Schlachtmusik

Russell James
Schlachtmusik

Originaltitel: Slaughter Music (London : Allison & Busby 1994)
Übersetzung: Gerhard Falkner u. Nora Matocza
Dt. Erstausgabe: 1999 (DuMont Verlag/DuMont Noir 19)
392 S.
ISBN-13: 978-3-7701-4981-0

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Das geschieht:

Alexander Stanley Kazan wurde als Sohn armer ukrainischer Einwanderer in England nichts geschenkt. Schon früh wusste Al, dass er nicht wie sein Vater als kleiner Krämer enden wollte. Er schlug den einzigen Weg ein, der ihm in den 1950er und 60er Jahren Geld und Ruhm garantierte: Al wurde Mitglied des organisierten Verbrechens. Unbarmherzig hat er sich an die Spitze emporgearbeitet und es zum  Gangsterboss gebracht, der ein kleines Verbrecherimperium regiert.

Anfang Fünfzig ist Al Kazan jetzt, und obwohl er die Fäden noch immer fest in der Hand hält, sehnt er sich nach einem harmonischen Privatleben. Zum ersten Mal in seinem Leben macht Kazan ausgiebig Urlaub. In der ukrainischen Heimat seiner Vorfahren geschieht das Unerwartete: Die junge Lehrerin Irena erobert Als Herz im Sturm. Noch in der Ukraine wird geheiratet, und nun nimmt Kazan seine Braut mit nach Hause, um sie seinen Eltern und seiner Bande vorzustellen.

Simon Hawk steht am Anfang seiner Unterwelt-Karriere. Er soll für Kazan Clive Darren aus dem Weg räumen. Diesen Job bereitet der junge, trügerisch sanft wirkende Mann gewissenhaft vor, doch es gibt eine Zeugin: die Prostituierte Terri. Hawks Moralverständnis hindert ihn daran, Terri ebenfalls umzubringen: Ein Profi tötet keine Unbeteiligten. Diese Geste wird sich rächen, ebenso der Entschluss, Darrens Leiche als Warnung an Kazans Gegner öffentlich zur Schau zu stellen. Die Witwe schwört Rache, und sie erweist sich als ebenbürtige Gegnerin, schart Darrens Gefolgsmänner um sich und zettelt einen Bandenkrieg mit Kazan an.

Der ist hin- und hergerissen zwischen der Sorge um sein kriminelles Imperium, der Liebe zu seiner jungen Frau und der Angst, der Gegner könne sich an Irena vergreifen. Hawk soll Irenas Schutz organisieren. Dabei erliegt er dem Charme Irenas, die inzwischen weiß, wie ihr Gatte seinen Lebensunterhalt verdient. So ist sie durchaus empfänglich für Hawks zurückhaltendes Werben. Die beiden Liebenden beschwören die ultimative Katastrophe herauf, dürfen sie sich doch Kazans Rache sicher sein, sollte er ihnen auf die Spur kommen. Allerdings sägt Mrs. Darren mächtig an Kazans Stuhl, was diesen erst einmal ablenkt …

Leben ohne Dämpfer

„Schlachtmusik“ ist eine Gangsterballade von geradezu betäubender Wucht. In einem kriminellen Miniatur-Universum, das hermetisch abgeschlossen gegen die ‚normale‘ Welt zu sein scheint, leben und sterben die Protagonisten nach ihren eigenen Regeln. Das Gesetz hat keine Bedeutung in Russell James‘ Unterwelt; Polizisten und Justizbeamte treten höchstens als Statisten auf. Sie werden kaum beachtet; in diesem Mikrokosmos konzentrieren sich die vielfach miteinander verstrickten Bewohner aufeinander.

Wie aus einer griechischen Tragödie wirken die Personen, die gleichzeitig Archetypen verkörpern, die tausend Buch- oder Filmthrillern bekannt sind. In gewisser Weise ist dies eine archaische Welt, in der die sonst vom Gesetz gestellten Grenzen durch das Recht des Stärkeren ersetzt werden. Dies bedeutet keineswegs die Abwesenheit von Regeln, die sich primär durch die Rigorosität der Strafen auszeichnen, die bei einem Verstoß drohen. Auge um Auge, Zahn um Zahn – das sind in diesem Umfeld keine leeren Worte. Al Kazan ist der mächtige aber alternde Platzhirsch, dem die jungen, hungrigen Herausforderer auf den Fersen sind. Bisher konnte er sie in Schach halten, weil er immer ein wenig schneller und brutaler war als sie. Seine Strategie schließt die sofortige Ausschaltung potenzieller Gegner ein – und als Gegner kommt jeder in Frage, weshalb es ratsam ist, Gefühle wie Freundschaft oder gar Liebe zu vermeiden.

Doch nun trifft ihn Amors Pfeil und bringt ihn zu Fall. Plötzlich bietet er seinen Feinden eine Angriffsfläche, die er nicht mehr verteidigen kann, weil er auf die spät entdeckte Liebe nicht mehr verzichten kann. So bricht sein Reich schließlich zusammen, und dies ist ein ebenso gewaltiger wie gewalttätiger Vorgang, der nicht nur Kazan ins Verderben reißt.

