht der gierige Westen allein die Schuld. Volk hält mehrfach innere Monologe, die belegen, wie sieben Jahrzehnte Kommunismus ein ganzes Volk gebrochen haben. Die Russen sind sich selbst ihr schlimmster Feind, heißt es an einer Stelle. An eindeutigen Beispielen lässt es Ghelfi nicht fehlen. „Russisches Abendmahl“ spielt im 21. Jahrhundert, doch das dunkle Mittelalter scheint zurückgekehrt zu sein.

Die gemeinsame Sprache ist die Gewalt. Geschlagen, gefoltert und gemordet wird manchmal mit krankhaften Vergnügen, öfter nüchtern und geschäftsmäßig; die neuen Ausbeuter schenken auch einander nichts. Sie wirken wie barbarische Stammesfürsten, und niemand scheint ihnen Einhalt gebieten zu können oder zu wollen. Der Staat duldet sie, so Ghelfi, denn die Regierung ist mit eigenen Machenschaften beschäftigt, während ihr die Bürger gleichgültig sind. Tatsächlich existiert Russland doppelt – offiziell und als heimliches Schattenimperium, wobei durchaus Kontakte zwischen beiden Seiten bestehen; Ghelfi verdeutlicht es durch das Wirken des „Generals“.

Der Plot selbst würde ohne seine exotische Kulisse nicht so gut funktionieren. Er ist sehr verwickelt und sollte in vielen Teilen lieber nicht hinterfragt werden. Tempo und ein wahrer Overkill derber Blutrünstigkeiten sorgen für die nötige Ablenkung. Vor allem im letzten Drittel wird es zuviel des Schlechten; die immer neuen Abscheulichkeiten dringen zum Leser nicht mehr durch. Ein Leben mag nicht viel wert sein in Russland, aber eine Gangsterschlacht mit Opferzahlen, die einem kleinen Krieg angemessen wären, wirkt doch primär für Kritiker und Leser inszeniert. Die Rechnung ist dennoch aufgegangen. „Russisches Abendmahl“ erregte die gewünschte Aufmerksamkeit bei Kritikern und Lesern. Damit scheint Autor Ghelfi schon während der Niederschrift überzeugt gewesen zu sein. „Was weißt du über die kaiserlichen Ostereier?“, fragt der „General“ Volk auf Seite 392. Er meint die großartigen Werke des Künstlers Fabergé – und genau um sie wird sich die Fortsetzung von „Russisches Abendmahl“ drehen.

Held ohne Bein aber mit Skrupeln

Alexei Volkowoj ist ein Mann, der wie geschaffen ist für das moderne Russland, den „Wilden Osten“, über den Glückritter und Gangster regieren.. Einst war Volk Soldat in einem allerdings schmutzigen und grausamen Krieg, den Russland gegen die Tschetschenen führte, die Gleiches mit Gleichem vergalten. Volk überlebte, auch wenn ihn der Krieg einen Unterschenkel und einen Großteil seiner Seele kostete.

Für heimgekehrte aber nicht siegreiche Soldaten hegt man in Russland seit jeher keine Liebe. Man kann sie nicht mehr wie unter Stalin in Konzentrationslager abschieben. Stattdessen werden sie auf eine mickrige Rente und auf die Straße gesetzt. Dem entzog sich Volk, indem er sich auf einen neuen Krieg einließ und dafür ein Mafiaboss wurde. Dank seiner Spetsnaz-Ausbildung und aufgrund düsterer Gerüchte über seine (Un-) Taten im Kaukasus gelang es ihm, sein eigenes Territorium zu erobern.

Doch er zahlt dafür seinen Preis: Der „General“ unterstützt ihn, weil ihm Volk die finanziellen Mittel für seine geheimen Umtriebe verschafft. Nachsicht darf Volk dennoch nicht erwarten, denn der General ist ein Fanatiker mit einer Mission, der – die Ereignisse von „Russisches Abendmahl“ machen es deutlich – kein Problem damit hat, Volk für seine Sache zu opfern.

Mafiosi allein gegen die Mafia

Mit seiner Geliebten Valja teilt Volk das Schicksal einer elenden Kindheit, die neben brutaler Gewalt auch Vergewaltigung einschloss. Beide leiden einerseits unter den Nachwirkungen und sparen ihren illegalen Aktivitäten immerhin Kinderprostitution und Sklavenhandel aus. Das macht sie angreifbar für Konkurrenten, denn Moskaus Unterwelt kennt ausschließlich das Recht des Stärkeren. Volk und Valja müssen ihre ‚Weichherzigkeit‘ durch gesteigerte Gewalttätigkeit auf anderen Gebieten ausgleichen. Damit haben sie kein Problem, was sie nicht gerade zu Identifikationsfiguren des Lesers werden lässt.

Die gibt es trotz der zahlenstarken Figurenpersonals in diesem Roman sowieso nicht. Ghelfi gelingt das Kunststück, ausschließlich körperlich verrohte, seelisch zerstörte, moralisch abgestumpfte Männer und Frauen auftreten zu lassen. Nirgendwo schimmert Hoffnung, und so kochen diese Kreaturen in ihrem eigenen Saft, bis eine blutige Explosion kurzfristig ein Druckventil bietet. Familienmitglieder, Eheleute und Freunde betrügen einander, selbst die große Liebe zwischen Volk und Valja nimmt ein hässliches Ende. Die daraus resultierende Düsternis teilt sich dem Leser deutlich mit. Das strengt an, und es führt dazu, dass man sich bei jeder neu auftauchenden Figur fragt, was sie Schändliches im Schilde führt und wie sie enden wird. Man liegt in 99 von 100 Fällen richtig …

Autor

Brent Ghelfi studierte an der Arizona State University (1984) sowie an der University of Arizona, die er 1987 als ausgebildeter Jurist verließ. Er arbeitete u. a. für das Berufungsgericht des 9. Bundesgerichtshofs, war sieben Jahre Partner in einer Anwaltskanzlei und weitere fünf Jahre Präsident einer Wohnungsbaufirma. Aktuell leitet er zwei Firmen im Beratungsgewerbe.

Seine Tätigkeit führte Ghelfi mehrfach nach Russland. Als Jurist lernte er die Schattenseiten des nun demokratischen Landes kennen und beschloss, seine Erfahrungen in einen Roman zu verarbeiten. „Volk‘s Game“ (dt. „Russisches Abendmahl“) erschien 2007.

Brent Ghelfi lebt mit seiner Familie in Phoenix, Arizona. Nach dem vierten Band seiner Volkowoj-Serie hat er bisher kein weiteres Buch mehr veröffentlicht.

Copyright © 2016 by Michael Drewniok (md)

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