Kein Miteinander möglich

Hawk ist zwar ein Killer aber kein unmoralischer Mensch. Eine harte Jugend hat ihn die Selbstkontrolle zum Fetisch erheben lassen. Wie Kazan ist er davon überzeugt, dass Gefühle gefährlich sind. Seine persönliche Unsicherheit und das Problem, sich als Auftragsmörder immer wieder vor sich selbst rechtfertigen zu müssen, haben ihn einen komplizierten Ehrenkodex entwickeln lassen, dem er sich rigoros unterordnet. Aber auch dem beherrschten Killer entgleitet sein Leben, als ihn erst Mitleid und dann ebenfalls die Liebe aus seinem Schneckenhaus lockt. Selbstverständlich verlieben sich Kazan und Hawk in dieselbe Frau; eine unsterbliche Konstellation für dramatische Entwicklungen, die so eindringlich wie hier ausgeführt gar nicht zum Klischee herunterkommen können.

Irena ist der reine Tor des Märchens – so (vom Autor gekonnt überspitzt) unschuldig, dass die Schlechtigkeiten der Welt an ihr abprallen; Irena ist gar nicht in der Lage, solche Attacken zur Kenntnis zu nehmen. Sie wünscht allen Menschen nur das Beste und bringt doch Unglück über sie. Kazan und Hawk spüren sehr genau, dass Irena etwas in ihr Leben bringt, das sie bisher vermisst haben, ohne es benennen zu können. Sie lassen ihre Deckung fallen und rennen in ihr von Beginn an unausweichliches Verderben.

Mrs. Darren ist die personifizierte Rache. Für das Geschehen ist sie weniger als handelnde Figur, sondern als Katalysator und Schwungrad wichtig, das die mörderische Handlung bis zum blutigen (aber vorhersehbaren) Finale in Gang setzt und hält. Eindrucksvolle Nebenrollen reserviert James für den verschlagen-brutalen Leyton Knox, den rückgratlos-schlauen Cal oder die unglückliche Terri.

Es kommt, wie es kommen musste

Präzise Figurenzeichnung steht eindeutig im Vordergrund, wenn Russell James seine „Schlachtmusik“ ertönen lässt. (Der Titel spielt auf Hawks Vorliebe für klassische Opern an, in denen bekanntlich große Gefühle und Tragödien gleichermaßen zelebriert werden.) Demgegenüber fällt die Handlung ab; die Geschichte vom Gangsterkrieg in den Straßen der Großstadt weist keine Überraschungen auf. Die atmosphärische Dichte, der lakonische Stil und die traumwandlerische Sicherheit, mit der James jegliche Sentimentalität ignoriert und stattdessen stets den richtigen Ton trifft, machen dies mehr als wett.

„Schlachtmusik“ ist wahrlich ein moderner „Noir“-Krimi und war als solcher in der gleichnamigen Taschenbuch-Reihe des Kölner DuMont-Verlages sehr gut aufgehoben. Wie dort üblich war die Übersetzung vorzüglich und die Aufmachung angemessen düster. Hierzulande gab es jedoch nicht genug Liebhaber des „schwarzen“ Thrillers, weshalb die „Noir“-Reihe allzu bald eingestellt wurde.

Was traurig aber aus kaufmännischen Gründen einleuchtend war, wird tragisch durch die Tatsache, dass Russell James als Autor mit der „Noir“-Reihe unterging. Kein anderer Verlag nahm sich bisher seiner Werke an, die keineswegs an Qualität eingebüßt haben. im angelsächsischen Raum ist James als Autor weiterhin präsent und beim Publikum wie bei der Kritik wohlgelitten. Ihre Freude ist unser Verlust, denn wir bekommen statt Russell James Schablonisten, ausgebrannte Schwätzer und Grobmotoriker wie James Patterson, die späte Patricia Cornwell, Chris Carter & Co. Insofern liegt James richtig: Die Welt ist wirklich schlecht …

Autor

Russell James (*1949) gilt der Literaturkritik als versierter Schriftsteller, der zwar seinen Schwerpunkt auf den Thriller/Krimi legt, ohne sich jedoch auf dieses Genre zu beschränken. Bekannt wurde er ab 1989 durch einige in rascher Folge publizierte Romane, die im Milieu der gesellschaftlichen Randexistenzen und Kriminellen im Südosten Londons spielen. Sie zeichnen sich nicht nur treffende und eingängige Plots, Figuren und Ortsbeschreibungen, sondern auch durch ihren knappen, lakonischen Tonfall aus, der die oft brutalen Ereignisse eindrucksvoll steigert. Die Vertreter von Recht und Ordnung bleiben außen vor. Erst 2011 schrieb Russell mit „Requiem for a Daughter“ ein erstes „police procedural“. 2001 und 2002 stand James der britischen „Crime Writers’ Association“ als Präsident vor.

James ist außerdem ein Fachmann für zeitgenössische und historische (Populär-) Kultur. Er veröffentlichte Sachbücher über fiktive Detektive und Schurken aus England, über viktorianische Schriftsteller, Dichter, Künstler und ihre Modelle. Außerdem schrieb er die Biografie der (fiktiven) Varieté- und Revue-Veteranin Maggie King.

Copyright © 2015/2017 by Michael Drewniok (md)

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